“… there were times when everything was in turmoil.”

May 11th, 2010

Bericht über eine Zusammenkunft von Nostalgikern, Nachdenklichen und Kämpfern

Gastbeitrag von Eric Ostrich

“Das ist ja ein richtiges Veteranentreffen”, meinte ein Beobachter, der es aufgrund seiner eigenen Biographie wissen mußte: “Till Meyer von der Bewegung 2. Juni ist da, Astrid Proll von der RAF und, und, und…” Die Rede ist von der Veranstaltung Sonntagabend im Clash, bei der sich mit den ehemaligen Weather Underground-Mitgliedern Bill Ayers und Bernardine Dohrn sowie dem früheren RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo eine Art transatlantische Expertenrunde zum Thema Bewaffneter Kampf zusammengefunden hatte. Ergänzt wurden die drei noch von dem Filmemacher Darnell Stephen Summers, einem “GI im Widerstand”, wie es auf dem Plakat hieß, von der Stop the WAR Brigade. Verzichten mußte das Publikum – 60, 70 Leute, eher älter als jünger – auf die erhellenden und kundigen Beiträge, die der schön als “ehemals Protest gegen den Vietnamkrieg, heute MdB ‘Die Grünen’” angekündigte Hans-Christian Ströbele sicherlich zu Fragen des Kiezkampfs beisteuern hätte können. Allein, der wackere Berufswiderständler von der “Partei des gemäßigten Fortschritts in den Grenzen des gesetzmäßig Erlaubten” (Jaroslav Hasek) ließ sein Fahrrad leider nicht in den Mehringhof rollen, da er “vermutlich gerade das Grünen-Wahlergebnis in Nordrhein-Westfalen feiert” (Dellwos Vermutung) oder sich davor drücken wollte, die Unterstützung der Grünen für den Afghanistan-Krieg auf dem Podium verteidigen zu müssen (der vielleicht realistischere Tip von Antikriegsveteran Summers).

Plakat Clash Bring the war home

Nicht nur Ströbeles Auftritt fiel aus, auch andere Dinge liefen bei der Veranstaltung nicht ganz nach Plan. So wurde der gute Dokumentarfilm The Weather Underground von Sam Green und Bill Siegel, dessen Veröffentlichung in Deutschland bei Dellwos Laika-Verlag einen Anlaß für die Veranstaltung bot, zum einen erst irgendwann nach acht statt um sieben gezeigt und dann auch nicht auf einer Leinwand sondern auf einer der glücklicherweise weißen Jalousien des Clashs. Ebenfalls nicht ganz rund lief die (ohnehin vermutlich überflüssige) Übersetzung aus dem Englischen, bei der die offensichtlich in der Materie nur wenig bewanderte Übersetzerin beispielsweise statt ‘burning of draft cards’ irgendwas mit ‘bras’ verstand und so – vielleicht auch im Freudschen Sinne fehlgeleistet – statt Einberufungsbescheiden Büstenhalter vor dem Pentagon verbrennen ließ. Und zuletzt war die deutsche Ausgabe der – übrigens recht lesenswerten – Autobiographie von Bill Ayers, die im Mainzer Ventil Verlag unter dem Titel ‘Flüchtige Tage’ schon erschienen sein sollte und wegen der sich Ayers überhaupt erst auf Deutschland- und Schweizreise begeben hat, dann doch noch nicht rechtzeitig aus der Druckerei geliefert worden – und wurde eigenartigerweise an diesem Abend auch nicht einmal erwähnt. “Eine Veranstaltung mit sehr, sehr großen Hindernissen”, wie Dellwo zusammenfaßte, um zu ergänzen, es sei ja eine Art linke Tradition, die Form weniger wichtig als den Inhalt zu nehmen, und überhaupt erwerbe die Linke vielleicht noch irgendwann zu seinen Lebzeiten organisatorische und technische Kompetenzen.

