Ökonomischer Gottesdienst, das Große Ganze

Tuesday, June 29th, 2010

Zwei Tage ist das Achtelfinal-Spiel der deutschen gegen die englische Männerauswahl her, und immer noch gibt es unter den Kolleginnen und Kollegen kaum ein anderes Gesprächsthema. So wie sie sonst weit von sich weisen, mit dem historischen nationalen Kollektiv noch was zu tun zu haben, schließlich müsse es ja mal irgendwann gut sein, so selbstverständlich [...]

Ökonomischer Gottesdienst, Tanzen weil und um und trotz

Tuesday, April 13th, 2010

>>Wer von Müdigkeit spricht, meint das Aufwachen, wenn man noch wie betäubt vom Vorabend ist,
Lass uns doch ausgehen, um all die Probleme zu vergessen
Lass uns doch tanzen …

Ökonomischer Gottesdienst, langsamer Entzug

Thursday, April 8th, 2010

Scheint tatsächlich zu stimmen: Seltener einer bestimmten Arbeit nachgehen macht mich bezüglich dieser Arbeit nicht entspannter sondern vor allem zynischer. Alles wirkt wieder so lächerlich und absurd wie beim ersten Mal. Und mein Kollegenaufwiegeln wird noch unverblümter.
Note to self: I probably still won’t get myself fired but much more likely others.

Ökonomischer Gottesdienst, Erinnerungsdiskurs

Monday, November 16th, 2009

Ein Kunde, der sich euphorisch und laut darüber verbreitet, daß es “früher” - also in der DDR - immer Richtlinien gab, einem Vorschriften gemacht wurden, Ausderreihetanzen bestraft wurde und daß das heute alles so unglaublich viel besser wäre, wird von mehreren drumherum stehenden Kollegen vielsagend angeschaut und mitleidig belächelt.

Ökonomischer Gottesdienst, Krankheit als Waffe

Monday, October 19th, 2009

Die Kollegen husten und niesen, sie schnaufen und sie keuchen, aber sie gehen nicht nach Hause oder bleiben gleich dort. Obwohl sie weiterbezahlt werden, wenn sie nicht herkommen. Sie haben Schiß, in der Krise ihren Job zu verlieren.
Also versuchen sie, die eigentlich eindeutigen Zeichen zu verstecken. Vorgesetzte verlangen nämlich beständig, daß alle der Arbeit fernbleiben, [...]

Ökonomischer Gottesdienst, reformierter Ritus

Thursday, August 20th, 2009

Kunden mit Piratenpartei-T-Shirt, zwei Kerle Mitte/Ende 20. Wählen Vertragsbindung wegen Preisvorteil, fragen nicht nach Datenspeicherung, wollen die verfügbare Bandbreite nicht wissen und fragen nicht nach den Kosten für die Hotline, lassen sich durch die Auftragserfassung scheuchen, als wäre Vorweihnachtsgeschäft und statt der gähnenden Leere eine lange Schlange hinter ihnen.
So hab ich schneller Feierabend, denke ich [...]

Ökonomischer Gottesdienst, Überwachung, Kontrolle, Desintegration

Monday, May 4th, 2009

Der Laden ist leer, so wie die meisten anderen Läden zuletzt die meiste Zeit über auch. Das Sommerloch, das sonst Ende Mai anfängt, klafft im Grunde schon seit März und folgte recht unmittelbar auf das “Eisloch” vorher. Gründe gäbe es viele: Krise, Schweinegrippe, Wetter, zu viele Märkte auf zu engem Raum. Doch das sind für [...]

Ökonomischer Gottesdienst, Beichte

Friday, March 27th, 2009

Damit mir diese Gesellschaft erlaubt, hin und wieder das zu tun, was ich tun will, muß ich etwa die Hälfte des Jahres damit verbringen, meine Gesundheit, meine Energie, meine Nerven, meine Jugend und meine Leidenschaft auf dem Altar des Wertes zu opfern. Zugenagelte Buchstabenmarxisten nennen das euphemistischerweise “Schädigung”, als gäbe es ein Wort, um diesen [...]

Ökonomischer Gottesdienst, versuchte Ketzerei

Sunday, March 22nd, 2009

Was das wohl zu bedeuten hat, wenn einem die Kollegen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, bei der Rechner, Boxen und Internetverbindung am Start sind, unbedingt im Laden in voller Lautstärke dieses Video vorspielen müssen und dabei mit wachsender Begeisterung mitsingen?

Identifikation mit dem Aggressor? Genießen sie die verdrehte Lust, die Position des Feindes, also des [...]

