Die Illuminaten – Arrivieren und Nachwirken

August 29th, 2007

Obgleich die Illuminaten seit Ende der 1780er durch die Repression zerschlagen und seit 1790 organisatorisch erloschen waren, blieb das Verbot gegen sie und andere Geheimgesellschaften bis 1799 in Kraft. Währenddessen wurde von konterrevolutionären Kreisen die immer noch von ihnen ausgehende Gefahr beschworen und mit viel publizistischer Wühlarbeit, vor allem durch Leopold Hoffmanns äußerst populäre “Wiener Zeitschrift” und die ihr nachfolgende “Eudämonia”, die Formulierung der “Verschwörungstheorie” als umfassendem Welterklärungsversuch vorbereitet.

Als schließlich Anfang 1799 in Bayern der freimaurerische Kurfürst Max IV. Joseph den Thron besteigt und der ehemalige Freimaurer, Illuminat und Sympathisant der Französischen Revolution Montgelas sein Außen-und “dirigierender” Minister wird, dessen “Freund, der Ex-Illuminat Graf Maximilian Seinsheim, an die Spitze des Münchner geistlichen Rats berufen” wird und “damit die Aufsicht über Schule und Kirche” übernahm, “während der Exponent der Illuminatenverfolgung unter Karl Theodor, Geheimrat J.C. Lippert, sogleich entlassen worden war” (Illuminatenorden:36), sahen “Freunde Lipperts … nunmehr die Herrschaft der Illuminaten, Freimaurer, ‘Jakobiner’ und damit des Antichristen angebrochen.”

Montgelas
Maximilian von Montgelas

Der Geistliche Rat Wilhelm Pistorius schreib, daß die “die Maurer in München vollkommentlich herrschen … mithin gute Nacht Religion.” Der Stadtpfarrer von Burghausen, Paulus Paur, jammerte in einem Brief an Lippert: “Ach Gott, was wird das noch werden, nunmehr haben diese Leute reußiert, alle sind und werden promoviert, einer recomendiert den andern, diese regieren nunmehr das Land…” Weiter wurde befürchtet: “Ein Bündnis Bayerns mit dem revolutionär republikanischen Frankreich in Vorbereitung, radikale und ungebildete junge Juristen aus Weishaupts Schule und Orden allenthalben in Amt und Würden und von der Regierung zielstrebig gefördert.” (Illuminatenorden:37)

Der Widerhall dieses Gejammers und der unaufhörlichen konterrevolutionären Propaganda im deutschsprachigen Raum wurde im Ausland schließlich zur Basis der ersten Weltverschwörungstheorie im modernen Sinne. Dazu sei aus Hammermayers Text über die Illuminaten in Bayern ausführlich zitiert:

>>Ähnlich dachten und berichteten die Diplomaten und Geheimagenten der – noch – mit Kurpfalz Bayern verbündeten Mächte Österreich, Rußland und Großbritannien sowie der nunmehr völlig einflußlose päpstliche Nuntius. Ihr Bayernbild glich fast einer Schreckenskammer: ein gutwilliger, doch schwacher Fürst umgarnt und gegängelt von Illuminaten und Jakobinern; sein dirigierender Minister untrennbar an den Illuminatenorden gekettet, seine gegenteiligen Beteuerungen unglaubwürdig; die wichtigsten Zentralbehörden, Presse, Schulen, Armee und Landsturm in den Händen von Illuminaten und deren Helfern; selbst der Geistliche Rat ein Illuminatennest und sein Präsident Graf Seinsheim ein gefährlicher Umstürzler und Atheist; ein dichtes Netz von Illuminatenstützpunkten von der Haupt- und Residenzstadt bis zur untersten landgerichtlichen Herrschaftsebene; die Landesuniversität in Ingolstadt und ab 1800 in Landshut ausgeliefert an Illuminaten, Freimaurer, Jakobiner, Kantianer; Lesegesellschaften und revolutionsfreundliche Publizistik überall im Aufwind.<<

Die Wirkung dieses Bildes wurden nun "verstärkt durch die konterrevolutionäre anti-illuminatistische Komplott-Theorie, die zwischen 1798 und 1803 einen nach ganz Europa und bis Nordamerika ausstrahlenden Höhepunkt fand in den Werken des nach England emigrierten französischen Exjesuiten Augustin Barruel, des schottischen Naturforschers und Freimaurers John Robsion sowie des lutherischen Darmstädter Oberhofpredigers und einsitigen prominenten Hochgradfreimaurers J.A.Starck." Diese Autoren bezogen ihre Informationen, besonders die Verbindung von Illuminaten und Satanismus, jedoch von den "Eudämonisten" um Leopold Hoffmann, also direkt aus der deutschen konterrevolutionären Propaganda.

