Zufall und Geschwätzigkeit

August 21st, 2005

Who told you Michs.

Wer spricht? Ein Kreuzberger Blog wundert sich, wie ausufernd ein befeindeter Linker von seiner eigenen Person spricht. Während es doch an sich ganz ungewöhnlich ist, in einem linken politischen Essay das Wort “ich” zu finden. Ob es der Spaziergang über den “Türkenmarkt” ist oder die persönlichen Eindrücke von einer Demonstration anlässlich des Papstbesuches in Deutschland: alles ist bei ihm ähnlich subjektivistisch gefärbt wie sonst nur die Kolumne “Post an Wagner” in der BILD-Zeitung.

Das Blog läßt nun Theodor W. Adorno sprechen, ausgegeben als Zufallsfund. Cut-up bezieht die Macht und Möglichkeit des Zufalls in die bewußte Erzählung ein. Der Cut-up-Schnipsel macht etwas Unsichtbares sichtbar, bricht das Muster der Erwartung. Hier sei an Gramscis Konzeption des organischen Intellektuellen erinnert, die bei allem Pathos im Kern die wichtige Forderung enthielt, „wirklich mehr zu wissen, nicht nur so zu tun, als wisse man mehr“ und die gleichsam als Kritik an der zur Mustererkennung verkommenden Gesellschaftskritik entstanden war, die „so oft bloßes Wiedererkennen [ist], die Produktion von etwas, das wir schon gewusst haben!“ Hier spricht zufällig Stuart Hall.

Ebenso zufällig tönt aus der aufgedrehten Quelle Adorno nun folgendes:

Bezeichnend für den Faschistenführer ist ein Hang zu geschwätzigen Erklärungen über die eigene Person. Der liberale und der linksradikale Propagandist hingegen neigen dazu, um der “objektiven” Interessen willen, an die sie appellieren, Anspielungen auf die private Existenz zu vermeiden: der Liberale, um Sachlichkeit und Kompetenz zu demonstrieren, der Linksradikale, um seine kollektivistische Einstellung nicht unglaubwürdig zu machen.

Moment mal, mischt sich Stuart Hall noch mal ein, weil er gerade zufällig in der Gegend war, sind Cultural Studies schließlich nicht irgendwann in dem Augenblick entstanden, als ich zuerst Raymond Williams getroffen habe oder in dem Blick, den ich mit Richard Hoggart gewechselt habe? In diesem Augenblick wurde Cultural Studies geboren; sie entstanden fix und fertig als Kopfgeburt. Ich möchte tatsächlich über die Vergangenheit reden, aber auf keinen Fall in dieser Weise.

Die Faschisten haben das begriffen, ihre Sprache ist persönlich. Nicht nur wendet sie sich an die unmittelbaren Interessen ihrer Gefolgschaft, sie schließt auch die private Sphäre des Redners mit ein, der seine Zuhörer ins Vertrauen zu ziehen und die Kluft zwischen Mensch und Mensch zu überbrücken scheint.

Paradoxerweise heißt das, autobiographisch zu sprechen. Normalerweise meint man, Autobiographie bedeute, die Autorität der Authentizität zu beanspruchen. Aber um glaubwürdig zu sein, muß ich autobiographisch sprechen.

Doch gibt es noch spezifischere Gründe für diese Methode, die, wenngleich sie oft von der Eitelkeit des Führers gespeist wird, wohl berechnet und trotz augenscheinlichem “Subjektivismus” Teil eines höchst objektiven Systems propagandistischer Praktiken ist.

Ich werde über meinen Umgang mit einigen Aspekten des theoretischen Vermächtnisses der Cultural Studies und mit einigen ihrer vergangenen Momente sprechen – nicht, weil es sich dabei um die Wahrheit handelt, oder um die einzige Art und Weise, die Geschichte zu erzählen. Ich habe sie selbst schon oft anders erzählt und ich beabsichtige, sie später wieder anders zu erzählen. Aber hier und jetzt, in dieser spezifischen Konjunktur, möchte ich einen bestimmten Standpunkt zur “großen Erzählung” der Cultural Studies beziehen, um einen Prozeß des Nachdenkens in Gang zu setzen…

Je unpersönlicher unsere gesellschaftliche Ordnung ist, desto bedeutungsvoller wird Individualität als Ideologie. Je ausschließlicher der Einzelne auf das bloße “Rädchen im Getriebe” reduziert wird, desto nachdrücklicher muß als Ausgleich für seine Ohnmacht die Idee seiner Einzigartigkeit, seiner Autonomie und seiner Wichtigkeit unterstrichen werden.