Ökonomischer Gottesdienst, aktuellpolitische Stunde

Sunday, March 15th, 2009

Äußerster Westen der Stadt. Gegenüber der Abteilung läuft ein großer Plasmafernseher, der seit dem Amoklauf von Winnenden im Grunde nur Nachrichtensendungen über den Amoklauf von Winnenden zeigt. Schätzungsweise die Hälfte der Mitarbeiter und ein Kunde pro Stunde teilen im Laufe der Zeit ihre Einschätzungen und Theorien zur Tat mit.
Ein Kunde hebt hervor, daß der Amokläufer [...]

Ökonomischer Gottesdienst, Staat und Volk

Friday, November 28th, 2008

Verkäufer (halb im Scherz): “Kaufen Sie, das ist gut gegen die Krise und für die Konjunktur!”
Kunde (lakonisch): “Ich bin Pole.”

Ökonomischer Gottesdienst, Priesterwahl

Sunday, November 2nd, 2008

In einem anderen Markt. Sicherheitsmann über einen Kollegen: “Dem Türken darfste nichts glauben, der kommt aus den Bergen. Das is’n Bergtürke. Da haben sie Ziegen.” Danach folgen Fragen, ob ich jetzt öfter käme, und auch der obligatorische Abwerbeversuch vom Abteilungsleiter - sie wollen den Ausländer loswerden und den Deutschen haben. (Nicht zum ersten Mal.) Mindestens [...]

Ökonomischer Gottesdienst, Glaubenskrise

Wednesday, October 22nd, 2008

Kundin: “Es muß doch ein Büro geben, wo ich zu meiner Rechnung beraten werde.”
Kollege: “Nee, da gibt’s bloß ‘ne Hotline.”
Kundin (erbost): “Alice ist wie die Banker!”

Ökonomischer Gottesdienst, Morgengesang

Saturday, October 18th, 2008

Mal sehen, wer von den Kollegen heute morgen beim Eintreffen im Laden noch wie bisher “Drei Tage wach” und wer schon alles wie manche seit kurzem “Arbeit nervt” singt.

Ökonomischer Gottesdienst, Prophezeiung

Thursday, October 16th, 2008

Kollege: “Bald hauen sich alle auf der Straße gegenseitig in die Fresse.”

Ökonomischer Gottesdienst, Umbau

Tuesday, October 7th, 2008

Es wird umgebaut, Abteilungen werden verschoben, die Mitarbeiter halten das meiste davon für kontraproduktiv. In einem Gespräch mit zwei Kollegen fällt der Begriff “bedarfsorientierte Planwirtschaft” und wird sofort wieder in Zweifel gezogen: “Naja, orientiert… eher grob angepeilt…?” Die Überlegungen gehen weiter und die beiden Kollegen einigen sich schließlich darauf, daß alle versuchen, “eine schöne Zahl” [...]

Ökonomischer Gottesdienst, abgesehen davon

Thursday, October 2nd, 2008

Die mehr oder weniger Gläubigen tappen umher auf der Suche nach Hinweisen auf Gebrauchswert. Überall stehen Zahlen und Buchstabenkürzel, pro Gerätegruppe im Schnitt drei bis vier. Die mehr oder weniger Gläubigen scheinen ihre Wünsche aber auch kaum anders artikulieren zu können, äußern am häufigsten, das eine oder andere Buchstabenkürzel (HDTV, “Ein Gigabyte - oder waren’s [...]

Ökonomischer Gottesdienst, Leistungsprinzip

Wednesday, July 30th, 2008

Wenn ich mich den ganzen Tag anstrenge, aber einfach wenig los ist und die Zeit sich zäh dahinschleppt, verdiene ich wenig. Habe ich besonders schwerwiegende Anfragen zu klären, was zeit- und nervenaufreibend ist, die Zeit aber nicht schneller rumbringt, kriege ich dafür gar nichts. Wenn der Tag verfliegt, verdiene ich viel Geld. Wenn der Tag [...]

Ökonomischer Gottesdienst anderswo

Thursday, June 26th, 2008

Bauhaustapete trägt seine Arbeitskraft nicht in den Einzelhandel, sondern auf den Bau. Dort ist alles etwas weniger subtil:
>>Sätze aufm Bau machen übrigens nur Sinn, wenn sie mit “die Scheisse” aufhören, die Scheisse.

Ökonomischer Gottesdienst, Beobachtung und Belästigung

Friday, May 30th, 2008

Die Hölle sind die Revisoren. Werden niemandem vorgestellt, kommen unangekündigt und fragen alle aus, als wäre nichts. Es ist aber was: Wer schon länger dabei ist oder mal “Office Space” gesehen hat, weiß, daß Kollegen mit den “falschen” Antworten oder dem “falschen” Verkaufsverhalten plötzlich nicht mehr kommen.
Schwer einzuschätzen ist, inwiefern die Ankumpelei als besonders perfide [...]

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