Ein echter eingeborener Sachsen-Anhaltinensier hält an: Der geheime Grund warum hier alle so und so sind und deshalb die AfD

July 16th, 2026

Sowas könnte ich schreiben. Aber ich komme gar nicht aus Sachsen-Anhalt, sondern aus der DDR, Bezirk Halle, Kreis Quedlinburg. (Ein -Anhalter hält Sachsen an und ein -Anhaltiner gehört zum Adelsgeschlecht Anhalt.) Und wie die meisten bin ich lange und viel früh aufgestanden und weit in den Westen und anderswo hingependelt, weil es hier erst ganz viel Arbeit gab, die einen krank gemacht hat, und dann keine Arbeit mehr, was einen krank gemacht hat. Sachsen-Anhalt hat unter den Bundesländern den höchsten Altersdurchschnitt und die geringste Lebenserwartung, bei Alkoholismus, Rauchen und diversen typischen Arbeits- und Armutskrankheiten ist es auf den vordersten Plätzen mit dabei.

Und seit zehn Jahren heißt es, morgen übernimmt hier die AfD. Nicht weil hier alle irgendwie sind, sondern weil es eine große Erleichterung fürs (westdeutsche) Bürgertum wäre, wenn es im Osten passiert, wenn sie die Drecksarbeit nicht weiter vom üblichen politischen Personal machen lassen müssten, sondern es die anderen machen – weil vom Pöbel aus dem Osten halt so gewollt. Und so erfahren vor Wahlen viele erst, dass es Sachsen-Anhalt überhaupt gibt (“das kleine Bundesland”), der Journalismus, der für dieses Bürgertum und seine Medien arbeitet und oftmals selbst dazu gehört, taucht mal in Bitterfeld auf, und signalisiert: Wir hören euch zu – wenn ihr was mit “aber die Ausländer” sagt. (In Sachsen-Anhalt sagen viel zu viele Menschen viel zu viel mit “aber die Ausländer”, aber wenn sie was anderes sagen oder wenn sie z.B. streiken, hört ihnen kaum wer zu.)

Denn das Bürgertum hat ein Problem: es braucht ausländische Arbeitskräfte, will sie aber nicht. Das sorgt dafür, dass die ausländischen Arbeitskräfte, die hierherkommen, so behandelt werden, dass sie lieber wieder gehen, und dass im Laufe der Zeit nur noch die ganz verzweifelten und entschlossenen kommen – für die bürgerliche Rechnung: zu wenige und doch zu viel und irgendwie immer die falschen. Der Widerspruch spitzt sich weiter zu, die Methoden, Arbeitskräfte anzuwerben, werden dreister, die Methoden, sie wieder loszuwerden, immer gemeiner. Man will das nicht sein, man braucht die AfD – aber vielleicht ändert sich das gerade auch und der Merz-Regierung, die alles abfackelt, ist auch das egal.

Ich stand seit 1993 am Straßenrand in Dessau und Hettstedt, Osterburg und Oschersleben, Burg und Hoym, Zeitz und Gardelegen (wo einst Lehrlinge ans Fernsehen schrieben, dass ihre Lieblingsgruppe Puhdys im Fernsehen auftreten sollen und diese dann dort mit Geh dem Wind nicht aus dem Wege debütierten) und hielt Tausende Autos an, in denen Tokio Hotel, Elsterglanz und Isolated lief, und lernte viel über Orte und ihre Geschichte und hörte Süßes und Lustiges, Ernstes und Wütendes – und soviel Unsinn und Abgrund wie anderswo wohl auch.

Wie überall sonst haben die Arbeitskräfte hier über die Zeiten Unglaubliches hervorgebracht und erdulden müssen, erkämpft und verloren, haben sich aus der Unterwerfung zu befreien versucht und sind bisher daran gescheitert, haben sich gegen Vereinnahmung und Indoktrination gewehrt und sind wieder eingespannt, eingelullt und gegeneinander aufgehetzt worden.

