Dresden gut gestört, Nazis laufen

February 14th, 2011

Heidefriedhof

Alles ist eins: Coventry - Dresden - Leningrad
Alles ist eins: Coventry – Dresden – Leningrad

Zum ersten Mal gelang es, den Protest gegen die offizielle Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof nicht nur in Form einer Kundgebung auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu bekunden, sondern ihn direkt auf den Friedhof zu tragen. Trotz Kontrollen an beiden Eingängen konnte die Polizei nicht verhindern, daß etwa 30 Antifas bis unmittelbar neben die Kranzabwerfer (darunter Ministerpräsident Tillich und NPD- und Kameradschaftsnazis) um 11 Uhr gelangten, dort zwei große Transparente (“Gedenkfrei statt Opfermythos und NS-Relativierung! – Keine Versöhnung mit Deutschland!” und “Licht aus – Destroy the spirit of Dresden!”) entrollten und schließlich auch ein Redebeitrag gehalten wurde.

#13feb #antifa #heidefrieshof #dd on Twitpic
Antifa direkt neben Trauergemeinde mit Nazis

Erst dann fing die Polizei an, die Antifa abzudrängen, angefeuert von Drohrufen der unmittelbar daneben stehenden ca. 50 Kameradschaftsnazis, die zuvor im Pulk auf den Friedhof gelassen worden waren und sich dann unter die “Trauergemeinde” mischten. Während BFEler nun die Antifas auf einem Nebenweg kesselten und erfaßten (Bayerischer BFEler: “Ich hab Zeit, ich werd ja dafür bezahlt.” – Aus dem Kessel: “Wir doch auch.” – Der BFEler (ohne Ironie): “Das ist aber sehr charakterschwach, sich dafür bezahlen zu lassen hier zu stehen.”), konnten die Nazis unbehelligt wieder abziehen.

Nazis nehmen offen teilNazis nehmen offen teil
Der Nazipulk beim Anmarsch zum offiziellen Kranzabwurf

Frauenkirche/Menschenkette

Während einige Antifas versuchten, Lücken in die 17.000-Menschen-Kette zu reißen, und von dort aus in einer Spontandemonstration zur Frauenkirche zu ziehen, stellte dortselbst eine Thüringer Gruppe den Kerzenschriftzug “Shoah” vor dem Haupteingang auf. Die mit Abstand häufigste Frage der Vorübergehenden: “Was heißt das denn?”

#SHOAH Schriftzug vor #Frauenkirche #Dresden #13februar #fb on Twitpic
Ein Wort ins Dresdner Wörterbuch geschrieben

(Später fanden sich eben jene Kerzen unter denen fürs Bürgergedenken wieder und die Buchstaben zusammengeknüllt unter dem Tisch, siehe Foto.)

Blockade Naziaufmarsch & Abend

Etwa 1300 Nazis konnten am Abend mit Fackeln eine stark verkürzte Route vom Hauptbahnhof durch die Reichenbachstraße und zurück laufen. Es gab vereinzelte Blockadeversuche von mehreren Hundert Antifas um den Münchner Platz. Auf der anderen Seite des Bahnhofs stand eine bunte Mischung aus ca. 800 Menschen mit Transparenten wie “Rechtsextremismus schadet Ihrer Gesundheit”. Wie gewohnt war die Stadt randvoll mit Cops, darunter auch viele bekannte Gesichter aus Berlin.

Sowohl vom Glockengeläut um 21.45 Uhr als auch vom erfolgreichen Angriff auf einen Nazitreff in Dresden würde ich selbst gern mehr wissen.

25 Responses to “Dresden gut gestört, Nazis laufen”

  1. Nayila Says:

    Beim Glockengeläut um 21.45 Uhr gab’s gleichzeitig ein Feuerwerk an verschiedenen Seiten um die Frauenkirche.
    Dies brachte wohl einige der gedenken Bürger_innen zur Weißglut – umstehende ca 60 – 70 anlässlich des Feuerwerks jubelnde Menschen wurden von einigen der “Gedenker” körperlich angegriffen.
    Verbale Auseinandersetzungen gab es ebenso en masse.

