Pohrt im Laidak (2): Zeitgeschichte, Angst & Ausreden

September 26th, 2012

Nur drei Monate nach seinem ersten Auftritt seit Jahren sprach Wolfgang Pohrt am Sonntag wieder im Laidak. Unter der Überschrift “Gebremster Schaum” wollte er vom “Linksradikalismus im Sozialstaat” handeln und lieferte vor allem Autobiographisches und Zeithistorisches bis Historisches über diesen seinen “Verein”, der auch nach Ende der Massenprotestbewegungen und dem Zusammenbruch des “Ostblocks” gegen den Kapitalismus agitierte: “Uns konnte keiner was anhaben, wir waren einfach zu klein.” Und wurden mit dem Alter immer kindischer. Der Sozialismus wurde laut Pohrt zur reinen Projektionsfläche: “Unerfüllbare Träume sind die schönsten, weil sie nie mit der Realität kollidieren können.” Pohrt sieht eine Ähnlichkeit zwischen Linksradikalen und Kleinanlegern; bei beiden würde die Unwissenheit zur Gewißheit.

«Was dem System wirklich wehgetan hätte, nämlich streiken und Fabriken besetzen und dabei den Arbeitsplatz riskieren, konnten wir linksradikalen Revolutionäre doch gar nicht, weil wir keine Arbeiter waren. Und die Arbeiter, die es gekonnt hätten, taten es nicht, weil sie keine linksradikalen Revolutionäre waren. (…) Die Rollenverteilung, daß wer wollte, nicht konnte nicht, und wer konnte, nicht wollte, funktionierte wie eine Bestandsgarantie

Eine “perfekte Welt” wäre die reine Hölle für den Gesellschaftskritiker, denen deshalb nie vertraut werden darf. Dafür gab er selbst ein Beispiel, indem er sagte, Marxisten wären nach der Revolution arbeitslos, stünden vor dem Nichts – als könnte er sich eine Gesellschaft mit gleichem Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum wirklich nicht vorstellen. Bei konkret konnte für Pohrt den anderen gezeigt werden, “daß wir besser denken, schreiben und lesen können als sie”.

«Was haben wir erreicht? Deutschland ist wiedervereinigt, die Armen wurden ärmer, die Reichen reicher. Gremliza darf anderthalb Stunden im Deutschlandfunk aus seinem Leben plaudern, und ich halte hier mal wieder einen Vortrag – das ist der Ertrag von 40 Jahren Revolution am Schreibtisch.

Vieles klang für mich nach dem Problemkreis Revolutionäre in nicht-revolutionären Zeiten, wie er in der Geschichte immer wieder auftrat, ohne daß deshalb irgendwann keine Revolutionen mehr stattgefunden hätten. Niederlagen wurden, wie Pohrt es schildert, in moralische Siege umgewandelt (‘Ich bin zu gut für diese Welt’) In der “kleinen Neinsager-Nische” wurden die leichteren Aufstiegschancen gefunden. Dazu Sozialstaat, Überflußgesellschaft – “die gute alte Zeit”. Mit den Finanzkrisen der letzten Jahren brach dann für die Linke laut Pohrt eine Welt zusammen; plötzlich gab es Konkurrenz: “Nach der Lehman-Pleite hatte der Kapitalismus keine Freunde mehr.”

