Zweimal Entschwörung und das Internet

October 26th, 2009

Für “Analyse & Kritik” hat sich Henning Böke mit der “neuen Cyber-Rechten” beschäftigt, Untertitel: “‘Infokrieg’ im Internet: Ein populistischer Kleinbürgeraufstand.” Aus dem Internet kommt wieder mal das Verschwörungsdenken, nicht zuletzt weil “für die junge Generation … solche virtuellen Gesellschaftsportale inzwischen zum Alltag” gehören. Wie es diesem Denken einst ohne Computer und Netzwerke gelang, hierzulande wie anderswo zur Staatsdoktrin und zur materiellen Gewalt zu werden? Wieso es gerade hier in borniertester ideologischer Form blüht, wo das Internet weit unter seinen Möglichkeiten genutzt wird? Für Böke alles keine Fragen; er sucht – kein Scherz – lieber nach den “Hintermännern”:

>>Dieser in sich vielfach widersprüchliche “unabhängige” Informationsfluss, der in erster Linie Verschwörungstheorien transportiert, unterliegt natürlich keiner zentralen Steuerung. Aber es gibt einflussreiche Hintermänner, die politisch eindeutig rechts stehen, und zu den Nutznießern, die sich in dieses “alternative” Milieu einklinken, gehören auch Neonazis, die aus den Infokrieg-Quellen schöpfen und versuchen, sich in diesem Umfeld zu profilieren. Kernelemente der Infokrieg-Ideologie eignen sich bestens als Einstiegsdroge zur rechtsextremen Politisierung.<<

Die Auffassungen kommen nämlich von den im Internet verbreiteten Ideen her! Obwohl Böke selbst auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu sprechen kommt - da geht es aber auch nur um den "Zwergenaufstand des frustrierten und verstörten Kleinbürgertums" - hält er die fraglichen Köpfe doch für praktisch beliebig füllbar und ist hinsichtlich des konkreten problematischen Materials selbst recht simpel gestrickt, zählt dazu zu Zeiten der Diskussion um die Schweinegrippe-Impfung etwa pauschal "Skepsis gegen Schutzimpfungen als vermeintliches Verbrechen von 'Schulmedizin' und 'Pharmalobby'".

Geschichtsvergessen wie die Vorstellung, das Verschwörungsdenken habe erst mit dem Internet seinen großen Aufschwung erfahren - und nicht etwa in der adligen Konterrevolution seit den 1780ern (Bücher, Flugblätter, Zeitschriften) oder bei den Nazis (Bücher, Zeitschriften, UFA-Historienschinken) - konstatiert Böke denn auch:

>>Dass dieser neue Cyber-Populismus im realen Leben eine gefährliche politische Bewegung hervorbringen könnte, steht kaum zu befürchten, weil die einschlägigen Konzepte dafür zu wirr und irrational sind.<<

Das hat immer so funktioniert - irrationale Ideen setzen sich einfach nicht durch! Nur um die einsamen Seelen vor den Monitoren macht Böke sich Sorgen:

>>Aber der ungute Einfluss auf eine politisch naive, nicht mehr von Traditionen realer sozialer Bewegungen geprägte Bloggerszene ist spürbar. Die Unterwanderung der neuen “sozialen Netzwerke” durch Infokrieg-PropagandistInnen stiftet Verwirrung und hält manch verunsicherte ZeitgenossInnen davon ab, vernünftige Wege kritischer Analyse und sozialer Opposition gegen die objektive Irrationalität unserer Krisenzeit zu suchen.<<

Wenn die Verschwörungstheoretiker und ihre Hintermänner aus dem Internet nicht wären, würden die Blogger wieder an die frische Luft gehen und sich Bökes Traditionalisten anschließen. Und alles würde endlich gut werden.