  2. wassili Says:

    Schlägerei am Abend
    Zeit:
    13.02.2011, 20.00 Uhr
    Ort:
    Dresden-Strehlen
    An der Kreuzung Reicker Straße/ Otto-Dix-Ring kam es am Abend zu einer Auseinandersetzung zwischen jeweils 25 Personen des linken und rechten Spektrums.

    Alarmierte Polizeibeamte stellten die Identität von siebzehn Personen des rechten Spektrums fest. Gegen einen 28-Jährigen lag bereits ein Haftbefehl wegen Körperverletzung vor. Ihn nahmen die Beamten fest.

    Die Personengruppe des linken Spektrums war vor Eintreffen der Polizisten
    geflüchtet.

    http://www.polizei.sachsen.de/pd_dresden/5925.htm

  3. potzlow Says:

    Hey:
    hier gibts noch Bilder vom Heidefriedhof, unteranderem mit den Spacken von der NPD und co.

  4. potzlow Says:

    hier natürlich:
    http://www.flickr.com/photos/andreas-potzlow/sets/72157626048449614/

  5. tsetse Says:

    Frauenkirchen-Performance:

    Drei gut plazierte Feuerwerke, hin und wieder Sprechchöre, lautes Fiebsen und Piepsen von elektronischen Geräuschgebern, Leute, die an die Polizei appellierten endlich was dagegen zu unternehmen, Polizisten die mit Knüppeln auf fiebsende und piepsende Geräuschgeber einschlugen, vereinzelt Platzverweise wegen Rufens von Parolen, davor ruppiges zu Boden reißen entsprechnder Rufer_innen durch die Einsatzkräfte der städtischen Ordnungsbehörde, hitzige Diskussionen.

    Mit den Worten eines Bürger: »Angemessen ist das nicht.« Sollte es auch nicht sein.

  6. Donauwelle Says:

    Dresden Heidefriedhof – endlich ein geeigneter Atommüllendlagerstandort für Deutschland?

  7. Schwizer Says:

    Das nächste Feuerwerk gibt es in Auschwitz beim Zeckenvergassen
    Ihr seit nur Untermenschen

    [178.197.254.3]

  8. Nayila Says:

    da hatte jemand ein handy mit videofunktion:
    http://www.youtube.com/watch?v=kLOlv5cPqvc

  9. ich Says:

    Der Shoah-Schriftzug vor der Kirche wurde auf Intervention einiger Antifas wieder abgeräumt, weil er viel zu missverständlich war. Viele der vorbeilaufenden Leute assozierten damit eine Gleichsetzung der Bombardierung mit der Shoa, Stichwort: Bombenholocaust.
    Hätten die Thüringer mal lieber “Täter” als Schriftzug aufgestellt….

  10. classless Says:

    @ ich

    “Shoah” fnde ich an der Stelle aber gar nicht so mißverständlich wie “Holocaust”.

  11. irgendwer Says:

    @ classless

    Und andere finden das Rondell auf einer sozialistischen und antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätte auch nicht so missverständlich wie mancher. Während andere aus einem Ehrenhain für Antifaschisten und Kommunisten am liebsten ein Atommüllendlager machen wollen.

  12. Kurzer Rückblick 13.02. « Leipzig goes Dresden 2011 – Gemeinsam gegen Geschichtsrevisionismus und Naziaufmärsche Says:

    [...] Dresden gut gestört, Nazis laufen (classless Kulla, Blog, inkl. Bilder) [...]

  13. frage Says:

    SHOAH vor dem zugang zur wiederaufgebauten frauenkirche am 13. februar mit grabkerzen, die auch in und um die frauenkirche stehen, während der gedenaktionen der stadt zum “inferno” ist mal sowas von daneben, nicht nur mißverständlich. die combo, die das gemacht hat, hätte besser mal nachdenken müssen. wir standen da zehn minuten daneben, und die bürgis dachten entweder, das heisse shalom und stehe für die versöhnung, oder sie bekamen von einem alten herren mit “ordner”-binde erzählt, ja, er finde das ja auch nicht so gut mit dem aufrechnen der beiden unglücke (bombardierung dresdens und holocaust), aber junge leute hätten das aufstellen wollen. daraufhin wurde von einem dutzend zufällig anwesender antifas gemeinsam interveniert und das sofortige abräumen durchgesetzt.
    sinnlos. diese kerzenaktion war mal ein schuss der ordentlich nach hinten losging.