Wie überall haben sich ihre Vorfahren ohne Herrschaft jagend und sammelnd hier an wechselnden Orten niederzulassen begonnen, dann ackerbauend immer dauerhafter vor allem um Saale, Elbe, Unstrut und Bode angesiedelt und große Versammlungsorte wie in Pömmelte und Goseck angelegt (“woodhenges”), konnten sich ab der Bronzezeit aufkommender Herrschaft nicht erwehren, schufen dennoch aus ferngehandeltem Erz eine erste Sternkarte – dieser ganze Prozess von der vor 9000 Jahren bestatteten Schamanin von Bad Dürrenberg bis zur Himmelsscheibe von Nebra kann im vorzüglichen Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle nachverfolgt werden.

Unter eine ganze Galerie von Großreichen, weltlichen und kirchlichen Herrschaften und Staaten gefallen, vom Dreißigjährigen Krieg verwüstet, durch Wanderung und Flucht immer wieder durcheinandergewürfelt, dann in eine Provinz, ein Land, drei Bezirke und wieder ein Land zusammengesperrt, ihr gärtnerisches, landwirtschaftliches, heilkundliches, geologisches, metallurgisches, chemisches Wissen ausgebeutet und als flächenversiegelndes und giftiges Privat- oder Staatseigentum gegen sie gewendet – und dann waren sie die Kaputten, die Kranken, die Unverbesserlichen, die Renitenten, die räuberischen Rotten und die kriminellen Elemente. Die vor etwas mehr als 500 Jahren die Klöster niederbrannten, gegen die alten und neuen Fürsten zu Felde zogen und in Massen vom Glauben abfielen, sich auf den in Eisleben geborenen Mansfelder Bürgersohn Martin Luther beriefen, der in Wittenberg an der Uni lehrte, und von ihm verraten wurden – nebenan in Thüringen mit Kanonen von den ersten lutheranischen Herrschaften zusammengeschossen (einer zur Abschreckung erst hinterher hingerichtet: Thomas Müntzer aus Stolberg im Harz). Die vor reichlich 100 Jahren nach Jahrzehnten von Streiks und Organisation in Halle und Bitterfeld Schlachten für die Räterepublik und gegen die faschistischen Putschisten schlugen, im Mitteldeutschen Aufstand Betriebe und das Land übernehmen wollten, Leuna besetzten – und von der Polizei massakriert wurden. Die bis Ende 1932 (wie auch vielerorts anderswo) ihre Arbeiterparteien wählten, die am Ende zusammen (wie auch vielerorts anderswo) mit über 40 Prozent vor der NSDAP lagen (Wahlkreis Merseburg mehr als 10 Prozent Vorsprung), aber an der Spitze nicht mehr ganz ihre und auch eben nicht zusammen waren – und von denen viele, nachdem Bürgertum und Militär Hitler die Macht übertrugen, in Polizeigefängnissen und Lagern gefoltert und ermordet wurden.

Ja, danach brach der Widerstand zusammen und viel zu viele machten mit, hielten die Kriegsmaschine am Laufen, machten in Leuna aus Braunkohle Benzin und in Schkopau Synthesekautschuk, damit die ganze Welt überfallen werden konnte, probten in Bernburg den Holocaust an Behinderten, beteiligten sich an Massenmord, Vernichtung und Beutezügen.

Und als es vorbei war, waren diejenigen von ihnen, die an vorher anknüpfen wollten und den Bruderzwist der Parteien beilegen, nicht in der Lage, sich angesichts der Leichenberge und der Zerstörung gegen die Besatzungsmacht, der man Unaussprechliches angetan hatte, politisch zu behaupten – endlich ihre Arbeiterrepublik ohne die Kriegsgewinnler und Faschisten, stattdessen der Einparteienstaat mit Geheimpolizei und Terror (eben nicht nur gegen die Faschisten), statt der Betriebe und Felder in den Händen der Arbeiter und Bauern ein Staatseigentum unter quasi allmächtiger Partei.