Wiener Zeitschrift

Hammermayer fährt fort:

>>Sie alle beschuldigten Weishaupts Illuminaten als wesentlich verantwortlich für die Französische Revolution und deren weltweite verhängnisvolle Folgen. Die von Barruel und Robison veröffentlichten, höchst zweifelhaften Illuminatenlisten kursierten überall, wurden bereits im Herbst 1799 vom britischen Gesandten in München aufgrund neuer, gleichfalls sehr willkürlicher Informationen ergänzt und dem Londoner Foreign Office zugeleitet… Noch in den Jahren 1809/14 diffamierte man Maßnahmen und Repräsentanten der bayerischen Herrschaft in Tirol als illuminatisch geleitet, bedacht auf Umsturz der katholischen Religion, Sitte und Institutionen.<< (Illuminatenorden:37)

Es scheint Hammermayer wichtig zu sein, das absurde Bild dennoch geradezurücken:

>>Von “Illuminatenherrschaft” unter Montgelas konnte schon formal die Rede nicht sein, weil der Orden als Institution längst erloschen war und niemals im Geheimen weiterbestanden hatte, der Begriff “Illuminat” zudem weitgehend zerredet, sinnentleert und deckungsgleich gesetzt war mit höchst unterschiedlichen ideologisch-politischen Haltungen, vom aufgeklärten Spätabsolutismus über reformerischen Frühkonstitutionalismus bis hin zu radikal-demokratisch-republikanischem “Jakobinismus”. Eine “Illuminatenherrschaft” entstand 1799 in Bayern nicht, sondern einzelne ehemalige Ordensmitglieder wurden rehabilitiert, andere kamen zu Rang und Einfluß aus Gründen, die mit dem Orden nichts zu tun hatten. Montgelas hatte sich von den Zielen des nur noch in Legende und Komplott-Theorie weiterlebenden Geheimbundes längst gelöst… er scheute das Odium des Illuminatenprotektors.<< (Illuminatenorden:39)

Bereits im Herbst 1799 war "ein Edikt gegen Geheimgesellschaften" ergangen, "das wie zu Karl Theodors Zeiten auch die Freimaurerei miteinschloß." Weishaupt selbst veröffentlichte schon bald nach dem Regierungswechsel eine Erklärung, "worin er die Beschuldigungen der Verschwörungs-Theoretiker à la Barruel und Robison zurückwies und ihnen das nicht auf Umsturz, sondern auf Menschenbildung und Staatsnutzen abzielende wahre Illuminatensystem gegenüberstellte und im Falle des zu erwartenden Freispruches eine völlige Rehabilitierung forderte." (Illuminatenorden:42)

In Bayern entstand, nicht unähnlich dem Arrivieren von 68ern und K-Grüpplern unter Rot-Grün, durch die Rehabilitierung ehemaliger Geheimbündler eine neue Beamtenelite, die Hammermayer so beschreibt:

>>…fachlich hochqualifiziert und kompetent, in der Mehrheit liberal und reformerisch gesinnt, doch nicht ohne spätaufklärerische Vorurteile gegen betont romtreuen Katholizismus und lutherische Orthodoxie, unbedingt staatsloyal, aber einem eher abstrakten Staatsbegriff verpflichtet und somit imstande, die Kabinette, politischen Konstellationen, sozial-ökonomischen und geistig-kulturellen Umbrüche bis weit ins 20. Jahrhundert fast unangefochten zu überdauern. In der Genese und Frühgeschichte dieser Führungsgruppe den genauen zahlenmäßigen Anteil, die soziale Herkunft und den Einfluß einstiger Illuminaten, Freimaurer und ihrer Gesinnungsfreunde auszumachen und einen Vergleich zu wagen mit Frankreichs zeitgenössischer “Brumairischer Elite”, bleibt eine Aufgabe künftiger Forschung.<< (Illuminatenorden:45)

In diesem Milieu siedelte ich meine Geschichte für die diesjährige GPN in Karlsruhe an: "Sex, Lügen und Überwachung. Zeitzeugen packen aus.