In den Demos, Menschenketten und Zeltlagern hatte die Linke nun ein Ebenbild, einen Doppelgänger, aber “in 200.000facher Vergrößerung”. Pohrt: “Dem Kapital war’s egal, aber für die radikale Linke war’s erschütternd.” Weiter herrscht der systemische Zwang: “Die Leute sollen einfach arbeiten und einkaufen, und das tun sie auch, unabhängig von den Sprüchen, die sie klopfen, was anderes bleibt ihnen gar nicht übrig.” Die Linke, sein “Verein”, habe sich 40 Jahre lang nur eingebildet zu wissen, was sie will. Doch es läuft überall wie in Griechenland, weil “ein Konzept für funktionierenden Sozialismus” nicht existiert und wegen des Bestechungszusammenhangs Sozialstaat: das Wenige an Sozialhilfe, das es gibt, ist immer noch besser als nichts. Pohrt sieht in der Sozialbürokratie auch eine Strategie zur Vereinzelung der Betroffenen, wobei er ein Bild von vor der Einführung von Hartz IV zeichnet, in dem die monatliche Überweisung den Gang zum Amt ersetzt. Zu Arbeitslosen-Initiativen fragt Pohrt: “Aber was sollen die Arbeitslosen denn tun? Gemeinsam ‘Lohnarbeit und Kapital’ lesen? Sie haben doch weder das eine noch das andere.”

Zusammengefaßt: Kapitalismus – man kann nicht mit ihm, man kann nicht ohne. Marx und Lassalle, Kommunismus und Sozialismus können einfach zusammengeworfen, kommunistischer Anarchismus, Links- und Rätekommunismus brauchen nicht extra erwähnt zu werden.

Die Diskussion verlief zunächst bizarr, dann ergriff jemand das Wort, der Pohrt auf seine Behauptung, niemand wüßte, wie das mit der Revolution gehen soll, sehr richtig antwortete, daß es sehr wohl eine Vorstellung davon gäbe, wie eine Revolution vorgehen und was sie organisieren müßte: Staat und Kapital, Warenproduktion, Lohnarbeit und Geld müßten abgeschafft werden und es müßte begonnen werden, für die Bedürfnisse produzieren. Darauf fing Pohrt nun wirklich an, wie der Marxist zu sprechen, der nicht arbeitslos werden will, und meinte, diese Produktion müsse organisiert und erzwungen werden, man würde daher Hungersnöte riskieren (die es jetzt demnach nicht gibt), es wäre ein Spiel mit dem Feuer. (Hier fragte ich mich, ob Pohrt die Möglichkeiten, die das Internet kommunistisch angeeignet böte und auch jetzt schon zum Teil bietet, einfach nicht mitbekommen hat. Und vor allem, ob er wirklich nicht in der Lage ist, über die herrschende Gesellschaftsordnung hinauszudenken.)

Pohrt hob zu einem weiteren Vortrag an und betonte noch einmal: “Keiner kann sich vorstellen, wie Sozialismus aussehen und wie er funktionieren soll.” Dann ging es wieder um Selbsttäuschung, ums Zusammenrücken “zum letzten Gefecht”, und es fiel ein Satz, der für mich wirkte, als wäre er eine absurde Parodie seines letzten Vortrags gewesen: “Wenn die Sowjetunion das Beispiel für die Möglichkeit des Kommunismus gewesen ist, so wurde das heutige Rußland der Beweis für seine Unmöglichkeit.” Für Pohrt gibt es keinen Grund, den Kapitalismus zu preisen oder zu beschönigen, doch es ist für ihn eine Tatsache, “daß der Kapitalismus nicht von einem ‘Verein freier Menschen’ abgelöst werden wird”; diese Möglichkeit “ist Geschichte”.

Noch einmal kehrte Pohrt ausführlich zur Dotcom-Blase zurück, sprach über die Verwandlung des Kapitalismus in die Herrschaft der Funktionäre und Manager, in eine subjektlose Herrschaft. Mich überraschte bei alldem, wie vollständig es aus vom Standpunkt des Kleinbürgers vorgetragen wurde – vielleicht überrascht es auch nicht: manche Äußerungen ergeben nun auch rückblickend mehr Sinn.

Zum Schluß griff er tief in die Trickkiste. Er führte aus, daß Menschen in der Lage seien, komplexe Systeme zu entwickeln, die sie jedoch nicht steuern können. Deshalb bräuchte es weitere Systeme, die diese steuern, wie etwa den Schaltkreis, der den Laser des CD-Players richtig positioniert. (Aber warum muß der Schaltkreis herrschen?) Der Markt, der Kapitalismus ist für Pohrt so ein System: “Wir haben bisher kein Gescheiteres gefunden.”

