Ökonomischer Gottesdienst, Fron & Buße fallen aus

March 3rd, 2012

Sechs Wochen Tour, endend mit Gastauftritten von Linus Volkmann, mit viel Sehen & Wiedersehen und schließlich einer gut verleierten Abschlußlesung in und gegen Berlin, dann gerade drei Stunden Schlaf – ich war mir sicher, daß ich am Morgen danach mich auf Arbeit würde schleppen müssen und der Tag nicht vorübergehen würde.

Stattdessen geht mir von der Morgentoilette bis zur Vorbereitung des Arbeitsplatzes alles locker von der Hand, sogar die BVG kommt, wann sie soll, und ich pendele fast mühelos zwischen Beratung, Trostspenden und Lektüre:

>>Zwar ist Antikommunismus auf der ganzen Welt die logische Reaktion der Besitzenden und Privilegierten auf die Drohung, ihnen Besitz und Privilegien wegzunehmen. Spezifisch vaterländisch ist, mit welcher unausgesetzten, von der tatsächlichen Virulenz der Bedrohung ganz unabhängigen Emphase der “Gottseibeiuns der Bourgeoisie” (Thomas Mann) beschworen wird und beschworen werden kann, wie tief sich der Antikommunismus den Deutschen in die Seele gesenkt hat…<<

schreibt Stefan Gärtner in der titanic, wo auch dieser schöne Satz von Torsten Gaitzsch zu lesen ist:

>>In ein paar Jahrzehnten werden wir niemanden mehr wegen seiner Hautfarbe diskriminieren. Dann ist es allein das Geschlecht.<<

Ich schalte und walte also, bis ein Kollege, der etwas später als ich kommt, bewundernd ein Kundengespräch von mir verfolgt und nach meinem Verweis auf die 34 Lesungen bis gestern sagt, ich würde heute so gut klingen.

Das stürzt mich in - auch sonst von Zeit zu Zeit einsetzende - Überlegungen dazu, wie nahe sich Trampen, Vorträge und Verkauf kommunikationsmäßig sein können, inwiefern die entsprechenden Skills psychologisch zusammenwachsen und ich immer wieder vor dem Problem stehe, den meisten Menschen so gut wie alles aufschwatzen oder sie von so gut wie allem überzeugen zu können. Das ist extrem praktisch, wenn es um die Verkaufszahlen geht wie hier im G-Strich-Tempel; es kann sich allerdings verheerend auf alle Vorhaben freier Assoziation auswirken.

Das ist noch etwas, vor dem ich Angst habe, wenn ich wieder mehr arbeiten muß: daß ich auch wieder häufiger und gewohnheitsmäßig Leute dazu bringe, mir zu glauben.

5 Responses to “Ökonomischer Gottesdienst, Fron & Buße fallen aus”

  1. Nicolai Says:

    Kopf hoch!

  2. megatherium Says:

    Hallo Daniel,

    was meinst du mit”G-Strich-Tempel”?

    Gruß

  3. classless Says:

    “Der Sinn und Zweck dieser ganzen Operation ist also ein quantitativer Unterschied in den beiden Wertausdrücken, am Anfang und am Ende der Zirkulation. Diesen nennt Marx den Mehrwert, der zusammen mit dem vorgeschossenen Wert als G` dargestellt wird. Ein in diesem Sinne geglückter Zirkulationsprozess, in dem Geld als Kapital fungiert, d.h. als sich verwertender Wert, wäre also in der Zirkulationsform G-W-G` dargestellt.” (Marx lesen!)

    Und das mit dem Tempel gehört zur Metaphorik dieser Blogrubrik…

  4. lasterfahrerei Says:

    zu W-G-W : waren poppen ja nun mal so mir nichts dir nichts aus dem luftleeren raum.

    erscheint es dann nicht wie eine endlose kette aus G-W-G-W-G-W…?

    desweiteren kann auch das kapital, was geschlagen ( eg. mehrwert ) wird, eine nicht-geld-form annehmen. ich gebe geld aus um ein buch zuschreiben, ein bild zu malen, mich zu betrinken oder musik zu machen ( was die ware ist ) und am ende kommt der mehrwert davon raus, der aber eben nicht G` in dem sinne ist. das geld ist also nicht weg sondern nur woanders ( energie verschwindet nicht ).

  5. Qaumaneq Says:

    Womöglich einer der Konzerne die nach dem Umsturz wegen Kollaboration liquidiert werden müssen – das sieht denen ähnlich die Leute für dumm verkaufen zu wollen. Aber da Du nun mal dort eingestiegen bist müssen wir Dich da auch wieder rausziehen.

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