Dalai Lama und chinesische Studenten aus nächster Nähe

May 20th, 2008

In meinem bisher einzigen Statement zur China-Tibet-Problematik versuchte ich, Äquidistanz zu wahren, wie das in offiziellen Texten genannt wird. Gestern schlug diese von beiden Lagern gleich weit entfernte Position unbeabsichtigt in ihr Gegenteil um.

Als ich dabei war, im Tiergarten Songzeilen auszubrüten, fand ich mich nämlich überraschenderweise zu Anhängern beider Lager in größter Nähe wieder – heißt das dann Äquipropinquitas? Oder Äquiproximum? Oder Äquivicinia?

Keine Ahnung, vom Brandenburger Tor schallte jedenfalls ab etwa 14 Uhr schlimmes Keyboardgewaber, auf das ein emotional engagierter Mann Dinge sang wie “Meine Nation sind alle Liebenden auf der Welt” und “I believe I can fly”. Egal, wie weit ich mich vom Ort des Geschehens entfernte, die Stimme folgte mir und meine eigene Textproduktion, in der es gerade um Autofahrer, Selbstbesudelung und den Takt des Geldes ging, kam nach und nach zum Erliegen.

So beschloß ich, mir das Ganze aus oben erwähnter Nähe anzuschauen. Auf dem Platz des 18. März standen – der Dalai Lama war von der B.Z. für 16 Uhr angekündigt worden – bereits einige hundert Menschen, von denen wenigstens ein Drittel in Tibetfahnen gehüllt war, umringt von kleinen Büdchen tibetischer Vereine, die fleischlose Chinapfanne (oder Tibetpfanne?) austeilten. Da ich zu diesem Zeitpunkt nicht wußte, von wo aus der Dalai Lama hierher kommen sollte und mich die Beschallung wuschig machte, lief ich die kurze Strecke zum Reichstagsgebäude, vor dem außerdem schon aus der Entfernung sichtbar größere Mengen Polizeifahrzeuge herumstanden.

Dort hatten sich nun etwa 50 chinesische Studierende versammelt, nach eigenem Bekunden spontan und selbstorganisiert, die mit einigen Abweichungen die offizielle Position der chinesischen Regierung vertraten – wir wollen ja alle nur Frieden, Tibet gehört schon ewig zu China, der Westen will China auseinanderbrechen wie Jugoslawien, er führt eine Schmutzkampagne statt sich dem fairen internationalen Wettbewerb zu stellen, den Tibetern geht’s doch gut. Sie hatten deutsche und chinesische Fahnen nebeneinander aufgestellt, sangen grauenvolle folkloristische Lieder über Drachen, appellierten in Redebeiträgen an den Frieden und die tibetischen “Brüder und Schwestern” und zeigten Schautafeln über die Ausschreitungen in Lhasa, die mich an die Bilder erinnerten, die wir 1989 in der Schule von verbrannten chinesischen Regierungssoldaten gezeigt bekamen.

Chinesische Studenten vorm Reichstag
Ich habe noch mehr Fotos gemacht – siehe Flickr

Mit den vorüberlaufenden Dalai-Lama-Fans kam es in mindestens vier Sprachen zu teilweise heftigen Diskussionen. Die Beobachter der Polizei rätselten zuweilen, wer gerade mit wem worüber stritt. Das lag möglicherweise auch daran, daß die Teilnehmer der Kundgebung recht bunt zusammengewürfelt und nicht immer eindeutig zuzuordnen waren. Ein junger Mann lief etwa in einer traditionellen Tracht einer angeblich erfolgreich integrierten Minderheit herum, eine deutsche Teilnehmerin wiederum tat sich durch besonders laute und beharrliche Ansprachen an die Passanten hervor, in denen sie mühelos in wenigen Sekunden inhaltliche Sprünge zum Iran und zur DDR machte.

