11. September 2001

September 11th, 2011

Zum heutigen Datum zwei Zitate aus der “Entschwörungstheorie”, das erste aus dem ersten Kapitel “Fronten”:

Der ideologische Umschlagspunkt zwischen den Neunzigern und der Gegenwart läßt sich auf den 11. September 2001 datieren, auf den Tag, von dem schnell behauptet wurde, nichts würde nach ihm so sein wie zuvor. Das war ebenso schnell als übereifrige Äußerung kritisiert worden, doch bestimmt 9/11 auch den Zeitpunkt, zu dem sich aus vorher teilweise querliegenden Konstellationen die beiden bereits beschriebenen global anzutreffenden politischen Strömungen entwickelt haben. Sie trauern jetzt unterschiedlichen Elementen des Zustands von 2000 nach.

Für die “Friedensfreunde” hat der Bush-Clan mit der unterstellten Inszenierung von 9/11 oder mindestens mit der heimtückischen Herbeiführung von Kulturkampf und Krieg die globalisierungskritische Bewegung auf dem Höhepunkt ihrer Entfaltung zerstört und damit Erinnerungen an konservative Reaktion und Terrorismusbekämpfung in den Siebzigern geweckt.

Für die “Zivilisations-Verteidiger” haben die islamistischen Terroristen unter Ausnutzung einer Schwäche des Westens die Welt von morgen ins totalitäre 20. Jahrhundert oder ins Mittelalter zurückgeworfen, für die Kommunisten unter ihnen haben sie die Revolutionsuhr weit zurückgedreht. Auf beiden Seiten ist die Annahme einer Verschwörung hinter den Ereignissen, einer neokonservativen bis jüdisch-illuminatischen hier, einer linksliberalen bis muslimisch-antichristlichen dort, anzutreffen, wenngleich sie auf Seiten der “Friedensfreunde” ungleich präsenter ist.

Einig sind sie sich darin, daß 9/11 etwas Gutes oder zumindest Hoffnungsvolles beendet hat und das diejenigen, die dafür verantwortlich sind, ihre Erzfeinde sind. Ebenfalls sind sie sich darin einig, daß 9/11 offenbarte, wo alle “stehen” und auch wo sie vorher gestanden hatten, welche zuvor vertretenen Ideen also nun in welches Lager führen mußten. In dieser aufgeheizten Situation wird eine emotionalisierte und in erschreckendem Ausmaß faktenresistente Debatte geführt. Allein die Annahme, daß jenseits der reinen Tatverdächtigen historisch “Schuldige” auszumachen seien, trägt den Knorpel nicht-spielerischen Verschwörungsdenkens schon in sich, wie wir später noch sehen werden.

Das zweite aus Kapitel VII, “Babylon”:

Für die Apokalyptiker fast sämtlicher Couleur fungierte der 11. September die verspätete Jahrtausend-Katastrophe. Jeder konnte darin sehen, was er wollte. Der Turmbau zu Babel war von Gott gestoppt worden, tapfere Glaubenskrieger hatten die Scham der Hure entblößt, Babylon brannte, der arrogante Westen war getroffen, dem reichen Norden vergolten worden. NPD-Vordenker Horst Mahler erblickte einen „Anschlag auf den Mammonismus“ und bestätigte damit die Analyse des marxistischen Theoretikers Moishe Postone, der geschrieben hatte: „Das ‚internationale Judentum’ wird [...] als das wahrgenommen, was hinter dem ‚Asphaltdschungel’ der wuchernden Metropolen, hinter der ‚vulgären, materialistischen, modernen Kultur’ [...] steht.

Als wäre über die postmoderne Welt der „hyperrealen Simulationen“ (Baudrillard) das erste reale Ereignis hereingebrochen, das wieder als solches zur Kenntnis genommen werden mußte, sträubte sich allerorten der Wirklichkeitssinn: “Im Grunde sah die Wirklichkeit so schrecklich unprofessionell aus, daß wir nicht an sie glauben mochten. Man hatte das – man verzeihe den Ausdruck – tausendmal besser gesehen”, merkte der Journalist Michael Althen an. Der Medientheoretiker Georg Seeßlen schilderte das Wahrnehmungsdilemma so: “Die in Schutt und Asche fallende Metropole, die fliehenden Menschen. Wir kennen diese Bilder aus dem Kino so gut, dass ihre Wiederkehr in der Wirklichkeit wie ein Phantasma zweiten Grades wirkt.” (…)

In gewisser Weise war die Faktizität der Ereignisses selbst ein Anschlag aufs postmoderne Weltbild und so müssen denn auch die Bestrebungen verstanden werden, sofort zu Zweifeln an bestimmten Details, zur Rede von einer Inszenierung oder von politischen Beschuldigungen überzugehen. Dem kurzen Erschrecken darüber, daß die eigenen Beschwörungen Realität geworden waren, folgten sogleich Tausende von moralischen Belehrungen über die „wahren Gründe“ für den Terrorismus, Aufrechnungen, Vergleiche und Relativierungen. Hier sei nur Noam Chomsky zitiert, der mit trotzkistischer Bewunderung schrieb: “Zum ersten Mal haben die Gewehre in die andere Richtung gezeigt.”

Daniel Kulla Entschwörungstheorie

5 Responses to “11. September 2001”

  1. prolls gegen bauern Says:

    bei dir wird auch noch der übelste terroranschlag zur eigenwerbung. soviel schamlosigkeit ist schon ein wenig bewundernswert…

  2. benny Says:

    “Auf beiden Seiten ist die Annahme einer Verschwörung hinter den Ereignissen, einer neokonservativen bis jüdisch-illuminatischen hier, einer linksliberalen bis muslimisch-antichristlichen dort, anzutreffen, wenngleich sie auf Seiten der “Friedensfreunde” ungleich präsenter ist.”

    kannst du für jemanden, der sich nicht iefer mit der thematik beschäftigt hat, noch mal näher darauf eingehe, was du mit einem verschwörungsdenken auf der seite der “aufklärer” meinst?

    danke!

  3. Qaumaneq Says:

    Realitätsabgleich für all die morbiden Wichtigtuer die dieser Vorwurf wirklich trifft: Brief nach München

  4. Xenu's Pasta Says:

    @Qaumaneq

    sorry, so sehr ich gegen jegliche Form von Atomwaffen bin, halte ich es für anmaßend, wenn Anhänger hierarchisch organisierter Parallelgesellschaften mit grundsätzlich irrationaler Selbstlegitimation versuchen sich in Geopolitik einzumischen. Wenn die eine illegitime Hierarchiespitze (WCC) mit einer anderen (NATO) redet, bedeutet das vor allen für alle anderen: Ihr sollt Euch da raushalten, wir kümmern uns schon.

  5. Qaumaneq Says:

    @Xenu´s Pasta – Also ich habe eine gleichartige Forderung einer säkularen Gruppe unterschrieben. Wenn in diesem Fall eine Verletzung der Trennung von Staat und Kirche gegeben ist, dann dadurch dass Politiker bei den Kirchen um menschliche Schutzschilde werben und nicht dadurch dass es auch eine organisierte Kritik daran gibt.

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