Berlin -> Frankfurt/Main

June 8th, 2009

Das Problem mit Trampstellen-Datenbanken wie hitchbase besteht vor allem darin, daß die dort für gut befundenen Stellen zumindest im wärmeren Halbjahr völlig überlaufen sind. Um endlich aus dem Dauerproblem Michendorf (siehe etwa hier oder hier) zu entkommen, probierte ich trotzdem den in sämtlichen einschlägigen Foren, Blogs und Wikis empfohlenen Rasthof Grunewald nach Ewigkeiten mal wieder aus. Erwartungsgemäß liefen während der halben Stunde, die ich an der Wiederauffahrt auf die Avus stand, mindestens fünf Tramper zur Tankstelle, von denen dem Augenschein nach nur einer in dieser Zeit wegkam. Woran sie als Tramper erkennbar waren? Daran, daß sie unbedingt als Tramper zu erkennen sein wollten.

Rasthof Grunewald

Immerhin machte mir niemand die Auffahrt streitig, dafür schienen sie sich alle überhaupt nicht zu interessieren. Ich hingegen dachte, hier jemanden anquatschen, der dann nach Frankfurt fährt – das ist irgendwie auch gar kein Trampen. Nu ja. Umso entspannter ließ ich es angehen und stieg bei einem Ehepaar aus dem Fläming ein, das nur bis zum gleichnamigen Rasthof fuhr. Die machten prompt auch noch Zwischenstop bei Kaufland in Linthe, bevor sie mich absetzten (und ich mal wieder von einer anhaltenden Autofahrerin gefragt wurde, wieviel ich für den Lift bezahlen würde…)

Auch im weiteren Verlauf hopste ich mit zahlreichen Autos gemütlich voran, hatte dadurch auch recht viele verschiedene Gespräche und landete zum Schluß tatsächlich auch noch in einem LKW.

Ich erinnere mich an einen Arzneimittelvertreter für den Merseburger Raum, der seit 35 Jahren im Prenzlauer Berg wohnt, aber die letzten Jahre irgendwie nicht mitbekommen hat; an einen Ruheständler, der zuletzt bei Fraunhofer an 100-GHz-Funknetzen forschte und schon in den 60ern im Prenzlauer Berg wohnte; einen jungen Mindener EBM-Produzenten, der als DJ schon mal 1200 Euro Gage bekam.

Als ich den Osten verließ, als ich mich also vom Rasthof Eisenach mitnehmen ließ, tat ich das jedoch mit einem Lasterfahrer aus einem kleinen Dorf in Thüringen, der mit immer neuen Geschichten über seine Erfolge mit Jugendlichen, die vom Jugendamt in seinem Bauernhaus einquartiert werden, eine ostdeutsche Parallelwelt voller permissiver Pädagogik, persönlichem Einsatz vor Gericht und – wie er das nannte – “Indianerwirtschaft” herbeierzählte. “Ich bin die Meinung, wir haben doch ‘n schönes Leben”, sagte er, “das hatten wir früher aber auch.”

Er brauchte in Eschborn ziemlich lange zum Ausladen, fuhr mich dann aber netterweise noch nach Frankfurt rein, wo ich nur noch eine Straßenecke weiter zu laufen gehabt hätte, wäre dort nicht eine abgesperrte Baustelle gewesen. Es war halb eins, es war weit und breit niemand zu sehen, und ich hatte vor, vielleicht fünfzig Meter über ein offensichtlich gefahrloses, aber eben abgesperrtes Stück Fußweg zu laufen. Als ich die Absperrbanderole hochhob, erscholl augenblicklich der Ruf: “Das ist verboten!” Und er wurde so beharrlich und zornig wiederholt, daß ich es irgendwann aufgab, den Rufer auch ausfindig zu machen – er muß nämlich in einiger Entfernung irgendwo auf einem Balkon gestanden haben. Ich lief also mit Gedanken über die wohlige Sicherheit in diesem Land den ganzen Kilometer um die Baustelle herum.

17 Responses to “Berlin -> Frankfurt/Main”

  1. Nicolai Says:

    Grunewald ist tatsächlich ganz in Ordnung.

    Aber ist es nicht ein wenig widersprüchlich, sich zuerst über die Tramper, “die wie welche aussehen wollen” aufzuregen, um im nächsten Satz zu äußern, dass One-Lift-Trampen nicht authentisch sei?

    Versteh’ mich nicht falsch, ich hasse die Tramper, die wie welche aussehen wollen. Die gehen mir unheimlich auf die Nerven und vergrätzen die Arzneimittelvertreter *grrr*

    Aber bequem wo hin zu kommen ist doch eigentlich super.

  2. classless Says:

    Ich beanspruche nicht, an der Stelle eine konsistente Position entwickelt zu haben – ich trampe einfach lieber ohne proaktive Fahreransprache und mach es insgesamt am liebsten ohne Zeitdruck. (Das gilt ja nicht nur fürs Trampen, das gilt für soviel anderes auch.)

