Leben im Rausch

Zum Buch

Jahrelang habe ich Unmengen zum Thema Rausch und Drogen gelesen, lektoriert (vor allem bei Werner Pieper & The Grüne Kraft), notiert, kommentiert, gehört und diskutiert (Einiges davon findet sich hier im Blog in der Kategorie “Rausch & Mittel”) und viel Zeit inmitten von Rauschpraxis aller Art verbracht. Nun habe ich die dabei und daraus entwickelten Gedanken sowie die dazu gesammelten Informationen mal etwas systematisiert, häufige Fragen beantwortet und hoffentlich etwas zu einer kritischen Theorie des Rauschs beigetragen.

“Der Zucker, den wir brauchen,
der ist in unsern Köpfen schon drin…”

(Frittenbude, “Zucker”)

“Leben im Rausch” beginnt mit einer einfachen Frage: Warum wird allgemein angenommen, Rausch käme hauptsächlich aus Drogen, obwohl Menschen und zahllose andere Lebewesen ohne Substanzeinnahme ständig in Rausch eintreten?

«Du erwartest wahrscheinlich von einem Buch, auf dem ‹Rausch› steht, vor allem etwas über Drogen zu erfahren. Darum geht’s aber gar nicht, und genau darum geht’s.»

Es geht um den Rauschcharakter der Ware, um die Dialektik der Ausnüchterung, die Projektionsfläche “Dealer”, den “Totalen Krieg” gegen den “falschen” Rausch, um ein Modell von Rausch als “Reaktion auf Nicht-Selbstverständliches”, um den Zusammenhang von Dauerkrise und Dauerrausch, von Besinnung und Befreiung, von Seins- und Bewußtseinserweiterung im Learyschen und dem Gattungsbewußtsein im Marxschen Sinne.

«Der Rausch wird den Aufstand nicht ersetzen; er kann aber, je besser er verstanden und angeeignet wird, ein möglicherweise entscheidender Begleiter des Aufstands sein.»

Daniel Kulla
Leben im Rausch
Evolution, Geschichte, Aufstand

Der Grüne Zweig 285
ISBN 9783922708858
296 S., € 19,80
Satz & Layout: Gestaltungskollektiv Gegenfeuer
Buchillustrationen von Wolfgang Buechs

Das Buch ist am 22. November 2012 bei Werner Pieper & The Grüne Kraft erschienen.

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(Inhaltsverzeichnis Teil 1 und 2 – aus der Manuskriptfassung: Widmung & Dank)

Kontakt/Booking

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Interviews zum Buch

Radio Corax: “Leben im Rausch” – ein kommendes Buch von Daniel Kulla (mp3, 17:38 Minuten)

jetzt/Süddeutsche Zeitung: “Rausch ist nicht gut oder schlecht”

Rezensionen

Kenntnisreich, unterhaltsam und auf vielen mit popkulturellen Verweisen gepflasterten Nebenpfaden nähert sich das Buch der Frage, ob und inwieweit der Rausch und Revolte Händchen haltend das Liedchen vom besseren Morgen trällern sollten.” (Groove)

Was fehlt, sei der psychedelische Rausch, der in den sechziger Jahren ein “Brandbeschleuniger” der Massenbewegungen gewesen sei, der Schwarzen, Frauen und Studenten. Ebenso könnte er heute, da sich viele eine andere Welt nicht einmal mehr vorstellen können, wieder zur Initialzündung und Motor des kommenden Aufstands werden, meint Kulla und versucht sich an einer materialistischen Theorie des Rauschs, jenseits des mystischen LSD-Kitsches. (…) Kullas Buch ist dort am besten, wo es zeigt, wie jener spielerische, lustvolle, psychedelische Rausch der sechziger Jahre mit dem “Krieg gegen die Drogen” nahezu erstickt wurde. Und wie er heute fast gänzlich dem Diktat der Alltags-Optimierung und der bloßen Betäubung weichen musste.” (taz)

