Lesen gegen Deutschland: Nase und Hirn unterwegs

February 10th, 2012

Nach den ersten zwei Wochen der Lesereise wird der Genosse Burkhardt nicht müde zu betonen, daß sie qua Versumpfungsgrad viel heftiger ist als seine Konzerttourneen. Gab es am Anfang noch gute Vorsätze, den Marathon nicht mit lauter Sprints zu beginnen, wurde aus dem Tourmotto “Die richtige Menge” schon irgendwo zwischen Hannover und Essen ein hilfloses “Die richtige Reihenfolge”, schließlich dann irgendwas zwischen “Ich will’s mir heute richtig schmutzig geben” und “Ich muß jetzt unbedingt ins Bett”. Ich konnte nicht zuletzt mithilfe einer Schachtel voller Medikamente den Zusammenhang von Rausch und besonders optischer Entsynchronisierung näher studieren, diese aber irgendwann nicht mehr sicher von schlichtem Schielen abgrenzen.

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Jena (Foto: aftershow)

Torsun meint, wenn wir beide zusammen einen Kopf bilden würden, wäre ich das Hirn und er die Nase. Merkwürdigerweise bugsiert mich das aber auch in die Rolle des Gedächtnisses…

Schon nach dem zweiten Abend wurde erstmals bezüglich des vorgetragenen Inhalts weniger Rausch und mehr Kommunismus verlangt, was danach immer mal wieder da und dort zu hören war. Gern erklärten wir dann, daß es in einer Welt, die nicht nach den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen eingerichtet ist, gerade der Punkt ist, eben diese Bedürfnisse und Wünsche zu betonen. Es sei auf meinen lieben Freund Bernd verwiesen, der zum Buch meinte:

>>Mir hat es sehr viel Freude bereitet, all diese kleinen Geschichten zu lesen, in denen – ohne provozieren zu wollen, ohne Heldengeschichten oder Coolsein vermitteln zu wollen – einfach Menschen vorkommen, die eine gewisse Idee vom schönen und guten Leben haben und dies auch miteinander ausprobieren.<<

Am Anfang der zweiten Woche verschmolz und kulminierte dann alles in der JG Stadtmitte in Jena, dem bisher definitiv bemerkenswertesten Tourstop. Von Pfarrer Lothar König mit den Worten angekündigt, daß er auch nach seinem Aufsatz für den Rolling Stone nicht sicher zu sagen wisse, was links sei, aber daß es für ihn um Lebensfreude ginge, sagte Torsun: “Hätte ich das gewußt, wäre ich zum Drogennehmen nicht aufs Klo gegangen.”

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Lothar und Torsun (Foto: Katharina König)

Im Anschluß schätzte Lothar König unsere Betonung von Schwäche und Peinlichkeiten, besonders in der OpenMic-Runde mit peinlichen Begebenheiten, als “theologisch wertvoll” ein. Torsun wirkte in seiner Vorstellung von Pfarrern gründlich erschüttert und proklamierte: “Wir trinken uns in die Heiligkeit”. Am Ende der Nacht, in der sich allerlei an den Kopf geworfen wurde, siegte der Kommunismus ohne (noch vernehmbare) Gegenstimmen. Seither liest Torsun aber verdächtig viel mit Gott im Titel (“Gott bewahre” und “God hates us all”) und mußte in Schwerin auch unbedingt gleich übers Wasser gehen, nämlich über den zugefrorenen Pfaffen(!)teich.

Ich wiederum traf in Nürnberg auf einen recht rausch-affinen jungen Mann, bei dem ich mich fragte, woran er eigentlich genau glaubt, wenn er Intelligent Design, Gottesbild, Autorität, Glaubensgemeinschaft und Handlungsleitung ablehnt, sich aber im liberalen Judentum am ehesten zu Hause fühlt. Am Rande dieses Gesprächs sagte mir jemand anderes: “Wir sind doch Materialisten, und wenn wir eine halbe Stunde Zeit hätten, würden wir ihn auf jeden Fall dazu kriegen, seinen Glauben irgendwie autoritär oder faschistoid zu begründen.” Ich daraufhin: “Mir fehlt deine Glaubensfestigkeit. Ich bin mit eigentlich niemals so sicher.”

