Die Bahamas und die kommenden Aufstände

May 23rd, 2011

Inkohärente Stichwortsammlung mit Anmerkungen,
entstanden im Nachklang zur Bahamas-Veranstaltung „Avantgarde des Selbsthasses“

Gastposting von Eric Ostrich

Nicht primär die beachtliche Länge des Abends – immerhin haben im Ganzen drei Referenten geredet und zwei davon recht ausführlich – macht einen Bericht über die von der Bahamas organisierte Veranstaltung “Avantgarde des Selbsthasses – ‘Kommende Aufstände’ als postmoderne Erben von Anarchismus und Situationismus” jüngst am 17. Mai im Max und Moritz schwierig, soll er einigermaßen linear und kohärent sein und nicht selbst ausufern. Vielmehr entsteht die Schwierigkeit dadurch, daß es dem Schreiber des vorliegenden Texts nicht gelingen wollte, zu fassen, was die drei Referenten – Sören Pünjer, Niklaas Machunsky, Magnus Klaue – im Innersten zusammenhielt (außer einer bei allen entschiedenen, aber offenbar unterschiedlich motivierten Ablehnung dessen, was unter dem immer diffusen Begriff der deutschen Linken jeweils verstanden wird, und des aus Frankreich kommenden Texts ‘Der kommende Aufstand’) – sowohl in ihrem Verhältnis zueinander als auch jeweils für sich selbst. Zwar nahmen alle drei den angekündigten gemeinsamen Ausgangspunkt, der mit der Debatte um die deutsche Ausgabe von ‘Der kommende Aufstand’ wohl ausreichend korrekt bezeichnet ist. Abgesehen aber von der Hauptironie, daß die Veranstalter selbst am Ende etwas ratlos feststellen mußten, eben diese Debatte sei nun eh schon wieder verebbt, sprachen Pünjer, Machunsky und Klaue manchmal über je Grundverschiedenes und taten dies innerhalb ihrer Beiträge zudem in einer Art von Sprunghaftigkeit, deren Entstehungsgrund vielleicht Magnus Klaue selbst genannt hat, indem er am Anfang seines Vortrags darauf hinwies, daß zumindest er – in Anspielung auf einen kleinen Text von Kleist – so etwas versuchen werde wie eine allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.

Deswegen soll hier kein Bericht über die vielleicht ohnehin letzte Berliner Veranstaltung über ‘Der kommende Aufstand’ vorgelegt werden, sondern, dem Fehlen an innerer Struktur und Kohärenz des Abends ensprechend, anhand einiger lose angeordneter und nicht ohne Willkür ausgewählter Stichworte, die im Verlauf der Veranstaltung gefallen sind, auch hier ein wenig symptomatisch sinniert werden, in der Hoffnung, daß sich der eine oder andere Gedanke, der sich hier möglicherweise versteckt, als Flaschenpost auf den Weg zu unbekannten Ufern macht. Vorausgeschickt sei noch, daß es ein Mißverständnis wäre zu meinen, die hier berührten Charakteristika und Vorgänge seien welche, durch die sich die – ansonsten auch schon, vor allem in der effektvollen Eindämmung gewisser Exzesse “der” Linken, verdienstvolle – Zeitschrift Bahamas oder die behandelten Referenten des Abends auszeichneten. Eher wird hier der Versuch unternommen, exemplarisch ein Milieu zu betrachten.

Seitenzahlangaben zu ‘Der kommende Aufstand’ beziehen sich auf die hier abrufbare PDF-Version.

Der kommende Aufstand Cover

Arbeit Kommt in ‘Der kommende Aufstand’ vor, an diesem Abend praktisch jedoch nicht – außer in der Erwähnung, daß es in dem französischen Text auch ein Kapitel zum Thema Arbeit gebe, und immer, wenn das Wort “Arbeitermarxismus” verwendet wurde.