Ich schaute mir die recht dynamische Szenerie eine Weile an, fand dann aber die Diskussionen, die ich verstand, wenig aussagekräftig, während ich mich ärgerte, daß die offensichtlich viel intensiveren Streitgespräche auf chinesisch nicht untertitelt waren. Da es ohnehin schon fast um vier war, bewegte ich mich wieder zum Brandenburger Tor, wo mittlerweile Tausende Menschen zusammenströmten – durch das Tor, um das Tor und wieder zurück. Irgendwie schienen sie unentschieden, ob sie den Dalai Lama vorm Adlon, wo er wohnte, hinter der Bühne oder vor der Bühne am besten zu sehen, zu hören oder zu greifen bekämen.

Auf der Bühne stellten sich die drei veranstaltenden Gruppen vor – die GfbV, der Verein Tibeter Deutschlands, die Tibet-Initiative – und ließen die ersten steilen Thesen los: es gäbe keine medizinische Versorgung in Tibet (Eberding vom VTD) und zu den positiven Beispielen von Autonomiebewegungen gehöre neben Québec und Wales auch Südtirol (GfbV).

Das Vorprogramm wurde mit Ethnokitsch bestritten, den eine buddhistische Nonne zum besten gab – den Höhepunkt bzw. Tiefpunkt bildete ein endloses “Om Mani Padme Hum”, bei dem ein Moderator beinahe nach fast jedem Vers mit lautem Marktgeschrei (“Come on!”, “Louder!”, “Yeah!”) das Publikum zum Mitsingen zu animieren versuchte. Gleich danach spielten 2raumwohnung ihr buddhistisches Lied “Lotus” – mit dem Refrain “Om Mani Padme Hum”. Und dann noch schnell ihren ersten Hit, bevor der Dalai Lama kam, anmoderiert von Franz Alt, der als erstes auf die Olympiade 1936 in Berlin hinwies, um dann nachzuschieben, das die Nazis und China nicht vergleichbar wären, “gerade wir” aber nicht schweigen dürften und so weiter.

In dieser Argumentationsform fuhr er fort: die chinesische Regierung würde auf die Toten und Verletzten durch die Ausschreitungen in Lhasa verweisen, ABER die verhafteten Mönche würden gefoltert werden und das passe nicht zu einem modernen Land: “Warum haben die Chinesen Angst vor der Wahrheit? Nur die Wahrheit wird uns alle frei machen!” Weil der Dalai Lama in der ARD gesagt habe, Tibet gehöre völkerrechtlich zu China, dürfte die chinesische Regierung nicht mehr als Separatisten diffamieren. Natürlich durfte auch der Verweis auf Reagan nicht fehlen, der hier an dieser Stelle gesagt hatte – und wir heute – naja.

Dann hob der Gottkönig an, im von ihm gewohnten Sound eines sprechenden Glückskekses. Er sprach über die Erdbebenopfer – und die Menschen dort, die “ihr einziges Kind” verloren haben -, aber nicht über die verbrannten Chinesen in Lhasa. Die, die für Tibet sind, seien nicht Pro-Tibet und Anti-China und überhaupt, die Gewaltlosigkeit. Dutzende Male sagte er “non-violence”, und es fällt mir schwer einzuschätzen, inwieweit ihm der Widerspruch zwischen dieser Beschwörung und der Praxis zumindest einiger seiner Anhänger bewußt ist. Erwähnt hat er ihn kein einziges Mal, ebensowenig wie den anderen naheliegenden Widerspruch, nämlich den zwischen der sicher auch ein Dutzendmal geforderten Religionsfreiheit und seinem eigenen Alleinvertretungsanspruch.

Aber ohne Widersprüche klingt es gleich viel netter, man solle die Gewaltfreiheit im täglichen Leben praktizieren “and then it looks very nice.”

Relativ schnell war das Ganze vorbei, und die Massen strömten wieder davon; viele von ihnen zum Holocaust-Mahnmal, um dort ein wenig herumzutollen.