Meine Einschätzung von Pohrts Auftritt zuvor (auf die ich mich auch bei der Klassenkampf-Diskussion in der Tristeza bezog) muß ich nun revidieren: seine Kritik ist offenbar doch nicht als Ermahnung gedacht, er hält das ganze Vorhaben für gescheitert.

Das Problem ist für mich nicht das “Dichten”, das ihm und Gremliza immer gern vorgeworfen wird, seine prägnante und gleichzeitig anspielungsreiche Sprache; es sind sein Blickwinel und mehr noch die Aussage, in der er sich mittlerweile verrannt hat. Daß vieles von dem, was aus “lnksradikalen” Kreisen zu vernehmen ist, peinlich wirkt und wirkungslos bleibt, wird bei Pohrt zu allem. Seine Illusionen und die der ihm bekannten Gleichgesinnten werden zu den Illusionen aller. Aus dem konkreten Fehlschlag der bisherigen Versuche, den Kapitalismus zu überwinden, wird die Unmöglichkeit.

Schade.


Audiomitschnitt, Teil 1 und 2

Und mir wurde als Ergänzung zur Diskussion dieses Zitat von George Bernhard Shaw aus dem Jahre 1898 zugespielt:

«Tatsache jedoch ist, daß nicht Siegfried, sondern Bismarck erschien. Roeckel verblaßte zu einem Häftling, dessen Inhaftierung auch nichts änderte. Bakunin sprengte nicht Walhall, sondern die Internationale, die ich in einem unwürdigen Zank zwischen ihm und Karl Marx totlief. Die Siegfriede von 1848 waren hoffnungslose politische Versager, wohingegen die Wotane und Alberichte und Loges politisch sichtlich erfolgreich waren. Sogar die Mimes behaupteten sich gegenüber Siegfried. Mit der einzigen Ausnahme von Ferdinand Lassalle gab es keinen führenden Revolutionär, der in der praktischen Politik nicht offensichtlich Unrealisierbares angestrebt hätte. Und Lassalle ließ sich in einem romantischen und völlig unvertretbaren Duell umbringen, nachdem er seine Gesundheit in einer gigantischen Redeschlacht ruiniert hatte, die ihn davon überzeugte, daß die große Mehrheit der Arbeiterklasse noch nicht bereit war, sich ihm anzuschließen, und daß die Minderheit, die dazu bereit war, ihn nicht verstand. Die Internationale, im Jahre 1964 von Karl Marx in London gegründet und einige Jahre lang von nervösen Zeitungen als rotes Schreckgespenst mißverstanden, war in Wirklichkeit nur ein Hirngespinst. Sie brachte es zu einigen Ansätzen eines internationalen Gewerkschaftswesen, als sie die englischen Arbeiter dazu veranlaßte, Geld zur Unterstützung der Streiks auf dem Kontinent zu schicken, und als sie englische Arbeiter zurückrief, die man über die Nordsee geschickt hatte, um solche Streiks zu brechen. Was jedoch die revolutionär sozialistische Seite angeht, so war sie ein romantisches Phantasieprodukt. Die Unterwerfung der Pariser Kommune, eines der tragischsten Beispiele in der Geschichte der Mitleidslosigkeit, bei welcher fähige, nützliche Verwaltungsbeamte und Soldaten unter dem Druck der Tatsachen gezwungen wurden, romantische Dilettanten und theatralische Träumer umzubringen, machte dem melodramatischen Sozialismus ein Ende. Es war für Marx, bei seinem literarischen Talent, ebenso leicht, Thiers als den abscheulichen Schurken hinzustellen und Galliffet so zu brandmarken, daß er noch immer für die französische Politik unmöglich gemacht ist, wie es für Victor Hugo leicht war, Napoleon III. mit seiner Papierbatterie von Jersey aus zu beschießen. Leicht war es auch, Félix Pyat und Delescluze zu Männern mit viel höheren Idealen als Thiers und Falliffet zu erheben; aber die eine Tatsache war nicht wegzuleugnen: als es wirklich zum Schießen kam, war es Galliffet, der Delescluze erschießen ließ, und nicht Delescluze, der Galliffet erschießen ließ. Und als es zur Verwaltung der Staatsangelegenheiten Frankreichs kam, konnte Thiers auf die eine oder andere Weise damit fertig werden, wogegen Pyat weder etwas tun noch das reden lassen und jemand anderen etwas tun lassen konnte. Wahrhaftig, Thiers Anhängerschaft bestrafte man mit der Ausbeutung durch Großgrundbesitzer und Kapitalisten; Pyat zu folgen aber hieß, wie ein toller Hund erschossen zu werden, was völlig unnötig und vergeblich war.