Arbeitermarxismus Eine an diesem Abend oft genannte, der Linken zugeordnete Richtung, die das Lob zugesprochen bekam, im Unterschied zu ‘Der kommende Aufstand’, der nicht argumentieren wolle und deswegen “nicht zu kritisieren” sei, mit “Begriffen und Kategorien” zu “arbeiten”. Selbst wenn “der Arbeitermarxismus” einen “ontologischen Proletariatsbegriff” habe, also meine, “daß das handelnde Proletariat am Ende ohnehin siegreich” sein werde, könne er doch die Taten des Subjekts bewerten und Fehler erkennen. Der “Arbeitermarxismus” könne daher zum Beispiel ein Pogrom immerhin als “Irrtum” analysieren. Bei ‘Der kommende Aufstand’ und in der Wirklichkeit gebe es hingegen keine Analyse, stattdessen heiße es dort immer nur: “Wir sind wütend”, ohne weiteren Grund, wie in dem Beispiel, das Machunsky zur Illustration folgen ließ: “Irgendwelche Leute werden von der Polizei umgebracht. Und dann heißt es: ‘Wir sind wütend.’”

Argumente fehlen sowohl Magnus Klaue als auch Niklaas Machunsky bei dem Text ‘Der kommende Aufstand’ (siehe vermutlich auch Sinnieren).

Ausnahmezustand Offenbar schwer verwendbarer Begriff, der sowohl mit Carl Schmitt als auch mit Walter Benjamin zu tun habe und in ‘Der kommende Aufstand’ vorkomme, wo wiederum nicht genannt werde, von welchem der beiden Autoren, die, um es zu verkomplizieren, ihrerseits textlich miteinander verbandelt waren, das ‘Unsichtbare Komitee’ den Begriff denn nun übernommen habe – eine sich durch den Text ziehende Verfahrensweise, die Magnus Klaue als “problematisch” und als “Strategie” bezeichnete, der seinerseits immer darauf hinwies, wenn er etwas Kleist, Lenk, Benjamin, Adorno beziehungsweise der “frühen Kritischen Theorie” oder Habermas entnahm. Für Machunsky ist der Fall, soweit man dies an diesem Abend erfahren konnte, eindeutig: Der Einfluß ist rechts-konservativ beziehungsweise nationalsozialistisch. – Nicht geklärt wurde die Frage, woher das “Kollektiv von Einverständigen”, an das sich ‘Der kommende Aufstand’ richte, weiß, ob es zum Beispiel an diesem Punkt nun Benjamin oder doch eher Schmitt folgen solle.

Barbarei Sei, was drohe, wenn die Herrschaft des Kapitals durch Lohnarbeit durch eine andere Herrschaftsform abgelöst werde. Erstere habe den Vorzug der Vermittlung, die zweite sei unmittelbare Gewalt. Diese “negative Aufhebung des Kapitals” geschehe nicht von alleine, es brauche auch Leute, die diesen “letzten Schritt in die Barbarei” tun. Das ‘Unsichtbare Komitee’ wollten diese Leute sein, so Machunsky.

Bombenlegen Laut Niklaas Machunsky ein Endergebnis von ‘Der kommende Aufstand’: “Am Anfang steht die Beschreibung: Die Welt ist schlecht. Und dann geht’s los. Mit Bombenlegen.” (Vgl. dazu zum Beispiel: ‘Der kommende Aufstand’, S. 86f)

Cord Riechelmann Kam quantitativ beinahe so häufig vor wie Felix Klopotek. Grund: Aus der Flut von euphorischen und begeisterten Besprechungen des Buchs ‘Der kommende Aufstand’ querbeet in allen linken Medien und über Wochen hinweg (siehe die Archive der taz, Jungle World, Freitag, Neues Deutschland, Stressfaktor, konkret etc.) wurde der Text des Biologen Riechelmann ausgewählt, weil dieser die von Wie-heißt-er?-“Thumfart” vorgebrachte Meinung, ‘Der kommende Aufstand’ sei “deutsch” und “rechts-konservativ” in Zweifel zog. Deswegen, so Machunsky, sei Riechelmann entweder “dumm” oder “intellektuell unredlich”, weil doch in ‘Der kommende Aufstand’ das Wort man sehr häufig vorkomme und außerdem die Gruppe Tiqqun etwas mit Agamben und Badiou und Agamben wiederum mit Schmitt sowie Badiou mit Heidegger zu tun habe.

