Januaraufstand 1919

January 4th, 2019

Vor hundert Jahren begann mit dem einwöchigen Januaraufstand (4.-12.1.) die “zweite Revolution” in Deutschland, der bis in den Mai fortdauernde bewaffnete Versuch Hunderttausender in fast allen Teilen des Landes, die Rätemacht gegen die SPD-Führung zu verteidigen und die auch von dieser versprochene Sozialisierung der Großindustrie endlich durchzusetzen.

Bis heute als “Spartakusaufstand” bezeichnet, um ihn einer kleinen radikalen Gruppe zuzuschreiben (was die gerade erst zum Jahreswechsel gegründete KPD, in der der Spartakusbund aufgegangen war, in der Rückschau gern aufgriff), war der Aufstand im Januar wie in den folgenden Monaten vor allem von der USPD (zu dieser Zeit etwa 300 000 Mitglieder), den meist auch in der USPD organisierten Betriebs-Obleuten und den vielerorts von ihnen gebildeten Rätestrukturen getragen – und er setzte just in dem Moment ein, als mit Polizeipräsident Emil Eichhorn, dessen Schutzwehr zu Weihnachten bei der Abwehr des Angriffs auf die Volksmarinedivision geholfen hatte, der letzte höhere USPD-Amtsträger in der Hauptstadt entfernt werden sollte.

Am 4. Januar ruft die USPD für den nächsten Tag, einen Sonntag, zu Massendemonstrationen auf: „Marschiert in Massen auf! Es gilt Eure Freiheit, es gilt Eure Zukunft, es gilt das Schicksal der Revolution! Nieder mit der Gewaltherrschaft der Ebert – Scheidemann – Hirsch – und Ernst! Es lebe der revolutionäre internationale Sozialismus.“

Am 6. Januar (Montag) setzt der Generalstreik ein, die Regierung wird für abgesetzt erklärt, Zehntausende füllen die Straßen, und es kommt auch in anderen Teilen Deutschlands zu (noch vergleichsweise kleinen) Demonstrationen und Streiks (Halle, Stuttgart, Düsseldorf), Besetzungen von Zeitungen, Rathäusern und Banken (Braunschweig, Nürnberg, Hamburg) sowie bewaffneten Auseinandersetzungen (Leipzig, Dresden, Dortmund, Stuttgart, Kassel). In den folgenden Tagen wird in Bremen die Räterepublik und im Ruhrgebiet der Generalstreik ausgerufen.

Doch das Kräfteverhältnis in Berlin ist unklar (SPD und USPD haben hier ähnlich viele Mitglieder, am 6.1. kommt es zu Verhandlungen zwischen Ebert und USPD), die KPD ist uneins (während Liebknecht und Pieck den Aufstand mitorganisieren, ist Luxemburg zunächst skeptisch und unterstützt den Aufstand erst ab dem 7.1.), es gibt enorme Abstimmungsprobleme (die Volksmarinedivision, die die Regierung verhaften soll, erklärt sich neutral und führt den Befehl nicht aus) und eine Initiative von Berliner Großbelegschaften drängt eher auf Wiedervereinigung der sozialistischen Parteien (“Bildet eine Regierung aus allen drei revolutionären Parteien”, “Verständigt Euch, wenn nicht mit, dann gegen Eure Führer”).

So bleibt die Machtübernahme trotz dafür mobilisierter Massen aus – und die SPD-Parteiführung lässt nun erstmals im großen Stil ihre konterrevolutionären Truppen Terror verbreiten. Am 4. Januar hatten Ebert und Noske die Freikorps in Zossen bei Berlin besichtigt. In den Erinnerungen des Namibia-Veterans, Freikorps-“Städteeroberers” und Bewachers der Weimarer Nationalversammlung General Maercker: “Als sie die Truppen von allen Seiten mit klingendem Spiel in fester, strammer Haltung heranrücken sahen, beugte sich Noske zu Ebert herab und sagte: ‘Sei nur ruhig, es wird alles wieder gut werden’, ein Zeichen, unter welchem Druck sich die Regierung damals befand.” (Maercker, Vom Kaiserheer zur Reichswehr, Leipzig 1921:64, online)

Ab dem 9., mit voller Wucht am 11. und 12. Januar gehen die Freikorps im Auftrag der SPD-Führung mit Kriegswaffen (Panzer, Artillerie, Maschinengewehre) und Terror (Erschießungen, öffentliche Misshandlungen wie Spießrutenlauf) in der eigenen Hauptstadt gegen die eigene Bevölkerung vor. Dabei kommen mindestens 150 Menschen ums Leben.

Auf Seiten der aufständischen Massen steht dem trotz eines allgemein recht hohen Bewaffnungsgrads weder vergleichbar schweres Gerät noch vor allem eine vergleichbare Bereitschaft zum Einsatz der Waffen gegenüber. Die Freikorps-Offiziere sind denn auch “enttäuscht über den schwachen Widerstand”, schreibt Klaus Gietinger, “nach außen aber malte man das Bild eines phantastischen militärischen ‘Spartakusaufstandes’, das sich bis heute gehalten hat.”

Nach der Niederschlagung des Aufstands in Berlin ermorden Freikorps mit Liebknecht und Luxemburg zwei Symbolfiguren erst des Widerstands gegen den Krieg und dann der Revolution, die Demonstrationen flammen wieder auf und bis ins Frühjahr hinein kommt es vom Ruhrgebiet bis nach Schlesien zu Massenstreiks, Ausrufung von Räterepubliken und “Sozialisierung von unten” – fast überall brutal von den Freikorps-Truppen der SPD-Regierung niedergeschlagen.

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