Nationale Geschichtskritik gegen die Juden

January 3rd, 2007

Während die Chronologiekritik (außerhalb Rußlands) weiter ihr auch nicht ganz unverschuldetes Nischendasein fristet, läuft die spezialisierte “Kritik” an der jüdischen Geschichte dieser Tage zu Höchstform auf. Die Blogosphäre hat sich der Titelgeschichte des vorletzten ‘Spiegel’ über den angeblichen Ursprung des Monotheismus in Ägypten schon ausgiebig angenommen (etwa planet hop, achgut, apocalypso und auch der als Zeuge benutzte Historiker Jan Assmann), ich möchte noch mal gesondert den Punkt betonen, wie deutbar und flexibel die Geschichte plötzlich werden kann, wenn es nicht die eigene, sondern diejenige der stets verdächtigten Anderen ist.

Denn über die Identität von Echnaton und Moses spekulierte schon einer der wichtigsten Wegbereiter der Chronologiekritik, Immanuel Velikovsky. Seine Konsequenz bestand jedoch darin, die zwischen Echnaton und Moses liegende Geschichte für unhaltbar zu erklären und damit einen grundsätzlichen Zweifel an der antiken Chronologie zu begründen.

Immanuel Velikovsky

Die ‘Spiegel’-Story ist randvoll mit Hinweisen in genau diese Richtung: schlecht Belegtes, “narrative Inversion”, zurechtgeschriebene Legitimationsgeschichten. Echnaton wird als unwahrscheinliche geschichtliche Abweichung präsentiert, was sich geschichtskritisch auch als Indiz dafür lesen könnte, daß er – wie so vieles andere – viel zu früh auftaucht. Letztlich operiert ‘Spiegel’-Autor Matthias Schulz mit einer illustren Sammlung geschichtskritischer Argumente, die er jedoch nur gegen die jüdische Geschichte wendet, während alle anderen unangetastet bleiben. (Exemplarisch die schon diffamatorische Empörung darüber, daß die Juden Ägypten anders als die anderen antiken Betrachter nicht für rein und heilig, sondern für verderbt und finster hielten.)

Exodus to Echnaton

Es ließe sich jetzt die Konsequenz ziehen, daß Geschichtskritik die scharfe Waffe populärwissenschaftlicher Demagogen ist und zurecht als unwissenschaftliche Pseudokritik angesehen wird. Ich halte es aber für plausibler anzunehmen, daß Geschichtskritik deshalb so einfach zu instrumentalisieren ist, da sich Geschichte in einem enormen Ausmaß interpretieren läßt und weit weniger gesichert sein dürfte, als allgemein angenommen wird. Strittig bleibt selbstverständlich, ob die Interpretierbarkeit sich nur auf die Bedeutung von Ereignissen oder auch auf ihre Faktizität bezieht. An dieser Stelle sehe ich jedoch die Historiker viel eher in der Bringschuld, da ich für einen grundsätzlichen Zweifel an ihrem eigenen chronologischen Gerüst und der Glaubwürdigkeit der meisten Quellen wenig Anzeichen erkennen kann.

Effi Gazi schreibt in “‘Scientific’ National History” aus dem Jahr 2000:

>>The writing of history itself as a subject of historical investigation is a relatively neglected domain within historical studies, lacking a constructive theoretical and methodological framework.<<

Effi Gazi

In ihrem Versuch, Geschichtswissenschaft methodologisch zu fassen zu bekommen, beschreibt sie deren Entstehung aus dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts:

>>The basis of a nation’s legitimacy and immortality must be rooted in a distant past. Moreover, it has to be a glorious past, “a golden age of saints and heroes” underpinning current political aspirations for establishment and permanence. What usually counts is not a rational strategy but, instead, aesthetic and moral qualities. Emotion, drama, sentiment, examples of loyalty or self-sacrifice are the main patterns of these narratives, all written to help form a national consciousness and inspire national devotion. They can be defined as ethnic histories of unbroken progress with the widest possible “longue durée” attempting to define the notion of historical time as an exclusively archaic and mythical but also concrete and national time.<>The great historians of the nineteenth century established attitudes to the national past which not only influenced their successors but also filtered through into the popular consciousness. The influence of nationalism on the construction of collective memory has been so powerful ever since that, as Isaiah Berlin puts it, it has become “so familiar to us now, so decisive both within, and in realtionships between nations, that it ist only by some effort of the imagination that one can conceive of a world in which it played no part.”<<

7 Responses to “Nationale Geschichtskritik gegen die Juden”

  1. lysis Says:

    Ich halte es aber für plausibler anzunehmen, daß Geschichtskritik deshalb so einfach zu instrumentalisieren ist, da sich Geschichte in einem enormen Ausmaß interpretieren läßt und weit weniger gesichert sein dürfte, als allgemein angenommen wird.

