Achmadinedschad kämpft für Deutschland

May 30th, 2006

(http://myblog.de/classless/art/3661410)

Am Donnerstag hatte ich dem Kölner CCC und seinen Gästen meine Interpretation von Ahmadinedschads Brief an Bush vorgestellt und war mir sicher, daß dieser Brief das größte Ausmaß an Selbstentblößung bleiben würde, das vom iranischen Präsidenten zu erwarten ist.

Indes hat er sich nun mit dem ‘Spiegel’ unterhalten (englische Version, deutsche nur in Print) und dabei demonstriert, daß er es prima versteht, den Umstand auszunutzen, daß auch sein offen ausgebreiteter Antizionismus bei deutschen Journalisten vor allem den Wunsch auslöst, sich noch länger darüber informieren lassen zu wollen.

Der ‘Spiegel’ ist Ahmadinedschad voll auf den Leim gegangen. Der iranische Präsident wollte mit deutschen Journalisten reden, weil er in ihnen potentielle Verbündete, mindestens jedoch nützliche Idioten sieht: “Wir haben das deutsche Volk als Ansprechpartner gesehen. Mit Zionisten haben wir nichts zu tun.” Er kann ihnen persönlich unterstellen, eine “Geisel der Zionisten” zu sein und mit dieser Formel den ‘Spiegel’, ganz Deutschland und den Iran zu einer Interessengemeinschaft zusammenwerfen; er kann seine Interviewer in einer konstanten Defensivposition halten; er muß nicht befürchten, auf die Hizbollah angesprochen zu werden. Er genießt, daß seine Verschwörungstheorie unter Meinungsfreiheit fällt und daß sie von professionellen Journalisten auch als Meinung akzeptiert wird. Denn der ‘Spiegel’ ist unverkennbar stolz, vom “Mann, vor dem die Welt sich fürchtet” (Titelseite) erwählt worden zu sein. Gleich “von diversen Regierungsstellen” wurde signalisiert, daß die “Dialogbereitschaft” Ahmadinedschads an diesem Interview abgelesen werden würde.

Und Wunder, er ist dialogbereit! Er mag den ‘kritischen Dialog’, der es ihm erlaubt, in einem deutschen Nachrichtenmagazin auf sechs Seiten die Journalisten vorzuführen, die das scheinbar noch gern haben. Er kann den Grund für die “Aufregung” bezüglich seiner Person darin verorten, daß “das Netzwerk des Zionismus (…) weltweit sehr aktiv [ist], auch in Europa”. Er kann dem ‘Spiegel’ unterschieben, daß dieser trotz seines Renommées “die Wahrheit über den Holocaust” wohl nicht veröffentlichen dürfte: “Sind Sie befugt, alles darüber zu schreiben?” Er kann behaupten, daß Forschung über den Holocaust “nicht erlaubt” sei, daß es zwei Gruppen von Forschern gebe, von denen die eine “politisch motiviert” sagt, “daß der Holocaust geschehen ist”, die andere hingegen im Gefängnis sitzt. Dagegen kann er halten, daß diese zweite Gruppe von Forschern im Iran “unbesorgt sein” könne. Bei keinem dieser Anwürfe schaffen es die Interviewer, ihm Paroli zu bieten, ihre schlappen Einwände, die laut “Hausmitteilung” ja auch die “entspannte Gesprächsatmosphäre” nicht gefährdeten, bilden eher eine unschätzbare Kulisse.

Ahmadinedschad kann das “deutsche Volk” als “Gefangenen des Holocaust” bezeichnen. Er kann fragen: “Warum stehen unter den 60 Millionen Opfern” des Zweiten Welkriegs “nur die Juden im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit?”

Überhaupt hat es ihm die deutsche Opferperspektive sehr angetan, was die Frage nach den Quellen seiner Auffassung nahegelegt hätte. Doch er wird nicht gefragt, wie er denn eigentlich zu der Auffassung kommt, daß “das deutsche Volk heute dafür erniedrigt” wird, “daß es im Laufe der Geschichte eine kleine Gruppe von Menschen gab, die im Namen der Deutschen Verbrechen begangen haben”. Stattdessen darf er fragen und das tut er dann auch: “Warum soll die [heutige deutsche Jugend] Zionisten gegenüber Schuldgefühle haben? Warum sollen die Kosten für die Zionisten aus ihrer Tasche bezahlt werden? (…) Warum wird dem deutschen Volk so viel auferlegt? (…) Warum darf das deutsche Volk nicht das Recht haben, sich zu verteidigen? (…) Warum werden die Verbrechen einer Gruppe so betont, anstatt vielmehr das große deutsche Kulturerbe herauszustellen? Warum sollen die Deutschen nicht das Recht haben, ihre Meinung frei zu äußern?”

Das Interview hat den Charakter einer politischen Schaubühne, auf der die Journalisten die nötige Staffage abgeben und von Ahmadinedschad als untertänige Nachbeter der zionistischen Propaganda vorgeführt werden können. Denn die naheliegenden Einwände bleiben aus, etwa, warum er nicht über das Eigene reden mag, das er so systematisch ausblendet; warum er lieber die Auffassungen deutscher Nazis verbreitet, um sofort abzulenken, wenn er auf das iranische Atomprogramm angesprochen wird: “Diejenigen, die Holocaust-Forscher einsperren, sind für Krieg und gegen Frieden.”

Ahmadinedschad sucht Verbündete. Nach seinem gescheiterten Bekehrungsversuch beim US-Präsidenten (“Gott allein dienen und ihm nichts beigesellen… Zunehmend erkennen wir, daß Menschen sich zusammentun in Richtung auf einen Anziehungspunkt – Gott den Allmächtigen… Möchten Sie nicht dabei sein?”), bei dem es ihm nicht gelang, den Kunden von Jesus auf Allah upzugraden, hat er sich nun den Deutschen zugewandt, die jedoch offenbar vom zionistischen Zauber benebelt sind und ihre nationalen Befreiungskämpfer unterdrücken.

Daß er jedoch nun die Möglichkeit bekommen hat, in dieser epischen Breite den “armen kleinen Deutschen” (Knarf Rellöm) ihre Leib- und Magen-Weltanschauung zu präsentieren, könnte verheerend wirken. ‘Seht nur, der Iran ist genauso unschuldig wie wir!’ werden nicht wenige von ihnen denken, sie werden jemanden wahrnehmen, der in völliger Gewißheit spricht, während seine Gesprächspartner vom ‘Spiegel’ sich rechtfertigen müssen. Womit sie so beschäftigt sind, daß Ahmadinedschad auf jeden Fall damit durchkommt, sich selbst und sein Regime im gesamten Interview nicht verteidigen zu müssen.

2 Responses to “Achmadinedschad kämpft für Deutschland”

  1. classless » Blog Archive » classless.myblog Greatest Hits Says:

    [...] Achmadinedschad kämpft für Deutschland [...]

  2. classless Kulla » Blog Archive » Ahmadinedschad glaubt ans deutsche Volk Says:

    [...] Spiegel hat sich nach drei Jahren wieder von Ahmadinedschad interviewen lassen. Schön aufgemacht, in einem Heft, dessen Titelbild [...]

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