Mehr Bilder aus Hamburg: Schanzenfest [Update]

September 13th, 2009

Erst war’s erstaunlich & seltsam: Bis 1 Uhr war das ganze Viertel voller feiernder Leute, in der Rosenhofstraße gab es eine friedliche Partyneubesetzung, die hier und da entfachten Feuer (ich zählte vier) wurden von Festbesuchern umgehend wieder ausgetreten oder gelöscht. Nirgendwo war Polizei zu sehen (da nur haufenweise Zivis unterwegs waren), und nirgendwo gab’s Krawall. Obwohl es offensichtlich einige auf dem Fest gab, die nicht zuletzt wegen des letzten Schanzenfestes und des Vortags auf Randale aus waren, gab es doch keinen Gegner, und die allermeisten auf dem Fest äußerten deutlichen Unmut über jeden Versuch, die Polizei ins Viertel zu locken. No (visible) cops, no crime?

Partybesetzung
Rosenhofstraße

Um 1 wurde dann die völlig unbewachte Polizeiwache in der Stresemannstraße nach einer Spotandemo von etwa 100 Leuten aus einer kleinen Gruppe heraus beworfen, was den Cops Anlaß genug war, das gesamte Viertel, in dem immer noch Tausende Leute friedlich feierten, zu räumen. Fünf Wasserwerfer fuhren sogleich das Schulterblatt hinauf, innerhalb einer halben Stunde war alles voller Einsatzfahrzeuge und Festnahmeeinheiten. Obwohl es nun vereinzelt Flaschenwürfe auf die Fahrzeuge gab, wurden nach meinem Wissen kaum Barrikaden gebaut und war auch sonst keine Bereitschaft zu größeren Ausschreitungen erkennbar. Mit dem Vorwand einer einzelnen Straftat am Rande des Festes gingen also Hunderte von Polizisten mehr als zwei Stunden lang gegen Tausende hauptsächlich friedlich Feiernde vor und stießen dennoch auf kaum Gegenwehr. Vielmehr gaben viel zu viele Festbesucher “den Chaoten” die Schuld an dem ganzen Einsatz der vorher ja bereitgestellten und entsprechend motivierten Polizeihorden und manche erklärten gar das Vorgehen im Einzelnen für gerechtfertigt.

Auf der sonntäglichen Pressekonferenz kamen dann die entsprechenden Ansagen vom Innensenator: “Wer sich von Polizeibeamten im Einsatz provoziert fühlt, hat ein Problem mit unserem Rechtsstaat… Polizei wird immer dann nicht einschreiten, wenn es friedlich bleibt. Das war die Strategie am 4. Juli”, als Hunderte von Polizisten überfallartig das Fest noch während des Abbaus der Hauptbühne beendeten und schießende Wasserwerfer ohne Vorwarnung durch Menschenmengen rasten.” Der Polizeipräsident bezüglich des Warnschusses vom Freitag: “Zum Glück hat der Beamte besonnen gehandelt und lediglich einen Warnschuss abgegeben, er hätte in dieser Situation auch einen gezielten Schuss abgeben können.”

Strange moment Samstagnacht: Inmitten des losbrechenden Polizeieinsatzes war ein Räumpanzer offenbar von der Einsatzleitung vergessen worden. Er wurde von einigen Festbesuchern aufgehalten, die sich vor ihm in den Weg stellten und ihn kurzerhand mit Verkehrskegeln umdekorierten. Sie schafften es, daß er sich zehn Minuten lang langsam zurückziehen mußte.

Umdekorierter Räumpanzer

(Zum Vergrößern und für mehr Fotos draufklicken)

(Hier noch ein weiterer Blogbericht der Samstagnacht)

In Berlin prügelten Polizisten am Rande der “Freiheit statt Angst”-Demo einen Fahrradfahrer, der Anzeige gegen einen ihrer Kollegen erstatten wollte, sowie weitere Passanten. Davon gibt es ein Video.

Vorher verboten sie bei den Gegenaktionen zum Al-Quds-Tag “englischsprachige Poster, hebräische Musik und die Flagge von Jerusalem” (waity).

5 Responses to “Mehr Bilder aus Hamburg: Schanzenfest [Update]”

  1. jemand Says:

    “Obwohl es nun vereinzelt Flaschenwürfe auf die Fahrzeuge gab, wurden nach meinem Wissen keine Barrikaden gebaut und war auch sonst keine Bereitschaft zu größeren Ausschreitungen erkennbar.”

    Obwohl ich sonst auch eher kritisch gegenüber dem Verhalten der Polizei bei solchen Gelegenheiten bin, muss ich hier mal widersprechen. Wir waren in der Eifflerstraße auf einem dort gelegenen Grundstück als es losging – wir mussten einige bescheuerte Jugendliche davon abhalten, mit Stangen von Schildern Polizisten anzugreifen, direkt vor unserer Nase Barrikaden aufzubauen oder Gehwegplatten aus dem Boden zu hebeln. Da war eindeutig die Lust an Gewalt zu spüren. Und dann stehen sie noch neben uns rum und sagen: “Das ist doch lustig!”

    …und dann aus Frust durch die Straße zu rennen und die dort geparkten Autos zu demolieren zeugt auch eher von Blödheit als von irgendeiner politischen Motivation. Sorry, aber wir waren mittendrin und diesmal war es wirklich vollkommen unnötig, die Polizei anzugreifen.

    Es hätte auch einfach so schön sein können und man zeigt der Polizei mal, dass die Gewalt sehr häufig von ihnen selber ausgeht.

  2. classless Says:

    “wir mussten einige bescheuerte Jugendliche davon abhalten”

    Und das habt ihr geschafft, oder?

    “man zeigt der Polizei mal, dass die Gewalt sehr häufig von ihnen selber ausgeht.”

    Das wissen sie doch selber.

  3. posiputt Says:

    ack. aber wenn das auch mal einer breiteren oeffentlichkeit bekannt wuerde, also unuebersehbar, das waer schoen. fuer diesmal ist die chance wohl vertan.

  4. namenslos Says:

    es gab barrikaden. in der bartelsstraße bei der eisenbahnbrücke sogar garnicht so schlechte.

  5. Cannabis Kommando Says:

    Das scheint doch alles darauf hinzudeuten, dass die Betonköpfe in der Polizei zunehmend die Nerven verlieren – gedankenlose Provokationsversuche, verantwortungslose Kurzschlußhandlungen und herzlose Rechtfertigungskonstrukte. Besonders der Hamburger Verlauf läßt vermuten dass es da zwei ungefähr gleichstarke Fraktionen gibt, eine die dazu bereit scheint auch Distanz zu gewähren und eine andere deren Angehörige von einer pathologischen Haudraufideologie getrieben sind, sowie situativ umschwingende Mehrheitsverhältnisse. Das Problem mit einem solchen apparatsinternen Machtkampf ist allerdings auch dass die Deeskalation nichts wert ist wenn hinter der nächten Ecke die Eskalation wartet.

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