Unverdrossen durch all solche Marginalien fand die Veranstaltung am Ende aber dennoch statt – und offenbarte gleich auffällige Differenzen auf dem Podium: Während Dellwo vor allen Dingen über die Vergangenheit – in diesem Fall ‘Das Konzept Stadtguerilla’ und den ‘bewaffneten Kampf’ – reden, nachdenken und reflektieren wollte und die Gelegenheit an diesem Abend als günstig sah, da doch Weather Underground eine Art amerikanische Entsprechung zur RAF gewesen sei – schließlich sei auch deren Militanz aus der Stagnation der Linken der 1960er Jahre hervorgegangen, wie er recht gewitzt beobachtete –, ging es Bill Ayers schon in seinem ersten Satz darum, “to have a political disussion in the present tense”. Die 60er Jahre seien für ihn nur Mythos und Symbol, Rückblick und Nostalgie von daher nicht angebracht. Seine Ex-Weatherman-Genossin und heutige Ehefrau Bernardine Dohrn konnte ihm da nur beipflichten, und so wollten beide vor allen Dingen über die USA sprechen – “the greatest purveyour of violence in the world”, wie Ayers mit Verweis auf Martin Luther King meinte, beziehungsweise das “declining empire”, das zur selben Zeit ein ganz besonders “dangerous empire” sei, wie wiederum Dohrn die Weltlage einschätzte. Kurz gesagt: Auch wenn sich ihre Mittel der politischen Auseinandersetzung geändert haben, sind die beiden Chicagoer Uni-Professoren doch weiterhin dem selben rohen antiimperialistischen Weltbild treu geblieben, das schon bei Weatherman dazu führte, daß man deren Schriften und Erklärungen nicht unbedingt zum Zwecke einer besseren Erkenntnis der Welt lesen konnte. Auch den hauptsächlich moralischen Antrieb für ihr Tun haben sie sich erhalten, verbinden ihre recht kruden Anschauungen dadurch aber immerhin mit einer beinahe kindlichen Naivität, die sich in an diesem Abend in Sätzen ausdrückte wie: “We spent our lives fighting against inhumanity. All our lives we’ve been trying to be good activists”. Zum Beispiel jüngst an der ägyptischen Grenze, die Dohrn und Ayers in einem Freedom March Anfang des Jahres Richtung Gaza durchbrechen wollten, “to shine a light on that prison Gaza” und um gegen Israels “murderous war of aggression” zu protestieren – und sich dabei noch Monate später mit leuchtenden Augen darüber freuten, daß Mitstreiter aus Frankreich eine palästinensische Flagge auf den Pyramiden plazieren konnten. Daß dieser Gaza-Ausflug Dohrns Geschenk an Ayers zu dessen 65. Geburtstag war, wie die beiden schelmisch erzählten, verstärkte ein wenig den Eindruck, daß die früheren Bombenleger doch irgendwie auch wohlmeinende Rabauken sind, die leider das Unrecht und die Unmenschlichkeit, gegen die sie permanent “act and resist” wollen, doch recht selektiv auswählen, so daß sie den Splitter im Auge der Israelis wohl sehen, den Balken bei zum Beispiel Ägyptern und Palästinensern aber geflissentlich ignorieren – oder, wie Ayers an diesem Abend, die Ägypter als reine Erfüllungsgehilfen der USA und Israels darstellen.

Podium Clash Dohrn Ayers Dellwo Summers
Das Podium: Übersetzerin, Bill Ayers, Bernardine Dohrn, Karl-Heinz Dellwo, Darnell Stephen Summers

So weit, so links. Und – trotz der kräftigen Rhetorik und Parolen gegen die USA und Israel – doch so wenig von Interesse für Dellwo, der statt aktueller Agitation immer wieder auf die Aufarbeitung der Vergangenheit hinauswollte: “Warum habt Ihr denn nun aufgehört, kaum daß der Vietnam-Krieg vorbei war? Ihr hattet doch Größeres vor, als nur den Krieg zu beenden. Ihr wolltet doch Revolution machen?” Gute Frage eigentlich. “Hm, socialism, yes. I guess in this respect we failed”, war die etwas lapidare und fast verlegene Antwort von Dohrn, die dann noch etwas verwundert ergänzte: “Who could imagine how often capitalism can re-invent itself?” Der bedächtige, reflektierende Blick zurück, den Dellwo wollte, war sichtlich nicht die Sache von Dohrn und Ayers, für die der alte Kampf immer weiter zu gehen scheint. Da wollte selbst Summers, der sich sonst als Paradeaktivist seit mindestens 1967 zeigte, ihnen nicht folgen: “There isn’t anything wrong with nostalgia. It does make sense to look back at the sixties and learn that there were times when everything was in turmoil, everything was in question.” Mit dieser Einschätzung konnte allerdings außer ihm niemand etwas anfangen, so daß es nicht mehr zu einer Diskussion über Umwälzungen, Revolten und Revolutionen ohne und jenseits von Politik und Antiimperialismus kam.

