Diese Klasse mit diesem Kampf

August 19th, 2016

Die arbeitende Klasse – also alle, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen (oder das zumindest versuchen) – ist so zahlreich wie noch nie. Ihr Anteil an der als erwerbsfähig geltenden Weltbevölkerung hat erst in den letzten Jahren die 90 Prozent überschritten und steigt weiter an. Doch diese Klasse gibt’s immer in (mindestens) zwei Ausführungen zugleich: die Klasse, die für sich als Klasse kämpft, und die, die das nicht tut. Die Rolle der systemstabilisierenden Linken in den zurückliegenden Jahrzehnten bestand meist darin, der einen die andere vorzuhalten (“Ihr könntet ja, wenn ihr wolltet, aber ihr wollt ja nicht”), die andere mit der einen zu blamieren (“Das habt ihr nun davon, daß ihr euch auflehnt; am Rockschoß von Staat und Kapital gäb’s vielleicht ein Häuschen”) – wenn’s nicht gleich hieß: “Das ist alles viel komplizierter, oder: “Es gibt keine Klassen mehr”. Sie übergeht oder leugnet die schlichte Tatsache, daß sich das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen letztlich nur durch Klassenkampf verändert und daß dieser gegen vielerlei Ideologie, Einschüchterung, Terror und Bestechung ermutigt werden muß. So konzentrieren viele, die es eigentlich besser wissen müßten oder könnten, einen beträchtlichen Teil ihrer politischen Tätigkeit darauf, der Klasse den Kampf auszureden, und zwar wesentlich mit dem Verweis, wie es um diesen Kampf bestellt ist, den sie beständig allen ausreden.


Nehmen sich einfach Arbeit! Gut, daß andere ihnen welche geben…

Fürs Hamburger FSK-Magazin “Transmitter” ist klar: “In Deutschland hat sich die Arbeiter_innenbewegung besonders nachhaltig aufgelöst. Im Nationalsozialismus ist sie in der Volksgemeinschaft aufgegangen (der widerwillige Teil ist zerschlagen und ermordet worden) und im darauf folgenden sozialstaatlichen Kapitalismus konnte sie durch das auf Raub und Krieg aufgebaute Wirtschaftswunder in die Gesellschaft integriert werden (…) Wer meint sich Heute genauso wie vor 100 Jahren auf Klasse und Klassenkampf beziehen zu können als wäre seit dem nichts passiert, betreibt keine radikale Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft.” (Es war einmal… die Arbeiterbewegung)

Diese Bemerkungen sind dort meinem vom “Kotzenden Einhorn” übernommenen Lagebericht zu Frankreich von Anfang Juni vorangestellt, an dessen Ende ich den Klassenkampf gerade gegen das in Stellung gebracht hatte, was ihn einst und bis heute nicht nur hierzulande niederzuringen vermochte. Ja, hier sieht’s besonders übel aus; ja, hier wurde die Arbeiterbewegung besonders gründlich zerschlagen und einverleibt; ja, das wird immer gern als Vorwand benutzt, um sich aus Arbeitskämpfen u.ä. herauszuhalten. Nein, auch hierzulande gibt’s dennoch sowas; nein, auch hier hat es seltene überschießende Momente; nein, auch hierzulande sähe es noch viel übler aus, wenn gar nicht gekämpft würde. Die Welt ist dennoch ein kleines bißchen größer als dieses Land hier.

Anderswo hatte sich die Diskussion schon mal weiterbewegt. Deshalb sei hier auf drei Texte verwiesen, die genau zum Thema machen, wie sich die Klasse im Klassenkampf bildet, und warum es zur Ausrede geworden ist, das, was man selbst nicht (bislang) nicht besser zu organisieren vermag, als “nicht in Sicht” wegzuerklären.

