Ökonomischer Gottesdienst, das Große Ganze

June 29th, 2010

Zwei Tage ist das Achtelfinal-Spiel der deutschen gegen die englische Männerauswahl her, und immer noch gibt es unter den Kolleginnen und Kollegen kaum ein anderes Gesprächsthema. So wie sie sonst weit von sich weisen, mit dem historischen nationalen Kollektiv noch was zu tun zu haben, schließlich müsse es ja mal irgendwann gut sein, so selbstverständlich sprechen sie jetzt von “unserer Rache fürs Wembley-Tor”. Überhaupt haben sie alle mitgespielt: “Wir” haben gewonnen, “wir” haben die Tommys verhauen, “wir” werden die Argentinier besiegen, “wir” haben damals ’66 zu Unrecht verloren.

Nicht mitmachen gibt’s nicht.

Vereinzelte Einwände von Kunden oder Firmenbesuchern, die etwa auf das nicht gegebene Ausgleichstor der Engländer verweisen, beschwören eine Hetzmeute herauf: “Bist du etwa ein Inselaffe?”, “Du bist doch ein verkappter Städtebomber!”, “Dann zieh doch dahin, wenn’s dir da so gefällt!”

Die lieben Landsleute scheinen ihrem Ruf als schlechte Verlierer den als schlechte Gewinner hinzufügen zu wollen.

Die anderen Spiele, die während der Arbeit im Verkaufsraum in der Fernsehabteilung und auf den IPTV-Vorführgeräten zu sehen sind, werden fachkundig begleitet. So erfuhr ich heute, daß die Spieler aus Paraguay und Japan “alle wie Schweine aussehen” und “dreckig sind”. Und überhaupt: “Die Japaner sind aber auch ein häßliches Volk.”

14 Responses to “Ökonomischer Gottesdienst, das Große Ganze”

  1. ronny rainbow Says:

    menschen, die mir außerhalb der wm recht wohlgesonnen sind,
    verlangten von mir eine rechtfertigung warum ich für england bin;
    und warfen mir zudem aberwitzigerweise vor, dass ich ein stimmungskiller sei und doch wohngeld beziehe und dass es mir doch gut geht, als behindertem, hier in deutschland und dass ich woanders unter der brücke läge, gruuuselig.

    schöner blog.

  2. K Says:

    Mein Machwerk zu dem Thema:
    http://kriegstheater.blogsport.de/2010/06/27/deutschland-halt-die-fresse/

  3. coney Says:

    für welche landsleute willst du das eigentlich mit dem kommunismus und so machen? ich mein, wenn du die nicht leiden kannst…

  4. sten Says:

    @kulla&ronny rainbow: das kann ja alles gar nicht sein. wie berühmte linksdeutsche TOP-theoretiker herausgefunden haben: ein ganz normales land, geschichte vorbei, kapitalistischer normalvollzug angesagt. also, wenn ihr wieder solche volksgemeinschaftshalluzinationen kriegt, dann chantet einfach fünf minuten “kapitalistischer normalvollzug” und alles ist wieder gut.

  5. posiputt Says:

    ein kleines gutes hat der ganze quatsch mit dem “wir” ja an sich: waehrend des spiels begegnet einem auf der strasze fast garkein deutschland. ging jedenfalls mir so, letzten sonntag.

  6. classless Says:

    @ sten
    Versuch fehlgeschlagen… ;-)

    @ coney
    Kommunismus wäre ja das, was alle für sich machen.

    @posiputt
    In Friedrichshain war es am Sonntag sogar nach dem Spiel erstaunlich erträglich.

  7. Gehirnschnecke Says:

    @ coney

    Kommunismus möchte ich in erster Linie für mich selbst. “Die Deutschen” sind mir piepegal.

  8. posiputt Says:

    @classless in bahrenfeld auch :)

  9. Shigekuni Says:

    Ich denkimmer wenn ich so Geschichten hör: so Leut gibts ja gar nicht. Ich seh zwar die Flaggen und verschiedene bizarre Identifikationsrituale (unheimlich fand ich, daß bei offenem Fenster jedes Stöhnen, Jubeln etc. der verschiedenen Public dingens klar zu hören ist, als ob die ganze Stadt mit einem Hirn laut schreit) aber diese Aggression (Inselaffe etc.) is mir noch nich begegnet.