Flyertext Vortrag

Das Wort “Rausch” beschreibt einen Wahrnehmungsüberhang, etwas, das den Sinnen meist diffus und unscharf hinzutritt, das sinnliche Erleben verstärkt, erweitert, verwirrt; in dem sich der Verstand verlieren und verlaufen kann. Im Kapitalismus verengt sich all dies auf die Frage nach den Mitteln, mit denen sich bestimmte Rauschzustände herbeiführen lassen, als Waren, die produziert, vertrieben und konsumiert werden können: Es soll gleichzeitig so viel wie möglich aus den Menschen herausgeholt und so viel wie möglich in sie hineingesteckt werden, und diejenigen, aus denen nicht genug rauskommt und in die nicht genug hineingeht, sollen bei der ganzen Prozedur nicht stören.

Der Vortrag behandelt die Geschichte der beiden großen globalen Verbotswellen der letzten reichlich 100 Jahre, die den heutigen Zustand zwischen vergeblicher Jagd nach nüchterner Zurechnungsfähigkeit, Betäubung mit Hang zur Selbstzerstörung und unbefriedigendem Gewohnheitsgebrauch immer noch prägen. Für alle, die sich angesichts dieser Lage dennoch dem Projekt von bewußt herbeigeführtem oder zugelassenem Rausch und einer bedürfnisorientierten Produktionsweise widmen wollen, sollte es sich nicht ausschließen, sich vom allgemeinen Dauerrausch auszunüchtern und die kritische Vernunft behutsam zu berauschen. Wie das praktisch auszusehen hätte, kann nach dem Vortrag diskutiert werden.

Vortragsmitschnitt

Material

Tourbericht bei Haskala.

Plakat Leben im Rausch Daniel Kulla Haskala

Meine Rausch-Liste bei Youtube:

“Leben im Rausch” – Photo set on Flickr:

Crumb's first Acid

Zitate

“Alles, was mit chemischen Mitteln erreicht werden kann, läßt sich auch mit nicht-chemischen Mitteln erreichen.” (William S. Burroughs, Autor von “Naked Lunch” und “Junkie”)

“Alles bewegt sich, was sonst still steht”
(Attwenger, “Trip”)

“Trend der Epoche ist die Durchmischung von fader Musik mit Teleskopschlagstöcken und Zuckerwatte. Was sie an polizeilicher Überwachung bedarf, diese Bezauberung!” (Der kommende Aufstand)

“So you mean, we’re stuck in this world for all eternity? You mean there’s nothing better out there?” (Enter The Void)

“It’s so much bigger on the inside!” (Dr Who)

“…almost any degree of non-harmful alteration from our usual state is potentially therapeutic.” (Karl Jansen: “Ketamine – Dreams and Realities”)

“Am nächsten Morgen nahm ich wieder eine Pille. Ich ging zur Schule und hielt dort zu meiner eigenen Überraschung eine prahlerische Rede, in der ich meinen Mitschülern unter anderem die Weltrevolution fürs nächste Jahr versprach. Als es zur Pause schellte, war ich zum Klassensprecher gewählt. Valium, das war meine Droge!” (Christian Y. Schmidt: “Zum ersten mal tot”)

“This book is a history of drug-taking and therefore a history of emotional extremes. It tells the story across five centuries of addicts and users (…) Although it is primarily a history of people and of places, it is also the history of one bad idea: prohibition.” (Richard Davenport-Hines über sein Buch “The Pursuit of Oblivion. A Global History of Narcotics“)

“LSD … lit a fire under almost every emerging idea, social movement or philosophy that it found. It did this in two ways. First, the drug enabled people to see the failings in the current system or world view with far greater clarity. Second, it gave users a burst of creative energy and a sense of purpose.” (John Higgs: “I Have America Surrounded. The Life of Timothy Leary”)