“Natürlich gab es in Einzelfällen zwischen beiden”, Illuminaten und Revolutionsanhängern, “eine personelle Kontinuität”, schreibt Eberhard Weis, “wie zum Beispiel bei Georg Forster in Mainz, aber solche Fälle waren außerhalb des Rheinlandes höchst selten. Aus den mehrere Dutzend Personen umfassenden Verzeichnissen der bayerischen ‘Jakobiner’, die im Jahr 1800 die in Bayern stehende französische Armee unter General Moreau baten, sie beim Versuch einer Revolutionierung Bayerns zu unterstützen, befand sich, soweit feststellbar, nur ein ehemaliger Illuminat, abgesehen von dem abgefallenen J. Utzschneider, den die Illuminaten seit 1784 als ihren Erzfeind ansahen.” (Illuminatenorden:239)

Doch die Legende war in der Welt, Englands andauernde und mit Propaganda und Spionage unterfütterte Gegnerschaft zu Frankreich und seinen Verbündeten sorgte für eine enorme Verbreitung der teuflischen Vorstellungen über Napoleon, die Jakobiner und Illuminaten. (Noch heute sprechen Rastafarians, deren ursprüngliche christliche Konversion in Jamaika Anfang des 19. Jahrhunderts durch englische Freikirchen dieser Zeit erfolgte, von Napoleon als dem Antichristen.) Sogar Thomas Jefferson wurde vorgeworfen, ein Illuminat zu sein; die amerikanische sollte wie die französische Revolution das alleinige Werk geheimer und teuflischer Mächte gewesen sein.

Founding fathers
Spätfassung, wiederum gegen heutige linke Unterwanderung gerichtet

Es ist exakt diese These, daß die Illuminaten hinter der Französischen Revolution stehen und mit ihr die globale Herrschaft Satans etablieren wollten, die als erstes die Bezeichnung “Verschwörungstheorie” trug. Auf sie geht bis heute eine Vielzahl von Verschwörungserzählungen zurück, die Daniel Pipes – in Abgrenzung zur erst ab den 1870ern wichtiger werdenden antisemitischen Tradition der Verschwörungstheorie – als die “anti-geheimbündlerische Tradition” bezeichnet.

In verschiedenen okkulten Revivals, etwa der 1920er in Deutschland oder der 1970er in den USA, gab es wiederholt Gruppen, die sich als die Illuminaten ausgaben, um sich den Nimbus besonderer Exklusivität und Bedeutung zu verleihen. Von Konspirationisten wurden diese Gruppen wahlweise als offen agierende Teile des Ordens oder als geplante Ablenkung von den geheimen Ordensstrukturen angesehen. Heute ist die Vorstellung am beliebtesten, die Illuminaten hätten in der US-Studentenverbindung “Skull & Bones” fortexisitiert, in der neben vielen anderen Prominenten auch einige Vertreter der Bush-Familie Mitglieder waren und sind. Genau über diese Verbindung wurde von Andy Müller-Maguhn der Zusammenhang zwischen den Illuminaten, Bush und dem 11. September 2001 hergestellt.

Fight the Illuminati
Beispielbild vom Illuminati FAQ bei CESNUR

So wie sich einige im CCC als anarchistische Diskordier im Kampf mit den ordnungswahnsinnigen und weltherrschaftsbesessenen Illuminaten sehen, gab es neben der explizit rechtsradikalen und christlich-fundamentalistischen Gegnerschaft zur satanisch-illuminatischen “Neuen Weltordnung” seit den 70ern stets auch eine eher linksalternative Position, die sich von den Illuminaten in ähnlicher Weise wie von den Kommunisten und Politkadern abzugrenzen suchte. Ähnlich wie bei anderen derartigen Positionierungen wurden oft Vorstellungen von dritten Wegen aller Art (Freigeld, libertärer Anarchismus) dazu aufgegriffen. Ich selbst füllte in jüngeren Jahren zwei Bücher mit solchen teilweise üblen Ideen, eines als eine Art Kessel Buntes des Lunatic Fringe (großes PDF), ein weiteres als Versuch, eine umfassende Verschwörungstheorie (auch großes PDF) aufzubauen und wieder einzureißen.