Depression Wichtig für Magnus Klaue. Im Zuge ihrer Denunziation von “Selbstidentität”, so Klaue, komme das ‘Unsichtbare Komitee’ zu einer Polemik gegen die Medizin und das in der Nachfolge der Anti-Psychiatrie. Als Beispiel dafür nannte er den Satz aus dem französischen Text “Wir sind nicht depressiv, wir streiken”. Klaue meinte weiter, das Komitee meine, wer Medikamente nehme, trete in eine “Allianz mit dem Klassenfeind – oder wie auch immer man sich das auch vorstellen mag”. (Vgl. dazu ‘Der kommende Aufstand’, S. 17f) Hier wie auch anderswo in dem Text verbinde sich beim ‘Unsichtbaren Komitee’ – als “sprachliche Einheit” – die Denunziation des Gegenstandes mit seiner Affirmation, indem jeweils “der Zustand zugespitzt werden soll”. Beim Beispiel der Depression hieße das bei ‘Der kommende Aufstand’, gelesen von Magnus Klaue: “Erfahrung des Leidens ist Wahrheit.” (vgl. ‘Der kommende Aufstand’, vor allem S. 65f).

Deutsche Qualitätsarbeit Sei ‘Der kommende Aufstand’, sagte Niklaas Machunsky und meinte damit wohl eher Schmitt als Benjamin (siehe zur Schwierigkeit dieser Frage: Ausnahmezustand).

Felix Klopotek An diesem Abend vermutlich meistgenanntes Individuum, weil er bei einer Veranstaltung in Köln zugegen war, aber nicht, weil er einmal in einem längeren Text versucht hat, der Verbindung von ‘Der kommende Aufstand’ zu Sorel nachzugehen und Letzteren kritisch zu erklären. Wurde an diesem Abend nicht nur allgemein der Linken zugeschlagen, sondern im besonderen auch dem „Arbeitermarxismus”. Der vom Podium referierten Ansicht von Klopotek, das ‘Unsichtbare Komitee’ kokettiere an keiner Stelle mit der Gewalt zum Beispiel in den Banlieues, sondern nehme sie nur eher wenig erfreut zur Kenntnis, wurde von Niklaas Machunsky scharf widersprochen: Diese Ansicht sei “einfach nur lächerlich”, unter anderem weil die Unruhen in den Banlieues der konkrete Anlaß für die französische Schrift gewesen seien, das Ganze also schon mit der Barbarei begonnen habe.

Freunde und Freundinnen der klassenlosen Gesellschaft Kamen von allen Gruppen und Individuen, die an diesem Abend der Linken zugeordnet waren, am besten weg. Grund: Sie seien bei einer Veranstaltung der Gruppe TOP zu dem Text ‘Der kommende Aufstand’ im Berliner Veranstaltungsort Festsaal Kreuzberg positiv aufgefallen, weil sie sich von allen auf dem Podium Vertretenen als einzige als “Kritiker” von ‘Der kommende Aufstand’ erwiesen hätten.

Geschlechterverhältnis Laut Magnus Klaue auch eine “interessante” Frage, die man anläßlich ‘Der kommende Aufstand’ stellen könne, da der Text ein “abstoßendes Geprotze” sei, durchzogen von “Virilität”. Es kämen pemanent “Revolutionäre” vor, die “aktiv, protzig, gesund” seien und sich “durchsetzen” wollten. (Antworten zu dieser Frage siehe ‘Der kommende Aufstand’, zum Beispiel S. 22f, 59, 65f, aber auch S. 9-89)

Jungle World Wochenzeitung aus Berlin, die seit der deutschen Veröffentlichung von ‘Der kommende Aufstand’ auffällig häufig per E-Mail als Manifeste bezeichnete Texte zugeschickt bekomme – so Magnus Klaue, der für diese Zeitung arbeitet.

