“Babylon Berlin”: 1929/33 ohne 1918/23
October 22nd, 2026Gerade weil die nun endlich vollständig ausgestrahlte, rekordteure und international gefeierte Fernsehserie „Babylon Berlin“ kein Dokudrama ist und der historische Rahmen ihr nur als Kulisse dient für eine weitere Cop Show mit weitgehend frei erfundener Krimihandlung und Plot Holes so groß wie der Hambacher Tagebau, beeindruckt die Bandbreite, Detailliebe und geschickte erzählerisch-filmische Übersetzung des in ihr abgebildeten Zeitgeschehens Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre – und klafft die eine große Lücke umso deutlicher: die damals gerade erst ein Jahrzehnt zurückliegende Revolution.
Teils durch intensive Verstrickung der Hauptfiguren, teils im Vorübergehen kommen eine irre Zahl von sozialen Erscheinungen, politischen Ereignissen und kulturellen Phänomenen vor, die damalige Welt der preisüberhäuften wissenschaftlichen Entdeckungen, sportlichen Erfolge und künstlerischen Leistungen wird auf allen Ebenen mit Kleidung, Musik, Design und Sprache zum Leben erweckt – die Welt der blühenden (im Hintergrund schon demontierten) Republik, an deren Beginn die Revolution gestanden hatte und an der wegen ihrer Niederschlagung so viele nie wirklich teilhaben durften.
Die ersten vier Staffeln zeigen (mit einigen narrativen Freiheiten) u.a. die Entwicklung der Polizei, besonders der sozialdemokratisch geführten in Preußen und Berlin inkl. einiger der realen Protagonisten wie Ernst Gennat, ihre Rolle beim Ausschluss der Armen und der Kriminalisierung von Armut in ihren vielen Formen, das Polizeimassaker vom 1. Mai 1929 („Blutmai“), Putschpläne und geheime Aufrüstung der Reichswehr im Bruch der Bestimmungen von Versailles, das Wirken von Burschenschaften und völkischen Organisationen in der Justiz, den Putsch der Berliner SA unter Walther Stennes, die Ereignisse um den Tod des Corpsstudenten und SA-Sturmführers Horst Wessel, die Methamphetamin-Forschung (Pervitin), die Filmstudios in Babelsberg, die „Weltbühne“ und das jüdische Scheunenviertel, wir hören „Raus mit den Männern aus dem Reichstag“ von Claire Walldoff, es treten u.a. auf die Reichskanzler Heinrich Brüning und Kurt von Schleicher, Reichspräsident Paul von Hindenburg, die kommunistische Anwältin und Agentin Marie-Luise von Hammerstein, die SPD-Abgeordnete Rosa Helfers und der für seinen tanzenden, „nicht-arischen“ Stil bekannte und bekämpfte Sinto-Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann. Dazu Alfred Thyssen („Nyssen“), in aller schillernd-wahnsinniger und zynisch-lebensüberdrüssiger Ekligkeit des deutschen Großkapitals verkörpert von Lars Eidinger, umwerfend! Ähnlich umfassend stellvertretend für eine ganze Reihe von Machtmenschen der Zeit Benno Fürmann, der die erfundene Figur des Regierungsrats und dann ersten Gestapo-Chefs Günter Wendt irgendwo zwischen Mussolini und Rudolf Klein-Rogge spielt. (Einziger Besetzungsausfall: der junge Wolfgang Schäuble in der männlichen Hauptrolle.)
Allein in der letzten Staffel 5 dann noch all dies: die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, der „Dringende Appell“ zur Wahlallianz der Arbeiterparteien, die für die Nazis immer noch ungenügenden Mehrheitsverhältnisse, der Einsatz von SA-Leuten als Hilfspolizei und Internierungen in SA-Kasernen, die Bildung der Gestapo, das Staatsbegräbnis für den SA-Mann Hans Maikowski („Paul Strelow“), Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft und der „Transvestitenschein“, das Geheimtreffen Hitlers mit Industriellen vom 20.2.33, der Reichstagsbrand, die Märzwahlen immer noch ohne Mehrheit für die Nazis, der Abspann-Ausblick aufs lohnende Geschäft mit Krieg und Vernichtung für die Großindustriellen – einige von ihnen wie Bosch, Porsche, Siemens, Quandt, Opel und Merck kommen persönlich vor.
