Die Illuminaten – Verbot und Radikalisierung

August 28th, 2007

Beginnend mit dem Jahr 1784 wurden die Illuminaten mit einer Welle von Verboten und Verfolgungskampagnen überzogen, die sich bis 1787 hinzog und schließlich auch die Werbung für den Orden separat unter Strafe stellte. Mit jeder Phase der staatlichen Angriffe schränkten sich Handlungsfähigkeit und Personal der Illuminaten weiter ein; andere Geheimgesellschaften, die mit dem Orden verbunden waren, wurden ebenfalls schwer getroffen, darunter in Bayern für mehr als ein Jahrzehnt auch die Freimaurer insgesamt.

Die Verfolgung war gleichwohl weniger wegen ihrer später von den Betroffenen ausgemalten Grausamkeit wirksam: “In Bayern erfolgten zwar zahlreiche Illuminaten-Inquisitionen, Verhöre, Bespitzelungen, Verdächtigungen, doch nur einzelne herausragende wirkliche Verfolgungen … Dennoch kann für die späten achtziger Jahre von umfassender und gnadenloser Illuminatenverfolgung nicht die Rede sein.” (Illuminatenorden: 30) Vielmehr wurde die relative Schwäche der radikal-aufklärerischen Kräfte im Zuge der öffentlichen Debatte deutlicher sichtbar, die Lust konservativer Kreise an der Überzeichnung ihres Feindes ebenso.

>>Weit davon entfernt der Französischen Revolution in Deutschland vorbehaltlose Anhänger zu werben, dürften die illuminatischen Lehren in erster Linie dazu beigetragen haben, das Lager der Revolutionsgegner zu verstärken – auch und gerade um solche Männer, die ihren sonstigen politischen Überzeugungen nach keine Konservativen waren.<< (Illuminatenorden: 219)

Ein kleiner Teil des Illuminatenordens, allen voran Johann Christoph Bode, beschloß jedoch, nunmehr umso entschiedener vorzugehen.

Johann Christoph Bode

>>So gewiß der Illuminatenorden durch die Verbote und Verfolgungen ab 1784/85 tödlich getroffen und der Rest seiner zentralgeleiteten Großorganisation spätestens Ende 1787 aufgelöst war, so sicher hat der Geheimbund fortgewirkt… einerseits erfolgte im europäischen Raum eine merkwürdige und vielgestaltige personale Kontinuität; andererseits lebte Weishaupts und Knigges Idee eines radikal-aufklärerischen und einer pädagogisch-moralisch-politischen Mission verschriebenen pseudo-maurerischen elitären Geheimbundes weiter…<< (Illuminatenorden:27)

Genau mit dieser nur schlecht belegten Phase des Ordens hat sich Hermann Schüttler intensiv beschäftigt und ist damit auch zu einer der Lieblingsquellen von Verschwörungstheoretikern geworden, die die Illuminaten als Urheber der Französischen Revolution sehen wollen. Schüttler selbst kokettiert mit der Instrumentalisierbarkeit seiner Ergenisse:

>>…mir ist auch bewußt, daß die im vorliegenden Beitrag dargebotenen neuen Forschungsergebnisse für Anhänger wie Gegner von Aufklärung/Revolution/Monarchie/Demokratie/Fortschritt/Tradition und wie die Schlagworte alle heißen, gleichermaßen Munition für scharfe Schüsse darstellen.<< (Illuminatenorden:324)

Doch erwächst die Verwendbarkeit seiner Publikationen für ideologische Auseinandersetzungen nicht nur einfach so aus dem von ihm vorgestellten Material, sondern zu einem großen Teil aus seiner eigenen populären Aufbereitung, wenn er etwa schreibt:

>>Der Weg des Illuminatenordens war gerade nicht die ‘Erhebung des Volkes’, sondern ein Verfahren, das wir heute etwa mit ‘Langer Marsch durch die Institutionen’ bezeichnen würden – allerdings mit der Absicht, beim Erreichen des Zieles aus den erreichten Positionen heraus dann den beabsichtigten Umsturz durchzuführen.

Bedenkt man, daß diese Thesen Weishaupts nur den höchsten Ordensmitgliedern zugänglich gemacht wurden, und sieht zugleich auf die strenge Organisationsstruktur und Hierarchie des Ordens, so findet man in den Illuminaten des 18. Jahrhunderts nicht nur den Vorläufer, sondern geradezu das Modell für den kadermäßig organisierten Staatsstreich einer sich selbst im Besitz der absoluten Wahrheit ansehenden und zum äußersten Einsatz bereiten ‘Elite’.<< (Illuminatenorden:277)

Hier liefert Schüttler nur einen schönen Beleg für die These, daß Geschichtsschreibung oft mehr über ihre eigene Zeit als über die geschichtliche Zeit aussagt, wenn er die Illuminaten zu Ahnherren linker Strategien vom berufsrevolutionärem Umsturz und Unterwanderung nach Art der 68er zu modellieren versucht.