    Nun ja, diese Aussage ist ja wohl etwas arg allgemein. Es kommt wohl stark drauf an, von welcher Geschichte du sprichst: die Geschichte der Neuzeit? des Mittelalters? der Antike? der Vor- und Frühgeschichte? Die sehr unterschiedliche Quellenlage dieser Epochen kann man doch nicht einfach einebnen!

    Und gerade, was letztere betrifft, denke ich, dass es da in den letzten Jahrzehnten durch die Ethnographie und moderne Archäologie einen gewaltigen Wissensfortschritt gegeben hat, der aber leider den großen Theorien über die Vorantike eine jähes Ende bereitet hat: von der feministischen Matriarchatstheorie über Marx und Engels’ Urkommunismus bis zu Freuds “Der Mann Moses” ist praktisch alles zerschreddert worden.

    Dazu gehört insbesondere auch der Mythos vom Auszug der Juden aus Ägypten, der nie stattgefunden hat, was man heute mit relativ großer Sicherheit sagen kann, weil er nirgendwo archäologische Spuren hinterlassen hat: nicht in der Wüste von Sinai und auch nicht in den altägyptischten Texttafeln. Dazu gab’s über Weihnachten übrigens eine sehr schöne Dokumentation auf ARTE.

    Was bleibt, ist Entmythologisierung. Und das ist gut so. Zu wissen, dass die Bibel kein reale Geschichte präsentiert, noch nicht einmal in mythologisch verzerrter Form, sondern schlicht und einfach eine frei erfundene Vergangenheit, sollte für Religionskritiker doch eigentlich mal eine frohe Botschaft sein. Zu behaupten, die Widerlegung des biblischen Exodus-Mythos — die hauptsächlich von zwei jüdischen Forschern, nämlich Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman, besorgt wurde — sei antisemitisch, ist an Irrsinnigkeit wohl kaum mehr zu überbieten.

    Dass Broder nicht etwa den Auszug aus Ägypten als “alte Legende” bezeichnet, sondern ausgerechnet die in den letzten Jahren intensiver archäologischer Forschung etablierte Erkenntnis, dass dieser nie stattgefunden hat, ist da wohl nur noch eine weitere amüsante Fußnote.

  2. lysis Says:

    Letztlich operiert ‘Spiegel’-Autor Matthias Schulz mit einer illustren Sammlung geschichtskritischer Argumente, die er jedoch nur gegen die jüdische Geschichte wendet, während alle anderen unangetastet bleiben.

    Naja, das liegt doch wohl daran, dass die jüdische Geschichte bis heute die Grundlage zahlreicher religiöser Phantasmen ist, während die altägyptische Geschichte eigentlich nie ein solcher Träger legitimatorischer Bedeutung gewesen ist.

    Im Übrigen ist es einfach auch nicht richtig, dass sich Geschichtskritik vor allem gegen das Judentum richten würde. Ich erinnere mal an die ausgiebigen Debatten um die Qumran-Rollen oder die Schriftfunde bei Naq Hammadi, die jahrelang zum Anlass genommen wurden, das kirchenchristliche Jesus-Bild zu demontieren.

  3. lysis Says:

    Dass Broder nicht etwa […]

    Oops, das war ja gar nicht Broder, sondern dieser reaktionäre Komiker Hannes Stein …

  4. classless Says:

    Entmythologisierung ist gut, aber die soll dann die ganze Geschichte betreffen. Legitimatorische Bedeutung hat Geschichte nicht nur für Religionen, sondern gerade heute viel mehr für Nationalstaaten. Aber ich maße mir nicht an, der Fachmann für historische Evidenz zu sein, der jetzt beurteilen könnte, was diese nationalgeschichtliche Verzerrung für Veränderungen an der Geschichte erforderlich macht. Da jedoch die wissenschaftliche Disziplin selbst und ihre Grundannahmen aus dem Epizentrum des nationalistischen Taumels im 19. Jahrhundert stammen, dürfte die Verzerrung enorm sein.

    Ich werde dem Thema in meinem nächsten Buch einigen Raum bieten, aber das wird absichtlich kein Sachbuch sein wie das letzte. Eine der Figuren wird ein türkischer Historiker sein, der sich mit dem Aufstieg und der Blütephase des Osmanischen Reiches beschäftigt und sich gleichermaßen daran aufhängt, wie die hochentwickelten Osmanen in der westlichen Geschichte als barbarische Heimsuchung erscheinen, wie auch an Ungereimtheiten bezüglich der Kanonisierung des Koran.

    Wie gesagt: me no historian bzw. diese Laufbahn habe ich einmal absichtlich abgebrochen, weil ich den offenbar zumindest hierzulande dafür erforderlichen Glauben nicht aufbringen konnte.

  5. Nemesis Says:

    Wenn ich mal fragen darf, welcher türkische Historiker ist das? Was die Kanonisierung des Korans betrifft, kann ich zufällig was an Literatur beisteueren. Fällt sozusagen in mein Fachbereich.

  6. classless Says:

    Ist keine reale Person, sondern eine Romanfigur. Ich komme aber gern auf dich zurück, was Recherche angeht.

  7. Nemesis Says:

    Gerne.

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