Und aber nichts davon, wo sie alle herkommen, wie sie zum Teil schon am letzten Krieg und der folgenden Inflationskrise verdient haben, woher die Nazis eigentlich kommen, wer sie zuerst bewaffnet und auf die Revolution losgelassen hat, wie diese militärische Konterrevolution erst die SPD und schließlich die ganze Arbeiterbewegung zerriss, wie der Sozialdemokrat Hirschfeld erst durch die Revolution die Gelegenheit gekommen sah, 1919 sein Institut zu gründen, wie der eine Kopf der von der Revolution gestürzten Weltkriegs-Militärdiktatur Hindenburg-Ludendorff dann 1925 zum Reichspräsidenten wurde und wie sein Vorgänger Ebert dem Amt die Befugnisse verlieh, die Republik auszuhebeln und Reaktionäre und Konterrevolutionäre zu Kanzlern zu ernennen – das war alles nicht einfach schon zu lange her, denn der Krieg, der länger her war, ist in der Serie allgegenwärtig, die Gefallenen, die Traumata, die Traditionszirkel und Revanchegelüste, nur nicht die Revolution, die ihn beendete und die so vielen Menschen, die wir zu sehen bekommen, damit das Leben rettete.
Wir sehen den Rechtsanwalt Hans Litten und seine Arbeit für die Rote Hilfe, die auf die Revolutionszeit zurückgeht – 1921 begann er wie die Rote Hilfe beim Mitteldeutschen Aufstand in seiner Heimatregion um Halle Festgenommene zu vertreten, aus den Strafverfahren in einigen Fällen politische Verfahren zu machen und so die Anwendung des Amnestiegesetzes zu erwirken. Von dieser Vorgeschichte sehen wir nichts.
Wir sehen Karl Zörgiebel als Polizeipräsidenten von Berlin und wie er mit dem „Blutmai“ die Kluft zwischen den Arbeiterparteien unüberwindlich machte, aber nichts davon wie er als Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats von Köln 1918/19 (und des Zentralrats der Deutschen Sozialistischen Republik) zu seinem Posten als Kölner Polizeipräsident kam (und damit in den Klüngel aus rechter Sozialdemokratie und katholischem Zentrum), was ihn erst für das Amt in Berlin empfahl.
Wir sehen Gustav Stresemann als Außenminister und Elder Statesman – wie seine politische Karriere als kriegstreibender und monarchistischer Vertreter des Kapitals beim Verband Sächsischer Industrieller begann und 1923 mit dem Ruf nach Einmarsch der Reichswehr in „Sowjetsachsen“ und seiner Kanzlerschaft während des tatsächlichen Einmarschs erste Höhepunkte erreichte, wie mit ihm große Teile des deutschen Bürgertums erst durch den letzten großen Massenstreik der Revolution im Sommer 1923 zähneknirschend die Republik akzeptierten, sehen wir nicht.
Wir sehen die putschplanenden Militärs rufen: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“, aber auch hier gibt‘s die Revolution nicht, nur die plötzliche, unbegreifliche, irgendwie gemogelte Machtposition der (M)SPD, den „Dolchstoß“, die Entmannung der Waffenträger.
Wir sehen in der letzten Staffel verschiedene Versuche die Einheit der Arbeiterparteien zumindest zur Verhinderung der faschistischen Machtübernahme wiederherzustellen, aber niemand verweist darauf, wann diese Einheit noch wirksam war, in den antifaschistischen Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen 1923 und im Generalstreik gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920.
Wir sehen den SPD-Vorsitzenden Otto Wels, der an Revolution wie Generalstreik maßgeblich beteiligt war und sich noch im Herbst 1932 für einen Generalstreik aussprach, einer riesigen Menschenmenge vor dem Berliner Dom zurufen, man werde die Barbaren nicht an die Macht kommen lassen, und nicht er und niemand sonst erinnert daran, dass sie diese gleichen Leute, die Vertreter von Militär und Autokratie, schon einmal gestürzt haben, gerade erst vor weniger als 15 Jahren, ganz genau diese sozialdemokratischen und sozialistischen Massen – und schon gar nicht, wie das ging und wie es auch jetzt alleine gehen würde: durch die massenhafte Verweigerung, den massenhaften Streik, die Einheit im Handeln.