Ohne die Tugenden dieser Herren zu übertreiben zu wollen, wird doch jedermann zugeben – außer vielleicht solche ausgedienten Sozialdemokraten, die unter dem Namen Marxismus einen Kult des Veralteten errichtet haben –, daß der vorherrschende Typus des modernen Unternehmers nicht so leicht ersetzt werden kann wie Alberich im „Ring“. Selbst wenn die Proletarier aller Länder „klassenbewußt“ werden und, dem Ruf Marx folgend, sich vereinigen sollten, um den Klassenkampf zu einem proletarischen Sieg zu führen, der alles Kapital zum gemeinsamen Eigentum und alle Monarchen, Millionäre, Gutsbesitzer zu gewöhnlichen Bürgern macht, müßten die triumphierenden Proletarier entweder am folgenden Tag in Anarchie verhungern oder die politische und industrielle Arbeit tun, die jetzt ‘tant bien que mal’ von unseren Romanoffs, Hohenzollern, Krupps, Cadburys, Levers und ihrem politischen Gefolge getan wird. Und in dieser Zwischenzeit müssen diese Magnaten ihre Macht und ihr Eigentum mit aller Energie gegen die revolutionären Kräfte verteidigen, bis diese zu positiven, leitenden und verwaltenden Kräften werden statt der Verschwörergruppen von protestierenden, moralisierenden, tugendhaft entrüsteten Dilettanten, die fälschlich Marx für einen Mann des Handelns und Thiers für einen Bühnenschurken hielten.

Dies alles nun zeigt eine Entwicklung, für die man von Wagner oder Marx keinerlei Voraussagen bekommt. Beide prophezeien das Ende unserer Epoche und, soweit sich das abschätzen läßt, prophezeien sie richtig. Sie stellten auch die industrielle Geschichte bis zum Jahr 1848 viel eindringlicher dar als die gelehrten Historiker ihrer Zeit. Aber dort brachen sie ab und ließen eine Lücke zwischen 1848 und dem Ende, so daß wir, die wir diese Lücke durchleben müssen, ohne ihre Führung sind. Die Marxisten durchlaufen diese Leere und kämpfen mit fanatischem Glaubenseifer für die Unterdrückung der Fabier sowie der Revisionisten, die angesichts der Tatsache, daß die sozialdemokratische Partei in dichtem Nebel umherirrt, den Weg im Licht der zeitgenössischen Geschichte zu finden suchen, anstatt nutzlos das Orakel in den Seiten des ‘Kapitals’ zu befragen. Marx war auf zu naive Art nur Einsiedler und zu sehr durchdrungen von der Gültigkeit seiner ziemlich vagen Verallgemeinerungen und deren Bestätigung durch die rasche Zusammenballung des Kapitals zu Konzernen, als daß er sich selbst der Lücke hätte bewußt werden können.»

14 Responses to “Pohrt im Laidak (2): Zeitgeschichte, Angst & Ausreden”

  1. Nicolai Says:

    Darüber würde ich bei Gelegenheit mehr von dir hören. Falls du Lust und Muße hast.

  2. classless Says:

    Wozu jetzt genau?

