“Vielerlei Geschwindigkeiten” – unsere CD rezensiert

July 2nd, 2010

>>Das rundum Schöne an dem in einschlägigen Polit-und Partykreisen bekannten Blogger und Gelegenheitshedonisten Daniel Kulla (Classless Kulla) ist seine erstaunliche Beharrlichkeit in dem Bemühen, dem Leben mehr abzupressen, als der Lohnarbeitsalltag hergibt. Wie hier einer ungetrübt an etwas praktisch Ausgestorbenem wie Ideologiekritik festhält und energisch für seine Vorstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft eintritt, hat heutigentags etwas zutiefst Rührendes.

Seine erfrischend bizarre Homerecording-Disco für heimatlose Linke präsentiert am heimischen Herd hübsch zusammengeschnittene Jungle-, Hiphop- und Breakcore-Beats, viel fröhliches, überdrehtes Bummzackbummzack in vielerlei Geschwindigkeiten und zahlreiche feinfühlig platzierte Sampleschnipsel (“Ich interessier’ mich nicht für Menschen / Ich interessier’ mich für Kunden”).

Bedenkt man, dass man es bei Kulla und dem Lasterfahrer mit Leuten zu tun hat, die sich der außerparlamentarischen Linken zuzählen, fällt umso deutlicher angenehm auf, dass sie die erschütternde Humorlosigkeit und Kunstverachtung dieses Milieus nicht teilen. Statt Klassenkampfparolen und Volksküchenofenwärme werden Identitätsdestruktion und Neodada-Agitprop geliefert. Viele Tracks haben vergleichsweise elaborierte Texte (“Wenn du nicht mehr weiterweißt, sagt dir deine Identität wo’s langgeht”), hie und da begibt man sich leider auch in die dümmstmögliche Wortspielhölle (“Blödsinn / Lötzinn”). Was ernst gemeint und was Ironie ist, ist nicht immer leicht auseinanderzuhalten (“Die Welt vernünftig einrichten / Zu den Sternen aufbrechen / Kommunismus / Wir hatten doch noch was vor”), aber auch das ist ja nur ein Indiz dafür, dass es einem gelingt, seine Hörer zu verstören.<<

Thomas Blum in der Kölner Stadtrevue, 07/10

2 Responses to ““Vielerlei Geschwindigkeiten” – unsere CD rezensiert”

  1. Wolfgang Says:

    Den grössten genuss verschafft mir eher nur das booklet, cds kommen bei mir sowieso nur in ausnahmefällen infrage. Diese zeitgeist-musik-genres(aka “mucke”), wie techno, jungle, hip-hop, breakcore, etc. gehen mir ganz fürchterlich auf die nerven. Dass leute an sowas wie ‘rave’ gefallen fanden/finden, liegt meines erachtens an deren oberflächlichen beschäftigung(=bespassung+diskursgesteuertheit) mit underground-music, anstatt intensiver suche nach entsprechend intensiver musik. Was ich auf demos(oder noch schlimmer: “paraden”) zu hören bekomme ist halt nicht die revolution, zu der ich tanzen kann.

  2. Aktionskletterer Says:

    Das ist ja mal eine vielsagende Rezeption. Wie entfremdet von den eigenen Ansprüchen ans Leben muss man in seinem Alltag sein, damit bereits für andere alltägliche politische Essentials eine derartige Gefühlsverwirrung auslösen können? Es macht fast den Eindruck, da hätte sich einer mit Pappkameraden aus dem Heckenschützenkabbarett umstellt (humorverachtende Volksküchen, außerparlamentarische Ofenparolen etc.), nur um dann mit um so größerem Pathos zu entdecken dass die damit erzielte Lebenswirklichkeit eine selbstverschuldete Unmündigkeit ist. Andererseits ist nicht eindeutig erkennbar ob es dem Rezensierten tatsächlich gelungen ist seinen Rezensenten aus dem Gefängnis der eigenen Vorurteile zu befreien. Dafür machen Fälle wie dieser deutlich, dass die Verwurzelung der Nachkriegskultur auch in Westdeutschland immer noch nicht ausreicht um derartige ideologische Nahtodeserfahrungen auszuschließen.

Leave a Reply

2MWW4N64EB9P