Status-Posting 1: Argentinien, herrenlos

October 1st, 2013

Ich bin – ermöglicht durch die Hilfe von Freunden – seit drei Wochen in Buenos Aires und recherchiere zu den hiesigen selbstverwalteten Betrieben und Kooperativen, der Bewegung der fábricas recuperadas.

Sin Patron Cover

Die Idee ist, das Buch “Sin Patrón” (aus dem Amerikanischen) ins Deutsche zu übersetzen und ausführlich einzuleiten. Zum einen gibt es allerlei zu aktualisieren: das Buch, veröffentlicht von einer Verlagskooperative, ist sechs Jahre alt, und mittlerweile befinden sich in Argentinien doppelt so viele Betriebe in Selbstverwaltung wie zum Zeitpunkt des Erscheinens. Zum anderen soll es darum gehen, die Übertragbarkeit der Strategien und Aktionsformen nach Deutschland bzw. Europa auszuloten.

«Auf vielen Veranstaltungen wurde ich gefragt, ob wir uns mit den Erfahrungen der besetzten Zanon-Fabrik in Argentinien auseinandergesetzt haben. Schließlich stellt sie ähnliche Produkte her wie wir und ist in vielen Ländern als selbstverwaltete Fabrik bekannt geworden. Die Zuhörer sind erstaunt, wenn ich ehrlich antworte, dass niemand von uns von Zanon gehört hatte, als wir unseren Kampf begonnen haben. Das Interesse wäre wohl auch nicht groß gewesen. Argentinien ist weit weg und wir müssen unsere Probleme bei uns lösen, hätten wir gesagt. Jetzt haben einige unserer Kollegen das Buch von Raúl Godoy gelesen, der bei der Besetzung von Zanon eine wichtige Rolle spielte. Sie hatten den Eindruck, dass er über Vio.Me schreibt. Er stellt in dem Buch die Fragen, die auch wir uns stellen. So haben wir gelernt, dass die Arbeiter auf der ganzen Welt ähnliche Probleme haben und nach ähnlichen Lösungen suchen.» (Makis Anagnostou, Vorsitzender der Basisgewerkschaft der von den Beschäftigten besetzten Fabrik Vio.Me im griechischen Thessaloniki, im Interview mit der Jungle World)

Eine sehr bewegende und stark auf die Handelnden fokussierte Einführung in das Thema bietet der Film “Heart of the Factory”, in dem es um Zanon geht, die wohl größte und bekannteste, gleichzeitig auch eine der radikalsten Kooperativen, umgetauft in FaSinPat (Fabrica Sin Patrones = Fabrik ohne Herren/Chefs).


Heart of the factory – Full Version, 120′ – Argentina 2008, English subtitles.

Für die ersten Interviews war ich mit einem Aktivisten aus Buenos Aires bereits in der Arbeiteruniversität innerhalb der besetzten Fabrik IMPA, im Hotel Bauen und in einer selbstverwalteten Schule (nicht nur) für Trans-Menschen. Dabei sind auch schon einige Fotos entstanden:


Flickr Set: Sin Patrones Ni Jefes

(weitere Fotos, die ich in Buenos Aires gemacht habe: Ersterkundung, seither fortlaufend)

Ich lese mich nebenher schon ein bißchen in die Literatur zum Thema ein (z.B. “Counter-Hegemony at Work” über Bauen, “Occupy, Resist, Produce – Aspects of Class Consciousness and the Argentine Movement of Recovered Factories”, die aktuellen konkret-Texte zu Argentinien…) und wäre sehr dankbar für weitere Material-Empfehlungen oder Recherche-Vorschläge.

Zwischendrin gibt’s hier auch ein bißchen Frühling und – das ist zumindest der Plan – Gelegenheit zum Auflegen.

8 Responses to “Status-Posting 1: Argentinien, herrenlos”

  1. Benni Bärmann (@benni_b) Says:

    http://www.amazon.de/andere-Welt-Gelebter-Widerstand-Argentinien/dp/3897411628

    sie hat danach auch noch ein Buch über Deutschland und Ansätze hier geschrieben: “Halbinseln gegen den Strom” heißt das.

  2. classless Says:

    Guter Tip!

  3. der Nachbar Says:

    Schöner Bericht – auch in Griechenland ist eine Menge los: http://www.viome.org/

  4. Mavis Says:

    Oh, schön zu hören, dass Du auf Reisen bist!
    Ich wünsch Dir alles Gute und hoffentlich aufschlussreiche Eindrücke…

  5. c Says:

    hey, hier ein film über argentinien direkt nach dem aufstand vom dezember 2001
    http://de.labournet.tv/video/5680/argentinien-2002

  6. Sebas Says:

    Ein ausgezeichnetes Buch, allerdings auf Spanisch, über die Erfahrung der ersten zehn Jahre der fabricas recuperadas von 2000 bis 2010: ACÁ NO, ACÁ NO ME MANDA NADIE von Juan Pablo Hudson. http://tintalimon.com.ar/libro/AC-NO-AC-NO-ME-MANDA-NADIE/
    Der Autor (lebt in Rosario, manchmal ist er in Buenos Aires) ist den besetzten Unternehmen solidarisch verbunden, ohne aber die Probleme und Widersprüche zu verschweigen, die entstehen, wenn in der Fabrik keiner mehr befiehlt, aber die Marktgesetze es noch tun.

  7. Hierarchieallergie Says:

    “… weitere Material-Empfehlungen…”

    Die regelmäßigen “Noticias” bei http://www.freie-radios.net/ gibt es leider nicht mehr, aber jede Menge Einzelbeiträge zum Stichwort “Lateinamerika” sowie die deutschsprachigen Quellen “poonal” (http://www.npla.de/poonal/) und “Amerika 21″ (http://www.amerika21.de/) – und natürlich “Radio Habana Cuba” in englischer Sprache (http://radiohc.cu/en).

  8. Juan Says:

    El libro “Acá no, acá no me manda nadie. Empresas recuperadas 2000-2010″ se está traduciendo al alemán. Dejo el link:

    http://www.mandelbaum.de/books/806/7506

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