Wie aber versucht er die Illuminaten und die Französische Revolution zusammenzubringen? Seine Argumentation beginnt mit dem noch unstrittigen Hinweis darauf, daß Weishaupt von den sich an 1787 zusehends radikalisierenden Illuminaten im Glauben gelassen wird, der Orden sei erloschen. Damit war das bisherige Ordenszentrum um den Gründer entmachtet: "Sachsen-Weimar-Gotha hatte Bayern abgelöst." (Illuminatenorden:177) Die Radikalen benannten sich um in "Bund deutscher Freimauer".

Um nun den Einfluß dieser Neugründung zu bezeichnen, greift Schüttler zum Wortnebel. Wegen der Parteinahme dieser "deutschen Freimaurer" für "Freiheit und Gleichheit" und wegen seiner Deutung ihrer Programmatik - "kein evolutionärer, sondern revolutionärer Bund" - sagt Schüttler orakelartig, der Schluß, die Illuminaten seien Revolutionäre geworden, "scheint also keineswegs vollkommen abwegig zu sein." (Illuminatenorden:315)

Dafür gibt es bei Schüttler lauter Mutmaßungen, wenig bis keine Belege. Im weiteren Verlauf wird seine Beweisführung noch nebliger:

>>Die Illuminaten um Bode, Herzog Ernst, Goethe und Herder – der dann an Schröders Reform beteiligt war -, Dalberg, Prinz Christian von Hessen und all den anderen, hier nicht genannten Männern, können – betrachten wir die Geschichte des Ordens von Weishaupts ursprünglicher Erfindung der ‘geheimen Weisheitsschule’ samt der durch die Notwendigkeit der Wahrung eben dieses Geheimnisses konspirativen Organisationsstruktur mit dem Ziele einer radikalen Reform von Gesellschaft, Staat und Kirche im Sinne der Aufklärung, ja in ihrer Radikalität teilweise über diese weit hinausgehend, bis zu deren endgültigen Ausprägung und konsequenten Durchführung im norddeutschen Raum – siehe die strikte Einhaltung der Ordensregeln in den Logen und die Versuche, die eigene Ideologie weiter zu verbreiten – zu Recht zu den treibenden Kräften der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung im damaligen Reich in der Zeit vor der französischen Revolution gerechnet werden.<< (Illuminatenorden:181)

Auch wenn vor der Reform "radikal" steht, wird noch keine Revolution daraus. Aus der Radikalität der demokratischen Ideen Bodes, die sich nicht wesentlich von den Ideen der französischen Klubs unterschieden, läßt sich wenig darüber schließen, wie es um seine Ordensbrüder stand, und gleich gar nichts darüber, wie sehr das außerhalb des Ordens eine Rolle spielte. Und die anschließende Formel "teilweise über diese weit hinausgehend" ist ein weiterer Nebelwerfer.

Hier wie an allen anderen mir bekannten Stellen, an denen es um die Bedeutung der Versprengten des Illuminatenordens geht, äußert sich Schüttler ähnlich unklar und interessiert: "Nachgewiesen werden sollte vielmehr, daß nach Weishaupt (und zuvor Knigges) Ausscheiden aus dem Orden dessen neue Führung eine weit radikalere Wendung hin zu gesellschaftspolitischen Aktivitäten vollzogen hat, als bisher angenommen werden konnte." (Illuminatenorden: 316)

An Schüttlers Geraune ändert sich auch nichts, wenn es um die direkte Verbindung von Bodes Zirkel zur Vorbereitung der Französischen Revolution geht.

Bode reiste im selben Jahr der Gründung der "deutschen Freimaurer" nach Paris, um dort unter der Freimaurerloge der "Illuminées" Verbündete zu werben. Diese nur dem Namen nach, nicht aber inhaltlich den Illuminaten oder gar Bodes Neugründung ähnlichen Franzosen will dieser nicht nur für sich eingenommen, sondern auch für seinen Orden gewonnen haben. Als Beleg dafür gibt es nur einen Brief, in dem Bode aus Paris darüber rumprahlt, wie begeistert er dort aufgenommen wurde. Schüttler bläst diese zweifelhafte Selbstdarstellung und eine Veränderung in der Organisationsstruktur der Illuminées zum Beweis für eine mögliche illuminatische Miturheberschaft der Französischen Revolution auf.

