Der dumme rassistische Pöbel

July 29th, 2015

(Posting ist eine Zusammenfassung mehrerer Facebook-Kommentare)

Die Wendung gegen die (vermeintlich) mangelhafte Bildung bei rassistisch denkenden Menschen finde ich als Argument und sprachliche Figur immer nicht so glücklich, weil es die Abwertung, die sie äußern, lediglich mit einer anderen Abwertung beantwortet.

Es geht mindestens genauso viel Bedrohung von denen aus, die ihren Rassismus besser verbrämen und sich gut ausdrücken können oder ihn kurzerhand zur Staatsdoktrin machen – die Leute, die Frontex organisieren und die gesetzlich regeln, daß von außerhalb der EU niemand in der EU Asyl beantragen kann, sind alle halbwegs gebildet.

Menschen können ohne jede Schulbildung entscheiden, wogegen sie sich in welcher Weise zusammentun und zur Wehr setzen, und gegen Bürgerkriegsflüchtlinge vorzugehen, die vom Staat bereits in Lagern zusammengepfercht werden, ist eben nicht hauptsächlich dumm oder ungebildet, sondern eine rassistische Wendung gegen Menschen, an denen man sich (meist staatlicherseits bis zu einem gewissen Punkt geduldet) auslassen kann.

Umgekehrt geht Rassismus nicht weg, weil Menschen zum Gymnasium gehen – die dort ausgebrütete deutsche “Mittelschicht” ist ein Hort jeglichen Ressentiments gegen Arme, Schwache, Faule, Kranke, Verrückte, die alle irgendwie selber schuld sind und sich nicht helfen lassen, während man selbst gerade wegen der hervorragenden Bildung, hohen Sensibilität und des vom Rest der Welt nicht verstandenen Weltschmerzes gar nicht rassistisch sein kann, sondern eben nur wirklich klüger, besser ausgebildet und zu Recht erfolgreicher ist als der Pöbel.

Noch nicht angerissen dabei ist, wie Bildung selbst von lauter Ausschlüssen umgeben ist, die vielen, die Zugang zu ihr haben, entweder nicht bewußt sind oder die sie wieder naturalisieren: Talent muß gefördert werden, kommende Eliten dürfen nicht von geringem Lernniveau behindert werden, manche Menschen sind eben einfach von Natur aus arm…

In dieser kleinen Tabelle hatte ich zuletzt schon mal aufgeführt, wie sich die Abwertung gegen die Dummen und Ungebildeten in die übrigen Abwertungen einreiht und wie sie alle eben Abwertungen im Wortsinne sind – Versuche, selbst als was Besseres durchzugehen bzw. sich als was Besseres vorzukommen, um letztlich seine eigenen Waren oder seine Arbeitskraft teurer oder überhaupt verkaufen zu können:


Die Spaltungen der Klasse

(Zu Abwertung und Abgrenzung siehe auch: Nicht mitspielen! und Es muß immer jemand anfangen)

8 Responses to “Der dumme rassistische Pöbel”

  1. PROLO Says:

    Es ließen sich zur Gegenüberstellung noch Äußerlichkeiten ergänzen:

    schön – häßlich
    gut gekleidet – schlecht/billig gekleidet
    strahlendes Lächeln – schlechte Zähne

    usw.

  2. classless Says:

    Es gibt noch wesentlich mehr solche Zuschreibungspaare, auch noch die jeweils detaillierteren, wo nun genau heimisch oder fremd ist, welcher Skill oder welches Wissen nun gerade relevant ist usw.

    Außerdem fehlen in meinem Schaubild die großen Super-Preisdrücker-Kategorien:

    (richtiger) Mann – Nicht-Mann bzw. kein richtiger Mann
    weiß bzw. “rassisch rein” – nicht-weiß bzw. “verjudet”, “vernegert”, verwestlicht usw.

    Und dann muß wohl, scheint’s, auch Entstehung, Zusammensetzung und Realisierung von Klasse noch mal thematisiert werden…

  3. Difficult Is Easy Says:

    Mir fällt noch ein:

    Diffi – Kulla

  4. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Typenparaden, Identitätspolitiken und queer-feministische Jugendarbeit – Die Blogschau Says:

    […] classless.org erklärt Kulla, dass Rassismus kein Problem mangelnder Bildung ist: „Umgekehrt geht Rassismus nicht weg, weil Menschen zum Gymnasium gehen – die dort […]

  5. Miria Says:

    Glaubst du ernsthaft, dass Hetze gegen eine vermeintlich gut gebildete Mittelschicht besser ist als gegen den “armen Pöbel “?!

    Menschen sind nunmal unterschiedlich in Ansichten, Bildung und Intelligenz. Rassismus findet sich überall und liegt in erster Linie im Umfeld begründet, tritt meist dort häufig auf, wo Menschen wenig Kontakt mit von Rassismus betroffenen Personen haben.
    Das hat aber nichts mit Bildung oder Schichten zu tun.
    Schade, dass zu hier spaltest, wo eigentlich Zusammenhalt (nämlich gegen Rassismus) nötig wäre!

    Liebe Grüße,
    Miria

  6. classless Says:

    @Miria

    Wieso muß diese “Mittelschicht” (also die besser verdienenden Werktätigen, die sich deshalb nicht für Werktätige halten) mit irgendjemandem gegen Rassismus “zusammenhalten”? Worin besteht denn meine “Hetze”, wozu fordere ich auf?

    Sinnvoller Zusammenschluß würde ja damit beginnen, daß sich diese besser verdienenden Werktätigen nicht gegen die anderen Werktätigen (womit ich übrigens alle meine, egal ob sie legal oder illegal, beschäftigt oder arbeitslos, “heimisch” oder “fremd”, bezahlt oder unbezahlt sind) wenden oder gegen sie ausspielen lassen – diese Spaltung, die sie die ganze Zeit ja aktiv und selbstverständlich (mit)betreiben, kann ich nur benennen bzw. zur Kenntnis nehmen. Sie zu beenden liegt nicht bei mir.

    @ Diffi

    Mir nicht.

  7. Antiklassizist Says:

    Es würde mich nun aber sehr wundern, wenn Sie, Herr Kulla, nicht selbst jener DEUTSCHEN Mittelschicht entstammen, die Sie als “Hort jeglichen Ressentiments gegen Arme, Schwache, Faule, Kranke, Verrückte” abqualifizieren. Ein Hinweis auf Ihre eigene Positionierung wäre bei diesem als anti-klassizistisch daherkommenden Text mehr als angebracht.

    Das von Ihnen hier gebrauchte Wort “Pöxxx” geht ethymologisch übrigens auf das lateinische “populus” zurück und bezeichnet daher im abwertenden Sinn die oben von ihnen genannten diskrimierten Gruppen. “Pöxxx” ist ein Klassiker des elitären herblassenden Jargons, ein verletzendes und gefährliches Wort. Es sollte, aus Gründen klassensensibler Sprache, ganz vermieden werden. Eine alternative Schreibweise wäre beispielsweise “P-Wort”.

  8. classless Says:

    Nächste Familie: Walzwerker/Betriebszeitungsredakteur/arbeitslos, Verkäuferin, Walzwerker, Lehrerin, Friseurin/Pförtnerin, Verkäuferin (alles DDR). Selbst: prekär freischaffend. Alle alles Miete, kein Auto. Wohin gehöre ich da im Klassenzoo?

    Klassismus ist nicht mein Begriff – ich will Armut nicht anerkannt bekommen, ich will sie abgeschafft haben.

    Klassizismus ist aber noch mal was anderes, oder?

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