  3. s. le metronome Says:

    Ja, schade. Aber schade ist vor allem, dass Pohrt nicht so ganz im Unrecht zu sein scheint. Ich weiß nicht genau, ob eine Ermahnung nur dann eine ist, wenn sie Alternativen kennt. “Das es so weiter geht, ist die Katastrophe”, zitiert Pohrt in seinem neuen Buch Benjamin. Da würde wohl jeder zustimmen. Der These, dass eine Alternative zum Kapital als Kapital (nicht als Neoliberalismus, Raubtierkapitalismus, Globalisierung etc.) nicht auszumachen ist, stimmen aber weniger zu, obwohl das leider ebenso sehr offensichtlich ist. Und zum Argument Internet: Die Produktivkräfte waren zu Adornos Zeiten so weit entwickelt, dass sie die Befreiung ermöglicht hätten, zu Marxens natürlich auch. Das Problem ist, wie Pohrt schreibt: Der Kapitalismus “kann nur von Menschen überwunden werden, die ihn abschaffen wollen. Die aber sind weit und breit nicht in Sicht”.

  4. classless Says:

    Mir scheint es einfach nicht als Ermahnung, davon zu sprechen, daß es eine Tatsache sei, “daß der Kapitalismus nicht von einem ‘Verein freier Menschen’ abgelöst werden wird”. Das ist der Form nach ein Fluch.

    Und dann fällt es noch viel leichter, entweder aufs Bilderverbot oder auf die Abwesenheit eines durchgerechneten globalen Plans für jede Minute der Revolution zu verweisen und zu sagen: Wie soll das denn gehen?

    Zu Zeiten von Adorno oder Marx wäre es vielleicht wirklich schwieriger gewesen, Menschen zu ermöglichen, direkt mit anderen Bedürfnisse und Produktion abzustimmen – was m.E. der Punkt an Pohrts Bemerkung zu “Superbehörden” war, die es auch nicht schaffen würden usw.

  5. s. le metronome Says:

    Wenn kaum jemand eine wirklich andere Gesellschaft will, ist es müßig zu sagen: Wir hätten da aber einen Plan. Selbst wenn es einer mit Internet ist, müssten zu dem Plan auch revolutionierende Menschen gehören. Andererseits postuliert Pohrt die technische Unmöglichkeit unabhängig von einem fehlenden revolutionären Willen. So schreibt und sagt er, dass er nicht glaube, dass wer anders als das Kapital die materielle Produktion von heute noch steuern könnte. Das stimmt aber schon deshalb nicht, weil das Kapital die Steuerung ja auch regelmäßig und andauernd verbockt. Aber solange der Kommunismus so oder so nicht kommt, ist derlei Kriitk an Pohrt wohl spitzfindig.

    ["Aber die proletarische Weltrevolution hat nicht stattgefunden. Die Folge ist, dass sich die materielle Produktion heute in einer Verfassung befindet, von der ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen kann, wer anders sie noch lenken und leiten kann als das Kapital selbst. Ich weiß nicht mal, wer das wollen sollen könnte. Die Werktätigen etwa?"]

  6. classless Says:

    Ich will eine andere Gesellschaft und ich kann sie mir vorstellen. Und ich bin ganz bestimmt nicht der einzige Mensch, bei dem das so ist. Sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen zu lassen, heißt für mich auch, die konterrevolutionäre Epoche, in der wir leben, nicht einfach bloß gedanklich in die Zukunft zu verlängern; oder in Egon Olsens Worten: nicht gleich alles hinzuschmeißen, wenn mal was nicht klappt ;-)

  7. Bob Says:

    Hey Kulla,

    dass war doch nicht Schade. Ob Pohrt subjektiv noch dem Verein freier Menschen anhängt, ob wir das behaupten, ob du das behauptest ist doch egal. Man kann Pohrts Skepsis nur praktisch widerlegen. Ich bin mit dabei, weiß aber auch nicht wie das geht und ob das klappen kann. Bislang alle meine Bemühungen nicht sonderlich fruchtbar gewesen.