Linke, die Wie nicht anders zu erwarten (siehe: Links und rechts), ein Thema, das so bei Klaue kaum vorkam, bei Machunsky hingegen gleich als “mein Thema” angekündigt wurde. Außer um am Kiosk frei erhältliche Zeitungen wie die taz oder Jungle World ging es hier viel und oft um die als repräsentativ genommenen Individuen Felix Klopotek, Cord Riechelmann und, etwas allgemeiner, um “unterschiedliche Linke” (Machunsky), denen gemeinsam sei, daß sie sich sämtlich ohne Aussicht auf Erfolg in Rückzugsgefechten und Abwehrkämpfen befänden, weshalb sie allesamt in den Bann des französischen Texts ‘Der kommende Aufstand’ geraten seien. Der Text habe für Linke dieselbe Wirkung wie “Speed für Rentner” (Machunsky). Die Absicht des ‘Unsichtbaren Komitees’, was die Linke betreffe, sei, dort “die nationalsozialistische Ideologie aufzunehmen”. Hier gehe Thumfart nicht weit genug, für den ‘Der kommende Aufstand’ nur rechts-konservativ sei. Die Linke sei für eine solche Aufnahme auch prädestiniert, weil sie sich besonders weit in die Krise einfühle. Linke glaubten, man hätte nichts zu verlieren, die Katastrophe sei eh schon da, deswegen solle sie auch weiter bleiben.

Links und rechts Offenbar ein Punkt der Uneinigkeit auf dem Podium: Während Niklaas Machunsky das erste Mal schon gleich zu Beginn mit Nachdruck einem sozialdemokratischen Autoren recht geben wollte, dessen Namen er vergessen hatte (“Thumfart”, half ihm Magnus Klaue), dem aber von einem anderen Autoren namens Cord Riechelmann an folgendem Punkt widersprochen worden war: daß nämlich der Text ‘Der kommende Aufstand’ des Unsichtbaren Komitees von “deutscher Ideologie” mittels “Heidegger” und “Schmitt” geprägt und somit “rechts-konservativ” sei – während also Machunsky, der vom Publikum aus gesehen links saß, dadurch den Begriffen rechts und links zur Beschreibung und Wertung politischer Vorgänge Brauchbarkeit zusprach, war dies für Magnus Klaue, rechts, ein Unterfangen, das er für “völlig sinnlos”, eine Frage, die er für “substanzlos” erachtete, einzig als Begriffspaar in einer “Dialektik der Barbarisierung” könne man damit was anfangen: Die Linke sei dabei zuständig für Umstürze, um neue Gebiete zu erschließen, die noch nicht unterworfen sind (siehe ähnlich: ‘Der kommende Aufstand’, unter anderem S. 56); die Rechte hingegen erledige das dazu komplementäre Geschäft der Privilegiensicherung.

Man Begriff von Heidegger, der an diesem Abend recht häufig verwendet wurde.

Manifest Wurde als Textform in einem eingeschobenen Kurzvortrag als literarische Form von Magnus Klaue historisch-kritisch erläutert. Ein Kennzeichen sei, daß beim Manifest Sprache in Handlung umschlagen solle, wodurch es auch einen barbarischen Aspekt beziehungsweise eine solche Tendenz beinhalte. Es sei der bürgerlichen Gesprächskultur, welche den Beigeschmack des Geschwafels habe und bei Habermas noch als Raisonnement auftauche, entgegengerichtet. Die Geschichte des Manifests habe aber eine Art Ende im Dadaismus erreicht, der die Form ad absurdum geführt habe, indem er den Gestus der Proklamation erhalten, aber den Inhalt weggelassen habe. Heute sei die Zivilgesellschaft vom Mitmachen geprägt, es würden beständig Verlautbarungen verlangt, Äußerungen mit Manifestcharakter seien mit dem Konformismus verschmolzen. (Siehe ganz ähnlich ‘Der kommende Aufstand’, S. 15-18 und 58f) Dies sei auch der Kontext und Grund, warum es dazu kam, daß ‘Der kommende Aufstand’, den Magnus Klaue offenbar an dieser Stelle der Textform des Manifests zurechnete, eine hohe Auflage erzielen habe können.

Plündern Day The Eart Stood Still

Plündern Wolle das ‘Unsichtbare Komitee’ immer. Ihr Ziel sei die “Verewigung der Plünderung”, die Beute soll dabei die Leute zusammenhalten. (Vgl. dazu ‘Der kommende Aufstand’, S. 70) Aus diesem Grund wollten sie auch Kommunen gründen, die ihren Lebenszweck darin fänden, sich künftig gegenseitig zu überfallen. Die Hackordnung in den Kommunen sei “nach Art der Wölfe”, auch die Solidarität in ihnen sei “die Solidarität der Wölfe”. Die Mitglieder dieser Kommunen seien keine Individuen, sondern stellten einen Mob dar – “wie bei allen Faschisten”. Das größere Ziel sei, im ewigen Elend den Kampf gegen die Zivilisation, den Westen und die Demokratie zu führen. (Vgl. ‘Der kommende Aufstand’, zum Beispiel Seite 67f)

