Snafu in der KPD

August 17th, 2008

Mit dem Akronym der beliebten US-Army-Diagnose »Situation normal all fucked-up« hatte Robert Anton Wilson einst beschrieben, wie die Kommunikationsstrukturen in vertikalen Organisationen arbeiten. Aus Angst wird in der Rangordnung von unten nach oben positiv ausgefiltert, also gelogen. (“Phrasenprüfer“)

>>Denn gerade weil die Parteiangestellten existentiell von der Zentrale abhängig waren, mußten sie auch alles daran setzen, sich selbst und ihre Arbeit ins richtige Licht zu rücken, lieferten sie Berichte in dem häufig beliebten Stil: alle Aufträge glänzend ausgeführt, alles steht zum Besten”, wie Maslow bereits 1924 klagte.<<

Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996, S. 147

Je weiter oben sich jemand in der Prestigepyramide befindet, desto verzerrter wird sein Bild von der Welt; wird ihm das klar, kann er es trotzdem kaum abstellen und verfällt der Paranoia. Populäres Beispiel für Snafu ist der über 100jährige Großkapitalist Monty Burns bei den »Simpsons«, dem von seiner Umgebung nur untertänigst begegnet wird und der in einer immer schrulligeren Welt voller Oldtimer und verblichener Präsidenten lebt. (“Phrasenprüfer“)

>>Diese Selbstbeweihräucherung [...] produzierte in ihrer Summe eine erhebliche Verzerrung des Blicks auf die Wirklichkeit innerhalb und außerhalb der Partei und dürfte nicht unwesentlich zu den oft katastrophalen Fehleinschätzungen der KPD-Führung beigetragen haben [...]

Die Feststellung im organisatorischen Bericht der Zentrale an den Parteitag 1925, daß man sich “nicht nur auf die Berichte, die von den Bezirksleitungen bei der Zentrale eingingen, [verließ]“, sondern “einen besonderen Kontrolleur ein[setzte], dessen Aufgabe es ist, fortlaufend den organisatorischen Zustand der Bezirke zu überprüfen”, war zwar ein deutliches Zeichen des Mißtrauens, insgesamt aber eher ein Bluff. Denn die Möglichkeiten der Kontrolle waren [...] nicht sehr groß: Die Lektüre der Bezirkspresse gab diesbezüglich nicht allzuviel her, da sich deren Redakteure, die gleichfalls ‘opportunistische Fehler’ vermeiden wollten, immer mehr auf die Sprachregelungen ‘von oben’ beschränkten, kaum einmal ungeschminkt über die Lage vor Ort, die realen Differenzen und die wirkliche Politik der Basis berichteten. Schlug man die Bezirkspresse auf, dann sah man sich in der Orgabteilung des ZK darum mit einem Echoeffekt konfrontiert, einer zirkulären Kommunikation, die langweilte, aber keine Kontrolle ermöglichte…<<

Mallmann, S. 148

One Response to “Snafu in der KPD”

  1. godforgivesbigots Says:

    Oder es braucht erst gar nicht gelogen zu werden, weil “unten” so krasser Datenmangel herrscht daß nichts brauchbares nach “oben” weitergereicht werden kann, siehe auch 38. Breitengrad. Aber vielleicht ist ja vorher über den Datenmangel gelogen worden.

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