Wessen Geschichte ist die griechische?

October 17th, 2006

Nach der Lektüre des Philhellenismus-Schinkens “…und die Erde gebar ein Lächeln. Der erste deutsche Archäologe in Griechenland” über Carl Haller von Hallerstein gehe ich gerade der Frage nach, ob es nicht auch vorm 19. Jahrhundert bereits osmanische Archäologie in der Region gegeben hat. Es erscheint mir dem kulturalistischen (und damals offen rassistischen) Bild der Orientalen entsprungen anzunehmen, eine Zivilisation wie das Osmanische Reich mit Scharen von Entdeckern und Händlern hätte Jahrhunderte auf Ägypten, Palästina und Griechenland gesessen und den Wert der Kunstschätze und historischen Artefakte überhaupt nicht begriffen.

Haller und seine Entourage berichten denn auch abschätzig darüber, wie einerseits die Griechen sie aus Angst vor großem Unglück an den Grabungen hindern wollen und wie andererseits die Türken längst dazu übergegangen waren, antike Fundstücke an europäische Philhellenisten zu verkaufen.

Es stellt sich die Frage, ob hier ein ähnlicher Mechanismus zum Tragen kam wie ab der Renaissance zwischen kaufwilligen Antikenjägern aus Frankreich und der Fälscherindustrie Norditaliens, gestützt noch durch den Umstand, daß die europäischen Archäologen des 19. Jahrhunderts der festen Überzeugung waren, es bei den Türken mit zwar gefährlichen, aber kulturell zurückgebliebenen Angehörigen einer minderen Rasse zu tun zu haben.

Wieviele Artefakte und Kunstschätze es vor dem erwachenden Interesse der europäischen, vor allem der deutschen Archäologie in Griechenland und Kleinasien gegeben hat, scheint mir dadurch immer schwerer zu beurteilen. In seinem Selbstverständnis sieht sich Haller zwar als nüchterner Rekonstrukteur der Vergangenheit, der sich an die Funde hält, und grenzt sich lautstark von den Schatzjägern ab (womit vielleicht die Türken meint und weniger seine europäischen Vorgänger?), doch er entwirft 1815/17 ein “griechisches Walhalla” und zeigt etwa bei seinen Rekonstruktionszeichnungen auf Delos – wie das so schön heißt – “mehr schöpferische Phantasie” als “kritische Bauforschung”.

Haller zeichnet eine befestigte Stadt am Hang und nur, weil er aus der Literatur zu wissen glaubt, daß es sich dabei um die Akropolis handelt, erklärt er die in der Stadt befindlichen Tempelanlagen zur “eigentlichen” Akropolis und die offenbar minderwertige Festungsanlage für türkisch und hinzugefügt, um die Akropolis zu verstecken. Wie kommt dann das türkische Fundament der Festung unter den Tempel der Nike, wie noch auf diesem Stillman-Foto von 1869 zu erkennen?

Akropolis Nike Turkish

(Der “griechische” Tempel steht vor einem noch nicht gesprengten “türkischen” Befestigungsturm, aber eben auf einem Fundament aus dem gleichen Baumaterial wie dem des Turmes.)

Vielleicht hilft das alles zu erklären, warum trotz aller Unzufriedenheit unter den Bewohnern der griechischen Provinz des Osmanischen Reiches ausländische, besonders deutsche Philhellenisten die nationale Unabhängigkeistbewegung initiieren mußten.

Bei der Suche nach osmanischer Archäologie nun stolpere ich als erstes über die Unterschiede von englischem und deutschem Wikipedia-Eintrag. Im deutschen sind Griechenland und Kleinasien hinter dem Schild “Klassische Archäologie” verschanzt und es finden sich sich auch hinter dem dritten Link keine türkischen oder griechischen Vertreter vor 1900 und vor der deutschen Ausbildung. Im englischen ist der Eintrag zur “Klassischen Archäologie” kurz und nebensächlich, während der Eintrag zu Archäologie erklärt:

>>In the Old World, archaeology has tended to focus on the study of physical remains, the methods used in recovering them and the theoretical and philosophical underpinnings in achieving the subject’s goals. The discipline’s roots in antiquarianism and the study of Latin and Ancient Greek provided it with a natural affinity with the field of history. In the the United States and, increasingly, in other parts of the world, archaeology is more commonly devoted to the study of human societies and is treated as one of the four subfields of Anthropology.<<

Das scheint spannend zu bleiben.

16 Responses to “Wessen Geschichte ist die griechische?”

  1. mittelalter-enactor Says:

    Ich würde keiner Nachricht einer europäischen Quelle über das Osmanische Reich trauen.