Revolution A) könne sie, laut Niklaas Machunsky, statt vom “revolutionären Subjekt”, “nur von denen gemacht werden, die sie wollen”; b) sei sie falsch, wenn bei ihrer Durchführung die Vorstellungen “Spontaneität der Massen” oder “Partei” vorkämen. Zu empfehlen sei, daß man jede Hoffnung, zum Beispiel auf das “revolutionäre Subjekt”, fallen lasse und die “Welt mit nüchternen Augen” ansehe; c) dürfe “die Revolution” “nur gegen die Aufstände” beziehungsweise “für die Aufstandsbekämpfung” stattfinden (siehe außer zu Punkt c) ähnlich: ‘Der kommende Aufstand’, S. 9-89). – Magnus Klaue wollte Niklaas Machunsky nicht widersprechen, auch nicht hinsichtlich der Frage des “Kampfes”, sondern widmete sich dem Begriff “Revolution” stattdessen gleich anhand dessen, was Walter Benjamin, aber auch Adorno und die “frühe Kritische Theorie” darüber geschrieben hätten. Bei Benjamin et alii entziehe sich der Begriff Revolution vor allen Dingen jeder Einteilung in links und rechts und er sei von vornherein widersprüchlich: Zum einen sei der Umsturz der Verhältnisse wie der erste Tag, zum anderen sei die Vorstellung bei Benjamin hier auch messianisch und wolle die Wiederherstellung des Ältesten beziehungsweise Ersten (das Fachwort hierzu lautet: Apokatastasis). Es ginge eher um Rettung oder Erlösung und nicht um Fortschritt, die Revolution sei keine Entfesselung, sondern eine Mortifikation, was man auch mit Stillstand bezeichnen könne. Adorno beziehungsweise die “frühe Kritische Theorie” ergänze, daß es aber überhaupt die Frage sei, ob man den Begriff der Revolution angesichts der Geschichte, einer “Akkumulation von Leichen” (Adorno), noch verwenden dürfe. Deswegen sei der Rekurs auf ein Eingedenken der Toten notwendig, um der in der Revolution liegenden Tendenz zur Barbarei zu begegnen (später an diesem Abend in ähnlichem Sinne aus dem Mund von Magnus Klaue durch Walter Benjamin ergänzt: Revolution solle mit Trauer oder Melancholie einhergehen). Ein Adressat in Hinblick auf die Revolution könne jedenfalls nicht mehr benannt werden, das Bild der Flaschenpost erfasse diesen Umstand. Erreichen würde eine “freie Kollektivität” bestenfalls der Einzelne, der herausfällt (in diversen Aspekten recht ähnlich: ‘Der kommende Aufstand’, ebd.). Hingegen wisse man bei ‘Der kommende Aufstand’ gar nicht genau, an wen der Text sich mit welcher Nachricht richte, außer an ein weiter an diesem Abend nicht beschriebenes “Kollektiv der Einverständigen”, an das der Text appelliere, was er zudem suggestiv tue. Ohnehin spielten beim ‘Unsichtbaren Komitee’ all diese Fragen nach Magnus Klaue keine Rolle.

Revolution (arabische) Kam an diesem Abend zwar vor, aber nicht sonderlich gut weg, zumal “wir die Gründe dieser arabischen Aufstände nicht durchschauen” (Klaue). Noch schlechter beurteilt wurden aber die in den hiesigen Breitengraden von diesen Aufständen Begeisterten, die wiederum umstands- und erläuterungslos mit denen gleichgesetzt wurden, die ein nicht abwehrendes Interesse an dem Text aus Frankreich, ‘Der kommende Aufstand’, gezeigt haben. Die Erwähnung der Werbung eines Reiseveranstalters für Tunesien – “Kommen Sie ins Land der Revolution” – war Anlaß, den Begriff “Revolutionstouristen” einzuführen – allerdings nicht in der Absicht, damit eine Veränderung im Bereich des zum Beispiel deutschen Pauschal- und Billigtourismus denunzierend zu beschreiben oder den kulturindustriellen Verfall des Begriffs “Revolution” zu denunzieren, sondern um zu der Aussage überzuleiten: “Das sind dieselben Leute, die vorher ‘Der kommende Aufstand’ bewundert haben.” Denen allen, also den Menschen, die einen “Hype” um die arabischen Aufstände herbeigeführt hätten, einerseits wie auch den nicht abgeneigten Lesern von ‘Der kommende Aufstand’ andererseits (die aber an diesem Abend, wie gesagt, als eins genommen wurden), wurde als “pathologisches Phänomen”, also als so etwas wie Depressionen, attestiert, daß sie Projektionen verfallen seien, die in der “Ödnis” und “Starrheit” ihres jeweils eigenen Lebens eine Ursache hätten.