    Pohrt kümmert sich nicht um rohe Widersprüche. Das scheint mir sinnvoll, schließlich leben wir in einer Welt voller der formalen Logik spottender Widersprüche. Er hat sich vom Verein freier Menschen distanziert, nur um ihn dann wieder als noch unbekannte Möglichkeit einzuführen. Wenn man Pohrt als Anhänger des Vereins freien Menschen dastehen lassen will kann man z.B. die Abschlußworte des 2. Vortrages zitieren: „Man muß zugeben, dass man bis jetzt kein anderes gescheites System gefunden hat“ Geld einziehen ist leicht, aber funktioniert nicht alleine. Danach fangen die Schwierigkeiten erst an: „Man muß ein Regulativ für die gesellschaftliche Produktion finden, dass anders funktioniert, als dieser Kapitalismus. Und das gibt es nicht. Das haben wir noch nicht.“ Noch nicht. Er schließt es also auch nicht aus. Aber man solle aufpassen, dass jeder zu essen hat, wenn man es probiert.

    Ferner findet sich ja hübsche beinahe anarchophile Revolutionsphilosophie in seinen Worten, die du wahrscheinlich wieder besser findest: „Massen sind stets ein Risiko, weil sie eine unkalkulierbare Eigendynamik entwicklen können. Treten solche lokalen Massenphänomene öfter auf, liegen Unruhen in der Luft, von denen man im voraus nie genau weiß, zu welchem Resultat sie am Ende führen werden. Es kann passieren, dass Teilerfolge die Massen dazu zu ermutigen aufs Ganze zu gehen. Es kann passieren, dass die Repression ihren Zorn anstachelt. Aber es kann natürlich auch passieren, dass ein Wasserwerfer genügt, die Gemüter abzukühlen und danach ist alles Vorbei. Man weiß es einfach nicht.“ Daher organisiert die Sozialbürokratie erfolgreich die Isolierung der Einzelnen, um „Situationen mit Restrisiko“ auszuschließen. „Im Alltag fühlt sich jeder so machtlos, so bedeutungslos, wie eine Portion Fliegendreck und so fühlt er sich nicht nur, sondern dass ist er als isolierter Einzelner auch.“ Dagegen helfen keine Arbeitsloseninititatiativen der linken Sozialbürokratie etc. Kann also – so Pohrt – durchaus sein, daß die Einzelnen sich assoziieren und dann beginnen sie vielleicht damit, aufzuhören, ein Fliegendreck zu sein. Nur muß man dieses Kunststück ersteinmal fertig bringen. Die Riotromantik passt natürlich nicht zur Sozialismusskepsis. Aber das scheint mir hier die Methode zu sein. Wie eingangs erwähnt: Sich um Widersprüche innerhalb der Gedanken nicht zu scheren. Damit müssen die Nachgeborenen klar kommen lernen, oder sie lassen es bleiben. Aber man kommt m. E. nicht weiter, wenn man die eine Hälfte der Gedanken akzeptiert und die andere Hälfte ablehnt.

    So weit, Bob

  8. classless Says:

    Dein Eindruck scheint meiner nach dem letzten und bis zu diesem Vortrag gewesen zu sein. Und insofern habe ich auch auf alle “nochs” und alle “kanns” gehört wie du.

    Was aber machst du dann mit dieser Pohrtschen “Tatsache”, “daß der Kapitalismus nicht von einem ‘Verein freier Menschen’ abgelöst werden wird”, daß diese Möglichkeit für Pohrt “Geschichte” ist?

  9. sv Says:

    Aber, Herr Kulla, es scheint wie verhext. Ist denn wirklich jeder dumm geworden?