Nur weil du nicht paranoid bist…

Besser trifft’s der geschätzte Heinrich Dubel, der im European die Untersuchung realer Verschwörungen von der “Verschwörungstheorie” als Ideologie trennt. Auch er attestiert zwar dem Verschwörungsdenken trotz der Geschichte des 20. Jahrhunderts im heutigen Internet die “historisch größte Verbreitung”, schließt aber mit dem Hinweis, daß eben im Internet “zugleich auch dessen Absurditäten am deutlichsten hervortreten, indem es jede Vermutung, Variante und Version einer Verschwörungstheorie jederzeit verfügbar hält und auch für kritische Einschätzungen zugänglich macht”.

Dazu muß sie aber genau angeschaut werden und nicht von vornherein verworfen. Oder um es mit Woody Allen zu sagen:

17 Responses to “Zweimal Entschwörung und das Internet”

  1. Aktionskletterer Says:

    Wieso muss ich an Verschwörungen glauben wenn ich will dass kein Impfstoff in meine Blutbahn kommt?

  2. Gehirnschnecke Says:

    @ Aktionskletterer

    Ja, warum willst Du denn nicht geimpft werden?

  3. Aktionskletterer Says:

    @Gehirnschnecke

    Schlechte Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg.

  4. Gehirnschnecke Says:

    @ Aktionskletterer

    Zwar wird Dir das die bürgerliche Lügenpropaganda auch schon erzählt haben, aber die Medizin hat seit damals den einen oder anderen Fortschritt gemacht.

    Ich würde mich eigentlich gern impfen lassen, da ich jeden Tag mit zu viel Menschen arbeiten muss, weiss aber immer nicht niht so genau wo und von wem.

  5. Aktionskletterer Says:

    @Gehirnschnecke – Mein Eindruck ist dass seitdem nicht nur das Wissen gewachsen ist sondern auch die Dummheit, und leider hat sich die Gesamtbilanz zu Lasten des ersteren verschoben. Das ist schon daran erkennbar dass Themenfelder wie Genmanipulation, Tierversuche oder Lärmschutz so viel Einsatz erfordern. Die Stammzellenforschung versucht der Bioethik absichtlich vorauszueilen, ganz so als wäre es ein wünschenswerter Zustand und nicht ein Mangel des Kapitalismus dass der technische Fortschritt dem gesellschaftlichen vorauseilt. Indem sie an der sogenannten Betäubungsmittel-Gesetzgebung festhält, verschafft sich die Pharmaindustrie zudem unlautere Wettbewerbsvorteile gegenüber natürlichen Heilungsansätzen. Ich halte nichts davon Krankheitserreger, welche sich aufgrund von irrsinnigen Monokulturen in der Massentierhaltung überhaupt erst entwickeln, dadurch bekämpfen zu wollen dass ich mein Immunsystem selber zum Bestandteil einer Monokultur mache – das mag vielleicht mal vor einer Welle schützen, macht aber für jede weitere nur um so anfälliger. Wenn irgendwelche Politiker ihre Oberarme für die Kameras freimachen dann demonstrieren sie damit in Wirklichkeit dass sie nicht über die tierische Überbevölkerung reden wollen welche unsere gegenwärtigen Nahrungsketten verursachen.

  6. Gehirnschnecke Says:

    @ Aktionskletterer

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die Wissenschaft dem “gesellschaftlichen Fortschritt” auch in einer wie auch immer gearteten “besseren” Gesellschaft, nicht vorauseilen könnte. Auch in einem Kommunismus würde es wohl kontroverse Meinungen darüber geben, wie und ob man mit unserem “Rohmaterial” umzugehen hat (und Wissenschaftler, die aufgrund eines demokratischen Entschlusses dennoch nicht aufhören werden, zu denken und zu forschen).

    Die Tatsache, dass es tierische Monokulturen gibt, hilft mir ja jetzt aber nicht weiter, wenn ich an Schweinegrippe verrecke, weil ich mich nicht impfen lasse. Ich geh morgen. Ich muss ja im Status Quo irgendwie überleben, daher verrichte ich ja auch Lohnarbeit – lieber würde ich nämlich zu Hause bleiben (und mich so erst garnicht in Gefahr begeben).

