März 1919 in Berlin, Teil 2: Freikorps greifen an, Streik verschärft sich

March 6th, 2019

Am 6. März 1919 beschließt die Nationalversammlung in Weimar das “Gesetz über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr” durch “Zusammenfassung bereits bestehender Freiwilligenverbände”. Die unterzeichnenden Ebert, Noske und der preußische Kriegsminister Walther Reinhardt (“einer der Planer der Ausrufung eines selbstständigen Oststaates, von dem aus später eine nationale Erhebung in ganz Deutschland ausgehen sollte”) machten so die Freikorps, während sie bereits in Berlin und anderen Teilen des Reiches gegen Streikende und Aufständische wüteten, zur offiziellen Armee, die “den Anordnungen der Reichsregierung Geltung verschafft und die Ruhe und Ordnung im Innern aufrechterhält.“ (Gesetzestext) Als das Gesetz am 12. März öffentlich verkündet wurde, waren dem Wirken dieser Armee bereits mehr als 1000 Menschen zum Opfer gefallen.

Als direkte Reaktion auf das Vorgehen der Freikorps, besonders ihre tödlichen Schüsse in Menschenmengen und ihre immer weiter eskalierenden Gefechte mit der Volksmarinedivision und der Republikanischen Soldatenwehr um das Polizeipräsidium am Alexanderplatz, wurde der Streik, wieder auf Druck der Basis, zunächst verschärft und damit ausgeweitet. Auch die Stromversorgung wurde am Abend des 6. lahmgelegt und damit eine weitere Welle von Betrieben in den Streik einbezogen. Zudem trat auch Potsdam (mitsamt Nowawes) in den Generalstreik, seit dem 5. herrschte praktisch Generalstreik in Oberschlesien – unterdessen liefen immer noch Streik und Auseinandersetzungen in Mitteldeutschland, aber auch in Stuttgart, Heilbronn, Bremen, Plauen und um die Räterepublik Kurpfalz in Mannheim.

Die Ausweitung des Berliner Streiks gibt den SPD-Vertretern in der Streikleitung, die sich von vornherein nur von ihrer entschlossenen Basis hatten in den Streik treiben lassen, die Gelegenheit auszuscheren und auf die Linie der SPD-Regierung einzuschwenken. Nun tönten fast alle Verlautbarungen der SPD gleich: Das geht zu weit, der Streik “führt zum völligen Zusammenbruch unseres Wirtschaftslebens” und zur “Herrschaft des lichtscheuen Janhagels” (Vorwärts), und überhaupt sei doch für alles schon gesorgt – “die Sozialisierung marschiert”, war auf überall verklebten Plakaten zu lesen, die Fortsetzung von Teilen der staatlichen Regulierungspolitik aus dem Krieg und die “Einigungen” zwischen Großunternehmen und Gewerkschaftsführung (“Stinnes-Legien-Abkommen”, “Reichskohlenrat”) wurden als Sozialismus verkauft.


Plakate der Regierung, die den Sozialismus verkünden, davor Truppen der Regierung, die zur Niederschlagung der sozialistischen Bewegung am Spittelmarkt im Zentrum Berlins im Einsatz sind – wenn in einem Bild zu zeigen wäre, wie es zum Nationalsozialismus kam, es wäre sicher dieses. (Entnommen dem Band “Es lebe das Neue! Berlin in der Revolution 1918/19”, Berlin 2019)

In vielen Darstellungen heißt es, Plünderungen und Überfälle hätten Noske und seinen Truppen den Vorwand geliefert – praktisch gingen die Regierungstruppen weitgehend nach Plan vor und erfanden sich ihre Legitimation notfalls selbst. Dass sich besonders in den Arbeitervierteln dagegen gewehrt und dazu bewaffnet wurde (u.a. aus mindestens 30 Polizeiwachen), war der verzweifelte Versuch der Verteidigung gegen eine Weltkriegsarmee, die mit klarem Auftrag mordend durch die Stadt zog. Wie auch das Streikgeschehen waren die Kämpfe kaum von der Führung der Parteien und Organisationen bestimmt, keineswegs gab es, wie später behauptet, einen zentralen Aufstandsplan – auch die KPD, seit Januar verboten, setzte auf “Presse, Rede, Versammlungen, Demonstrationen, Streik, Generalstreik” als Mittel, “nicht aber ein Mittel ist der Schießprügel” (Rote Fahne vom 3.3., letzte Ausgabe vor der Zerstörung ihrer Druckerei durch die Freikorps – sie war gerade erst seit 28.2. wieder erschienen).

Die Arbeitskräfte hatten auf den Streik gedrängt, ihn von selbst begonnen (siehe Posting über den Beginn des Generalstreiks), dann auf seiner Ausweitung bestanden, sich gegen die Freikorps bewaffnet und an der Seite der republikanischen Truppen den Kampf aufgenommen. Die Führungen sowohl von SPD als auch von USPD und KPD waren aus verschiedenen Gründen dieser Entwicklung eher hinterhergelaufen, und als nun die SPD-Räte die erste Gelegenheit nutzten, um sich aus der Streikleitung zurückzuziehen, und keine neue gemeinsame Streikleitung von USPD und KPD zustandekam (wofür sich beide Seiten hinterher gegenseitig die Schuld gaben), begann der Streik gerade im Moment seiner größten Mobilisierung und in einer reichsweit kritischen Situation unter der eskalierenden militärischen Bedrohung zusammenzubrechen.

Den Regierungstruppen gelang es unter Einsatz von Minenwerfern und Fliegerbomben, die Aufständischen, mittlerweile größtenteils während der Kämpfe hinzugeströmte Arbeitskräfte, vom Alexanderplatz in Richtung Prenzlauer Allee, Neukölln und den größten Verband auf die Große Frankfurter Straße (die heutige Karl-Marx-Allee) abzudrängen.

Im Verlaufe der nächsten Tage verlagerten sich die Kämpfe immer weiter nach Friedrichshain und schließlich nach Lichtenberg. Dort wurde aus den “Märzkämpfen” durch einen neuen Befehl Noskes ein Massaker. Dazu mehr im nächsten Posting.

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