Das wird immer wieder gern als Expertenurteil von solchen verwendet, die genau diese Verbindung für weiterreichende Illuminatengeschichten benötigen, wie Andy Müller-Maguhns “Beweisführung” zu 9/11. Was ihnen einmal gelang, könnte ihnen dann auch häufiger gelungen sein. Oder umgedreht: Wenn es sich aus dieser dünnen Faktenlage unterstellen läßt, lassen sich ähnliche Konstruktionen ebenfalls leichter glaubhaft machen. Schüttlers Koketterie erinnert dabei stark an Johannes Rogalla von Bieberstein, dessen Standardwerk über die Verschwörungsthese zunächst nur Fachleuten bekannt war, dessen dubiose Ausweitung dieser Untersuchung auf den “Jüdischen Bolschewismus” jedoch durch den Hohmann-Skandal allgemein bekannt wurde.

Schwache Belege im Sinne populärer Ideologien und Verschwörungserzählungen aufzuwerten, erzeugt viel eher Applaus, Bekanntheit und Einkommen als die Rebanalisierung der Geschichte, die an zahllosen Stellen mit Ideologie und Verschwörungserzählungen zurechtgebogen und zugekleisert wurde.

Bei Eberhard Weis heißt es im selben Band lapidar und damit weniger dramatisch:

>>Die Versuche Johann J. Christian Bodes, neben Weishaupt und Knigge eines der führenden Köpfe des ehemaligen Ordens, in Nord- und Mitteldeutschland eine Nachfolgeorganisation für denselben aufzubauen, waren ab 1790 offenbar endgültig gescheitert.<< (Illuminatenorden:240)

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Teil I: Intention und Entstehung
Teil II: Ausbreitung und Krise

Teil IV: Arrivieren und Nachwirken

5 Responses to “Die Illuminaten – Verbot und Radikalisierung”

  1. godforgivesbigots Says:

    Daß die Französiche Revolution eine Verschwörung war meint auch Leonard Feeney:

    >“Although popularly it has been said that the French Revolution and its anti-Christian program came to a close with the rise of Napoleon and the restoration by him of the practice of the Catholic Faith, forbidden under the Directory, the Revolution, as planned for the world, was very far from ended in 1800, when the pontificate of Pope Pius VII opened and the consulate of Napoleon Bonaparte began. For Napoleon, military genius though he might be and remarkable leader of men, was a Freemason, a member of the lodge of the Templars, the extreme Illuminated Lodge of Lyons. He had been created by Masonry, and he must do its bidding. As long as he was obedient to his masters, France would be his, all Europe would be his.”

    Bei solchen Assoziationen geht es nicht um Sachzusammenhänge sondern um Zeitläufe. Das Schicksal dieser Gruppierung wird stellvertretend gesetzt für den Niedergang der Aufklärung, die zuvor in der Amerikanischen Revolution ihren vorläufigen Gipfelpunkt erreicht hatte. Danach setzt Napoleon die Staatsraison als Ersatzreligion ein, die deutsche Einigung bringt den totalitären Erlöserstaat hervor, Wilhelm II bekundet in der Ummayad-Moschee zu Damaskus seine immerwährende Freundschaft zum Islam, und das blutige 20. Jahrhundert.

  2. classless Says:

    Das rattert ganz schön deterministisch runter.

  3. N. Stawrogin Says:

    Interessant, daß die Illuminaten an Schröders Reform beteiligt gewesen sein sollen. Der Gerhard kam mir sowieso immer sehr merkwürdig vor.

  4. godforgivesbigots Says:

    Also wenn Du Determinismus suchst würde ich auf Marxens Charakterisierung der vorkolonialen indigenen Herrschaft in China verweisen:

    “Zur Erhaltung des alten Chinas war völlige Abschließung die Hauptbedingung. Da diese Abschließung nun durch England ihr gewaltsames Ende gefunden hat, muß der Zerfall so sicher erfolgen wie bei einer sorgsam in einem hermetisch verschlossenen Sarg aufbewahrten Mumie, sobald sie mit frischer Luft in Berührung kommt. Die Frage ist jetzt, nachdem England die Revolution über China gebracht hat, wie diese Revolution mit der Zeit auf England und – über England – auf Europa zurückwirken wird.”

    Ganz analog ist es mit dem alten Europa, seit das Abendland seine einst singuläre Rolle als historischer Träger der Aufklärung mit der Neuen Welt zu teilen begann, hat ein Zerfall eingesetzt dessen Möglichkeit bereits durch den Zustand des vorkolonialen Europa bedingt war. Die Aristokratie, die ein Millennium über das vom Christentum aus seinem indigenen Dämmerschlaf gerissene Europa geherrscht hatte, entpuppte sich endlich als spirituelle Mumie.

    (Marx formulierte das für eine amerikanische Öffentlichkeit, BTW)

  5. Illuminati Says:

    Klasse Artikel, ergänzt super die Texte die ich bei meinen Recherchen auf http://www.illuminaten.org gefunden habe. Danke!

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