Simon Sebag Montefiore – Der junge Stalin

June 10th, 2009

Würde Kusturica Stalins Jugend und damit auch die Geschichte der bolschewistischen Partei bis zur Machtübernahme verfilmen wollen, er würde in Montefiores – wie sagt man – prallem Sittengemälde eine reiche Quelle an Eisenbahn- und Postkutschenüberfällen mit Revolverheldinnen vorfinden, dazu einen fliehenden Stalin in Frauenkleidern, einen noch unter psychiatrischer Folter den Wahnsinnigen spielenden revolutionären Terroristen, “Abweichungen” genannte Beutefeiern sowie sich auf einem Zirkusschiff prügelnde Clowns, Menschewiki und Bolschewiki.

Montefiore Der junge Stalin Buch Cover

Stalin und seine Mitstreiter waren nämlich, folgt man diesem Buch, vor allem Gangster, auf dem Höhepunkt ihres vorrevolutionären Einflusses hielten sie die kaspische Ölmetropole Baku in Atem: “Raubüberfälle, Angriffe, Erpressung reicher Familien, Entführung ihrer Kinder auf den Straßen von Baku am hellichten Tag und die Forderung von Lösegeld im Namen eines ‘Revolutionskomittees’.”

Hier hebelt das Buch auch sogleich eine der hartnäckigsten Verschwörungserzählungen aus, diejenige der Finanzierung der Bolschewiki durchs Großkapital. Wenngleich es einige im Bürgertum gab, die mit den Revolutionären sympathisierten, weil sie sich von ihnen die Beseitigung der Monarchie versprachen, kamen die größeren Summen doch offenbar anders in die Parteikasse. Stalin schickte vorgedruckte Formulare an die Ölgesellschaften:

>>Das bolschewistische Komitee schlägt vor, dass Ihre Firma … Rubel beisteuern sollte…<<

...und diese übergaben angesichts angedrohter Streiks, Raffineriebrände oder Entführungen ohne zu zögern Stalins "technischem Assistenten" die geforderte Summe. Die Rothschilds finanzierten also durchaus die Revolution, nur ist es, wie Montefiore lakonisch anmerkt, “schwierig zwischen Spenden und Schutzgeld zu unterscheiden.” Als Revolutionsregierung im Wartestand probten die Bolschewiki bereits die Expropriation.

Verschwörungspraxis und die Folgen

Aber auch in anderer Hinsicht wurde schon vor der Machtübernahme vorbereitet, wie es später in der Sowjetunion aussehen sollte. Als einmal der Entschluß gefaßt war, in den revolutionären Untergrund zu gehen, begann für Stalin wie für viele andere das Leben in Dostojewskis “separater Welt”. Diese Welt von Revolutionären und der Ochrana, Verschwörung und Gegenverschwörung, von Paranoia und Unterwanderung, in der Stalin als Chef der bolschewistischen Spionageabwehr möglicherweise am tiefsten verstrickt war, beschreibt Montefiore so:

>>Aber dieser Schuss [auf Eisenbahndirektor Wedenew, der gegen Stalins Streik Widerstand leistete] markierte den Beginn einer neuen Ära, in der “alle zärtlichen Gefühle für die Angehörigen, Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit und sogar Ehre”, laut dem vielgelesenen Katechismus eines Revolutionärs, verfasst von dem Nihilisten Netschajew, “durch die alleinige Leidenschaft für revolutionäre Arbeit verdrängt werden müssen.” Die amoralischen Regeln – oder, besser gesagt, der Mangel an Regeln – wurden von beiden Seiten als konspirazija beschrieben… Wer konspirazija nicht versteht, kann auch die Sowjetunion nicht ergründen. Stalin verließ diese Welt nie. Konspirazija wurde zum herrschenden Geist des Sowjetstaats… Fortan trug Stalin gewöhnlich eine Pistole im Gürtel. Geheimpolizisten und revolutionäre Terroristen wurden nun zu Berufskämpfern im Duell um das Russische Reich.<<

Über die Wirkung dieses Lebens im Mißtrauen, unter Spitzeln und Doppelagenten, auf die folgende Epoche macht sich Montefiore keine Illusionen:

>>Die Ochrana mag es nicht geschafft haben, die Russische Revolution zu verhindern, aber es gelang ihr so gut, den revolutionären Geist zu vergiften, dass die Bolschewiki einander noch dreißig Jahre nach dem Sturz der Zaren gegenseitig während der Hexenjagd auf nicht existierende Verräter umbrachten.<<

In den Wirren der Machtübernahme wird Lenin 1917 sagen: "Wissen Sie, einem schwirrt der Kopf, wenn man so rasch nach den Verfolgungen und dem Leben in Verstecken an die Macht kommt!"