Der erste große Anlauf, diese Parteiherrschaft wieder abzuschütteln, wurde mit Panzern vereitelt. Als es viel später endlich gelang (in unserer Kreishauptstadt protestierte wochenlang praktisch die gesamte erwachsene Bevölkerung), stand leider schon gleich wieder das westdeutsche Bürgertum auf der Matte, drückte in einer Wahlfarce eine AfD an die Macht (die “Allianz für Deutschland” feat. die Blockflöten-CDU) und riss sich einfach alles unter den Nagel, legte die meisten Betriebe still (um Dreckschleudern wie die Karbidwerke in Korbetha war es nicht schade), Bahnhöfe verfielen und wurden durch Bahnsteige ohne Dach ersetzt, um die Bahn profitabel und später “fit für die Börse” zu machen, hunderte Kilometer Schienen wurden herausgerissen und stattdessen alles mit Straßen und Parkplätzen zugepflastert (wie sicher überall), auch in der gottlosesten Region der Welt (85% gehören keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft an, sicher forciert durch politischen Druck in der DDR, waren aber auch vorher wegen Arbeiterbewegung schon viele und sind seither noch mehr geworden) wurden §218 und kirchliches Arbeitsrecht eingeführt, den Sargnagel für die Erwerbslandschaft bildete schließlich die feindliche Übernahme der Gewerkschaften. Lange Zeit war unser Arbeitsamtbezirk Halberstadt der arbeitsloseste in Deutschland (im Wechsel mit einem in Mecklenburg-Vorpommern), obwohl im Laufe der 90er Jahre ein Drittel der Bevölkerung abwanderte (Sachsen-Anhalt hat gegenüber 1990 ein Viertel weniger Einwohner) und ständig an den Zahlen herumgerechnet wurde.

Aber die Westdeutschen hatten auch Schuldige im Angebot: Ab 1991 machten sie Wahlkampf gegen “Asylanten” und allgemein Stimmung gegen “Ausländer”, womit vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge, ehemalige Vertragsarbeiter, Sinti und Roma gemeint waren. Den Rest erledigte wie überall die Polizei – bzw. nicht: Wer sich an den Übergriffen, Anschlägen und Belagerungen beteiligte, hatte bis auf ein paar statuierte Exempel wenig zu befürchten, wer sich linken Demos oder Projekten dagegen anschloss (“für das Recht keinen Stiefel im Gesicht zu haben”, sangen AufBruch aus Wernigerode), machte schnell Bekanntschaft mit Knüppel, Wasserwerfer und Durchsuchungen.

Seit der Finanzkrise 2007ff. bereitet sich nun die herrschende Klasse (nicht nur) der BRD auf eine Abkühlung der internationalen Beziehungen vor, die unbedingt stattfindet, und auf soziale Unruhen, die sich einfach nicht einstellen wollen, weshalb die dafür immer weiter aufgerüstete Polizei auf anderen Aktionsfeldern übereifrig wurde, jede linke Kleingruppe mit Repression überzog, jeden Straßendealer jagte und Nichtdeutsche bzw. nichtdeutsch erscheinende hartnäckig bis in den Alltag profilte, schließlich auch immer mehr als politischer Akteur auftrat – daraus entstand (zusammen mit kleinbürgerlichen Teilen von CDU und FDP und legalistischen Nazis) die AfD. Politkader strömten in den Osten wie seit Anfang der 90er nicht mehr, übernahmen das Linken- und Ausländergebashe der CDU, nutzten die NATO-Kriegspropaganda für die Simulation eines Friedenskurses (für viele besonders im Osten nicht unglaubwürdiger als von den “NATO-Parteien”, im Gegenteil dürfte das möglicherweise ein Hauptgrund für die Popularität sein) und die Lebensmüdigkeit des bürgerlichen Politbetriebs für den Anschein eigener Jugendlichkeit.

Natürlich wäre es also besser, wenn die AfD nicht an die Regierung kommt, aber es wäre auch nicht gut. Natürlich wäre es besser, wenn die Linke so viel wie möglich Stimmen bekommt, denn sie hält als einzige an der Klassenkampfgeschichte von unten fest – aber eben auch an Volksfront und mindestens ein bisschen an der Parteiherrschaft. Natürlich ist es besser, wenn die Grünen mit der Krankenschwester an der Spitze über 5 Prozent kommen, und auch wenn bei kommenden Wahlen lieber der irgendwie nicht so schlimme CDU-Bürgermeister im Amt bleibt und es nicht an die AfD fällt.