Revolutionstheorie An diesem Abend nicht herbeizitiert, aber erläutert in Bahamas Nr. 61 (vor allem S. 38-39). Demzufolge “eine bitter nötige Disziplin”, die in Konkurrenz mit dem ‘Unsichtbaren Komitee’ und anderen Revolutionstheoretikern betrieben werden müsse, wegen denen “die Hochdruckreiniger der Republik, die Nicolas Sarkozy vor über fünf Jahren im Gangland einzusetzen versprochen hatte, nicht zum Einsatz kommen”. Die dem in diesem Kontext angeführten Problem “der sichtbaren Komitees der moslemischen Brüder in den Banlieues” offenbar aber ohnehin nicht zu Leibe rücken hätten können, denn dieser Spuk “kann nur beendet werden, wenn ihren sichtbaren und unsichtbaren Rationalisierern das Handwerk gelegt wird, und das ist keine Frage der Gewalt, sondern der Überzeugungskraft von Ideologiekritik”. Nicht geklärt wurde im Heft und auch nicht an diesem Abend, ob auch die “moslemischen Brüder” sich auf diese Art der Auseinandersetzung einlassen und sich, wenigstens im Prinzip, überzeugen lassen würden, was andernfalls möglicherweise die Frage der Gewalt und die “Hochdruckreiniger der Republik” wieder ins Spiel bringen dürfte, um den erwünschten Sieg auch in den “Ganglands” feiern zu können, diesen Sieg, der “nicht nur ein antifaschistischer Schritt zur Unterbindung eines großen Übels, sondern zugleich die Geburtstunde einer anderen Republik, der Beginn der Revolution also” sein soll. (Dies wäre auf dem Weg zum Reich der Freiheit nach aktueller Zählung circa die sechste Republik in Frankreich).

Sinnieren Vorgang, den Niklaas Machunsky bei dem französischen Text ‘Der kommende Aufstand’ hinsichtlich des stummen Zwangs der Verhältnisse vermißt.

Situationistische Internationale Waren auch ein Thema des Abends, weil sie “als Vorläufer des ‘Unsichtbaren Komitees’ gelten”. Daß dies richtig sei, könne man schon daran sehen, daß Wörter wie “Spektakel” in ‘Der kommende Aufstand’ vorkämen. Falsch sei bei den Situationisten nach Machunsky, daß “sie Gründe geben wollten für das, was im Aufstand gesucht wird” – entlang der Motti: “Sie hatten recht, schon bevor sie etwas getan hatten” oder “Sie wissen es nicht, aber sie tun es”. Der Aufstand wurde in diesem Zusammenhang als “Naturereignis” bezeichnet. Ob dies die Ansicht Machunskys oder ein Vorhalt gegen die Situationisten war, muß hier offen gelassen werden. Siehe als Beispiel für all diese Vorgänge auch: Unruhen von Watts.

Tiqqun Eine Zeitschrift aus Frankreich, die es nicht mehr gibt. Steht zum ‘Unsichtbaren Komitee’, den Verfassern von ‘Der kommende Aufstand’, ungefähr in dem Verhältnis wie der Kommunistische Bund zur Bahamas beziehungsweise die Bahamas der 1990er Jahre zu der der 2000er Jahre. Wurde dennoch an diesem Abend mit dem ‘Unsichtbaren Komitee’ identifiziert. Die Texte von Tiqqun solle man “bloß nicht kaufen”, das sei “verschwendetes Geld”, meinte Niklaas Machunsky; man finde sie auch im Internet unter http://www.bloom0101.org/page1.html