«Das Proletariat wäre so zerrissen wie die Menschheit; wenn man an dem Wort (und mehr ist es nicht) festhalten will, dann muss es immer erst entstehen; sich immer erst zusammenfinden, nach seinen einzelnen auseinandergerissenen Aspekten; die aussichtslose Jugend, die unterdrückten Frauen, die ausgebeuteten Arbeiter; und noch ganz andere Teile dieser Gesellschaft, und nur wo diese dann sich selbst ineinander erkennen, und aus ihren partikularen Nöten der Umrisse einer einzigen grossen Not sich bildet, die es in gemeinsamer Aktion zu beenden gäbe: erst da bildet sich, auf den Strassen und in seiner eigenen revolutionären Öffentlichkeit, das, was das Wort Proletariat bezeichnet. Dann aber ist die Revolution doch schon da. Was also ist es denn, wirklich, mehr als ein Wort? Es sei denn, die Revolution hätte noch nicht angefangen.»
Jörg Finkenberger (Das Grosse Thier): Etwas über das Proletariat – Zur Metafysik der Klasse (2013)

«Der Wind, den viele Revolutionäre im Rücken zu verspüren meinten, der Glaube an einen humanen Fortschritt, der sich von ganz alleine durchsetzen wird, hatte sich angesichts der Katastrophe und der Niederlage der revolutionären Bewegung als Illusion erwiesen. Die Schlussfolgerung daraus muss aber sein, alles auf die Selbsttätigkeit der Revolutionäre zu setzen, mit den überlieferten Verhältnissen und Ideen der Klassengesellschaften radikal zu brechen, anstatt sich auf deren naturwüchsige Eigengesetzlichkeiten zu verlassen, auch wenn sie fortschrittlich gerichtet sind. Und auch das Proletariat, wie es geht und steht, muss einen grundsätzlichen Wandel durchmachen, wenn es revolutionär werden soll, um eine kommunistische Produktionsweise durchzusetzen. Die große Niederlage vor dem Faschismus hat bewiesen, dass die Revolutionäre – nicht zu radikal, sondern – nicht radikal genug waren.»
weltcoup: Eine Erwiderung auf: „Etwas über das Proletariat“ (2015)

«Es mag den Logiker mit einiger Berechtigung stören, aber Marx bietet zwei Klassenbegriffe an, einen subjektiven und einen objektiven. Zwar sind qua Trennung von den Produktionsmitteln die Arbeitermassen objektiv eine einheitliche Klasse, aber seltsamerweise sind in der „Arbeiterklasse“ die „Arbeiter“ nicht handelndes Subjekt, sondern nur die „Klasse“ näher bestimmendes Prädikat. Es handelt sich nicht um die Klasse der Arbeiter, sondern um die Arbeiter der Klasse. Nicht die besonderen Individuen sind das Bestimmende, welches das Allgemeine hervorbringt, sondern das verselbstständigte Allgemeine bringt die Individuen hervor. Dies Verhältnis ändert sich erst, wenn zur Schmach der objektiven Klassenlage das Bewusstsein dieser Schmach hinzukommt und sich die atomisierten Produzenten zu vereinigen beginnen. Erst im Kampf konstituieren sich die Arbeitermassen auch subjektiv zu Klasse und verdienen es, Proletariat genannt zu werden. Indem sie Einsicht in ihre Seinslage gewinnen, beginnen sie diese zu ändern, womit sich das Verhältnis dreht: Die Massen, welche nur Objekt der Geschichte waren, beginnen sie zu schreiben und sich so tatsächlich zu individuieren. Der Zeitpunkt des vollkommenen Bewusstseins der Klasse und der Moment der Aufhebung der Gattungsspaltung fallen dabei unmittelbar zusammen, wie überhaupt Bewußtsein und Praxis zusammen gedacht gehören.»
Karl Rauschenbach (Antideutsche Kommunisten Berlin): Zum Begriff der Klasse (2004)