  7. Aktionskletterer Says:

    @Gehirnschnecke – In einem System, welches sich nicht auf Verwertung orientiert, würde nur das zum Gegenstand der experimentellen Methode gemacht werden, bei dem die Verantwortbarkeit hinreichend geklärt ist, und im Zweifelsfall würde erst diskutiert und dann experimentiert und nicht umgekehrt. Das Wissen um die Ursachen hilft aber auch schon jetzt weiter, als neulich beim Trampen mein Mitfahrer geniest hat ist unsere Fahrerin sofort auf das Thema eingeschwenkt, und da muss mensch schon mal aus dem Stand erklären können wieso die herrschende Vorstellung von Sicherheit eine Illusion ist. Allerdings kennst Du Deinen Chef besser als ich.

  8. Gehirnschnecke Says:

    @ Aktionskletterer

    Da ich mir ein System, dass nicht auf Verwertungslogik aufgebaut ist leider nicht vorstellen kann (ja, so verdorben bin ich), kann ich mir auch kaum vorstellen, dass eine “Verantwortung” jemals demokratisch hinreichend objektiviert werden kann. Es wird immer Menschen geben, die besser nie mit dem Forschen anfangen wollen. Die mögen dann auch die demokratische Mehrheit stellen (das tun sie zum Teil heute ja auch), können aber dennoch gnadenlos daneben liegen. Ich bin mir ja jetzt auch mit anderen Kommunisten uneins über viele Themen, Gentechnik eingeschlossen. Warum sollte sich das ändern, wenn die Verwertungslogik jemals Geschichte sein sollte?

    Vollkommene Sicherheit ist eine Illusion, dennoch würde ich nur ungern ohne Kondom ungeschützt mit einer Fremden/einem Fremden vögeln wollen. Die Impfung minimiert MEIN Risiko, was mein Chef dazu meint, ist mir egal.

  9. Aktionskletterer Says:

    @Gehirnschnecke – Denkbar wäre, dass der evolutionäre Genpool als Allgemeineigentum anerkannt wird und die freie Meinungsbildung die Grundlagen des planetaren Ökosystems für unantastbar erklärt. Es gibt ja auch ein Inzesttabu.

    Außer es sollte um gewerblichen Sex gehen hast Du dabei dieselbe Wahlfreiheit wie bei der Entscheidung mit wem Du Deine Atemluft teilen willst. Risiko ist nicht nur ein momentaner Zustand sondern immer auch eine Bilanz entlang einer Zeitleiste.

  10. Gehirnschnecke Says:

    @ Aktionskletterer

    Da wäre ich schonmal entschieden dagegen. Und ich fände es auch ganz fürchterlich, wenn mir all die glücklichen Demokraten bei meiner Untsterblichkeit (Heilung meiner Krankheit, meinem vierten Paar Arme, etc.) im Weg stehen würden – so fürchterlich, dass ich jetzt schon spontan zur Konterrevolution bereit bin. ;-)

    Und auch beim gewerblichen Sex kann ich mein Risiko mit Kondomen minimieren.

  11. Aktionskletterer Says:

    @Gehirnschecke – Wieso willst Du das unbedingt hier auf der Erde tun, wo ein Ende Deines Selbstversuchs in genetischer Insolvenz die Lebensgrundlagen der Menschheit gefährden kann?

  12. Gehirnschnecke Says:

    Darum gehts jetzt durch nur am Rande – der Genetikkram sollte doch als Beispiel dafür herhalten, dass es im Kapitalismus auch nicht arg viel anders abläuft, als es im Kommunsimus ablaufen würde. Es ist schlicht nicht zu erwarten, dass die Entmachtung der Sachzwänge bei allen Fragen automatisch Einigkeit erzeugt. Das wäre ja auch eher gruslig.