Die Verschwörungstheorie erzählt die Zeitgeschichte als griffigen Plot mit realen Elementen, mit Unglaubwürdigem als Würze, mit Opfern, Helden, Verführern und einem historischen Spannungsbogen. Sie suggeriert auf diese Weise eine unmittelbare Politik, in der es zugeht, als würden nur eine Handvoll Menschen auf der Erde leben.

Da dies nicht in individueller, sondern nur in ziemlich allgemeiner und abstrakter Weise geschehen kann, wird es vom Führer stellvertretend getan. Es ist Teil des Geheimnisses totalitärer Führung, der Gefolgschaft das Bild eines autonomen Charakters vor Augen zu stellen, der zu sein ihr in Wahrheit verwehrt wird.

Die Idee der Stärke und Autorität reicht an sich nicht aus, die Anziehung faschistischer Führerschaft zu erklären, sondern eher die Vorstellung, der Schwache könne stark werden, sofern er sein Leben der “Bewegung”, der “Sache”, dem “Kreuzzug” oder was sonst es sein mag, unterwirft. Mit der ambivalenten Bezugnahme auf die eigene Person – als zugleich menschlich und übermenschlich, schwach und stark, nah und fern – liefert er das Modell für eben die Einstellung, die er in seinen Hörern festigen will.

Die Bekenntnisse, ob wahr oder geheuchelt, erfüllen außerdem den Zweck, die Neugierde des Publikums, ein universales Merkmal der heutigen Massengesellschaft, zu befriedigen. Ihre Struktur ist noch nicht genügend erforscht; teils hat sie ihre Ursache in dem weitverbreiteten Empfinden, “informiert” sein zu müssen, um in der Konversation mithalten zu können, teils in der Meinung, das Leben des anderen sei reich, erregend und bunt im Vergleich zur Plackerei des eigenen.

Der Faschist, dem solches Gebaren wesensverwandt ist, weiß, daß es keinen großen Unterschied macht, wie diese Neugier gestillt wird. Enthüllungen über Bestechungen oder Diebstähle, die der Gegner begangen haben soll, Erörterungen der Krankheit seiner Frau oder seiner finanziellen Schwierigkeiten, die sogar erfunden sein können, sind gleichermaßen wirksam.

Vor diesen Vereinfachungen kapitulierte zum Beispiel die Hip-Hop-Kultur, in der trotz der Möglichkeiten, komplexe Inhalte zu transportieren, nur wenige inhaltslastige Acts eine Rolle spielen. Stattdessen dominieren die selbstgerechten „Disser“, die von „Wir“ und „Ihr“ reden und jene persönlich beschimpfen, die ihnen nicht so verwertbar erscheinen, wie sie selbst sein wollen.

Als praktizierender Psychologe versteht er etwas von der Funktionsweise ambivalenter Gefühle, selbst, wenn er die Psychoanalyse als jüdisches Machwerk denunziert. Wird der Zuhörer als Eingeweihter behandelt, wird seine Libido befriedigt, ist es Nebensache, ob seine Neugier auf positive oder negative Vorstellungen gelenkt wird. Um seine Gegner als Betrüger zu verleumden, genügt unter Umständen die Tatsache, daß er seine Rechnungen nicht bezahlt. Stellt Thomas öffentlich fest – wie es wirklich geschah -, er könne seine Rundfunkunkosten nicht erstatten, bringt ihm das allenfalls neue Freunde ein.

Wenn diese Erzählungen nicht zu einer Ersatzhandlung gegen vermeintlich Schuldige animieren, sorgen sie meist für eine Art Erbauung. Leser von Werken eines bestimmten Glaubenssystems finden die wichtigsten Motive wieder und behalten den Eindruck, die Welt noch zu verstehen. Es gehört zu den Stilmitteln wirksamer verschwörungstheoretischer Texte, zunächst ein unübersehbares Chaos zu schildern, um es dann auf die gewohnten, wenigen Faktoren oder noch eher Personen und Gruppen zurückzuführen. Cut-up dreht den Trichter um, auf den so gekommen werden soll.

Die theoretische Arbeit im Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) lässt sich besser als theoretischer Lärm beschreiben. Cultural Studies sind eine diskursive Formation im foucaultschen Sinne. Sie haben keinen simplen Ursprung, obgleich einige von uns dabei waren, als sie sich zum ersten Mal diesen Namen gaben. Ich versuche das Projekt aus der sauberen Luft der Bedeutungen, der Textualität, der Theorie, in die gemeine Unterwelt zurückzubringen.
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Samples aus Stuart Hall „Cultural Studies“ (Hamburg 2000), dem in jenem Blog zitierten Aufsatz “Die psychologische Technik in Martin Luther Thomas’ Rundfunkreden” von Adorno und aus meinem Artikel „Was du nicht weißt, bringt dich um“.

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