Noch mal etwas konkreter: Die Konsequenz aus der deutschen Geschichte und Gegenwart kann irgendwie nicht lauten, arbeitende Deutsche sollten sich nicht zusammentun – schon weil sich das einfach nicht verhindern läßt. Es müßte darum gehen, wozu, mit wem und vor allem wie sie sich zusammenschließen. Zum Fußvolk des kapitalistischen Nationalstaats, der als einer der größten Rüstungs- und Schuldenexporteure Krieg und Armut verbreitet, und der sich fürs gelegentliche Ausbleiben rassistischer Eskalationen und für die gelegentliche Einhaltung internationaler Konventionen feiern läßt. Zur letztlich komplementären nationalistischen bis rassistischen Massenbewegung und Populärkultur. Oder eben zum Streik, zur kollektiven Aneignung von Produktion und Reproduktion, zur länderübergreifenden Solidarität auf Augenhöhe. Und das beginnt immer alles damit, daß welche damit beginnen.

7 Responses to “Diese Klasse mit diesem Kampf”

  1. Benni Says:

    Im verlinkten Wikipedia-Artikel zu der Grafik heißt es:

    “Die Erwerbstätigen sind die „Arbeitnehmer“ und die „Selbständigen und die mithelfenden Familienangehörigen“ (letzteres sind also nicht nur „Kapitalisten“). Allerdings ist diese Einteilung umstritten, weil so auch hochbezahlte Angestellte als Arbeitnehmer zählen. Umgekehrt gibt es viele selbständige Geringverdiener.”

    das hat also mit “Anteil der Leute, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen” wenig zu tun.

    Ich glaube man versteht die Arbeiterklasse nicht, wenn man nicht berücksichtigt, dass das “müssen” in “Arbeitskraft verkaufen müssen” sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Eine Arbeitslosenversicherung wirkt sich nämlich schon auf dieses “müssen” aus und mindert den Druck. Sozialsysteme tragen auf diesem Weg tatsächlich zu einer Spaltung bei auf materieller Ebene. Für einen gut verdienenden leitenden Angestellten oder Experten wiederum stellt sich das “müssen” auch ganz anders dar. Er hat vielleicht ziemlich viel auf der hohen Kante und “müsste” eigentlich nicht, trotzdem wäre das mit so einem Statusverlust verbunden, dass er subjektiv doch “muss”. Da finde ich sind die spannenden Fragen und da ist auch die Erklärung zu suchen, warum so große Teile der Arbeiterklasse sich überhaupt nicht als solche sehen sondern als “Mittelschicht” z.B.

    das soll jetzt gar kein Widerspruch zu Deinem Artikel sein.

  2. classless Says:

    Die Illustration hat nur lose mit dem Text zu tun – siehe auch ihre Untertitelung…

  3. tm Says:

    `Fürs Hamburger FSK-Magazin “Transmitter” ist klar:`
    So so für den transmitter? Das war doch ein weiterer Artikel im Heft. Warum haust du den jetzt so als Gruppen gegen macht zu deinem, ebenfalls dort gedruckten, Artikel an? Bis du nicht dann auch teil des Magazins?
    Der erwähnte Text sagt doch einfach nur das nicht mit abgeklatschten, romantischen Klassen begriffen wie vor hundert Jahren arbeiten kann, als hätte keine Geschichte stattgefunden.

  4. classless Says:

    War für mich nicht erkennbar gezeichnet, deshalb hielt ich’s für einen Redaktionsbeitrag – mein Text wurde nur von anderswo übernommen. Und wegen dieser Anordnung/Reihenfolge – erst der Abgesang, dann der Frankreich-Beitrag – nahm ich das auch als Statement, das weiter greifen sollte. Würde mich gern irren damit.

  5. tm Says:

    Da über schätzt du dich.

  6. tm Says:

    Der text war mit Autor genannt. Wäre es eine redaktionelle Anmerkung zu deinem Text gewesen wäre sie auch als das ausgezeichnet und angemerkt gewesen. Hier stehen einfach mehrere Texte zum Thema nebeneinander, da kann bezug zueinander gesehen werden, muss aber nicht.

  7. classless Says:

    Okay, möglich – die Anmerkungen zur Klasse halte ich aber dennoch für angezeigt.

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