Wissenschaft, Harmonik und…

September 3rd, 2008

>>Die Entdeckung der Harmonien gelang in Europa und sonst nirgendwo. Andere Weltgegenden haben ehrwürdig komplexe Musiksprachen hervorgebracht, sie haben Vierteltöne und Zwölf-Elftel-Takte. Harmonien aber haben sie nicht. (…)

“Nirgendwo außerhalb Europas verband sich die Musik so gründlich mit der Wissenschaft”, sagt [der Münchner Musikpsychologe Rolf] Oerter. Noch im Spätmittelalter galt die “Musica” zusammen mit Geometrie und Arithmetik als ein Teilfach der Mathematik.<Täler des Wohlklangs“

10 Responses to “Wissenschaft, Harmonik und…”

  1. Benni Bärmann Says:

    Hm… wenn man sowas liest:

    Das war das Rüstzeug, mit dem die Komponisten als Architekten mehrstöckiger Harmonien auftrumpfen konnten. “Sie mussten nur ihre Melodien und Rhythmen möglichst einfach halten”, sagt Oerter, “sonst funktioniert der Zusammenklang nicht.”

    … könnte man zum Schluß kommen, dass die Entdeckung der Harmonie, die ja scheinbar früher stattfand, eine Vorbedingung für den Bockelmannschen Taktrhytmus darstellt. Folgt daraus irgendwas? und wenn ja, was?

    Auf das 9-minuten-Stück bin ich ja mal gespannt. Ist das ohne Taktrhythmus oder mit sich auflösendem oder wie?

  2. classless Says:

    “könnte man zum Schluß kommen, dass die Entdeckung der Harmonie, die ja scheinbar früher stattfand, eine Vorbedingung für den Bockelmannschen Taktrhytmus darstellt.”

    Ich hatte das eher so verstanden, daß die Harmonie auf dem Taktrhythmus aufbaut. Das mit dem zeitlichen Ablauf würde ich nicht so eng sehen – nur weil es bei Bockelmann heißt, daß sich der Taktrhythmus erst ab dem frühen 17. Jahrhundert ausbreitet, können trotzdem überall, wo die entsprechenden Bedingungen – also die Selbstverständlichkeit der Denk-Synthesis – gegeben waren, schon solche musikalischen Formen entstanden sein.

    “Auf das 9-minuten-Stück bin ich ja mal gespannt. Ist das ohne Taktrhythmus oder mit sich auflösendem oder wie?”

    Die Idee war, den Taktrhythmus langsam einzuschleppen und das inhaltlich zu umrahmen. Ob das, was Felix da zusammengebastelt hat und was ich da choralartiges zusammensinge, tatsächlich taktrhythmus-frei im Bockelmannschen Sinne ist, wissen wir auch nicht sicher zu sagen. Ich werde Bockelmann einfach eine CD schicken, er wird sie schrecklich finden und dann wissen wir auch nicht mehr.

  3. Benni Bärmann Says:

    Hm… das besondere an Bockelmanns These ist ja u.a. die Plötzlichkeit mit dem sich der Taktrhythmus durchsetzte. Es gibt ja seiner Wahrnehmung nach eben keine langsame Entwicklung wie man sie sonst kennt, sondern gestern haben alle noch ohne Taktrhytmus gedichtet und komponiert und innerhalb weniger Jahrzehnte war es anders und es ging auch nicht mehr zurück. Es gibt doch da dieses eine schöne Zitat von diesem deutschen Dichter, der sagte dass man das jetzt anders macht als früher und das das früher eben früher richtig war und das neue eben heute richtig ist er es aber nicht begründen konnte.

    Das das nur lokal sich änderte scheint mir auch nicht so zu sein. Es ging ja nicht nur um das Alltagshandeln mit dem Geld, sondern darum, dass dieses gesamtgesellschaftlich wirksam wurde, also mehr oder weniger auf einen Schlag in ganz Europa. In der frühen Neuzeit war die Geselschaft ja europäischer aufgestellt als zur Zeit der Nationalstaaten.

    Zur Frage ob die Harmonie auf dem Taktrhythmus aufbaut: Das ist bei Bockelmann so. in dem Spiegeltext ist das ja rein biologistisch erklärt. Man könnte den Text also mit Bockelmann kritisieren. Die Wikipedia spricht von “seit dem Barock”, der Spiegel von “Rennaicance-Komponisten”. Na, ich frag mal einen befreundeten Musikethnologen, vielleicht weiss der mehr.

  4. classless Says:

    Das ist alles recht unübersichtlich. Einerseits ist es für jeden Einzelnen, der damit anfing, so wie du schreibst, plötzlich selbstverständlich und natürlich geworden. Andererseits haben die entsprechenden gesellschaftlichen Veränderungen nicht überall in Europa zeitgleich stattgefunden – in England waren demnach die Voraussetzungen für Taktrhythmus, Versdichtung und Binärlogik schon viel früher gegeben.

  5. Benni Bärmann Says:

    @classless: Das sagt dann aber nicht mehr Bockelmann sondern Du? Mein Musikethnologe spricht aber auch von einem langsamen Übergang und nicht dem Knall, den Bockelmann nahe legt. Für die Harmonie noch mehr als für den Takt. Das klingt aber schon so, als sei tendenziell die Harmonie vor dem Takt gekommen, aber da brauchts wohl mal einen wirklichen Experten auf dem Gebiet um das beurteilen zu können.

  6. classless Says:

    Ich habe Bockelmann auf jeden Fall nicht so verstanden, daß es unbedingt einen abrupten Übergang überall gibt. Zum einen gelten seine Beispiele nur für einen konkreten geographischen und gesellschaftlichen Raum – England kommt eben z.B.nur am Rande vor, soweit ich mich erinnere – und zum anderen gibt er ja vor allem ein Kriterium vor – die Selbstverständlichkeit der Ware-Geld-Beziehung und damit der Denk-Synthesis – das sich nur schwierig in der Rückschau für jeden konkreten Zeitpunkt und Ort angeben läßt.

  7. classless Says:

    Tja, und “wirkliche Experten”… 😉

  8. classless Says:

    Bockelmann schreibt zum Beispiel vom “Übergang zur Geld-Wirtschaft im Verlauf des so genannten ,langen’ 16. Jahrhunderts” (http://www.trend.infopartisan.net/trd0606/t310606.html), während die meisten Beispiele, die er im Buch verwendet, erst nach 1600 angesiedelt sind und somit ja eher die Folgen dieses längeren Prozesses zu bilden scheinen.

  9. godforgivesbigots Says:

    Also vor Hofstadter habe ich die Mathematik als ein kohärentes formales System und die Musik als einen Haufen inkohärenter Formalitäten erlebt. Das hieße aber auch dass seine Position beides seien unterschiedliche Extremzustände desselben Kontinuums eine mittelalterliche ist. Doch was ist dann die neuzeitliche Sichtweise?

    Am Rande, dieser Spiegel-Artikel enthält die netteste Marx-Charakterisierung die ich in diesem Blatt jemals gesehen habe: “Was Poeten als Seufzer der Kreatur besingen, …” =:-)

  10. classless Says:

    @godforgivesbigots

    Klar ist Marx der “Poet der Dialektik”.

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