Nur an wenigen Stellen wurden die Illuminaten so metaphorisch gebraucht wie in den Büchern Wilsons, etwa beim Projekt Pan. Es wäre schön, wenn aus der diskordischen Ideenwelt die übersichtlicheren Feindbilder von Illuminaten bis Bush ausgemistet werden würden, die nur Einvernehmen und Schenkelklopfen verursachen. Stattdessen könnte sich wieder mehr auf das Rollen des Zankapfels, das Provozieren zur Kenntlichkeit, besonnen werden.

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Teil I: Intention und Entstehung
Teil II: Ausbreitung und Krise
Teil III: Verbot und Radikalisierung

7 Responses to “Die Illuminaten – Arrivieren und Nachwirken”

  1. godforgivesbigots Says:

    (PIMF! Wg. defektem Link hier nochmal:)

    Also wenn Du Dich für Rush Limbaugh interessierst, empfehle ich mal Mitschnitt und Protokoll der Konferenz der Heritage Foundation über die Aufarbeitung des Terrorkrieges durch das amerikanische Fernsehen. Es ist schon bemerkenswert dass der geistige Gipfelpunkt des amerikanischen Konservatismus darin besteht, einen außerhalb des Glotzen-Narratives stehenden Alleinunterhalter einen Haufen von Fans des übelsten Streß-und-Gewalt-Programms moderieren zu lassen. Genau bei 30min im mp3 kann man sich dann anhören wie der amerikanische Moderator mit seiner Macht über die intellektuelle Elite seines Landes geradezu herumspielt – wie das Sprichwort sagt, in jedem Künstler steckt ein kleiner Goebbels. (Außerdem kommt Shoko Ashara vor.)

    Übrigens, zum Montgelas´schen Marsch durch die Institutionen gibt es mittlerweile auch eine offizielle bayerische Geschichtserzählung.

  2. Deluminat Says:

    Jetzt verstehe ich das endlich mal – das hing bisher alles mehr so in der Luft. Hier gab es diese ganzen Nazi-Verschwörungsirren und dort stand der Müller-Maguhn, und ich dachte nur: Was haben die denn auf der gleichen Baustelle zu suchen?

    Aber dieses rechtsradikale antistaatliche US-Ding und die linksanarchistische Gegenkulturschiene kann ich mir nach diesem Text schon zusammendenken.

    Danke, Herr Kulla!

  3. Hans Says:

    Wir werden wohl heute alle sehr tapfer sein müssen.

  4. nonono Says:

    Ja, heute werden die Illuminaten wohl nicht so “metaphorisch gebraucht” …

  5. ohoho Says:

    Das Papier ist geduldig,die Tastatur auch.Und warum setzt man sich bloß für
    diese Freimaurer? Ach ja weil sie für so schöne Dinge auftretten: Toleranz,
    Gerechtigkeit und sogar(kürzlich über die Loge 79 in Rapperswil nachgelesen) für die WAHRHEIT. Ja, so gelesen. Soooo verlockend, aber es ist nicht alles Gold was glänzt, auch der Satan tritt gerne auf als ein Engel des Lichts und dann räumt er aus dem Weg alle die ihn stören, so auch die “gutmütige Freimaurer” aus höheren
    Logenstufen. Wer du auch bist, du sollst es wissen, die einzige Rettung von diesen erleuchteten ist JESUS CHRISTUS. Raus von denen, zu Jesus, auch wenn es in deiner Loge das Leben kostet. Der Herr Jesus ladet Dich ein mit Ihm die EWIGKEIT zu verbringen.

  6. classless Says:

    Er “ladet” mich also ein. *rofl*

  7. godforgivesbigots Says:

    Oi, der letzte Evangelikale der mich eingeladet hat hätte beinahe den Rastplatz verpaßt. Vorsicht freiflottierender Enthusiasmus in befischten Autos.

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