Geschichte erzählen

Das Buch ist an kaum einer Stelle theoretisch wertvoll, dennoch auf der Ebene der geschichtlichen Erfahrung instruktiv. Wir erfahren, wie Lenin und Stalin zu ihren Namen kamen (das aus Hunderten je aktuelle Pseudonym unter den Texten, mit denen sie bekannt wurden); es werden Zeitungsberichte über den bolschewistischen Exilparteitag 1907 in London wiedergegeben, die den weiblichen Delegierten “unbeirrbaren Mut und Nervenstärke” attestieren; es ist zu lesen, wie Stalin ebendort mit geschmacklosen Witzen gegenüber den Juden zu erkennen gibt, daß er Russe geworden ist. Den Umstand, daß sich Hitler und Stalin im Januar 1913 zur gleichen Zeit in Wien aufhalten, nutzt Montefiore zu diesem Vergleich:

>>Die Juden passten in keine der beiden Visionen. Sie stießen Hitler ab und erregten ihn, während sie Stalin, der ihren “mystischen” Charakter angriff, irritierten und verwirrten. Eine zu starke Rasse für Hitler, waren sie keine hinreichend ausgeprägte Nation für Stalin.<<

Viele der ausgebreiteten Anekdoten wirken, wie eingangs schon erwähnt, filmreif, auch etwa der "im Gras des sonnigen Hyde Park" mit Delegierten plaudernde Lenin (er "hielt ihnen Vorträge über die englische Aussprache, fiel ungekünstelt in ihr Gelächter ein, gab ihnen Tipps zu billigen Unterkünften und führte sie in seinen Lieblingspub, den Crown and Woolpack in Finsbury"); die betrunkenen Adligen, die den jungen Stalin auslachten, "diesen autodidaktisch gebildeten Schustersohn, den sie wegen seiner Hastigkeit und seines ungeschickten Ganges nun mit dem Namen 'Kunkula' (Stolperer) belegten"; Stalins späte Rache an einem Anwalt, der eine Jugendliebe heiratete und den er 1937 erschießen ließ; der Alltag in der Bolschewisten-WG: "Stalin, stets ein träger Egoist, entzog sich seinem Teil an der Hausarbeit. Der gewissenhafte Swerdlow musste alle Pflichten allein erledigen"; Molotow als Ein-Rubel-Musikant für "die reichen Kaufleute und ihre Freudenmädchen", wozu Stalin meinte, dies sei "unter Molotows Würde als Bolschewik". Später spottete er: "Du bist für betrunkene Kaufleute aufgetreten - sie haben dir das Gesicht mit Senf beschmiert!"

Stalin Sosso Georgien 1894
Der ganz junge Stalin bzw. Sosso, 1894

Manche der persönlichen Einblicke sagen allerdings mehr über den Autor als über Stalin. Als 1907 Stalins Frau Kato starb – über die Montefiore zu berichten weiß, sie sei “die geborene Hausfrau” gewesen – und Stalin bei der Beerdigung sagte, sie hätte sein “steinernes Herz erweicht” und mit ihr seien auch seine “letzten zärtlichen Gefühle für die Menschheit dahingeschwunden”, funktioniert das im Buch als eine Knoppsche Schlüsselszene.

Weg an die Spitze

Politischer wird das Buch gegen Ende, als es um die Realität der Machtübernahme geht. Montefiore schreibt, daß Stalin “im Schatten gedieh” und nur 1917 kurz mit öffentlicher Debatte in Berührung kam, “schwerlich die ideale Umgebung für jemanden, den in den halsabschneiderischen Clan-Intrigen des Kaukasus geschult war. Er sprach leise mit einem komischen georgischen Akzent.” Doch sobald Lenin an der Macht war und “seine Regierung wie eine verschwörerische Kamarilla betrieb”, war Stalin wieder in seinem Element:

>>Von außen und von innen bedrängt, untergraben durch Kompromissler, Stümper und Schwätzer in seiner eigenen Partei, teilte Lenin seine führenden Kollegen in “Männer der Tat” und “Teetrinker” ein. Es gab zu viele “Teetrinker”. Hätte die Sowjetrepublik einen Zustand friedlicher Stabilität erreicht, so hätte die Teetrinkergruppe, repräsentiert von Männern wie Kamenew und Bucharin, ihr vielleicht eine ganz andere Richtung gegeben.<<

Montefiore schildert den Vorschlag des Sozialrevolutionärs Schteinberg, das Justiz-Volkskommissariat in "Kommisariat für Soziale Vernichtung" umzubenennen, und Lenins Zustimmung: "Was überlebt, ist gut." Er zitiert Trotzkis Ausspruch: "Wir müssen dem papistisch-quäkerischen Geschwätz über die Heiligkeit des menschlichen Lebens ein für allemal ein Ende setzen" (den ich bei Dawkins' Beschwörungen des grundfriedlichen Atheismus im Kopf hatte...)