Schließlich sehen wir die ganze Staffel über immer wieder Adolf Hitler selbst in Rückblenden in seiner Zeit im Reserve-Lazarett Pasewalk bei Kriegsende 1918. Während er dort war, fegte die Massenrevolution im ganzen Reich die Monarchie davon, übernahmen Arbeiter- und Soldatenräte überall die Macht und beendeten den Ersten Weltkrieg – davon hat Hitler wenig bis nichts mitbekommen und davon erfahren auch wir in der Serie absolut nichts, wie er hören wir nur das Eintreffen der Nachricht, der Kaiser habe abgedankt und die Republik sei ausgerufen. Und wie so viele seitdem werden wir in dem Glauben gelassen, Hitler habe in diesem Moment beschlossen, Politiker zu werden (wie er es selbst behauptete), und das, was an dieser ganzen Geschichte später mit einigem Aufwand vertuscht wurde, sei Hitlers mögliche über seine leichte Senfgasvergiftung hinausgehende „hysterische Erkrankung“ gewesen – und nicht der Umstand, dass er nach Pasewalk bis zum Einmarsch der Konterrevolution in Bayern dort formal als Gefreiter der Armee des sozialistischen Freistaats im Dienst blieb, schließlich während der Räterepublik Baiern von seiner Einheit zum Soldatenrat der Räterepublik Baiern gewählt wurde und erst nach deren Zerschlagung überlief, seine Kameraden verpfiff und bei der Reichswehr anheuerte.
Ganz am Ende hören wir Gereon Raths Bruder: „Noch in 100 Jahren werden die Menschen staunen, was wir in diesen wenigen Jahren nach dem Krieg erreicht haben: die Errungenschaften von Wissenschaft und Medizin, von Psychologie und Pharmakologie, von Film und Literatur, die Rechte der Frauen, die freie Kunst und Presse, die freie Rede, die konstruktive Debatte und nicht zuletzt die unverbrüchliche Haltung gegen den Krieg.“ Ja, aber warum vor allem werden sie staunen? Weil wir nicht sagen und größtenteils nicht mehr wissen, warum es das alles überhaupt gab! Freie Rede und nicht Militärzensur, freie Kunst und Presse und nicht kaiserlich-kirchliche Zucht und Ordnung, Recht der Frauen und nicht Ausschluss von Wahlen, Amt und Beruf, konstruktive Debatte und nicht Burgfrieden, unverbrüchliche Haltung gegen den Krieg und nicht Glaube an den stahlgewitternden Endsieg über die Erzfeinde und den Teufel – der Frieden und die Republik, so demokratisch und sozialistisch wie sie trotz der Macht von Präsident, Militär und Bürgertum eben sein konnte, und nicht der Krieg und das Kaiserreich.
Die Erinnerung an diese Zeit wird hinter der Erinnerung an das folgende Tausendjährige Reich verschwinden, heißt es dann – das stimmt wohl, aber noch vollständiger die Erinnerung an die Revolution, die schon damals in Rekordgeschwindigkeit verblasste. Kein Feiertag war ihr gewidmet, nur im roten Sachsen war der 9. November Feiertag gewesen. 1919 wurde zunächst der 1. Mai zum Nationalfeiertag erklärt, ganz internationalistisch gedacht, doch er wurde nur in Sachsen und Thüringen als solcher begangen. Ab 1921 wurde der 11. August formal Nationalfeiertag (aber kein reichsweiter gesetzlicher Feiertag), der Tag der Unterzeichnung der Verfassung, in der festgehalten war, dass all die Freiheiten und Rechte jederzeit vom Präsidenten ausgesetzt werden konnten, wovon Ebert zur Eindämmung und Niederschlagung der Revolution schon dutzende Male Gebrauch machte und worüber die ganze Republik schließlich ihr Ende fand.
Und von diesem Ende her, das ohne den Anfang erzählt wird, wird die Republik, die heute nach ihrer bürgerlichen Umgründung in Weimar benannt ist, landläufig hauptsächlich gedacht und verstanden. „Die fünf Staffeln von “Berlin Babylon” haben bei einer riesigen Zahl von Zuschauern ein großes Interesse an den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren wachgerufen“, sagt etwa Uwe Wittstock. „Das ist verdienstvoll. Es waren die entscheidenden Jahre der ersten deutschen Demokratie.“ Nicht das Ringen zwischen Revolution und Konterrevolution von 1918 bis 1923, die Spaltung der Arbeiterbewegung und der Aufbau des Nationalsozialismus gelten als der entscheidende Zeitraum, sondern nur der Abriss und die Machtübergabe sind die Sequenz, auf die alle wie hypnotisiert starren, auch die vielen, die den Faschismus nicht wollen und denen wie damals ihre Macht ihn zu verhindern einfach nicht bewusst werden will.
Es gab diese Revolution aber, immer wieder hat der Zusammenschluss der Arbeitskräfte trotz aller Widrigkeiten Großes bewirkt und Übles verhindert, und das kann er auch immer wieder.















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