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Blick auf den Tisch vor mir, Jena

Wir erlebten drumherum Technopartys, einen Gothicabend (bei dem es überall nach Vanille roch) und eine Indiedisco (komplett mit dem immergleichen Kanon der gemeinschaftlich-ritualisierten Individualität: “Fuck you I won’t do what you tell me”, “We lack the motion to move to the new beat”, “Because we are your friends you’ll never be alone again” – und jetzt alle!) mit und lasen in Münster in einem Restaurant, während nur von einem Vorhang getrennt weiter gegessen wurde. Was den Gästen wohl bei unseren aus den Boxen schallenden Gedanken übers Kotzen so durch den Kopf ging?

In München besichtigte ich die Demo gegen die Sicherheitskonferenz, die zu meinem Erstaunen klar kommunistisch dominiert war, aber weniger überraschenderweise auch jede Menge Mist (ÖDP, Assadsoli) mit sich führte. Haltungsnoten gibt’s für die Verteidigung eines Seitentranspis gegen’s durchaus motivierte USK – als ich die Demo verließ, gab die Staatsgewalt den Versuch, das Transparent zu entwenden, zumindest vorläufig auf und zog sich auch ein ganzes Stück zurück. Auf dem Weg zum Bahnhof sah ich aus der Entfernung noch eine kleine, von der Polizei zur Demo auf Distanz gehaltene antideutsche Gruppe mit USA- und Israel-Fahnen, aber ohne weitere Beschilderung.

Die ganzen ersten zwei Wochen über blieb es so, daß so gut wie jeder Abend völlig anders endete als erwartet. Es war viel weniger oder viel besser besucht, als sich vorher abgezeichnet hatte; es gab keine Bedarfsmedikation oder überraschend doch; wir beide oder einer von uns war nach Formtief doch wieder noch stundenlang aufgedreht im Getümmel oder ganz schnell polnisch fort. Das meiste, was geschah, war jedoch – wie im Grunde immer – zu diffus, verfänglich oder privat, um hier im Blog ausgebreitet zu werden.

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München (Foto: Selina)

20 Termine haben wir nun noch vor uns, denn am Ende der Tour wird es – das steht jetzt endlich fest – noch mal eine schöne, große Abschlußlesung im Festsaal Kreuzberg geben: Freitag, 2. März.

6 Responses to “Lesen gegen Deutschland: Nase und Hirn unterwegs”

  1. ddd Says:

    was für eine wirre und selbstbezogene scheiße

  2. flokati Says:

    So spannend erzählt, das macht riesig Lust auf mehr.

    LG aus Bielefeld

  3. Qaumaneq Says:

    Nimm diesen Trinkspruch! ;-)

    “Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir ent­wickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Lass ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschrein. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewusstsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muss, wenn sie auch nicht will.”

    http://de.internationalism.org/ruge_39

  4. dreanaWTF Says:

    mannoman … lese grad dein buch und es ist einfach der hammer …
    leider hab ich dich und deine Leute in Flensburg verpasst … so hab ich garkeine Signatur abbekommen …
    habt ihr eigentlich eine neue Tour geplant für 2012?? … es wäre nähmlich der hammer wenn ihr in Flensburg einen kleinen zwischenstop einlegen würdet … :D

    Alles Gute auf dem Weg der erleuteten Musik und eine tolle Lesereise die du/ ihr hoffentlich nicht vergesst :D

    dreanaWTF <3

  5. dreanaWTF Says:

    sry …. wollte eig. bei Torsun kommentieren aber ich hab einfach planlos drauflos getippt aber die message bleibt…

    ein saugutes Buch ist euch beiden gelungen und es zieht einen einfach mit wie ein hammer Song die Menschen auf die Tanzfläche zieht … …
    alles gute auf dem weiteren Weg Kulla

    dreanaWTF <3

  6. alles hat ein ende… | Go get a blog. Says:

    [...] Beuys auf  kullas blog gibt es ja schon ne kleine review, darin schreibt er auch das es sehr schöne [...]

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