Bananen und die Wurst

November 8th, 2009

Gut besucht war die Veranstaltung “Ausgerechnet Bananen – Zu Scheitern und Zukunft des Kommunismus” in der HU, und nach mäßigem Anfang wurde es inhaltlich dann doch noch besser.

In einer zu langen Einleitung mit zuviel Ornament (“ein bißchen sowas wie ein Stück weit”) streifte zunächst einer von TOP B3rlin die Rahmenbedingungen und Offensichtlichkeiten: nicht im Audimax wegen der Ankündigung einer Besetzung, wolle man sich wieder mit Themen beschäftigen, die der Rest der Welt für abwegig hält und dabei den Jahrestag der Oktoberrevolution gebührend begehen.

Es folgte ein ebenfalls zu langer und über weite Strecken sehr wirrer Vortrag einer weiteren TOP-Vertreterin über die verschiedenen heutigen Positionen zum Realsozialismus, besonders die linken. Sie stellte vier Thesen vor: das Ende des Realsozialismus sei das Ableben der Systemalternative gewesen, der Kommunismus sitze nun auf der Ersatzbank, es herrsche Alternativlosigkeit; mit der Sozialdemokratie, dem Radikalreformismus der Linkspartei, der Multitude und den Hegemonietheoretikern gäbe es nun vier Lager erklärter Gegner; die radikale Linke habe sich prinzipiell zu wenig mit dem Realsozialismus beschäftigt; der Staat solle fürderhin ernster genommen werden, ins Zentrum der Analyse rücken. Der Ausformulierung dieser Thesen war nur schwer zu folgen; sie endete mit dem Gedanken, daß Staat und Kapital eins seien und deshalb Antinationalismus so wichtig sei.

Den folgende Redebeitrag von Christian Schmidt von Phase 2 fand ich gehaltvoller, er betonte – wie schon bei anderer Gelegenheit – die Rolle des Politischen bzw. das Problem seines Ausschlusses im Realsozialismus und auch in den Kommunismus-Vorstellungen seit 1917. Die Abschaffung der Ausbeutung sei als ein technisches Problem angegangen worden, die Organisation eines politischen Prozesses sei nicht diskutiert worden. Marx habe die Ökonomie als Politisches kritisieren, die Ökonomie repolitisieren wollen. Die Entpolitisierung der Ökonomie sei dem Realsozialismus (spätestens) 1989 auf die Füße gefallen. Sehr schönes Detail: ein Transparent von damals mit der Aufschrift: “Es geht nicht um Bananen, es geht um die Wurst.”

Als letztes sprach ein Vertreter der Antifa [F]. Erst gab es einen merkwürdig ambivalentem Bezug auf ein weiteres Transparent vom 4.11.89 mit dem Büchner-Zitat “Der Staat muß ein durchsichtiges Band sein, das sich eng an den Körper des Volkes schmiegt”; die Behauptung, der 4.11. käme derzeit gar nicht mehr vor (hat ihm keiner den Alex gezeigt?); den Verweis darauf, daß die damaligen Demonstranten noch nicht der Mob von Lichtenhagen und Hoyerswerda gewesen seien, “obwohl das dennoch miteinander zusammenhängt”; und schließlich die steile These, daß das bürgerliche Glücksversprechen nach wie vor die Betriebsgrundlage des Kapitalismus und als solche nicht totzukriegen sei.

Dann jedoch redete sich der Frankfurter warm: “Kommunismus ist für uns Politik in der ersten Person. Wir tun das schließlich für uns. Was denn sonst?” Kommunismus sei wichtig als Maßstab für die Beurteilung der Gegenwart und für die Einschätzung konkreter heutiger Interventionsmöglichkeiten in praktische Politik, helfe zudem, sich die Themen nicht vorgeben zu lassen und nicht an den präsentierten Skandalen anzusetzen. Es sei dümmlich zu behaupten, alle Praxis wäre Verrat. Der Materialität des Elends müsse eine Materialität des utopischen Vorscheins entgegengehalten werden (ja, da denke ich auch an Acid…). In Abgrenzung zur “ohnmächtigen antideutschen Bloggerszene” (womit er wohl vor allem die Neocommunistinnen gemeint haben dürfte) sei auf dem Slogan zu beharren: “Lieber raus auf die Straße als heim ins Reich!”

Die anschließende Diskussion habe ich nicht verfolgt, vielleicht kann das noch jemand ergänzen. Zur angekündigten Uni-Besetzung kam es dann trotz des Vorsatzes nicht mehr.

Hier gibt’s eine Zusammenfassung der Demo vom Samstag, bei der einige Idioten wegen einer Israelfahne wieder mal nicht an sich halten konnten.

8 Responses to “Bananen und die Wurst”

  1. Bericht von der TOP-VA zum Realsozialismus « Das geprüfte Argument Says:

    [...] Blogger Classless kann man einen Bericht über eine TOP-Veranstaltung vom Freitag in der HU [...]

  2. nurso Says:

    Immer dieser positve Politikbezug… m.E. ein Fehler.
    Ich verweise auf nur mal auf Roger Behrens Beitrag in der Phase 2
    (http://phase2.nadir.org/index.php?artikel=568).

  3. classless Says:

    Ich verstehe Schmidt so, daß es sich beim Politischen um die öffentliche Debatte, die allgemeine Mitbestimmung handelt, was er der Verordnung und autoritären Sozialtechnik gegenüberstellt. Wenn Behrens Politik mit Herrschaft gleichsetzt und mit Herrschaftsfreiheit die Freiheit von Politik meint, scheint er keinen Begriff einer Politik in erster Person bzw. der freien Assoziation solcher Politiken (blöder Plural) zu haben.

  4. bernd Says:

    hat die ARAB wirklich antifas angegriffen?

  5. nurso Says:

    Ich halte “Politik in erster Person” in erster Linie für eine solipsystische Fiktion. Schaut man dann genauer hin, ist schon eine Vermittlung zwischen solchen identitären Selbstzurichtungen schwer, ganz zu Schweigen von einer freien Assoziation. Was sich an den Debatten und “Lagerbildungen” seit 1989 unschwer ablesen lässt. Oder am Zusammenschnurren des utopischen/emanzipativen Horizonts beipielsweise der Antideutschen auf die Verteidigung der “Segnungen” der bürgerlichen Moderne gegen einen immaginierten oder realen Rückfall in vorbürgerliche Verhältnisse.

  6. borg Says:

    Weitere links gegen eine unkritische affirmation von Politik:

    Grundlagenkritik der politischen Gruppe
    http://www.cyborgsociety.org/files/grundlagenkritik_der_politischen_gruppe.pdf

    Anti-Politik ist eine Möglichkeit
    http://www.conne-island.de/nf/90/15.html

    danke für den Phase2-Link…

  7. classless Says:

    Das Politische in einer dereinstigen besseren Gesellschaft und heutiges Politik-Machen halte ich für sehr verschiedene Sachen.

  8. nurso Says:

    Ich denke, dass eine bessere (emanzipative usw.) “Gesellschaft” nur durch die völlige Abwesenheit jegliches Politischen in all seinen Formen glänzen könnte. Was heutiges Politik-Machen betrifft, weder sachzwangeleiteter Pragtismus noch die private Pfelge von Distinktionsgewinnen (sog. pol. Diskurs) bringen emanzipitives Potential hervor.

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