  14. Donauwelle Says:

    @irgendwer – Doch lieber kein Atommüllendlager? Na dann mal schleunigst abschalten!

  15. classless Says:

    @ frage

    Ich wiederhole mich, aber die Kritik ist ja auch die gleiche: ich finde “Shoah” ziemlich eindeutig und finde, es spricht Bände, wie erklärungsbedürftig es dennoch war. Schlauer wäre vermutlich gewesen, den Schriftzug genau andersherum so aufzustellen, daß er denjenigen zugewandt gewesen wäre, die aus der Frauenkirche rauskamen, und ebenso wäre es sicher besser gewesen, wenn Leute die ganze Zeit dabeigestanden hätten (was ja aber auch jede_r andere hätte machen können, wenn’s darum gegangen wäre…)

    Und was war noch mal deine Frage?

  16. Xenu's Pasta Says:

    Ich schliesse mich der Missverständnisthese an. Im öffentlichen Kontext “Shoa” zu verwenden heisst in Dresden, einen grossen Teil der Leute (vermutlich wesentlich mehr als 50%) zum ersten Mal mit dem Wort zu konfrontieren. Da der Rest des Tages für die meisten in stark ritualisiertem Kontext, in dem alle Interpretationen klar vorgegeben sind, stattfindet, ist die Wahrscheinlchkeit groß, dass sie das Wort in genau diesem Kontext wahrnehmen.

    Oder anders: zu einem Zeitpunkt und in einem Kontext, an dem viele sich auf einer wenig rationalen Ebene zumindest irgendwie als Teil einer Opfergemeinschaft sehen (Ob nun primär als Opfer der Alliierten, oder sekundär als “Opfer” – bzw. passiver Teilnehmer – der Auseinandersetzung ums Geschichtsbild zwischen Nazis, Mainstream und verschiedenen linken Ansätzen) möchte ich nur ungern den Begriff zum ersten Mal einführen. Im Extremfall kommt dann sowas wie auf dem Heidefriedhof bei raus.

  17. classless Says:

    Hm, das heißt, das Argument gegen die Aktion ist die Dummheit der Dresdner?

    Was meinst du mit deinem letzten Satz?

  18. irgendwer Says:

    Ob die Leute Holocaust geschrieben hätten oder Shoa spielt keine Rolle. Das Problem ist, dass der Versuch der Kontextualisierung fehlschlug, weil er nur auf einer symbolhaften Ebene stattfand. Bedeutet “Shoa” nun Kontextualisierung oder Relativierung?
    Wenn an einem Ort des öffentlichen Gedenkens, zum Zeitpunkt des öffentlichen Gedenkens “Shoa” oder “Holocaust” in Kerzenform (also unter zur Hilfenahme der gleichen Riten wie im öffentlichen Gedenken) geformt wird, dann Bedarf dieser einer Interpretation.

    Shoa hätten überzeugte Neonazis wohl eher nicht verwendet. Aber wenn da Holocaust gestanden hätte und nicht klar gewesen wäre, wer das aufgestellt hat, hätte ich auf Nazis getippt.

    Aber rechtskonservative Kreise, die mit dem Wort “Shoa” weniger ein Problem haben, hätten das auch aufstellen können. Es ist schon irgendwie amüsant, dass diejenige, welche behaupten der Heidefriedhof sei – ohne jeden Zweifel – eine relativierende Kiste ist nun hier in Schwierigkeiten kommen.

  19. Xenu's Pasta Says:

    @classless
    Ja, die Interpretation und damit das Ergebnis einer Aktion, die mit Worten spielt, hängt direkt mit der Dummheit der Rezipienten zusammen.