Stattdessen tröpfelte der Abend ein wenig seinem Ende entgegen. Jemand im Publikum rief zwischendurch einmal zaghaft “Power to the people”. Ein anderer wollte noch wissen, wie es Ayers mit Barack Obama halte, zu dem er qua Nachbarschaft in Chicago während des Wahlkampfs 2008 in Verbindung gebracht worden war. Der sei ohnehin kein Linker und habe dies auch niemals behauptet, stellte Ayers treffend fest. Deswegen habe er auch für die Leute, die nun, da Obama im “chair of the chief of the empire” säße, von ihm enttäuscht seien, kein Verständnis. Da ging es Ayers wie Summers, der mit kräftiger Stimme ergänzte: Ob Republikaner oder Demokraten, dies sei doch alles egal, im Effekt seien die alle ohnehin heutzutage nur “house nigger in a corrupt system”. Offenbar dem System rief Summers schließlich noch zu: “Time is over! Time is out!”, woraufhin Karl-Heinz Dellwo, der anders als Dohrn und Ayers zwanzig Jahre im Gefängnis saß, den Abend mit dem recht weise klingenden Satz abschloß, der einen Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem deutschen bewaffneten Kampf benennen sollte: “Eine Avantgarde ist offenbar in manchen Zeiten schon notwendig. Allerdings sollte sie auch wissen, wann sie wieder aufhören muß.” So ging der Abend ohne besondere Vorkommnisse zu Ende, das ebenfalls anwesende 3-Sat-Kulturzeitteam packte seine Kameras wieder ein, Till Meyer setzte sich noch mit Ayers für ein junge Welt-Interview zusammen und die Leute, ob Veteranen oder nicht, gingen alle zwar auffällig schnell, aber ruhig und ordentlich nach Hause.

8 Responses to ““… there were times when everything was in turmoil.””

  1. Aktionskletterer Says:

    Säße Ayers jetzt im Knast hätte Obama es etwas leichter verlogen und korrupt zu sein. Vielleicht ist deswegen Hans-Joachim Klein damals pünktlich zu Rot-Grün aus dem Verkehr gezogen worden. Gut vorstellbar dass der Ströbele dieses Thema komplett vermeiden mag.

  2. Dora M. Says:

    da scheinen einige zu gefangenen ihrer eigenen vergangenheit geworden zu sein und nicht zu erkennen, dass nicht das fehlen von technischen und organisatorischen kompetenzen die ursache ist sondern tatsächlich der seit jahrzehnten verpasste anschluss an die globalisierte welt. als avantgarde kann wirklich niemand der dort anwesenden bezeichnet werden.
    wenn man sich noch nicht mal auf die notwendigkeit von: “…a political disussion in the present tense” einigen kann ist man wirklich in der erkenntnis vor 30 jahren stehen geblieben.
    da muss man sich wirklich nicht mehr fragen warum solche veranstaltungen nur noch nostalgiker interessieren.
    dagegen ist selbst ein ströbele avantgarde.
    er hat wenigstens anscheinend erkannt, dass die menschen die alte , abstrakte selbstinzinierung von möchtegern avantgarden nicht interessiert .diese glauben zwar, sie hätten “wahrheiten “und “endlösungen “und “letzte kämpfe” im visier und denken: die anderen sind halt noch nicht so weit, bemerken aber nicht, dass die anderen längst erkannt haben, dass reden, filme gucken ohne present tense den herrschenden höchstens ein lächeln aufs gesicht zaubert. was könnte ihnen besseres passieren ? schade.

    manche haben sich auf ihren vergangenheitpodien eingerichtet und man könnte fast auf den gedanken kommen, dass sie garnichts wirklich in dieser welt ändern wollen.
    In der Zeit hätte man z.B. sich in einem projekt einbringen können, dass in hungergebieten brunnenbau als hilfe zur selbsthilfe mit den menschen vor ort gestaltet. das ist mehr revolutionär und present tense als so ein abstraktes : linke reden mit linken vor linkem publikum…
    fazit: stell dir vor es ist revolution und keiner geht hin.