Also wählt halt irgendwas, aber viel, viel, viel wichtiger ist: hinhören, hinschauen, helfen und mitmachen, wenn die Arbeitskräfte sich zusammentun, wenn sie streiken (wie in den letzten Jahren vor allem im Einzelhandel und der Lebensmittelwirtschaft, bei der Bahn und im öffentlichen Dienst), wenn sie sich gegenseitig helfen und gemeinsam ihre Interessen formulieren, in allen Betrieben und Büros, in allen Wohnvierteln, Kleinstädten, Dörfern, wenn sie ihre eigene Öffentlichkeit und ihre eigene Aufklärung schaffen, wenn sie sich nicht länger einreden lassen bzw. wenn sie sich ausreden, dass wir alle 100 Jahre 70 Stunden die Woche auch bei Krankheit, Hitze und Unwetter arbeiten müssen, dass es schon immer so heiß und trocken war und dass Feuerwehrleute schon immer bei 40 Grad in voller Montur tagelang mehrere staubtrockene Wälder vom Harz bis nach Altenburg löschen mussten, dass Windräder ein Vogelmassenmord sind, dass die Chemiewerke jetzt bei DuPont in guten Händen sind, die einst solange sie konnten das FCKW-Verbot verhindert haben, dass nach der Rheinmetall-Munitionsfabrik in Silberhütte (früher: größter Feuerwerkhersteller der DDR, noch früher: Rüstung für Weltkrieg) eine Waffenfabrik in Sangerhausen gebaut werden muss, dass wir es uns aber nicht leisten können, uns umeinander zu kümmern, uns um alle zu kümmern, dass nicht genug für alle da ist und wir immer aussortieren müssen und deshalb glauben, Gendersternchen zerstören die Sprache und Queere bilden sich das nur ein, dass wir die Zähne zusammengebissen, die Ellbogen entsichert und den Kopf auf die tickenden Preise fokussiert durchs Leben sprinten müssen, dass die immer billiger nutzbaren Erneuerbaren Energien nicht die Fossilen ersetzen und öffentliche Infrastruktur im Überfluss für alle ermöglichen, sondern immer größere Rechenzentren für immer mehr und immer energiehungrige Halbleiter für immer umfassenderen KI-Datenklau, immer vollständigere Überwachung und immer mehr Robocops …

Gegen all das wird auf die Dauer nur helfen, in den Parteien und Organisationen die zu wählen, die den Zusammenschluss der Arbeitskräfte unterstützen, in die Parteien zu gehen (in Sachsen-Anhalt sind so wenig Leute in Parteien, dass ein großer Schwung Arbeitskräfte dort die Mehrheiten schnell verschieben kann) und auch in die Gewerkschaften und sie von unten unter Druck zu setzen und wieder zu ihren Organisationen machen (dabei hilft sicher auch eine starke FAU), kurz: dem Bürgertum und seinem Staat immer mehr abtrotzen – und schließlich den ganzen Laden zu übernehmen, der sowieso uns allen gehört und nur von uns allen vernünftig eingerichtet werden kann.

Das Foto zeigt Leuna von der Fundstelle der Schamanin von Bad Dürrenberg am gegenüberliegenden Saaleufer aus gesehen – am 29. März 1921 stürmten 21 Hundertschaften der Schutzpolizei unter Oberst Graf Poninski unterstützt von Reichswehr-Artillerie in den Morgenstunden das nur von wenigen der verbliebenen, erheblich schlechter bewaffneten Arbeitern verteidigte Leuna-Werk. Etwa 70 Arbeiter werden getötet, Hunderte in einem Stickstoffsilo eingesperrt und misshandelt (Nahrungsentzug, Spießrutenlauf), mindestens zehn Fliehende ertrinken in der Saale. Ein Befreiungsversuch endet mit weiteren Toten. Der Polizeibericht meldet einen getöteten Schupo.

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