Einmal ganz viel Anfang – Geburtstagsausflug nach Crimmitschau

April 14th, 2026

Okay, also noch mal von vorn: Crimmitschau, Sozialdemokratie, Feminismus. Buchstäblich zurück zu den Anfängen der revolutionären Sozialdemokratie und der proletarischen Frauenbewegung in Westsachsen, zur Entstehung der Revolution von 1918-23 aus Jahrzehnten ganz konkreten Klassenkampfs.

Ein Geburtstagsausflug 60 Kilometer von Leipzig die Pleiße hinauf, dorthin wo 1869 die Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur=, Fabrik= und Handarbeiter beiderlei Geschlechts entstand, in deren Organisationskomitee auch die Handarbeiterinnen Wilhelmine Weber und Christiane Peuschel wirkten. Damals fuhr die Eisenbahn dorthin eine Stunde, schon doppelt so schnell wie 1844, als sie hier als Teil einer der ersten überregionalen Strecken nach Nürnberg eröffnet wurde – wie vielerorts anderswo bildete der Bahnbau mit seinen zusammengezogenen Arbeitskräften einen Sprung in der Formierung der Klasse, so wie vielerorts in Sachsen zuvor die in der Bauernrevolution von 1790 erkämpfte de-facto Freizügigkeit.

Nach Crimmitschau also, wo Mitte der 1870er die Sozialdemokratie unter einer Bevölkerung von 18.000 bereits 500 Parteimitglieder zählte. Das war einerseits der demokratischen und sozialistischen Selbstorganisation der Lohnabhängigen vor allem in den Textilbetrieben der ganzen Gegend ab den frühen 1860ern zu verdanken, die um sich herum einen bis dahin ungekannten Wohlstand blühen sahen, der auf ihrer Ausbeutung beruhte und an dem sie ohne Gegenwehr nicht teilhaben sollten – aber auch im besonderen der Tätigkeit Julius Mottelers, der seinen beruflichen Einblick in Geschäftsbücher, Nah- und Fernhandel in die Konkretisierung der Forderungen, in den Aufbau regionaler und regionaler Verbindungen, in die Einrichtung von Bildungs- und Wahlvereinen, schließlich die Gründung von Genossenschaften und Gewerkschaft einfließen ließ.

Über Motteler, Mitbegründer von SDAP und SAPD, gäbe es noch viel zu schreiben, als Abgeordneter für den Wahlkreis Zwickau=Crimmitschau redete er im deutschen Reichstag für die Gleichstellung der Frauen und die Abschaffung der Kinderarbeit, als „Roter Feldpostmeister“ organisierte er die Verbreitung der sozialdemokratischen Presse während der Untergrundzeit in den 1880ern (Sozialistengesetze) und lernte dabei u.a. Clara Zetkin an (die aus dem westsächsischen Wiederau stammte), als Nachlassverwalter von Marx und Engels sorgte er für Erhaltung und frühe Redaktion ihrer Schriften – aber wir wollen beim Ort Crimmitschau bleiben.

Wie es im Zentrum früher Organisations- und Wahlerfolge stand, wurde Crimmitschau auch zum Symbolort der Kämpfe für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, kulminierend im reichsweit berühmten Textilstreik von 1903/04, der „eine Stunde mehr fürs Leben“ forderte, in einem Schlachtgesang („Horch! Es rollt von fern der Donner!“) auf die Melodie des Deutschlandliedes den nationalistischen Text durch „ungezählter Millionen Feldgeschrei: Zehnstundentag!“ ersetzte. Dieser Streik, in dessen Verlauf sich die andere Seite um den späteren Kanzler und Außenminister Gustav Stresemann zum Verband Sächsischer Industrieller (VSI) zusammenschloss, klärte die Fronten im Klassenkampf und bildete so ein Fundament für die „rote“ Hegemonie in Sachsen ab 1918 (als es in Sachsen so viele Sozialisten gab wie in Frankreich und Italien zusammen) – es ist denn auch eine der letzten Orte, in die die Reichswehr im Herbst 1923 einmarschiert, als sie vor allem dem Ruf des VSI zur Zerschlagung „Sowjetsachsens“ folgt und die Revolution brutal beendet. (Danach ist wie anderswo schon beschrieben noch Thüringen dran.)

Wir haben uns das Textilstreik-Wandrelief am Marktplatz angeschaut, verschiedene Hinterlassenschaften der „Stadt der hundert Schornsteine“, das Naherholungsgebiet im Sahntal, an dessen Ausgang das famose Textilmuseum (Tuchfabrik Gebr. Pfau) liegt, darin im Rahmen des Rundgangs durch die Industrie- und Arbeitsgeschichte die Weberei, in der Lochkarten uralte Webstühle steuern und an den großen Textilstreik eine der damals nach seinem Ende angefertigten Fotografien erinnert, die 15 der „letzten kämpfenden“ Streikbelegschaften zeigen. (Fünf dieser Fotografien sind im vom Museum herausgegebenen Band „Textilarbeiter um 1900. Arbeit, Alltag, Streik“ nachgedruckt.)

Ihr könnt das alles auch tun und der Worte Mottelers gedenken, die er am 28.2.1869 in seiner Rede „Ueber die Frauen und ihre Stellung im Hause und in der Oeffentlichkeit“ ans Stiftungsfest des Arbeiter-Fortbildungsvereines im benachbarten Glauchau richtete:

„Und dann wird die Zeit herankommen, wo unsere weiblichen Goldschmiede und Papparbeiter, Instrumentenmacher und Kaufleute, Aerzte und Gelehrten nicht mehr angewiesen sein werden auf eine Versorgung in der Ehe, zum Schutz gegen Verlassenheit, Alter und Krankheit; Sie werden sich frei nach Herz und Neigung das Leben schaffen. … Und wie Sie heute zur Kirche gehen, so werden Sie künftig eine Stätte schaffen müssen, wo Ihnen die Schätze der Natur und der Wissenschaft, die Tempelhallen der freien Arbeit grüßend offen stehen! … Dies ist die von uns gemeinte Emanzipation: das Glück und die Zufriedenheit Aller durch Alle!“

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