  3. Carl A. Says:

    das es solche Treffen überhaupt noch gibt…in den 8ogern waren sie noch anzutreffen.Man kann aus dem “Bewaffneten kampf” nur lernen, dass er Unsinn ist. Veränderungen finden mit den Menschen statt. Wir stehen vor großen Veränderungen im globalen Markt, Revolten und Revolutionen habe überhaupt keine Antwort auf die Frage: Wie werden in Zukunft die globalen Märkte gestaltet. Till meyer , Dellwo usw haben nur die Antwort der zerstörung, nicht die Vision einer Neugestaltung. Daran sind sie gescheitert. da gibt es andere, die da viel, viel weiter sind. Denn selbst nach Revolten und Revolutionen geht das reale leben weiter. Von den anwesenden wissen wir seit zig Jahren wogegen sie sind. das Wichtige aber isrt das : WOFÜR.

  4. Cyrano Says:

    “Revolten und Revolutionen habe überhaupt keine Antwort auf die Frage: Wie werden in Zukunft die globalen Märkte gestaltet”.
    Jepp, und Ende 18 Jhdt gab die Revolution keine Antwort auf die Frage: Wer wird morgen unser König sein und wie können wir das Feudalsystem zum Wohle aller n wenig verbessern… Wirklich, Liberale und Sozialreformer… alles verhinderte Royalisten. Wie Glenn Beck zuletzt gegen die Sozialistische Gefahr in Stellung brachte: “Revolutions are never good. What we need is evolution”. Die Tea-Party klatscht, und Washington grämt sich im Grabe, dass ihm das nicht selbst eingefallen ist…
    Konstruktiver: Warum ein paar Straßenkämpfer, den “Bewaffneten” Kampf, Revolten und Revolutionen in einen Topf schmeißen? Das ist nicht nur plattest rechtsstaatlich argumentiert, sondern übergeht gerade, wie sich die meisten bürgerlichen Staaten gegen den Absolutismus konstituierten. Und dann: Revolutionen vs. das Reale Leben? Sollte man eigentlich gar nicht kommentieren, aber sei´s drum: Wasn das, was das Leben in der Revolution als irreal von dem vor und danach scheidet? Explizieren wahlweise anhand der Amerikanischen, der Französischen, oder auch der Oktoberrevolution.

  5. Aktionskletterer Says:

    @Carl A. – Die Menschen in Thailand sehen das offensichtlich anders. Ob Revolten oder Regierungen die jeweils besseren Zukunftschancen bieten lässt sich nur dann vernünftig klären wenn sie nicht blindwütig zusammengeschossen werden. Im “deutschen Herbst” war es noch nicht möglich dass Aufständische und Politiker über die Köpfe des Gewaltmonopols hinweg diskutierten. Die RAF musste erst einmal den Strauß-Gehlen-Komplex schleifen um die Bedingung der Möglichkeit einer Öffnung der Gesellschaft zu schaffen, Wortmeldungen kritischer Aktionäre etwa, die mittlerweile als selbstverständlich vorausgesetzt werden, waren damals so unvorstellbar wie noch heute in Japan. Und es ist ihr so nachhaltig gelungen dass die Stammheim-Lüge nach wie vor wie eine suboptimale Hypothek auf dem Gewaltmonopol lastet, während andere Länder ihre Todesschwadronen-Einsätze aus dieser Zeit längst aufgeklärt haben.

  6. Lektorat Says:

    Furchtbares Plakat… hat das denn niemand lektoriert?

  7. Andreas Maier Says:

    Ich selber war nicht bei der Podiumsdiskussion dabei aber eines ist auch klar , das Bill Ayers und Bernardine Dohrn zwei notorische Lügner sind . es hiess immer die WEATHER UNDERGROUND hätte nie Menschen getötet oder verletzt bei ihren Bombenanschlägen , das ist nicht richtig . Bei einem Anschlag auf eine Polizeistation 1970 in San Francisco kam der junge Polizist Brian MCDONELL Vater von 2 Kindern und Ehemann ums Leben . Die Bombe legte damals Bernardine Dohrn die Frau von Bill Ayers , das hat der ehemalige FBI Informant Larry Grathwohl unter EID ausgesagt . Informationen dazu auf America’s Survival : Justice for the Victims of the Weather Underground . Artikel von Andreas Maier , Baden Württemberg

  8. Aktionskletterer Says:

    @Andreas Maier – Jeder der Beamte im familiären Umfeld hat kennt die Selbstentmenschlichung welche eine derartige Berufswahl nach sich zieht. Nicht immer wenn eine solche Person ihre Menschlichkeit gezielt abtötet um zu einer Kampfmaschine zu mutieren welche zur Brechung eines fehlgeleiteten Gewaltmonopols ausgeschaltet werden muss, ist es mit gewaltfreien Aktionen möglich diese wiederzubeleben.

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