Hundert Jahre Krieg verloren – und dann diese komische Revolution

October 5th, 2018

Vor hundert Jahren war der Krieg für das Deutsche Reich nicht mehr zu gewinnen – trotz Militärdiktatur und Repression, trotz “Burgfrieden” der Sozialdemokratie und tödlicher Streikbrecherei der Gewerkschaften, trotz mehrstufigem rollendem Giftgasbeschuss à la “Durchbruch-Müller”, trotz Sturmtruppen mit Flammenwerfern, trotz U-Boot-Krieg und Zeppelin-Bombardements, trotz des Ausscheidens des revolutionären Russland aus dem Krieg. Die letzte Offensive im Westen, die noch mal bis kurz vor Paris geführt hatte, war zurückgeworfen, die schwerbefestigten Verteidigungsanlagen wie die Hindenburg-Linie wurden von Millionen von US-Amerikanern, Australiern, Kanadiern, Briten, Franzosen und ihren Kolonialstreitkräften gestürmt. Die Front in Mazedonien brach zusammen, Bulgarien schied aus dem Krieg aus, die Palästina-Front löste sich weiter auf. Österreich-Ungarn hatte seine Kapazitäten schon weit überschritten. (Lage diese Woche vor 100 Jahren: THE GREAT WAR Week 219)


Die Gesamtlage Ende September 1918

In dieser Situation entschied die Oberste Heeresleitung, den Krieg von jemand anderem beenden zu lassen, damit sie ihn nicht verlieren muss, damit ihre Streitkräfte “im Felde unbesiegt” bleiben und der Kern des alten Staates überleben konnte. Aus dieser “Revolution von oben”, die zur Erfüllung der Waffenstillstandsbedingungen die Demokratie “einführen” und der neuen Regierung aus Sozialdemokraten und Bürgerlichen die Kapitulation in die Schuhe schieben wollte, ist unter dem Einfluss von Sebastian Haffners “Der Verrat” eine starke Erzählung einer im Grunde “überflüssigen Revolution” (Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Vorstandsmitglied der Stiftung-Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte) entstanden. Die Veränderungen waren nach diesem Geschichtsbild bereits “eingeleitet”, die Revolutionäre liefen gleichermaßen in die Falle (“Dolchstoßlegende”) und stießen in ein Machtvakuum vor, wo die alte Ordnung alle Positionen schon geräumt hatte. In ihrer Naivität ließen sich einige dann zum Bolschewismus hinreißen, weshalb es leider, leider unumgänglich war, sie von den in Gründung befindlichen Nazis zusammenschießen zu lassen, aber dann war’s auch schon vorbei und Ebert endlich Reichspräsident und die deutsche Demokratie fest in der Hand von Staat und Regierung, wie es sich gehört.


Die Weimarer Nationalversammlung, beschützt vor der Bevölkerung
(Screenshots ab hier aus “Vom Reich zur Republik”)

Es ist eine der Erzählungen, hinter denen die Geschichte der Massen-Selbstorganisation verschwunden ist. Um beteuern zu können, weder man selbst als SPD-Führung noch die eigene Anhängerschaft sei der Front in den Rücken gefallen, durfte deren massenhafte Mitwirkung am Januarstreik der Revolutionären Obleute ebensowenig Thema sein wie die formale Übernahme der Streikleitung durch SPD-Vorsitzenden Ebert (natürlich nur um ihn zu beenden), aber auch nicht die Wirkung der Repression danach: zahllose Beteiligte wurden an die Front zwangsversetzt, wo mit sinkenden Siegeschancen ihre Agitation immer besser verfing. Dass im November dann die Revolte an der Front begann und dann schnell in Form einer Räterevolution aufs ganze Reich übergriff, lag nicht nur an der paralysierten Machtstruktur der alten Ordnung, sondern vor allem daran, dass die organisatorische Vorarbeit von Jahrzehnten und die akute Agitation der letzten Monate ihren Moment gefunden hatten. Die andere Seite (inkl. SPD-Führung/Regierung) unternahm durchaus Versuche, das alles sofort zu stoppen und einzudämmen, wurde jedoch von den organisierten Massen überrumpelt, besonders planvoll und wohlorganisiert in Berlin.