    Im letzten Satz meine ich das komische runde Mahnmal. Das ist von Leuten aufgestellt worden, die sich selbst in einem Opferkontext mit den Leuten gesehen haben, die von den Deutschen in den KZs umgebracht wurden, und die von den Deutschen im Krieg umgebracht wurden. Hier wird als größtmöglicher Kontext – weil einzig inklusiver – ein Konstrukt “Krieg” gesetzt, welches die Handlungen des Krieges (der Deutschen _und_ der Alliierten) und die Menschenvernichtungsmaschine der Deutschen in eins matscht. Meine These dazu ist – da ich nicht allen die intellektuelle Leistung des bewussten Zynismus zuschreiben kann – dass solch eine kognitive Fehlleistung möglich wurde, weil die Leute sich a) als Opfer wahrnehmen wollten, gerade auch unterhalb der reflektierten Ebene, und b) – durch aus logisch, wenn auch nicht immer glaubhaft – die Verdammung “der Nazis” im öffentlichen Diskurs demonstriert werden musste. Raus kommt dann so ein Mahnmal und die ansonsten sehr seltsame, auf jeden Fall aber nicht empirisch belegbare Verknüpfung der Forderungen “Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg”

  20. Katharina Says:

    Für mich ist SHOAH eineindeutig.

    Und das Ziel war, an einem der Hauptorte des “Bombardierungs-Gedenkens” in Dresden auf Grund und Ursache hinzuweisen, gleichzeitig das “Opfergedenken” zu kritisieren – es hat – zumindest solange Leute dabei waren, die dies auch Fragenden erklären konnten – funktioniert.
    Nicht alle fragten übrigens, es wurde auch von Bürger_innen verstanden – ebenso wie es Äußerungen von Bürger_innen gab, was das denn in Deutschland zu suchen hätte – hier würde den “Bombenopfern Dresdens” gedacht.

    SHOAH abräumen zu lassen (mit mehr oder weniger sinnvoller Begründung – Interpretationssache) ist das eine – dann muss mensch sich aber auch bewusst sein, dass er / sie mit verantwortlich dafür ist, dass die Kerzen des “SHOAH-Schriftzuges” für die “Bombenopfer Dresdens” umgenutzt wurden.

  21. posiputt Says:

    ja, bedenklich, dass scheinbar viele das wort “shoah” nicht kennen.
    allerdings frage ich mich, wem das denn was sagen soll, wenn es die, die es dann dummerweise nicht verstehen, einfach nicht erreicht. so doof dieses unwissen und das opfergetue auch ist, waer es nicht sinnvoll, die leute da abzuholen, wo sie stehen? also kritik so zu formulieren, dass sie ueberhaupt als solche verstaendlich wird und sich nicht einfach als “krawall” oder “stoerung” oder “intellektuelles blabla” abtun laesst? es kann ja nicht darum gehen, leute bloszzustellen und dann insiderig darueber zu kichern, weil auszer einer klitzekleinen gruppe von leuten das ueberhaupt niemand kapiert hat.

    disclaimer: ich war nicht dabei, ich weisz nichts ueber die aktion, was nicht in diesem blogpost und seiner kommentarsektion steht. ich will niemandem ans bein pissen. ich verstehs nur nicht.

  22. posiputt Says:

    mir faellt auf: ich halte die opferkultisten wohl etwas voreilig fuer einfach nur zu naiv um ihren fehler zu sehen. und auch, dass es nur “eine klitzekleine gruppe” versteht, ist ein doofes argument. es geht vielmehr darum, dass es nur die verstehen, die es eben verstehen. und das sind tendenziell wohl nicht die, die erreicht werden muessen. die ideologisch gefestigten opferdeutschen sind vermutlich sowieso auszer reichweite.

    meh. was ein mus.

  23. classless Says:

    Ich glaube, es hatte einfach niemand angenommen, daß das Wort so unbekannt ist.

  24. HASKALA – JUGEND- UND WAHLKREISBÜRO KATHARINA KÖNIG, MdL » » Dresden – fuer 2011 geschafft Says:

    [...] – verschiedene Aktionen um darauf aufmerksam zu machen fanden statt und können u.a. bei classless sowie bei venceremos (mit ausführlicher Presseschau) nachgelesen [...]

  25. JG-Stadtmitte » » Kann Andacht Sünde sein? Says:

    [...] Aktion für den Heidefriedhof, um unseren Standpunkt öffentlichkeitswirksam zu verdeutlichen.[1] Dafür wollten wir ca. 600 Grabkerzen zu dem Wort ‘SHOAH’ zusammenstellen und diese auf [...]

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