  13. Aktionskletterer Says:

    @Gehirnschnecke – Nein, die Genmanipulation nannte ich um zu veranschaulichen wie die gefährliche Dummheit schneller wächst als das Wissen. Ein aus der Aufhebung des Verwertungszwangs resultierendes Ende der Suizidgefährdung der Spezies Mensch dürfte wahrscheinlich eher eine Einigung über die gerechte Verteilung der Beweislasten mit sich bringen als einen umfassenden Konsens zu den Sachfragen selbst.

  14. Gehirnschnecke Says:

    @ Aktionskletterer

    Deine Einschätzung ist die, dass es sich bei der Genmanipulation um eine Dummheit handelt und jetzt gehst Du davon aus, dass in einer von “Sachzwängen” befreiten Welt, jeder (oder zumindest eine solide Mehrheit) diese Einschätzung teilt. Wo soll noch einer den Mut aufbringen und den “Beweis” liefern, dass die Mehrheit sich irrt, wenn das Aussterben der Spezies (vermeintlich) auf dem Spiel steht? Warum ist davon auszugehen, dass irrationale (?) Ängste weniger werden, wenn die Verwertungslogik einst verschwunden sein wird. Es sind ja heute ausgrechnet die durchkapitalisierten Länder, die der Stammzellenforschung mehrheitlich den Riegel vorschieben – trotz Verwertungslogik.

    Ich sehe wohl, worauf Du hinaus willst, auch teile ich Deine Bedenken (und Hoffnungen), allerdings erlaube ich mir auch ein gehöriges Maß an Skepsis.

  15. Aktionskletterer Says:

    Dann müssen wir die Beispiele konkretisieren: Kartoffeln werden genmanipuliert um Zelluloseersatzstoffe zu erhalten anstatt ohnehin fragwürdige Verbote naturbelassener Zelluloselieferanten anzurühren. Verschiedene Nahrungs- und Futtergetreide sowie Hülsenfrüchte werden genmanipuliert um Giften zu widerstehen welche überhaupt erst eingesetzt werden weil übermäßige Monokulturwirtschaft die natürliche Schädlingsabwehr unterläuft. Das halte ich nicht für mutig sondern für achtlos. Nach demselben Muster ließe sich argumentieren dass arrangierte (Inzest-)Ehen nicht so drastisch seien weil die Urenkel ja später die Genfehler reparieren lassen könnten. Soetwas halte ich für keinen Fortschritt.

  16. Gehirnschnecke Says:

    Du gehst davon aus, dass das älteste kulturelle Tabu der Menschen biologisch motiviert wäre. Ist es aber nicht – Menschenaffen wie Schimpansen und Gorillas kennen kein Inzesttabu und haben dennoch keine Probleme mit Erbkrankheiten und anderen “Genfehlern”.

    Schlechtes Beispiel also. Ein Fortschritt wäre ja schon, wenn man das Inzesttabu mal rein wissenschaftlich betrachten würde (und eventuell einmotten – wobei sich das, ich bin eben ein europäisches Säugetier, auch für mich komisch anfühlen würde).

    Die Irrationalität sitzt offensichtlich noch tiefer – die Deformationen des Kapitalismus sind offensichtlich nicht die einzigen unter denen Menschen leiden. Vielleicht kann ja hier die Gentechnik helfen? ;-)

  17. Aktionskletterer Says:

    Soweit ich weiss hat die Evolution es an unterschiedlichen Stellen im Tierreich unabhängig voneinander hervorgebracht und an anderen wieder nicht. Ob es beim Menschen auch biologisch motiviert ist halte ich für nicht verantwortbar experimentell zu überprüfen, auf jeden Fall wird es wesentlich dadurch motiviert dass der Mensch über den Horizont seiner eigenen Generation hinaus denkt, dieselbe Motivation die in entstellter Form ja auch arrangierten Ehen zugrunde liegt.

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