Hätten aus SPD-Sicht auch einfach zuhause bleiben und abwarten können:
USPD auf der Straße

Die Haffner-Version dominiert auch die Darstellung in der zehnteiligen BR-alpha-Serie “Vom Reich zur Republik”, deren Folgen 4 bis 6 das Revolutionsgeschehen behandeln. (Übersicht zu den Episoden.) Während hier viele der geschichtlichen Figuren den überlieferten Aufzeichnungen so minutiös nachgebildet sind, dass sich etwa bei Harry Graf Kessler oder Walther Freiherr von Lüttwitz daran erinnert werden muss, hier keine Originalaufnahmen zu schauen, sind die Arbeitskräfte und ihre Selbstorganisation so gut wie abwesend – nur die Elemente, die sich mit der Prominenz, den Salons und der Regierungsebene in Verbindung bringen lassen, kommen am Rande und stark karikiert vor. Massen sind nie selbst organisiert, laufen nur diesem oder jenem nach, jubeln da und oder dort zu. Das zeichnet sich auch in den ersten Folgen der Serie schon ab, als zwar fokussiert auf Wilhelm Liebknecht und August Bebel die Entstehung der Sozialdemokratie recht detailliert dargestellt wird, kaum aber die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung oder ihr Verhältnis zu den Parteien und Gewerkschaften konkret – auch hier bleibt’s überwiegend an den für bürgerlichen Blick funktionierenden Repräsentanten haften, der Kern, die Substanz fehlen weitgehend.


Immerhin: Arbeiter bilden sich über Marx

Die öffentlich-rechtliche Serie ist pünktlich zum Revolutionsjubiläum derzeit nirgendwo im Netz umsonst anzuschauen, sonst könnte das geneigte Publikum den Vergleich zwischen dieser Darstellung von vor gerade noch wenigen Jahren mit der heutigen eines der beiden Hauptautoren der Serie, Klaus Gietinger, anstellen. In seinem dieses Jahr erschienenen Buch “November 1918 − der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts” spielen die Obleute und die Räte, unter Verweis auf die neuere historische Forschung, bereits eine erheblich größere Rolle (auch wenn die Revolution wieder irgendwie nicht über das Jahr 1919 hinausreicht) – es wäre spannend zu sehen, wie eine Verfilmung auf dieser Grundlage nun aussehen würde.

2 Responses to “Hundert Jahre Krieg verloren – und dann diese komische Revolution”

  1. Felix Says:

    Eine Nachfrage dazu: Trifft diese Kritik wirklich auf Sebastian Haffner zu?

    Seine Grundthesen sind doch, denke ich, folgende: 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die letztlich von der Führung der Sozialdemokratie niedergeschlagen wurde. Die Partei-Sozialdemokraten waren revolutionäre Patrioten, sie wollten das Reich beerben, nicht abschaffen. Ludendorffs Falle/”genialer Schachzug” war es, der SPD einen Regierungseintritt anzutragen und sie somit die Kriegsverantwortung tragen zu lassen.
    Die echte Revolution aber war der massenhafte und dezentrale Aufstand gegen die Militärdiktaur. Die Massen glaubten sich eins mit den SPD-Führern (Ebert, Noske), diese aber haben sich nur darum an die Spitze der Revolution gesetzt, um sie nicht zu einer sozialen werden zu lassen. Dazu spannte sie letztlich auch die rechten Gegenrevolutionäre ein und züchtete somit in den Freikorps ihre eigenen Todfeinde, aus denen später SA und SS hervorgingen.
    Die Möglichkeit/ der Wille zu einer bolschewistischen Rätediktatur bestand nie, von unten gewollt war eine “proletarische Diktatur”. Die irreführend so genannte “Spartakuswoche” im Januar 1919 war auch ein echter Massenaufstand, der aber führungslos geblieben ist.

    Warum bringst Du ihn dann aber mit der Haltung in Verbindung, die Freikorps-Einsätze wären notwendig gewesen? In dem Buch werden doch sogar Briefe von Freikorps-Soldaten dokumentiert, die dere Brutalität und Gesinndung zeigen?

    Und auch als “überflüssig” sehe ich die Revolution bei Haffner nicht bezeichnet. Schließlich schreibt er ja das ganze Buch über gegen den Verrat an der Revolution an und sieht darin schon den Anfang vom Ende der Weimarer Sozialdemokratie.

    Da ich das Haffner-Buch sehr bemerkenswert fand, würde mich da eine genauere Kritik interessieren.

  2. classless Says:

    Nein, das würde ich Haffner so nicht anlasten, er lässt sich aber offenbar so gewichten und konturieren, sein Fokus auf Ludendorff und dessen “einsame Entscheidung” in dieser Weise aufgreifen. Haffner hat ja für die meisten die Brutalität der Konterrevolution, ja überhaupt die Realität revolutionärer Kämpfe bis in Frühjahr 1919, überhaupt erst auf den Schirm gebracht.

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