Holocaust-In

Gegenüber vom Mahnmal stand eine zweite Gruppe chinesischer Studenten, deren argumentativer Schwerpunkt hier aber trotz ähnlicher Schautafeln mehr darauf lag, dem Dalai Lama vorzuwerfen, daß er gar kein richtiger Buddhist sei, sowie auf der Leugnung der chinesischen Massenmorde an Tibetern nach dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee 1959. Bevor es hier zu sich bereits andeutenden Zusammenstößen kam – erste Passanten warfen den Studenten die Geschmacklosigkeit der Leugnung von Massenmorden gegenüber vom Holocaust-Mahnmal lautstark vor, friedliebende Buddhisten nahmen zudem teilweise lautstärker Anstoß am Vorwurf des unrichtigen Buddhismus -, wies die Polizei daraufhin, daß die Kundgebung gar nicht für diese Stelle, sondern fürs Goethe-Denkmal angemeldet war und verwies die Studenten des Platzes.

17 Responses to “Dalai Lama und chinesische Studenten aus nächster Nähe”

  1. Alex Says:

    Also ich weiß die Veranstaltung nicht richtig einzuschätzen – irgendwie war es einfach nur mal nett, abgesehen von den von fragwürdigen musikalischen Einlagen, die mir keinen Mehrwert betrachten.

    Wenn ich an an gestern zurückdenke, dann denke ich nur an die schlechte Akustik (an den Seiten), die Pop-Einlagen, Ralf Bauer und einen Dalai Lama, deren zartes Stimmchen mal einer Ölung bedarf ;) *no offense* (er war halt schwer zu verstehen).

    Vom Gegenprotest habe ich nicht viel mitbekommen, insofern war deine Schilderung schon gut ergänzend für mich – ich frag mich nur, ob die das wirklich ernst meinen, der D.L. sein kein richtiger Mönch? *kopfschüttel*

    Für mich also insgesamt zu weltlich kommerziell für einen geistlichen Anlass.

    Grüße aus Berlin nach…^^

  2. karwan's paule Says:

    Manchmal bin ich doch ganz froh, hier draußen in der Provinz zu wohnen. Hier ist »seine Heiligkeit« zwar auch ständig lästiges Thema, die Irren treten aber wenigstens nur in Kleinstgruppen auf. Meine einzige Auseinandersetzung mit Lama-Fans hat weniger als zwei Minuten gedauert (mit einer Zeitungshändlerin, die sich von mir gewünscht hat, dass ich das Titelbild der letzten Konkret rechtfertige). Chinafreunde soll es angeblich auch geben. Gesprochen habe ich allerdings noch mit keinem. Kann auch gern so bleiben. …

  3. Wendy Says:

    Warum hast du nicht dein Transpi mitgenommen, dass hätte doch super gepasst. Bis zu nem bestimmten Zeitpunkt wird es doch immer ganz gut passen.

    P.S.: Krasses Foto.

  4. classless Says:

    @Alex
    Der Vorwurf, er sei kein richtiger Buddhist bezieht sich auf seine Billigung von Gewalttaten seiner Anhänger in der Vergangenheit und auf seine Unterdrückung anderer buddhistischer Strömungen in der tibetischen Exil-Community in Indien, wo er dafür auch angeklagt wurde. Der Vorwurf, er sei nicht bloß ein Mönch verweist wiederum auf seine Funktion als politischer Amtsträger und Repräsentant Tibets.

    @Paule
    Du mußtest das Titelbild einer von dir gekauften Zeitschrift gegenüber der Verkäuferin rechtfertigen?

    @wendy
    Ich hatte ja sogar Aufkleber dabei, hab dann aber doch davon abgesehen, sie zu verteilen.

  5. karwan's paule Says:

    Ich glaube, das war ein zaghafter Versuch, die karmatischen Konsequenzen unseres Tauschs in Grenzen zu halten. Vielleicht sollte es aber auch nur witzig sein (und ich hab’s nicht begriffen).

  6. Gehirnschnecke Says:

    Kämpft der Bruder des Dalai Laber (kann ein Gottkaiser einen Bruder haben?) eigentlich noch bewaffnet gegen die Besatzer (“Was haben die uns eigentlich gebracht?” Grinsender Verweis auf “Leben des Brain”)? Oder war das sowieso nur eine Meldung der “Feindpresse”?

