Thale damals und heute

July 26th, 2011

Wo ich herkomm.

Sommer 1992:

>>Auf dem Hexentanzplatz, einem bekannten Ausflugsziel und Treffpunkt von fliegenden Händlern und Hütchenspielern bei der benachbarten Kleinstadt Thale, veranstaltete die Knabengang im Sommer mehrfach Hetzjagden auf Ausländer. Vor den Augen von Touristen und Passanten, die “Beifall klatschten”, wie sich der 16jährige Kay erinnert, wurde eines der Opfer beinah zu Tode geprügelt – zunächst mit Baseballschlägern, dann mittels eines schweren Eisenrohres mit ausziehbarer Stahlfeder, einem sogenannten Totschläger.<<

Reichskriegsflagge am Verkaufsstand Verkaufsstand mit Reichskriegsflagge
Auf dem Hexentanzplatz heute: Verkaufsstand mit Reichskriegsflagge

Herbst 1992:

>>Mitte Oktober wütete ein Dutzend Kids, darunter auch ein 13jähriges Mädchen, im Asylbewerberheim von Thale. Sie brachen Wohnungstüren auf, verprügelten Heiminsassen, traktierten sie mit Messern und rissen drei Vietnamesinnen die Kleider vom Leib – die anrückende Polizei konnte gerade noch verhindern, daß ein 16jähriger eine der Frauen vergewaltigte.<<

Ehemaliges Asylbewerberheim in Thale Spuren rassistischer Schmierereien
Das Gebäude heute, mitten in der Stadt: außer den notdürftig abgekratzten Drohschmierereien kein Hinweis auf den rassistischen Überfall

Am 21. November 1992 wurde Silvio Meier aus dem nahen Quedlinburg in Berlin von Nazis umgebracht: “Sogenannter Autonomer, abgestochen von stolzen Deutschen, verblutet auf dem Bahnsteig, mitten in Berlin. Aber, aber, nichts weiter als rivalisierende Jugendbanden! Das bißchen Totschlag bringt uns nicht gleich um!” (Goldene Zitronen) Ich wohne heute um die Ecke dieses U-Bahnhofs und steige dort ständig ein und aus.

Keine Links fand ich zum 1993 ausgehobenen Nazi-Waffenlager, aus dessen – größtenteils aus der aufgelösten Kaserne der Roten Armee in Quarmbeck stammenden – Beständen auch die Schußwaffen kamen, mit denen ich wiederholt angegriffen wurde. Wenn ich mich richtig erinnere, behauptete ein Bundeswehr-Experte am Tag nach der Razzia in der Zeitung, vom Material her hätten die bewaffneten Nazis die Stadt Thale mehr als 20 Tage gegen die Bundeswehr verteidigen können.

Das blieb aber keine einmalige Sache, sondern passiert in kleinerem Umfang immer wieder.

2007: “Zollfahnder haben bei einem mutmaßlichen Rechtsradikalen aus Sachsen-Anhalt ein umfangreiches Waffen- und Sprengstofflager entdeckt. Der 20-Jährige habe in dem Wohnhaus in Thale rund zwei Kilogramm TNT-Sprengstoff, vier Maschinenpistolen, ein Maschinengewehr und 228 Patronen aufbewahrt…”

Dieses Jahr im März: “Ein 28 Jahre alter Mann hat in einer Garage in Thale illegal Waffen und Munition gehortet. Die Polizei beschlagnahmte eine Vielzahl Pistolen und Revolver, eine größere Menge an Waffenteilen sowie Waffenzubehör. Zudem wurde bei der Durchsuchung am Montag eine größere Menge Patronen und anderer Munition gefunden, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Die seien Kriegswaffen und sie seien älteren Datums, sagte er ohne konkretere Angaben machen zu wollen. Die Garage befinde sich in einem Komplex in der Nähe eines Supermarktes…”

Es gab damals auch die anderen, aber die waren schlicht zu wenige. In Wernigerode wurde ein Haus besetzt und AufBruch sangen dazu “Heute ziehn wir in die Häuser ein, es ist Abend in der Stadt”.


Abend in der Stadt” im Inglorious Bassnerds Remix – ich singe demnächst die einzige schreckliche Zeile “Die Politiker vertreten die Spekulanten” nochmal anders ein: “Die Politiker vertreten die Mehrheitsbevölkerung…”

5 Responses to “Thale damals und heute”

  1. grandhotelabsturz Says:

    du wurdest mit schusswaffen angegriffen? ist ja heftig.
    sehr gelungener remix :)

  2. been there Says:

    Und wehe, jetzt fängt einer an mit: Ja, damals war’s schlimm, aber ist ja nicht mehr so, ihr seid doch hängengeblieben und so!

  3. Donauwelle Says:

    Erst wenn in Vietnam die Atomreaktoren hochgehen werden sie merken dass man Waffen nicht essen kann ;-) Nein Scherz beiseite – apropos ´Abend in der Stadt´:

    “Your opinion on the influence of banks and large corporations on the current problems?”

    01:06:51

  4. grand hotel absturz Says:

    da ich das lied zur zeit echt gern hör, muss ich noch was nachtragen:

    es ist einfach ein schlechter witz, dass es in der heutigen deutschen linken verboten ist, wörter wie spekulanten zu benutzen bzw. sie schlecht zu finden. natürlich vertreten politiker i.d.s. die interessen der spekulanten, als dass sie wollen, dass steuern in die staatskasse fließen, was denn sonst? dass sie damit auch die interessen der mehrheitsgesellschaft vertreten, die ja auch will, dass es dem land (oder der stadt) finanziell gut geht, ist gerade das gemeine an dieser demokratie.
    es ist einfach blöd zu meinen, nur weil es ganze heerscharen von leuten mit blöder kapitalismuskritik a la münte oder “raffenedem und schaffendem” kapital gibt, man müsste einfach die vorzeichen umkehren und ernsthaft behaupten, es gäbe keine leute, die im kapitalismus gut wegkommen und deshalb auch persönlich dafür sind, sondern sie für opfer zu erklären. denn wenn man das tut, legt bekanntlich der vielbeschworene mob los und hängt die spekulanten an die laternen.

  5. classless Says:

    Ach, mir tut bei der Stelle einfach jedesmal alles weh, und wenn der ganze Song doof wäre, wär’s mir ja egal – ich finde ihn aber im Original wie im Remix unglaublich gut, und es heißt eben nicht: “die Politiker vertreten auch die Spekulanten” (dieses Wort!), so daß es am Ende schon klingt wie: “die Politiker vertreten nur die Spekulanten”. (Dazu kommt, daß es in dem Lied eben um ein Haus ging, in dem sich die versammeln wollten, die von oben ausführlich beschriebener Mehrheit gejagt und beschimpft wurden.)

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