  2. Nemesis Says:

    http://www.osmanischesreich.com

  3. Hagbard Jesus Celine Says:

    (osmanischesreich.com)
    “Wenn man also das Osmanische Reich als Nachfolgestaat zum Byzantinischen Reich versteht, besonders in seiner imperialen Idee und geographischen Ähnlich- keiten, dann kann dieser geographischer-politische Raum zwischen Europa und dem Nahen Osten als eigenständige “Kulturzone” verstanden wer. Vielleicht erklärt dies die Problematik der Begrifflichkeit bei der Erforschung des Osmanischen Reiches.”

    Verstehe ich das richtig – es gibt eine Kontinuität griechisch-türkischer Staatlichkeit?

  4. classless Says:

    @Nemesis
    Die Seite hatte ich schon mehrfach beim Wickel, aber ich finde nichts zur osmanischen Archäologie. Hast du’s etwas genauer?

  5. Nemesis Says:

    Die türkische Wikipedia hat dazu einige Einträge, aber türkisch eben. Entweder du lernst türkisch, was ich empfehlen kann (das würde dir tor und türen öffnen) oder jemand müsste das ganze übersetzen.
    Wenn ich was finde, erfährst du es als erstes.

  6. Nemesis Says:

    @Hagbard Jesus Celine:
    Es gibt eine Kontinuität griechisch-türkischer Staatlichkeit, die Türken haben zum Teil den byzantinischen Verwaltungsapparat übernommen. Das haben übrigens auch die ersten arabischen Eroberer auch gemacht, als der Islam sich ausgebreitet hat. Man hat oft das übernommen, was schon da war, und hat es modifiziert. Das erklärt zum Beispiel auch, warum soviel Nicht-Muslime im Staatsapparat gedient haben. Die Juden wurden zum Beispiel gern als Kaufmänner gesehen, auch als Ärzte.

  7. classless Says:

    @Nemesis
    Türkisch lernen steht wirklich mal an. Immerhin stellt Istanbul/Konstantinopel gewissermaßen das Epizentrum der meisten chronologiekritischen Auffassungen dar. Und überhaupt mag ich die Propaganda nicht gern glauben und lieber selbst schauen und reden.

    Aber bis das soweit ist, schau ruhig mal mit.

  8. Torsten Says:

    ne frage zum niketempel. soweit ich weiß wurde der niketempel im 17. jh. zerstört, als die türken daran gingen die akropolis weiter zu befestigen. im 19. jh. wurden dann die reste entdeckt und der tempel erneut errichtet – und zwar fehlerhaft, was dazu führte, dass er im 20. jh. noch einige male auf- und abgebaut wurde, bis man der meinung ist, dass es so jetzt passt.
    wenn er auf einem türkischen fundament erbaut wurde, dann kann man das doch nicht den alten griechen vorwerfen, sondern nur demjenigen, der ihn im 19. jh. auf dem türkischen fundament errichtet hat. wer kann sagen, dass er bis ins 17. jh. auch auf einem türkischen fundament stand? wer kann sagen, ob es bis ins 17. jh. überhaupt das türkische fundament gegeben hat?

  9. classless Says:

    Die Geschichte mit der Zerstörung und dem Neubau ist eine von zwei Versionen. Sie hat ihre Schwachstelle meines Erachtens in der Frage, wieso für den osmanischen Neubau überhaupt so viele griechisch-antike Bauelemente verwendet worden sein sollen.

    Letztlich bleibt das Problem bestehen, daß die Sprengstoff-Archäologie gründliche Arbeit geleistet hat und daher schwer zu sagen ist, wie irgendwas vor ihrem Wirken aussah. Denn auch bei den architektonischen Zeichnungen der philhellenistischen Forschungsreisenden ist oft nur schwer zu entscheiden, was Abbildung, was Phantasie und was schon konkrete Rekonstruktionsplanung war.

    Der Niketempel verweist für mich vor allem auf diese Nadelöhrfunktion, die die Kanoniserung des Geschichtsbildes im 19. Jahrhunderts fürs heutige Geschichtsbild hatte.

  10. Torsten Says:

    Warum sollen die Steine des antiken Baus nicht verwandt worden sein. Es waren Steine, man brauchte Steine, also nahm man die Steine, die man hatte.

    Dass die Leute im 19. Jh. nicht so sonderlich toll mit nicht-klassischen Hinterlassenschaften umgingen, zeigen auch die Ausgrabungen in Olympia, wo man radikal alles wegräumte, was nicht klassisch antik war – also z.B. die römischen Schichten.

    Was die Sprengstoff-Archäologen aber nicht konnten, ist: alles komplett zu vernichten. Und damit ergibt sich die Möglichkeit für heutige Archäologen, die Situation sehr gut zu rekonstruieren. Und das wird heutzutage mit äußerster Sorgfalt durchgeführt.

