Im Dickicht von Sklavenhandel und Geschichte

November 1st, 2010

In der aktuellen Ausgabe der iz3w schreibt Simon Brüggemann über Veröffentlichungen zum arabischen und innerafrikanischen Sklavenhandel, der bislang trotz seiner Ausmaße und Dauer wenig Beachtung gefunden hat, und bemerkt zu Egon Flaigs “Weltgeschichte der Sklaverei”:

>>In ihr räumt er dem arabisch-muslimischen Sklavenhandel zwar einen großen Stellenwert ein und fasst teilweise bereits seit den 1980er Jahren vorliegende, aber kaum beachtete Forschungsergebnisse zusammen. In diesem Kontext versteigt Flaig sich aber auch zu der These, der europäische Kolonialismus sei eine “humanitäre Intervention” gewesen, welche die Sklaverei in Afrika beendet habe. (…) Da der Autor dem Islam zudem unterstellt, grundsätzlich zur Sklaverei zu neigen, erhielt er Zustimmung aus dubiosen islamkritischen Kreisen, die sein Buch tagespolitisch nutzbar zu machen versuchten.<<

Im Folgenden geht es dann vor allem um "Der verschleierte Völkermord” des Anthropologen und Ökonomen Tidiane N’Diaye, das Brüggemann für “nicht gerade das herausragendste Buch” hält, dem er aber attestiert, materialreich und in Fragen von Ökonomie und Religion korrekt zu sein:

>>Zudem sei mit dem Koran auch nicht zu erklären, warum die Versklavung von SchwarzafrikanerInnen erfolgte, die zum Islam konvertiert waren. (…) Da der Koran keine rassische Hierarchisierung kenne, sei der Islam erst während der Versklavungen als ideologische Rechfertigung für die schon bestehende Praxis nutzbar gemacht worden.<<

N'Diaye fällt dann aber, so Brüggemann, wieder “hinter die eigenen Erkenntnisse zurück”:

>>Warum redet er von “Müßiggängern und Wüstlingen orientalischer Prägung”, die “arbeitsscheu” seien, ihre Zeit mit “Palavern, Speisen, Rauchen und Beten” verbrächten, wenn er vorher die ökonomische Motivation betont hat? Ein anderes Beispiel: Die Araber wollten “aufgrund ausschweifenden Lebensstils und ihrer Faulheit nicht auf die Arbeitskraft und das Blut dienstfertiger Menschen verzichten.” Solche ethnischen Charkterisierungen sind nicht nur deshalb unnötig, weil N’Diaye selbst schlüssigere Erklärungen anbietet.<<

Gut, daß Brüggemann diese Widersprüche in den diskutierten Büchern herausstellt. Aber er selbst schreibt, die ethnischen Zuschreibungen seien “unnötig”, statt sie falsch zu nennen, und er spricht davon, daß angesichts von Diayes “Tiraden gegen angebliche Volkscharaktere” zu befürchten sei, “dass sie etwa in der Islamdebatte missbraucht werden.” Wenn Diaye aber arabische Faulheit zu einer Ursache der Sklaverei erklärt, müssen die Moslemfresser nichts missbrauchen, sondern können ihn einfach zitieren, oder?

7 Responses to “Im Dickicht von Sklavenhandel und Geschichte”

  1. Donauwelle Says:

    Aristokratie ist kein arabischer Sonderweg, auch wenn ihre Symptome hier so dargestellt werden. Selbst hierzulande ist sie noch nicht völlig beseitigt und in der gegenwärtigen deutschen Regierung sogar krass überrepräsentiert. Die Abschaffung der Aristokratie war das Leitmotiv des Aufstands in Thailand. Die arabische Aristokratie zeichnet sich allerdings dadurch aus dass sie in einer ähnlichen wechselseitigen Abhängigkeit mit den Eliten Nordamerikas verschränkt ist wie die Sklavenhalter der Südstaaten vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Wer zwischen diese beiden Gruppierungen den Apfel rollen möchte muss achtgeben damit nicht allgemein aristokratische Interessen zu bedienen.

  2. rolfes Says:

    die debatte in deutschland gewinnt durch dieses buch nicht an qualität. soviel steht fest.
    warum der autor aber in einer zeitung wie der iz3w explizit betonen soll, dass ethnische charakterisierungen falsch seien, wird mir nicht ganz klar, ist das bei der leserschaft überhaupt nötig? die bezeichnung unnötig taucht übrigens in diesem kontext auf:

    “Solche ethnischen Charakterisierungen sind nicht nur deshalb unnötig, weil N ́Diaye selbst schlüssigere Erklärungen anbietet”

    was sich gleich weniger dramatisch liest

  3. classless Says:

    @ Rolfes

    Das hab ich ja selbst zitiert. Und dramatisch oder nicht – mir ging es auch darum zu sagen, daß in diesem Kontext nichts als selbstverständlich gelten kann.

  4. rolfes Says:

    äh ja, man sollte nicht gefangen im marihuana jungle schnell nen comment schreiben, hatte ich glatt überlesen. und das es in dem kontext, also der diskussion um arabischen sklavenhandel, nicht selbstverständlich ist, da stimme ich dir zu. ich meinte aber eher das es in der iz3w und ihrer leserschaft nicht unbedingt nötig ist, dies als falsch zu bezeichnen, weil es sowas wie ne grundlage ist und man sich wohl leider keine illusion machen muss, dass die iz3w über gewisse kreise hinaus gelesen wird (oder liege ich da falsch?). beim zweiten punkt stimme ich dir schon viel eher zu, wobei ich das buch selber mal kurz angelesen hatte und diese ethnischen charakterisierungen auch nicht unbedingt als ursache angeführt werden, sondern irgendwie konzeptlos dazu gereicht werden. es wird überhaupt nicht klar, warum diaye das anführt, halt irgendwie, öhm ja, unnötig. wie auch immer, einer der wenigen artikel aus linker sicht zu dem thema bisher, deshalb sehr erfreulich.

    was donauwelle allerdings mitteilen will, kapier ich nicht.

  5. bigmouth Says:

    ich fürchte, du überschätzt die linke

  6. Donauwelle Says:

    @rolfes – Wenn die arabischen Eliten der Ignoranz gegenüber der amerikanischen Arbeitsethik bezichtigt werden, dann liegt darin zwar ein politisches Spaltpotential, doch das ist den Preis der Affirmation dieser Sklavenmoral nicht wert. Ich sehe hier jedoch keine ethnische Erscheinung, sondern es trifft auf jede Gesellschaft zu deren herrschende Klasse auf dieselbe Weise strukturiert ist wie gegenwärtig in Arabien.

  7. jogi Says:

    in der brandneuen iz3w geht die debatte übrigens weiter mit einem halbgaren beitrag, den winfried rust dann aber entsprechend würdigt in einem weiteren debattenbeitrag.

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