    Warum haben Sie den Pohrt denn nicht danach gefragt: Warum man denn das Privateigentum an Produktionsmitteln, an nicht selbst bewohnten Häusern und Wohnungen sowie am Boden nicht einfach verbietet per Gesetz? Und dann immerhin als demokratische (und emanzipative) Genossenschaft produziert, die zwar immer noch das Kapital regiert. Die aber, sofern sie sich durch Kooperation der Konkurrenz entzieht mehr früher als später, dann als große Genossenschaft besteht gewissermaßen und worin das Kapital dann keinen Sinn mehr macht. Und also die Geräte der Produktion und des Lebens (Haus und Land) übrigläßt, auf daß darin die Menschen tun, wie sie bedürfen.

    So schwer? Und dieser ewige “Sozialismus”! Das ist ja grotesk. Als würde nicht das, was besteht, dieser schon längst sein, sakra! Als Betonung des Sozialen unterm Kapital nämlich.
    Es gilt nun aber endlich darüber hinauszugehen.

    So was irres, diese sog. Linke. Seit je nur Mittelklasse.

  10. sv Says:

    Etwas fehlt noch hinter “Es gilt nun aber endlich darüber hinauszugehen.”:

    Und den Proleten endlich klar zu machen, daß sie demokratisch besser fahren als unterm Privateigentum. Was mehr als objektiv ist. Und also die demokratische Mehrheit endlich hergestellt wird für die Suspendierung des Privateigentums.

    Daß das aber eben nicht getan wird von seiten der sog. Linken ist der Ausweis ihrer Klassenzugehörigkeit und also ihres Interesses an der Aufrechterhaltung des Ausbeutungszusammenhangs.

    Kratzfuß!

  11. classless Says:

    Wenn die Linke “den Proleten” etwas klarmachen würde, dann würde sie zu diesen dazugehören? Irgendwie geht dieser Gedanke nicht auf…

  12. sv Says:

    Right! Zirkelschluß. Dank, lustig.

    Müssen dies also andere Leute als die sog. Linken erledigen. Die Proleten selbst nämlich und diejenigen, die sich dieser Klasse verbunden wissen.

    Grüße!

  13. sv Says:

    Noch ein Zusatz:

    Insofern haben die Proleten also nicht mehr, aber auch nicht weniger zu tun, als über eine ihre Interessen vertretende (a)politische Formation den Beweis anzutreten, daß die Produktion in ihren Händen, d.h. demokratisch verwaltet, naturgemäß keine Hungersnot zur Folge haben wird.

    Im übrigen ist anzunehmen, daß, fällt das Privateigentum an Produktionsmitteln, nicht selbst bewohnten Häusern und Wohnungen sowie am Boden, in einem Land (z.B. USA) demokratisch, so fällt es überall über eher kurz als lang.

    Was dann existierte, ist die von Marx skizzierte “rohe” Form einer Assoziation der Freien und Gleichen. Erst durch allgemeine Kooperation unter den Produzenten wird das Kapital und damit die Lohnarbeit dann eines Tages abgeschafft, weil Kapital und Lohnarbeit überflüssig geworden sind. Und so die Staaten.

    sv

  14. Fidus Says:

    Das ist größtenteils wertloser Kulturpessimismus, die Provokation des alten Herrn, und einer eifersüchtiger als der andere. Wenn Vereinzelung dem bedingungslosen Grundeinkommen nahekommen kann, was soll daran vom dialektischen Materialismus her gesehen schlecht sein, schlechter als die menschenfressende Arbeitsgesellschaft? Im Gegenteil, dann bietet sie Möglichkeiten der Vorwegnahme des Lebens nach dem Kapitalismus und Ausgangsbasis für Gemeinschaft jenseits seiner Hierarchien. Zu Isolationsfolter wird sie erst durch den Polizeistaat, so wie Gemeinschaft dadurch zu Hierarchie wird. Wenn einem Ende des falschen Systems sonst nichts weiter im Weg steht als dieser, dann ist der Kapitalismus ein lupenreiner Faschismus, und wenn das heißt dass er nur durch die Liquidierung der Mächtigen beendet werden kann dann sei dem so.

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