  11. classless Says:

    Komplett vernichten war ja gar nicht nötig, es ging ja nur um genug zur Erringung der Diskurshoheit, um die Erzeugung eines wissenschaftlichen Paradigmas, mit dessen Hilfe abweichende Funde oder Fakten dann “vernachlässigt” werden können.

    Die Osmanen haben offenbar nicht einfach eine Festung aus antiken Steinen gebaut, sondern den Niketempel mit bemerkenswerter Liebe zum Detail nachempfunden. Wozu?

  12. Torsten Says:

    Ich muss gestehen, dass es mir neu ist, was sie über die Osmanen und den Niketempel schreiben. Ich dachte, er wäre eben von Baubeginn (Wann auch immer…) bis zur Zerstörung im 17. Jh. da gestanden, wo er war. Was meinen Sie da mit ‘nachempfunden’?

    Zum ersten Teil: Sie vernachlässigen meiner Ansicht nach die Tatsache, dass nicht nur in Athen antike Funde vorhanden sind und Athen auch nicht das Vorbild für jede andere antike Ausgrabung im Mittelmeergebiet ist. Und es finden sich doch antike Funde überall auch außerhalb von Athen? Und Grabungen wurden schon vor den Aktionen auf der Akropolis durchgeführt, z.B. in Olympia. Außerdem scheint es so gewesen zu sein, dass man erst Ende des 19. Jh. (1885 – 1891) auf der Akropolis daher ging und die späteren Ein- und Umbauten beseitigte. Das wissenschaftliche Paradigma, das sie konstruieren, muss also schon dagewesen sein (angesichts der anderen Ausgrabungen rund um das Mittelmeer) und kann nicht Stilbildend von den Aktionen auf der Akropolis ausgegangen sein.

    Und wenn Sie sowohl ein wissenschaftliches Paradigma anprangern als auch die Tatsache, dass es abweichende Funde und Fakten gibt: Dann würde mich mal sehr stark interessieren, was Sie darunter konkret verstehen!

  13. classless Says:

    Ähm, ich prangere an, daß es abweichende Funde und Fakten gibt?

    Anyway, es ist natürlich klar, daß überall im Mittelmeerraum Bauten und andere Artefakte gefunden und ausgegraben wurden, die verschiedenen Stilen entsprechen, die wir als “griechisch antik” einzustufen gewohnt sind.

    Was ich bezweifle, ist die Datierung, also die Reihenfolge und Menge der Geschehnisse, die mit diesen Funden begründet werden.

  14. Torsten Says:

    Also über die Datierung könnte man vielleicht noch streiten. Vielleicht…

    Noch eines zur Leerräumung der Akropolis. Das meiste davon passierte offenbar in den letzten Jahren des 19. Jh., zu einer Zeit. wo man ganz genau wusste, was man wegräumen wollte und alles bis zur griechischen Schicht eben auch gezielt beseitigte. Alleine deswegen ist es also vollkommen unmöglich zu sagen, dass die Aufräumaktionen auf der Akropolis also für die Kanonisierung eines griechisch-antiken Bildes verantwortlich sein kann. Wenn sowas passiert ist – was ich nicht glaube, nicht in der Form, wie Sie das postulieren, dann muss dies viel, viel früher schon passiert sein!

  15. classless Says:

    Nein, muß es nicht, da es vorher noch keine Geschichtswissenschaft gab, sondern nur Geschichtsschreibung. Ohne Geschichtswissenschaft kein historisches Paradigma und kein historischer Kanon.

    Und ich streite hauptsächlich über die Datierung, über die merkwürdige Gewißheit bezüglich des Zeitrahmens, der soviel ausmacht.

  16. Torsten Says:

    Mit viel früher meine ich eine Zeit zwischen 1890 und ersten Ausgrabungen überhaupt, also so Ende des 19. Jh.

    Zu Datierungen: Sehr viel Spielraum haben Sie da meiner Meinung nach nicht, weil Sie sehr schnell Ärger mit der Stratigraphie bekommen. ZEiten beliebig hin und her schieben, ist damit nicht möglich – wenigstens nicht, wenn man an Seriosität interessiert ist.

    Und zur Gewissheit: Die einzige Gewissheit, die zu herrschen scheint, ist die, dass der grobe Zeitrahmen einigermaßen stimmig ist (als Ergebnis von einigen vielen Jahren Forschung von einigen vielen Forschern). Im Detail werden Zahlen und Ereignisse immer wieder hin und her geschoben, je nach neuen Erkenntnissen.

    Die Frage lautet also: Gibt es gute Gründe den aktuellen Zeitrahmen durch einen anderen zu ersetzen? Wie sieht dieser andere dann aus? Wie ist er begründet?

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