Literatur vs. Digitalismus

October 29th, 2010

Die letzte Ausgabe der konkret, die glaube ich genau heute von der neuen am Kiosk abgelöst wird, beinhaltete ein längeres Literatur-Dossier über “Nutzen und Nachteil der Neuen Medien”. Neben allerlei Instruktivem wie einem Artikel über Nicholas Carr und sein Konzept des Arbeitsgedächtnisses, gab es endlose Peinlichkeiten im Text “Groll gegen die digitale Welt” von Erwin Riess, der seine Romanfigur Groll und dessen akademischen Gesprächspartner ahnungslos daherramentern ließ:

>>“…tatsächlich explodieren die Bildergranaten auch in den Köpfen der Betrachter der animierten Bilder. Im günstigsten Fall legen sie die Gedanken lahm, im schlechtesten Fall löschen sie das Potential für ein Leben in und mit Widersprüchen, Witz und Phantasie für immer aus.”
“Einspruch! Es gibt auch kluge Animationsfilme! Zum Beispiel ‘Die Simpsons’! Und es soll sogar einen ernsthaften Comic über Auschwitz geben.”
“Ein ernsthafter Comic ist ebenso wahrscheinlich wie ein während einer Überschwemmung ausgetrocknetes Flußbett…”
(…)

“Das Lügen in Bildern wurde allgemein, als die Digitalisten die Welt mit gefaketen Bildern zuschütteten und täglich neue No-go-Areas für den Verstand errichteten…” (…)

“Ein Satz sagt mehr als tausend Bilder. In einem Satz steckt mehr Aussage über die Wirklichkeit als in einer Million daumennagelgleicher Bildchen, denn so werden die Bilderserien in der Computersprache ja genannt: thumbnails, Daumennägel. Die Welt ist auf die Größe eines Daumennagels geschrumpft, und selbst dieses Bild ist noch eine digitale Lüge. Hingegen können ein Wort, ein Satz, ein Absatz nicht lügen.”<<

Andere Frage: Seit wann ist Social Hacking eigentlich nicht mehr sowas wie Leistungserschleichung und wohlmeindende Zweckentfremdung gesellschaftlicher Strukturen und Mechanismen, sondern das Ausnutzen der "Sicherheitslücke Mensch"?

5 Responses to “Literatur vs. Digitalismus”

  1. posiputt Says:

    ist dieses (sonst tatsaechlich, urgs, peinliche) gelaber auch ganz sicher kein ironisches?

  2. Donauwelle Says:

    “Denn das ist einer der Schlüssel zum Triumph des Empire: dahin zu kommen, selbst das Gebiet, auf dem es manövriert, im Dunkeln zu lassen; den Plan, nach dem es die entscheidende Schlacht ausführt, mit Stille zu umgeben: den Plan der Vorprägung der Wahrnehmung, der Formung der Wahrzunehmenden. Auf diese Art lähmt es präventiv jegliche Verteidigung von Beginn an und ruiniert sogar die Idee einer Gegenoffensive. Der Sieg wird jedes Mal errungen, wenn sich der Politaktivist am Ende eines harten Tages voll „politischer Arbeit“ gemütlich vor einem Actionfilm niederlässt.”

    http://tarnac9.noblogs.org/post/2008/12/28/aufruf/

  3. gott Says:

    “Hingegen können ein Wort, ein Satz, ein Absatz nicht lügen.”
    solche aussagen gab’s – glaube ich – zuletzt in der bibel, oder wars im koran?

  4. skp Says:

    Diese konservative Angst, den Umbruch nicht begreifen zu können ist für die Linke genauso typisch wie für viele andere und immer noch genauso langweilig wie vor 40, 80 oder 200 Jahren. Es ist immer das selbe und außer einer Anmerkung wie stupide das Ganze ist auch nicht mehr wert.

  5. Donauwelle Says:

    Ein Bild lügt mehr als tausend Worte – aber selbstverständlich kann auch ein Text lügen. M. E. steht im Aufruf jedoch deswegen “Actionfilm” und nicht “Verschwörungsthriller” weil die Lüge im Text besser als solche identifizierbar ist als die im Bild, so wie die Schadsoftware im freien Quellcode im Vergleich zum kompilierten Programm. Es geht aber nicht darum sich hiervon in Panik versetzen zu lassen, sondern diese Schadensfunktion samt ihrer Folgen so herauszuarbeiten dass sie dadurch harmlos gekapselt wird. Lüge in diesem Sinne sind jeder Gedanke und jede Idee, deren Bezug nicht aus eigener Phantasie oder öffentlichen Quellen geschöpft, sondern mittels Überwachungsstaatlichkeit aus dem geistigen Eigentum Dritter geraubt wurde. Ein Werk kann als morbides Plagiat auftreten, ist aber solange es die Legitimität der Quellen wahrt keine Lüge, ein Werk kann als lebensfrohe Unterhaltung daherkommen, sobald seine Subtexte sich illegitimer Quellen bedienen hat es zweifelsohne als Lüge zu gelten. Die Definition der Lüge über die Informationstheorie statt über die Verantwortungsethik ermöglicht eine Klassifizierung des damit verbundenen Risikos: Einen Film zu konsumieren dessen Drehbuch aus überwachungsstaatlichen Raubdaten inspiriert ist stellt das geistige Äquivalent zum Verzehr genmanipulierter Nahrungsmittel dar – die Auswirkungen der unlauteren Informationsverpflanzung an den selbstbestimmten Informationsflüssen vorbei auf den eigenen Informationshaushalt sind potentiell zu weitreichend um als geringfügig gelten zu können. Der generationenübergreifende Einfluss des Überwachungsstaates auf die Kultur ist eine Zivilisationskatastrophe welche sich selbst als Plan inszeniert, die Hegemonie der panoptischen Lüge eine Schadensfunktion die tatsächlich eine Gefahr birgt menschliche Kreativität lahmzulegen und auszulöschen. Die Verheerungen bei der geistigen Artenvielfalt sind bereits heute mit bloßem Auge zu erkennen.

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