Unruhen von Watts Kamen vor, weil die Situationistische Internationale über sie einen Text geschrieben hatte, den Niklaas Machunsky für die Veranstaltung allem Anschein nach gelesen hatte und erwähnen wollte. Machunsky setzte diese Unruhen beim Publikum als unbekannt voraus, deswegen wurden sie von ihm kurz erläutert: Es habe 34 Tote gegeben, damit “war es wohl wirklich ein größeres Ereignis”. Die Menschen von Watts hätten damals “wohl Erfahrungen mit Rassismus gemacht”, was, so wagte Machunsky vorsichtig zu vermuten, wahrscheinlich auch eine Ursache für diesen Aufstand gewesen sei. Die Situationistische Internationale habe aber diese Unruhen falsch betrachtet, indem ihre Mitglieder versucht hätten, in “unkritischer Fürsorge” einen “Sinn in dieses Ereignis zu pressen”. Diesen Fehler hätten die Situationisten begangen, weil sie in der Annahme, daß hinsichtlich eines befreienden Umsturzes eine Theorie wie auch eine handelnde Praxis in der Welt schon vorhanden seien, allerdings getrennt, beim Versuch, diese beiden Seiten zusammenzubringen, sich laufend umgeschaut hätten, “wer gerade das Zerstörungswerk leistet”.

Stummer Zwang der Verhältnisse Werde laut Niklaas Machunsky in ‘Der kommende Aufstand’ behandelt. Er selbst kenne diesen auch. Der von Machunsky in ‘Der kommende Aufstand’ dabei entdeckte Mangel: Die Franzosen bräuchten keine Argumente, “das Unsichtbare Komitee will darüber nicht sinnieren.

Thumfart Vorname: Johannes. Kam nur an einer Stelle vor, an der er vergessen wurde.

Umwelt Die Abschnitte zu diesem Begriff in ‘Der kommende Aufstand’ findet Magnus Klaue “fast noch am interessantesten”, dort seien “zum Teil interessante Ideen” zu finden.

Unheimlich Ist ‘Der kommende Aufstand’ für Magnus Klaue: Aus eigener Erfahrung wisse man ja, das vieles, was in dem Text denunziert werde, richtig getroffen sei.

9 Responses to “Die Bahamas und die kommenden Aufstände”

  1. Teddy3 Says:

    Zusammenfassend lässt sich sagen: Wer eingestandenermaßen unfähig ist, der Entwicklung von Gedanken zu folgen, sollte sich am besten auch des Urteils über sie enthalten, statt mittels allerlei Lustigkeiten seitenweise die eigene Inkompetenz zu kaschieren. Gelle?

  2. life is only better Says:

    “siehe außer zu Punkt c) ähnlich: ‘Der kommende Aufstand’, S. 9-89″

    Sehr schön! Hab mich köstlich amüsiert mit diesem Posting!

  3. jan tölva Says:

    ich wäre gerne zugegen gewesen. bin aber nicht aus dem bett aufgestanden. auch nicht unsichtbar…

  4. bambi Says:

    und z: warum schreibst “du” dann noch wie “die”?!
    ach humor oder was?
    adorneske gramatikbingo_LerInnen wegbuxen!
    bahamas lässt sich nicht ohne hamas schreiben :3

  5. Wolfgang Says:

    Applause(one-hand-clapping) to Eric Ostrich.

    “Language is just a means of getting what one wants.” (U.G.)
    s.a.
    Weirdosophy(a sample):
    The parameters of human thought, according to which people define and describe themselves and others, to which they live by and find their spouses, have no meaning to me.
    And meaning, content is just another self-reassuring parameter.

  6. Der Nikolaus Says:

    Auf der Kölner Veranstaltung, auf die hier Bezug genommen wird, saß der Machunsky rum, durfte, obwohl von wahrlich zähnefletschendem Mob umringt, beinahe die ganze Diskussion dominieren, hat aber außer den unablässig wiederholten Phrasen “Man muss doch erst mal analysieren, in was für einer Welt man lebt, um sie zu ändern” und “Ich will aber nicht mit jedem befreundet sein” keinen einzigen Stich gemacht. Kaum aber ist er unter seinesgleichen, darf also zu seinem Mob sprechen, wird von Hackordnung, Wölfen, Faschisten, Barbarei etc.pp. schwadroniert. Mal so, mal so. So betätigt sich das rundum aufgeklärte Spät-Indiviuduum.