  10. classless Says:

    “Inselaffe” fiel im Laufe der Tage mehrmals; es gab auch noch andere Sachen, die ich hier nicht ausbreiten mag.

  11. Dirk Says:

    @Gehirnschnecke

    “Kommunismus möchte ich in erster Linie für mich selbst. “Die Deutschen” sind mir piepegal.”

    Da ist aber noch ne Menge Potential für Bedenken. Es mag ja sein, dass sich die Kommunismus-Idee bzw. ihre Interpretationen für die Interessen des Individuums engagieren, aber ja nicht unter Ausblendung der Gemeinschaft – also der Dinge die eben verbinden. Der Begriff heißt ja Kommunismus und nicht Individualismus also muss wohl das Gemeinschaftliche (Commons) eine wichtige Rolle spielen. Insofern müsste der Kommunismus wohl eine sehr anspruchsvolle Bemühung sein die paradoxe Mischung Individuum und Gemeinschaft zu schaffen. Sogesehen habe ich das Gefühl, dass Dein Satz eher nach Egoismus *klingt* als nach Kommunismus. Ich vermute: Wer eine solch anspruchsvolle Vision ins Auge fasst, kommt mit solchen Abkürzungen nicht ans Ziel.

    Was den Kriegs -äh Fußball und die nervige Nationaliiiiidändidäd betriff, ist es natürlich ein Graus – keine Frage

  12. *pi* Says:

    Und dann das England-Spiel. Auf vielen Ebenen unterhaltsam, doch der Schalk – er hat es verpaßt zur globalen Legende zu werden. OK, auf politischer, wirtschaftlicher und fahnenschwingenden Ebene hätte er ausgeschissen gehabt, aber … Ich kann mich schon daran erinnern, wie das war, als ich mit ca. 16 in der Jugendmannschaft des TUS Stockum als Verteidiger ein Ball klar im Tor sah, was der Schiedsrichter nicht mitbekommen hatte. OK, wir haben damals allemal zweistellig verloren, aber ich fand es richtig, den Irrtum aufzuklären. Als einziger nicht Biertrinkender in der Mannschaft konnte ich mich allemal nicht weiter zum Außenseiter machen.
    Was aber, wenn dieser Schalker Torhüter unter den Augen von Millionen in aller Welt dem Schiedsrichter die Wahrheit gesagt hätte? Im Falle einer deutschen Niederlage wäre er wohl sofort an einen englischer Verein verkauft worden. Aber, so ein Kommentar im Guardian: „… but the world as a whole – and every fair-minded German fan too – would have had to admit that he had done the right thing [...] who knows what difference that example might have made to the lives of many of those watching who are young and impressionable. Neuer could have been a hero, standing up for what is right. Instead he is just another very skillfull, cheathing footballers.“ Ob ihm oder dem Trainer oder den Mitspielern oder den deutschen Zuschauern sowas in den Sinn kam?

  13. Aktionskletterer Says:

    Hat Hare Krishna diesen Anglizismus jetzt unter Creative Commons gestellt?

  14. Gehirnschnecke Says:

    @ Dirk

    Von einer “Ausblendung der Gesellschaft” hab ich ja auch kein Wort getippt, dass legst Du mir eben mal auf die Tastatur. Und selbstverständlich “klingt” mein Satz nach Egoismus! Welches andere Triebfeder Du noch dazu brauchst, um einen Sehnsucht nach dem Kommunsimus zu entwickeln, will ich auch garnicht wissen. Mir für meinen Teil reicht MEIN Wunsch nach einer Gesellschaft, die mir NICHT so schrecklich auf den Zeiger geht wie diese schon völlig aus, dass ich mich dafür mit all den anderen Typen irgendwie arrangieren muss, ist mir auch klar. Trotzdem will ich den Kommunismus für mich, was Du so machst ist mir eigentlich völlig egal. (Natürlich haben wir ein Problem, wenn Du meinen Wünschen im Weg stehst – daher ja auch meine Abneigung gegen “die Deutschen” – mit denen wird das nämlich sicher nichts mit dem Kommunsimus.)

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