Fußballdeutschland

June 11th, 2012

Zum Zeitpunkt der letzten Männerfußball-EM hatte sich der deutsche Staat ökonomisch und politisch gerade in die pole position bugsiert (Lageeinschätzung von damals), aus der er seither, offiziell-personell nur auf lächerliche Zwingvögte gestützt, die Krisenverwaltung anführen und noch aus jeder Katastrophe gestärkt hervorgehen konnte.

Jetzt ist die Stimmung dahin gekippt, im unübersehbaren allgemeinen Niedergang selbst möglichst wenig verlieren zu wollen, indem noch übler gegen alle anderen geholzt und – wenn das überhaupt geht – noch besinnungsloser die ideologische Begleitmusik zu den strategischen Ambitionen geglaubt wird; die klassischen nationalistischen Komponenten Neid und Mißgunst treten noch stärker hervor; noch trotziger wird sich an die nationalen Symbole geklammert, jeder noch so absurde Gegenstand wird in den Farben des frühen deutschen Befreiungsnationalismus eingefärbt: «Alle verrückt geworden.»

Nee, schon verrückt gewesen: «…die Menschen, die von den Staaten als Material für die Konkurrenz gegen andere Staaten eingesetzt werden, machen fröhlich mit. Als Nationalfähnchen verkleidet laufen sie zu den Spielen. (…) Wer den Nationalismus aber erst in seinem Exzess und das Gemeine am Nationalismus erst dort entdeckt, wo Besoffene grölend durch die Straßen rennen und andere fertig machen, der verpasst, was der ganz alltägliche Nationalismus leistet…» (Europameisterschaft 2012 – Nationales Fieber: dumm und schädlich)

In ihrem Text zur Massenpsychologie des Fußballnationalismus schreibt Dagmar Schediwy in der Jungle World: «So wird die Verletzung des Selbstwertgefühls, die Kränkungen, die die Subjekte durch die gesellschaftlichen Strukturen fast täglich erfahren, auf der psychischen Ebene dadurch »repariert«, dass sie die vorenthaltene Anerkennung durch die Identifikation mit der Nation zurückerhalten.»

Auf den Straßen kommt es zu Übergriffen (berichtet u.a. aus Dresden) und zum Fahnenstreit. Wo ich wohne, werden so viele Fahnen abgeknickt, daß sie empfunden deutlich weniger zu sehen sind als bei den letzten Sportspektakeln. Das könnte aber auch daran liegen, daß der Fahnenhype seinen Zenit überschritten hat, die befreiende Bekenntniswirkung sich verbraucht hat. Es reicht aber noch zu allerlei Phantasien: «Wenn ich so nen Idioten erwische der deutsche Fahnen klaut, den würde ich am liebsten aufhängen mit Benzin übergießen und anzünden!!!!»

Autonome lichten sich im Internet mit Fahnenhaufen ab, was je nach Veröffentlichungskontext wohl auch unterschiedlich clever ist. Die Boulevardpresse übernimmt die Bilder jedenfalls gern:


Das Foto ist aber nicht mehr ganz frisch –
wie in den Kommentaren angemerkt wurde, stammt es noch von der WM 2010
und dem Kommando Kevin-Prince-Boateng Berlin-Ost

Und immerhin schaffte es in den dazugehörigen Artikel mit der Überschrift «Warum wollt ihr uns die EM vermiesen? Autonome rufen zum Flaggen-Klau auf» auch ein Stück autonomen Contents: «Außerdem wird ein „Autofähnchen-Ersatzflyer“ zum Ausschneiden angeboten. Das Flugblatt soll über den Stiel eines abgebrochenen Autofähnchens gesteckt werden. Darauf steht: „Lieber Autofahrer. Ich habe Ihre Nationalfahne entfernt. (…) Sie produziert Nationalismus.“»

Von Egotronic gibt es anläßlich der EM ein Video zu ihrem Track «Tolerante Nazis», den Torsun in seinem Blog in Zusammenhang mit den rassistischen Riots Anfang der 90er und ihrer Kontinuität bringt: «Während die einen einem – der Gott Fussball sei gepriesen – „entspannten Patriotismus“ frönen, organisiert sich z.B. in einem Leipziger Stadtteil ein Bürger-Mob, um gegen ein geplantes Flüchtlingsheim vorzugehen.»

Tja, also hoffe ich aufs Vorrundenaus, nehme vernünftigerweise jedoch an, daß sie wieder ausreichend triumphieren und der Quatsch solange dauert, wie er maximal dauern kann. Wenigstens muß ich diesmal nicht währenddessen im Einzelhandel herumstehen. (Wodurch mir aber neben dem damit verknüpften Einkommen auch eventuell die antideutsche Schadenfreude vorenthalten bleibt.)

16 Responses to “Fußballdeutschland”

  1. Benni Says:

    Hier in Frankfurt ist das Fahnenmeer bisher auch deutlich eingeschränkt und von verstärkter Autonomer Aktivität ist mir hier nix bekannt.