Für Montefiore ist klar, daß Stalins Herrschaft vorbereitet worden war, von der Konspirazija, von Lenin, von der spezifischen Lage der Welt:

>>Stalin hätte zu keinem anderen Zeitpunkt der Geschichte an die Macht aufsteigen können. Dazu war die Synchronizität von Mann und Moment erforderlich. Sein überraschender Aufstieg als Georgier an die Spitze Russlands wurde nur durch den internationalistischen Charakter des Marxismus ermöglicht. Seine Tyrannei wurde durch den Belagerungszustand von Sowjetrussland, den utopischen Fanatismus seiner pseudoreligiösen Ideologie, den gnadenlosen bolschewistischen Machismo, den mörderischen Geist des Ersten Weltkriegs und Lenins tödliche Vision einer “Diktatur des Proletariats” in die Wege geleitet. Stalin wäre als Staats- und Parteichef undenkbar gewesen, wenn Lenin in den ersten Tagen des Regimes nicht Kamenews mildere Methoden ausgeschaltet und den Apparat für eine so unbegrenzte und absolute Macht geschaffen hätte. Das war das Forum, das Stalin vortrefflich zustatten kam. Nun konnte Sosso Stalin werden. (…) Danach waren der Repressionsapparat, die kaltherzige, paranoide Psychologie der ständigen Verschwörung und der Drang zu extremen, blutigen Lösungen für alle Probleme nicht nur vorherrschend, sondern sie wurden verherrlicht, institutionalisiert und mit messianischem Eifer zu einem amoralischen bolschewistischen Glauben erhoben.<<

Das Hauptproblem hieß demnach also nicht Bürokratisierung, und Swerdlow, nicht Stalin, war anfangs der Bürokrat im bolschewistischen Parteiapparat: "Vor 1920 hielt Stalin sich kaum je in seinem Büro auf." Doch zur Realität der Stalinschen Machtausübung demnächst mehr - gerade, als ich dieses Posting schreibe, meldet die AGB, daß Figes’ “Die Flüsterer” für mich bereit liegt. Wie schon beim letzten Lektüreposting schließe ich mit einem kleinen 9/11-Snack:

>>Die Ochrana konnte es sich nicht leisten, den Einfallsreichtum der SR-Attentäter zu ignorieren. In einer Vorwegnahme von Al Kaida und 9/11 dachten die Sozialrevolutionäre daran, damals noch neue Maschinen, d.h. Flugzeuge, als Waffen einzusetzen. Sie wollten einen mit Dynamit beladenen Doppeldecker ins Winterpalais krachen lassen. Deshalb ordnete die Ochrana im Jahr 1909 die Überwachung sämtlicher Flüge sowie aller Flugschüler und Mitglieder von Aeroclubs an.<<

4 Responses to “Simon Sebag Montefiore – Der junge Stalin”

  1. lasterfahrerei Says:

    »Stalin und seine Mitstreiter waren nämlich, folgt man diesem Buch, vor allem Gangster«
    wen wundert’s! politik und verbrechen gehören doch immer zusammen!

  2. shigekuni Says:

    Hast du die anderen Bücher von Figes gelesen? Ich habe “A People’s Tragedy” im Einkaufskorb liegen…

  3. classless Says:

    Das habe ich im Winter gelesen und werde irgendwann auch noch was dazu schreiben – die bloße Auswertung der Anstreichungen und Notizen ist aber schon eine ziemliche Aufgabe, die ich erstmal weiter verschieben muß.

    Will sagen: must read, wenn an 1917 nicht nur die Nutzbarmachung fürs eigene Weltbild von Interesse sein sollte.

  4. Cannabis Kommando Says:

    “Die Ochrana mag es nicht geschafft haben, die Russische Revolution zu verhindern, aber es gelang ihr so gut, den revolutionären Geist zu vergiften, dass die Bolschewiki einander noch dreißig Jahre nach dem Sturz der Zaren gegenseitig während der Hexenjagd auf nicht existierende Verräter umbrachten.”

    Genau das läßt sich auch über Savak und Pasdaran feststellen, darin besteht der aktuelle Gebrauchswert derartiger Ausgrabungen.

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