Das wollte die taz nicht
September 9th, 2026Blog-Rubrik „bestellt & nicht abgeholt“: ein taz-Redakteur befragte mich für einen 25-Jahre-9/11-Verschwörungs-Artikel, die Fragen waren sehr allgemein gehalten und hatten nichts mit dem zu tun, was ich zum Thema schreibe und sage, ich habe so gut es ging geantwortet, es wurde nichts davon verwendet, was ich auch erst aus dem fertigen Artikel erfuhr, in dem der Redakteur vieles von dem macht, was ich kritisiere, opportunistisch in die üblichen Kerben haut, eine tiefergehende Recherche nicht für nötig hält um weitreichende Aussagen zu machen, nicht über Ideologie und nicht über die bürgerliche Herrschaft redet – wodurch sich der Text irgendwie auch wie eine (unabsichtliche) Antwort auf meine Zeilen liest.
Das hatte ich geantwortet:
„2001 gab es bereits jede Menge Material und Vorarbeiten um die Rolle der Annahme und Unterstellung von übermächtigen Verschwörungen für Ideologie zu verstehen und sie von der sinnvollen oder spielerischen Beschäftigung mit realen oder wunderbaren Verschwörungen zu unterscheiden.
Seitdem ist jedoch hauptsächlich zu beobachten, wie das alles einerseits für Distinktion und Feindmarkierung zusammengeworfen wird und es andererseits ebenso gebündelt bis vermanscht seine Rolle ausfüllt: Risse in ideologischen Erzählungen überbrückt, aufreißende Widersprüche übertüncht. Die Verschwörung, die alles kann, alles weiß und der alles zuzutrauen ist, kann auch jede inhaltliche Lücke schließen, ist der Joker, dessen übertriebenes, regelbrechendes, phantastisches Wirken die Erzählung, die nicht mehr aufgeht, wieder plausibel macht – gerade weil es unglaublich ist, haben es andere nicht gesehen, wollen es nicht wahrhaben, trauen sich nicht, es auszusprechen.
Indem diejenigen, die sich trauen, die sich getrieben sehen es auszusprechen, in Form und Erscheinung die Rolle von Expert*n, Journalist*n, Historik*rn, Autor*n, Politik*rn usw. einnehmen oder sich darin wiederfinden, könnten die Probleme an diesen Rollen sichtbarer werden (unhinterfragte Autorität, institutionelle und ökonomische Abhängigkeiten und Verstrickungen, die Logik der Repräsentation, Herrschaftslegitimation durch ideologische Erzählung und Normalisierung von Hierarchie), zumeist entwickelt sich jedoch einfach ein Konkurrenzverhältnis, ein Streit um Titel, wechselseitige Verunglimpfung.
Die Einführung einer alten oder neuen übermächtigen Verschwörung ist eine Krisenerscheinung ideologischer Erzählungen und kann bei ihnen allen auftreten, wenn sie nicht mehr wirken, wenn sie die jeweilige Herrschaft oder Elemente der Herrschaft nicht mehr gerechtfertigt bekommen – es kann sie retten oder auch dabei scheitern. Ein stetig wachsender „kritischer“ Diskurs behandelt diesen Vorgang jedoch auch hierzulande als eigene Form von Ideologie, was nicht zuletzt die Ideologie der hiesigen Herrschaft aus der Schusslinie schiebt. Ideen kommen wie bei Sektenbeauftragten schön aus anderen Ideen, Ideologie ist dann nicht Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse sondern wird als Ursache bestimmter gesellschaftlicher Erscheinungen behandelt. Staatenkonkurrenz und Klassenkonflikte können in Nebenrollen verwiesen oder gleich ganz ausgeblendet werden; es geht nicht mehr darum, wer was warum glaubt oder verbreitet, wer was davon hat oder sich verspricht; an der „Verschwörungstheorie“ ist einfach der „Verschwörungstheoretiker“ schuld und beide gehen wiederum auf andere, frühere zurück, die sich anschaulich und erbaulich aufreihen lassen wie in Polizei- oder Geheimdienstakten.
Skepsis von Menschen auch gegenüber offenkundig lügenden Regierungen und Institutionen wird gegaslightet, diffamiert und lächerlich gemacht, vielleicht falschen Ahnungen darüber, was in der Welt von Ausbeutung und Krieg falsch läuft, wird mit Aufforderungen zur Glaubensumkehr begegnet.
Die herrschende Klasse der USA, ihre Regierung, ihr Militär und ihre Geheimdienste haben 2001 eine Gelegenheit genutzt inmitten einer ausbrechenden Weltwirtschaftskrise und von Seattle bis Buenos Aires um sich greifender Proteste ihre Herrschaft zu festigen, eine Rüstungs- und Sicherheitsakkumulation anzuschieben, Zugriff auf Rohstoffe zu sichern, Überwachung und Kontrolle zu stärken (und machen das auch jetzt) – der konkrete Anlass war dafür nicht so entscheidend wie behauptet und geglaubt, und ob sie in irgendwelchen Burschenschaften und anderen mehr oder weniger geheimen Gesellschaften verkehren, an okkulte Mächte glauben oder besondere Rituale abhalten, ist dafür in den Einzelheiten irrelevant, der Punkt ist, dass sie ihre Herrschaft in alle Richtungen verlängern, wenn sie können, und dabei und dazu weitere Menschen schinden und missbrauchen, dass Herrschaft genau das tut, dass sie für sich selbst gut ist und für nichts sonst.
Arbeitskräfte müssen sich zusammentun, die Produktionsmittel übernehmen und dafür sorgen, dass alle kriegen, was sie brauchen – und versuchen, die schlimmsten Verheerungen, die Herrschaft angerichtet hat, noch einzudämmen und aufzuhalten. Dazu müssen wir gemeinsam versuchen, den ideologischen Quatsch, mit dem wir die ganze Zeit bestrahlt werden, zu entwirren, die ideologischen Erzählungen und die Herrschaft eben nicht retten, und das ist ein kollektiver Lernprozess mit mutmaßlich vielen Fehlern, der Ermutigung und ehrliche Kritik braucht und dem Rechtgehabe, Diffamierung und Denunziation schlecht bekommen.“















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