    Mir geht es erst in zweiter oder dritter Instanz darum, irgendwohin zu kommen. Von Berlin nach Frankfurt ist ja auch keine große Herausforderung. Ich laß mich gern überraschen, was m.E. unwahrscheinlicher wird, wenn ich die Leute selbst aussuche und anquatsche.

    Diese Schaubuden-Tramper halte ich auch nicht für ein taugliches Haßobjekt. Vermutlich habe ich, wenn ich Zeit habe, einfach was dagegen, daß sie da sind und mit mir kommunizieren wollen; wenn ich’s eilig habe, befinde ich mich in Konkurrenz zu ihnen, und das erzeugt so eine nervige Arbeitsatmosphäre.

    All there is to it.

  3. posiputt Says:

    ich hab ja keine vorstellung davon, wie leute aussehen, die wie tramper aussehen wollen. mir ist nur aufgefallen, dass in grunewald (wo, als ich da weg wollte, noch acht andere tramper auftauchten) ein paar leute eine ziemlich fordernde einstellung den autofahrern gegenueber haben. die wirkten richtig unfreundlich. und gewartet hab ich da auch anderthalb stunden. und das mitten in der woche. (ich bilde mir ja ein, dass trampen an wochentagen einfacher sein sollte als am wochenende).

    wenigstens ists da eigentlich ganz gemuetlich.

  4. mt Says:

    da ich meist mehrere stunden mit daumen in der luft an der ausfart rumstehe (was mach ich falsch?) – kein tramper-look!? – frag ich dann doch immer direkt nach dem weg und da tauen selbst die grimmigsten gesichter meist auf – zudem kann man sich so die geschäftsleute/aussendienstler schnappen, die sind unschlagbar schnell und haben meist ganz spannende sachen zu erzählen…

  5. Nagel Says:

    Wie kann man sich denn solche “Schaubuden-Tramper” vorstellen?

  6. classless Says:

    @ mt

    Wie gesagt, ich mag einfach nicht rumlaufen und rausfinden, was die Leute so für Ausreden kennen oder warum sie mich eben nicht mitnehmen wollen. Es geht üblicherweise schneller, wenn man fragt, aber ich wenn ich arbeite, arbeite ich im Einzelhandel, und ich bin einfach froh, wenn ich es den Fahrern selbst überlassen kann, ob sie anhalten.

    Es war des öfteren schon Thema in den Autos, warum ich eigentlich auch an der Ausfahrt (oder nachts in unbeleuchteten Rechtskurven) trotzdem noch so gut wegkomme. Die Autofahrer meinen, ich sehe nicht gefährlich aus; andersrum scheine ich aber auch nichts als Opfer rüberzukommen, da mir in den all den Jahren nichts wirklich Übles zugestoßen ist.

    @ Nagel

    Wenn es jetzt überhaupt eine Typologie geben muß: Häufig haben sie Wanderstöcke und Gesellenhüte (auch wenn sie gar keine Gesellen sind, das gibt’s ja auch noch) – aber es ist schon eher das von Posiputt skizzierte Auftreten: oft machen sie so eine moralische Kiste auf, daß es eigentlich voll unsozial sei, sie nicht mitzunehmen. Sie wollen, daß sich alle lieb haben, aber bitte pronto und ohne Widerrede.

    Keine Ahnung, manchmal ist es auch einfach die spontane Unsympathie, für die ich keine Gründe angeben könnte.

  7. Cannabis Kommando Says:

    Vorstellbar, dass welche Hüte (insbesondere solche die im Gepäck wenig Platz wegnehmen) ebenso untragbar finden wie ich Kapuzenpullover, Schirmmützen, Sonnenbrillen oder Regenschirme. Wenn ich allerdings als Tramper erkennbar sein will, bzw. die Gepäcksituation nicht selbsterklärend genug ist, dann bevorzuge ich doch eher die internationale Handgeste, ein Städtekennzeichenpappschild, mein Handtuch, sowie ein offenes Gesicht.

    Aber das ist wohl typisch für Berlin, vielleicht aufgrund seiner Insellage, dass mehr als irgendwo sonst der Distinktionsgewinn als Angelpunkt der Selbstidentifikation gebraucht wird. Woanders ist aber der Wettbewerb nicht so hart, ich treffe auf der A3 u. A7 immer noch mehr Fahrer die sagen “sag mir wo die Tramper sind, wo sind sie geblieben” als andere Tramper. Aber wie auch unter den Fahrern gibt es auch Tramper die zu dicht auffahren, und zwar nicht nur Tankstellenkunden sondern auch anderen Trampern, welche dann lernen müssen ohne falschen Ton nein zu sagen, was ja auch viele Fahrer nicht können.

