Oben gegen unten, drinnen gegen draußen, zusammen gegen die Fesseln des Kapitals

December 19th, 2010

>>Gerade bei den Besserverdienenden ist die Ansicht verbreitet, »weniger als ihren gerechten Anteil zu erhalten«. Das spiegelt sich darin wieder, dass »Höherverdienende Langzeitarbeitslose mit 50 Prozent deutlich mehr abwerten, als Befragte in niedrigeren Einkommensgruppen dies tun«.<<

Roger Behrens: Eure Armut kotzt sie an.


Kaveh – Nur ein Augenblick? Antwort auf Harris

>>… gemeinsam ist das Ziel, ist ein gegen die negative Souveränität gerichteter positiver, inhaltlich verstandener Universalismus, der den Souverän aus seiner Fesselung an Manager, Banker und Spekulanten im besonderen, aus seinen westlichen Wurzeln im allgemeinen »befreit«, diese Welt also von ihren allergrößten Übeln erlöst. Ein derartig »entfesselter« Souverän, von dem man glaubt, unter ihm ließe sich derselbe Reichtum wie unter dem alten produzieren, kann aber nur als Abstraktion von der Realität, als Kopfgeburt »existieren« – also als Wahn, der nur deshalb nicht als solcher medizinisch diagnostiziert wird, weil er die Normalität repräsentiert, in der die meisten Subjekte sich in ihren Phantastereien bewegen.<<

Manfred Dahlmann: Kultur ist Zwang

6 Responses to “Oben gegen unten, drinnen gegen draußen, zusammen gegen die Fesseln des Kapitals”

  1. blomquist Says:

    Du stellst hier Texte nebeneinander, die widersprüchlicher nicht sein könnten. Absicht?

    Für Dahlmann ist der Westen rein ideell der Hort der (kapitalistischen) Freiheit und Gleichheit. »Kultur«, für ihn immer reaktionär, verortet er bei den nicht-westlichen Flüchtlingen. Dahlmann knüpft deshalb die »Legalisierung ihres Aufenthaltes« an die Bedingung der »Distanzierung von hergebrachten Autoritätsverhältnissen«. Man fragt sich, wie man sich das vorzustellen hat und was der Unterschied zur deutschen Forderung nach »Integration« ist.

    Ferner meint Dahlmann, der Erfolg des Kapitalismus zeige, dass die Menschheit ohne »Sitten, Gebräuche und Traditionen« auskomme. Auch hier wieder der durchkapitalisierte Westen als Ort, in dem nur noch formale, inhaltslose Freiheit und Gleichheit jenseits von spezifischer »Kultur« herrschten. Das ist besonders im Kontext der »Integrationsdebatte« kontrafaktisch: Diese dreht sich um ein Bekenntnis zur alleinigen Herrschaft der »deutschen Kultur«, nicht zur alleinigen Herrschaft des Kapitalsouveräns, wie Dahlmann es Flüchtlingen abverlangt.

    Das hatte Roger Behrens (http://jungle-world.com/artikel/2010/49/42233.html) treffender herausgearbeitet: Die deutschen Werte seien eine Melange »kulturnationalistischer Hegemonie, Christentum, Halbbildung und Ressentiments«. Streitpunkt der Integrationsdebatte ist für ihn »das konservative Bekenntnis zur Tradition« – die Tradition, die im Kapitalismus Dahlmanns gar nicht mehr existiert. Dahlmanns Erklärung ist, dass alle Kapitalsubjekte den unverstandenen Kapitalsouverän entfesseln wollen, indem sie den inhaltlosen Universalismus durch einen inhaltlich bestimmten ersetzen (siehe dein Zitat).

    Der Rassismusbegriff muss sich bei dieser Theorie notwendigerweise darin erschöpfen, dass ein Staat bestimmt, »wer sich wie auf seinem Territorium ökonomisch betätigen darf«. Andere »Ideologiekritiker« gehen da einen Schritt weiter, sie leugnen die Existenz von Rassismus schlicht, weil »Rasse« kein Kriterium der Kapitalverwertung ist. Das zeigt vielmehr, dass solche Gesellschaftsanalyse an einem toten Punkt angekommen ist.

    Dagegen ist Kaveh die richtige Antwort: Dahlmann kennt ihn nicht, diesen »Scheiß Kanacke«-Blick, sonst würde er nicht versuchen, ihn mit einer idealisierenden Theorie des kapitalistischen Souveräns zu erklären und ihn darin ohne weitere Betrachtung unter antikapitalistischen »psychotischen Wahn« abzuheften, der links, postmodern und islamistisch zugleich ist.

  2. classless Says:

    “Du stellst hier Texte nebeneinander, die widersprüchlicher nicht sein könnten. Absicht?”

    Ja und nein: ja, es ist Absicht, aber nein, für mich ist das Widersprüchliche daran nicht ausschließend, wie du es zu verstehen scheinst. Daß die Forderung, die das Kapital an die Menschen stellt, von diesen nicht erfüllt werden kann, heißt z.B. nicht, daß sie’s nicht versuchen würden. Daß ich Kaveh zu 95% zustimme, heißt nicht, daß ich die letzten Zeilen überhören muß, die (auch) seinen Wunsch ausdrücken, der Forderung von Kapital und Tradition zugleich zu entsprechen. Und daß ich Dahlmann mit dem zitierten Stück recht gebe, daß leider die meisten zu vernehmenden offenen oder uneingestandenen Konzepte von Veränderung auf die kundigere Kapitalhaltung zielen, heißt nicht, daß ich ihn als den Kritiker aus der Schußlinie nehme, der Prozeß und Ziel in eins setzt.

    Der “Witz” war wohl wieder nicht gut; ich muß ihn erklären.

  3. Kaveh: „Nur ein Augenblick? (Antwort auf Harris)“ Says:

    [...] Classless Kulla habe ich eben eine Gegenstimme aus dem Hip-Hop entdeckt. Der iranischstämmige Berliner Kaveh [...]

  4. Donauwelle Says:

    Apropos Deutschland…

  5. edgar allen flow Says:

    @ blomquist

    Als würde jede Rap-Musik, die etwas als schlimm kennzeichnen, den Flow jedoch nicht hinten runterfallen lassen will, nicht sich bereits der Lächerlichkeit preisgeben, ist an dem Song auch inhaltlich gar nichts hochzuhalten. Ich werde schlicht wütend, wenn, wie in den ersten ca. zwei Minuten, gefühlig Selbsthass provoziert werden möchte (Ach nein, die ersten anderthalb Minuten sind ja Phrasen-Intro). Keineswegs ist es notwendig zu “erleben”, um zu verstehen. In dem widersprüchlichen Ausspruch “uns über einen Kamm schweren” wird die Trotz-Reaktion, sich mit dem letzten Scheiß an eben auch reaktionären Parallel-Gesellschaften zu identifizieren deutlich.
    Darauf folgen Rationalisierungen, Relativierungen, von den “Verbrechen der Banken” und dem dabei aus den Sätzen angedeuteten Dollar-Zeichhen ganz zu schweigen.
    Dachte eigentlich mit kaveh seit langem mal wieder einen Höhepunkt in Sachen Hässlichkeit gefunden zu haben; unglaublich, wie mono für alle! dies noch zu toppen vermochte.

  6. Donauwelle Says:

    Du hast wohl das Stück auf das es eine Antwort ist nicht gehört.

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