  7. d_l Says:

    Wie zu erwarten gab es da also Schwachsinn zu hören, na das ist ja dann auch irgendeine Art Erkenntnis.

  8. Donauwelle Says:

    Anscheinend kein Wort zur Stürmung der Mukhabharat-Zentrale und der historischen Bedeutung eines solch systematischen Versuchs zur Wiedererlangung des Gedächtnisses, vermutlich nichts darüber dass die “schwarzen Geländewagen” sich als berittene Kamele herausstellten, offenbar keinerlei inhaltliches Verständnis worum es in dem Text von Anfang an geht, die Bezwingung des Totalitarismus der Demokratie, des plagiatorischen Überwachungsstaats. Derartig entfremdete Rezeptionen belegen die These dass der Beitrag der Franzosen als eine Art Magnet für pathische Projektionen fungiert – die Welt darf sich nicht ändern und wenn sie auch in Scherben fällt. ;-)

  9. DWR Says:

    Aus dem, was da unter “Revolutionstheorie” (ich hoffe korrekt) rekapituliert wird, muss man doch folgende einigermaßen gruseligen Positionen des Bahamas-Autors ableiten:

    1. Der Jugendgewalt in den Banlieues kommt man nur bei, wenn man sie nicht “rationalisiert” – wobei unklar ist, was diese psychoanalytische Vokabel in zu ihr nicht passendem Kontext überhaupt heißt: den Tätern rationale Motive unterstellen oder auch schon: ihre womöglich irrationalen Motive in einem rationalen Argument verwenden, das die Gewalt erklärt? Letzteres dürfte es wohl nicht heißen, denn das tut die Bahamas ja (wahrscheinlich) selbst. Ersteres bedeutet: die “moslemischen Brüder” haben keine rationalen Motive. Womit ja die Frage geklärt wäre, ob man ein derartiges Pack “ideologiekritisch” überzeugen könnte…
    2. Bleibt also nur der “Hochdruckreiniger der Republik” – also eine große Exekutivaktion des bürgerlichen Staates, die zugleich und wahrhaftig als “Beginn der Revolution” tituliert wird. Bei solchen Thesen stirbt einem doch schier das Hirn ab. Wenn der Staat gegen noch so irrational verblendete “Rackets” vorgeht, mag man das gutheißen, damit man in Ruhe weiter seine elitären Diskussionszirkel veranstalten kann, aber man kann es wohl kaum den “Beginn der [welcher? wessen?] Revolution” nennen, wenn ein Staat seine Macht festigt, die er jederzeit ebenso gegen rational handelnde Kritiker der herrschenden Verhältnisse wenden würde, sobald die ihm gefährlich erschienen. Aber wenn die Revolution tatsächlich eine “Mortifikation” sein soll, wie Klaue raunt, dann ist die Staatsgewalt ja durchaus das rechte Mittel zu ihrer Druchsetzung!
    3. Schließlich folgende famose Kausalkette: die Gewalt in den Banlieues konnte nicht beendet werden durch die “versprochene” Staatsgewalt – weil (teils “unsichtbare”!) “Rationalisierer” am Werk sind – weil denen noch nicht das Handewerk gelegt worden ist – weil es noch nicht genug verbreitete “Ideologiekritik” vom Schlage der Bahamas gibt. Sarkozy als der verlängerte Arm prekären Berliner Adornoleser – das nehme ich nicht mehr als Argument, sondern nur noch als Symptom wahr und übergebe damit an Leute, die Rezepte ausstellen dürfen.

    Alle drei Positionen – die verallgemeinernde und absolute Abwertung aller islamisch nennbaren Gruppen irgendwo auf der Welt, unabhängig von ihrer konkreten ökonomischen Situation, die als progressiv verklausulierte Parteinahme für den bürgerlichen Staat, die nach ‘autoritärem Charakter’ riecht, und die völlige Verkennung der eigenen Relevanz für diese(n) Staat(en), denen man doch so gerne dienen möchte – scheinen mir typisch für die Bahamas zu sein. (Wobei ich zugebe, dass ich kein Experte dafür bin und alles andere als ein regelmäßiger Leser ihrer Artikel.)

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