    Als Anfänger war ich natürlich auch schüchtern, aber dann bin ich von der Autobahn auf die Bahn umgestiegen (Wochenendticket), wo es ohne Ansprechen von Fahrscheininhabern überhaupt nicht ging, und nachdem ich davon auf die Autobahn zurückgekehrt bin mache ich Leitplankenstehen nur noch da wo es keine Tankstelle gibt. Initiativbewerbung an der Zapfsäule will wohl geübt sein, damit sie nicht den Ablauf stört, Kontaktaufnahme genau dann wenn die Pumpe läuft, alles andere führt nur zu verwechselten Zapfhähnen und hysterischen Pächtern welche zukünftige Tramper mit Platzverweisen überrennen. Mit dem richtigen Schild kommt man um jedes Autobahnkreuz, mögliche Zwischenziele im Kopf und Straßenkarte griffbereit haben ist ein Verhandlungsvorteil, Neinsager kriegen ohne Diskussion ihren Abschiedstextbaustein und werden alleine gelassen, und mit der Tatsache dass die Deutschen ein verlogenes Volk sind sollte man hinreichend vertraut sein um sich nicht mehr ständig von Neuem darüber aufregen zu müssen. Für Geld würde ich das nicht machen, und schon gar nicht unter der Videoüberwachung, aber auf diese Weise findet man Fahrer die schnell und sicher reagieren bzw. das an anderen würdigen, was nicht ganz unwichtig ist, jedes Jahr verunfallt eine ganze Kleinstadt. Auch bei Trampen haftet immer der Unfallschuldige.

    Wenn Du etwas unsinnigerweise Verbotenes machen willst, dann dreh Dich nicht um, sondern Augen auf und durch. Wer nie als Personen auf der Fahrbahn im Radio gewesen ist hat was verpaßt. ;-)

  8. classless Says:

    Viele gute praktische Hinweise, das ist mir auch alles bekannt, aber ich stehe trotzdem lieber am Straßenrand. Gerade jetzt stehe ich auf Arbeit herum und bin mir noch viel sicherer, daß Fragen nur unter Umständen eine nette Strategie ist.

  9. posiputt Says:

    ich ergreif auch mal das wort pro straszenrand. einfach um mal darzustellen, warum man sich das so aussuchen wollen koennte.

    ich finds (ja, ich bin auszerdem auch schuechtern) vor allem wichtig, dass mich jemand freiwillig mitnimmt. ich hab keine lust, mich zu bewerben. das mach ich nur, wenn die aussichten ganz schlecht stehen, an nur-klo-rastplaetzen zum beispiel. klar, an der abfahrt stehend ist auch irgendwie eine bewerbungssituation gegeben, aber minimal, und weniger geht einfach nicht, vermute ich. und ueberhaupt gehts bei mir auch viel darum, aus der (theoretischen) berechenbarkeit einer bahnfahrt auszubrechen.

    ja.

  10. classless Says:

    Das ist unbedingt ein Punkt: den Zufall einladen, sich ins Getümmel werfen, sich treiben lassen und so. Wenn ich das Bedürfnis nach Kontrolle und Tempo habe, kann ich ja jederzeit trotzdem an die Tanke laufen und fragen (ich bin ja auch nicht so schüchtern, nur ein bißchen…)

  11. posiputt Says:

    bei mir sogar der punkt, der mich ueberhaupt erst zum trampen gebracht hat. weil ich das getuemmel, den zufall, das treiben lassen naemlich sonst ueberhaupt nicht hinbekomme. autotherapie quasi. mal sehn obs klappt

  12. classless Says:

    Ach, das ist doch alles bloß Auto-Suggestion ;-)

  13. posiputt Says:

    alles?

    oha!

    gibt es einen ausweg?

  14. antidiot Says:

    “Mir geht es erst in zweiter oder dritter Instanz darum, irgendwohin zu kommen.”

    Das sagt eigentlich alles…..

  15. posiputt Says:

    “Das sagt eigentlich alles…..”

    Das widerum sagt eigentlich nichts.

  16. Cannabis Kommando Says:

    Mein Motiv ist ein ganz anderes. Zu irgendwas muss diese Autobahn da überm Dorf doch gut sein ausser für Lärm, Müll, Fäkalien, Abwasser, Feinstaub und Gestank. Meine Erfahrung ist dass man in Autos die auf die internationale Handgeste hin anhalten gesprächsmäßig enger aufeinander zugeht und es beispielsweise wahrscheinlicher ist dass das Thema Beruf besprochen wird. Andererseits kommt es aber auch mehr darauf an vom äußeren Erscheinungsbild her einem Bewerbungsfoto zu gleichen, was an der Tanke meist eine untergeordnete Rolle spielt, am Flughafenparkscheinautomaten dann aber doch wieder durchaus relevant zu sein scheint.

  17. platschi Says:

    interessanter artikel, wobei ich selbst in Michendorf hinten an der Ausfahrt bisher immer innerhalb von 10-30 Minuten weggekommen bin Richtung Braunschweig.

    Leute an der Tanke fragen kommt bei mir eigentlich auch immer erst nach 9 Uhr abends in Frage, wenns düster wird und die Mitnahmequoten an der Leitplanke gen 0 sinken.

    Wie schon erwähnt, beim “hinten an der Raste” trampen halten wenigstens die Leute an, die auch wirklich halten wollen. Aber mal ganz davon abgesehen finde ich mittlerweile, dass das trampen an Auffahrten viel flotter vorran geht als an so mancher Raststätte, bestes Beispiel hierfür ist die A30 zwischen Bad Oeynhausen und Bad Bentheim.

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