“Ich klage also an dieser Stelle über die Opfer dieser “Schlacht” – die vielen persönlichen Freunde, die nach LSD- oder Meskalin-Erfahrungen in psychiatrische Kliniken wanderten, mit Elektroschocks oder Psychopharmaka behandelt wurden und daraufhin ihrem Leben ein Ende setzten; die vielen gänzlich verwirrten und geschockten Geister, die nach einmaliger traumatischer psychedelischer Erfahrung fortan allem, was mit Bewusstsein und Innenwelt zu tun hatte, skeptisch, ablehnend oder ängstlich gegenüberstanden; die tausende oder zehntausende von Kids in den USA und Europa, die jeden Realitätskontakt und jeden gesellschaftlichen common sense für immer oder auf Jahre hinaus verloren, auf irgendeinem kosmischen Umsteigebahnhof hängengeblieben, immer noch darüber nachsinnend, welchen Zug sie verpasst hatten – oder ob es ein Schiff war.” (Ronald Steckel: “Bewußtseinserweiternde Drogen”)

“Bei der zweifellos eher für Fortgeschrittene gedachten Droge GBL wird gern davon gesprochen, sie sei eine “Vergewaltigungsdroge”. Dabei ist das Problem die Heimlichkeit, der Übergriff und der Vergewaltiger – und nicht der Stoff.” (Julia Seeliger: 2C-B und GBL)

“Nach der Rationalisierung von Raum und Zeit folgt der Angriff aufs Ich: Ritalin befähigt, persönliche Grenzen zu überwinden, um Schritt halten zu können. Gleichzeitig wird so die kapitalistische Produktivität gesteigert. Jeder Chef hätte Freude, wenn er meinen Arbeitseinsatz sähe. Andere Bedürfnisse werden vernachlässigbar. In Jokeits Worten: «Mit der Pharmakologie zur kognitiven Leistungssteigerung werden Human Resources auf neuronaler Ebene des Selbst angezapft. Was folgt, ist die Abstraktion des Ich von sich selbst.»” (Das Magazin/Schweiz: “10 Milligramm Arbeitswut“)

“14 Monate später gaben 64 Prozent der Teilnehmer an, sich noch immer wohler zu fühlen als vor dem Drogenerlebnis: Sie seien allgemein zufriedener, kreativer, selbstsicherer, flexibler und optimistischer. “Diese Aussagen sind sehr erstaunlich”, meint Studienleiter Griffith, der seine Ergebnisse jetzt im Fachmagazin ” Journal of Psychopharmacology” veröffentlicht hat. “In der psychologischen Forschung gibt es selten so anhaltend positive Berichte von einem einzelnen Erlebnis.”” (Spiegel Online, Juli 2008: “Pilz-Trip kann Stimmung dauerhaft heben“.)

“Denn eine toxische Wirkung des Zaubersalbeis ist nicht bekannt, ebenso wenig wie ein Suchtpotenzial, und in der einzigen ernst zu nehmenden Studie über seine Wirkung, die die Universitäten Barcelona und Madrid im Jahr 2006 veröffentlichten, nannten die befragten Konsumenten als negativste Begleiterscheinung seine viel zu kurze Wirkungsdauer.” (Jungle World 35/2007 zum Verbot von Salvia Divinorum)

Holmes: „Ich muß zugeben, daß, auch wenn ich ihre politischen Schlüsse verdammenswert und aufrührerisch finde, vieles von dem was Sie sagen aufgrund der Kraft seiner Logik und Deduktion nicht widerlegt werden kann.“
Marx: „Ah, ja.“
Holmes: „Aber… [Holmes lacht] Sie begehen einen gewaltigen, unverzeihlichen Fehler.“
Marx: „Nur einen? Welchen?“
Holmes: „Wenn Sie schreiben: Religion ist das Opium des Volkes. Eine schreckliche Metapher, ein ganz und gar negativer, unfairer und sensationslüsterner Vergleich.“
Marx: „Sie meinen also, ich irre mich.“
Holmes: „Über Religion keineswegs. Aber Sie haben nie Opium probiert.“

(Aus dem Hörspiel “Sherlock Holmes und der Fall Karl Marx” von David Zane Mairowitz)

“Irgendwie finde ich einen verschrobenen Trost in der Behauptung: “Das Leben ist bloß eine Serotonin-Halluzination!”” (Jim DeKorne: “Psychedelischer Neoschamanismus”)

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