    Kann ich auch Gottkaiser werden?

  7. Schriftgelehrter Says:

    Kulla ist mal wieder viel zu oberflächlich, hier die ganze Wahrheit über Tibet:
    http://www.titanic-magazin.de/tibet-verbotene-stadt.html

  8. Und täglich grüßt das Schmunzelmonster! « Analyse, Kritik & Aktion Says:

    [...] wieder unter uns. Hat nett gelächelt. Was von nonviolence erzählt und is’ wieder abgehauen. Classless Kulla war da und hat sich das Spektakel um Tentzin Gyiao vor dem Brandenburger Tor, der Fanmeile ade und [...]

  9. Says:

    es ist übrigens immer noch Äquidistanz, weil es immer noch der gleiche Abstand ist, auch wenn der Abstand kleiner ist. Entscheidend ist das “gleich”. Das Gegenteil davon wäre, verenglischt, sowas wie “unequal distance”.

    Oder ich bin schon zu betrunken.

  10. Free Tibet!? No. III « hate work. love communism. Says:

    [...] Schlagzeilen: Dalai Lama und chinesische Studenten aus nächster Nähe (classless) Fanmeile und scharfe Kritik (die welt) Friedens Fanmeile für den Dalai Lama (spiegel [...]

  11. godforgivesbigots Says:

    Der Dalai Lama ist halt auch nur so ein kleiner Junge dessen Vater zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und was soll er schon sagen, etwa “das ist nicht der Kommunismus?”

    Das Amt ist eine Kopie, das Original heißt Jiddu Krishnamurti. Die Legende von den Heldentaten eines österreichischen Nazi-Bergsteigers kennt jeder, aber die Geschichte wie wenige Jahrzehnte zuvor die Theosophische Gesellschaft ihren Auserwählten fand ist nicht so bekannt. Weil der merkte irgendwann er wollte gar nicht.

    @Gehirnschnecke -

    “Kann ich auch Gottkaiser werden?”

    Ja.

  12. Gehirnschnecke Says:

    Schwaben ist auch komplett überfremdet – und dann werden WIR (!) auch noch von einem badensischen KATHOLIKEN regiert. Das ist kultureller Genozid!

    Das wird alles anders wenn meine Heiligkeit den Laden erstmal übernommen hat! CIA, ich bitte um Waffen für den gewaltlosen Widerstand.

  13. nonono Says:

    @Gehirnschnecke
    Man muss jetzt auch nicht ins andere Extrem verfallen und so tun, als wären 1959 nur chinesische Sozialarbeiter nach Tibet gefahren und hätten dort eine große Beglückungsmaschine aufgestellt, die nur theokratische Faschisten doof finden können.

  14. godforgivesbigots Says:

    @Gehirnschnecke – Das hättest Du mal Chavez erzählen sollen als er neulich Merkel wegen Hitler angemacht hat. Offensichtlich ist sein Geheimdienst zu verpeilt für ihn in Echtzeit rauszufinden wer Günter Oettinger ist und wieso der nazimäßig relevant ist.

  15. Gehirnschnecke Says:

    Günter Oettinger ist mindestens so ein Widerstandskämpfer wie Filbinger oder Hitler es waren.

  16. godforgivesbigots Says:

    Er hätte ihr natürlich auch eine Szene wegen Stauffenberg machen können.

  17. Gehirnschnecke Says:

    @nonono

    Für den gemeinen tibetischen Leibeigenen verhält sichs aber wohl so – auch wenn er das selbst nicht so sehen mag. Immerhin kennen sie jetzt “Sozialarbeiter” (und Gerichte – wenn auch wohl korrupte, ich würde diese den klösterlichen Folterkellern dennoch vorziehen.) Aber das wollen die Jungs und die Mädels von der NPD ja hier auch nicht so sehen und sprechen weiterhin von “Besatzern” während ich am 8. Mai den Tag der Befreiung feiere.

    Man kann und sollte die chinesische Führung ja gerne kritsieren – aber warum nur in Verbindung mit einer Provinz?

Leave a Reply

2MWW4N64EB9P