  2. classless Says:

    Meinst du, die Begeisterung ist verflogen? – Ich sehe ehrlich gesagt so gut es geht zu, davon nichts mitzubekommen, daß ich das kaum beurteilen kann…

  3. Kotzendes Einhorn Says:

    Zu dem Bild. Ich habe gehört, das ist älter und wird immer wieder rausgekramt (Kann das wer bestätigen?)
    Dafür spräche das USA Fähnchen ;)

  4. classless Says:

    Wenn’s wirklich älter ist, wüßte ich das auch gern – andere Bilder mit Fahnenhaufen wurden ja zum Teil auch schon wieder aus dem Netz entfernt…

  5. w Says:

    das bild kommt mir auch sehr bekannt vor – schätze das ist von 2010.

  6. classless Says:

    Naja, für “Bild” reicht’s, und für die Illustration, was für “Bild” reicht, reicht’s auch. Vielleicht schreibe ich noch was drunter.

  7. Lexy Says:

    das bild ist vom “Kommando Kevin-Prince-Boateng Berlin-Ost” von der wm 2010. http://de.indymedia.org/2010/06/284773.shtml

  8. classless Says:

    Danke – schreib ich dazu!

  9. antiautonom Says:

    wandert doch aus wenns euch hier nicht gefällt. vorzugsweise in ein land in dem der rechtsapparat nichtso lasch ist.
    Dann bekommt ihr vielleicht mal mit wie das leben wirklich ist.
    jeder der schreibt er mag deutschland nicht und hier lebt dürfte weder arbeiten gehn noch stütze kassieren dann würde sich bei euch nach dem hungerzentrum vielleicht auch wieder dasrestliche hirn einschalten

  10. lasterfahrerei Says:

    wieso ist das egotronic video nicht verfügbar?

    wegen gema?

  11. perp Says:

    Also hier im Süden (Region Tübingen-Reutlingen) scheint mir die Deutschtümelei im Zusammenhang mit der EM wenn überhaupt höchstens marginal verringert gegenüber vor zwei bzw. vor acht Jahren. Da kann man nicht nur Massen an Autofahnen und Spiegelkondomen sehen, sondern auch z.B. extra errichtete Fahnenmäste und Flaggen von Balkonen und Halstücher bei älteren Damen in entsprechender Farbgebung. Mehr Haben = Mehr Angst vor Verlust = mehr Nation?

  12. Benni Says:

    @perp: Frankfurt gehört ja durchaus auch zu den “Mehr haben”-Regionen und hier ist es gefühlt weniger, wobei es da auch unterschiedliche Auffassungen zu gibt im Freundeskreis.

    Man darf ja auch nicht den Kurzschluss begehen und die Fahnen direkt mit dem Bewusstsein der Leute erklären, vielleicht kommen sie halt einfach nur wieder aus der Mode in manchen Regionen?

  13. podk Says:

    Tatsächlich habe ich auch sehr stark den Eindruck, dass die öffentliche Wahrnehmbarkeit des schwarzrotgeilen Taumels deutlich geringer ist als 2010, 2008 und natürlich 2006. “Deutlich geringer” natürlich relational zu den angeführten Jahreszahlen, jede Deutschlandfahne, jede schwarzrotgoldene Bierdose und jede Person mit schwarzrotgoldener Schminke ist schon ein Ärgernis und davon gibt es ja doch ziemlich viele.

    Vermutlich steile These, dass die Begeisterung für die deutsche Nation stagniert oder zurückgegangen ist. Vielleicht ist das Bekenntnis mittlerweile schon so normalisiert, dass die Trotzreaktion “Wir wollen auch endlich wieder stolz sein und deswegen packe ich mir eine Fahne ans Auto” erheblich weniger praktiziert wird.

    Und dass Fahnen erheblich abgeknickt werden, nehme ich auch so war, wobei das seit 2006 ja beliebter linksradikaler Freizeitspaß ist. Teilweise gibt es hier Straßenzüge, in denen die Bürgersteige und Straßen von abgerissenen Fahnen gesäumt sind (naja, metaphorisch zumindest, ganz so im Wortsinn ist es dann auch nicht)

  14. Qaumaneq Says:

    Das Wegmachen der Fähnchen ist eine politische Kritik und bedeutet daß der deutsche Bund ungültig ist weil 1848 durch Betrug zustandegekommen. Fußballfans möchten schließlich auch nicht als Spielverderber beschimpft werden wenn sie “Fouls” nicht anerkennen.

  15. lf Says:

    eine musikalischer kommentar zum flaggenmeer von der letzten großveranstaltung dieser art. passt mE immer noch gleich gut.
    http://s1r.blogsport.de/2012/05/19/em-2012/

  16. Shigekuni Says:

    Apropos. Spaß, den ich gerade auf einer Piraten-affiliierten Seite gesehen habe: “Jemand muss denen ja mal zeigen, dass sie nicht nur Opfer, sondern ebenfalls Täter sind.” http://www.netreaper.net/2005/09/25/oh-dann-muss-ich-wohl-ein-antisemit-sein/

    >.< Diese Partei macht mir Kopping.

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