Nach Dresden: Sie sind durchgekommen

February 16th, 2009

Der größte Naziaufmarsch seit dem Zweiten Weltkrieg (gibt’s da eigentlich ein Ranking?) wurde wiederholt weder verboten, noch verlegt, noch aufgehalten, diesmal nichtmals ernsthaft behindert. Die Nazis teilten auf der Hin- und Rückfahrt aus, griffen Journalisten an und fühlten sich ihren Selbstauskünften nach zu urteilen von der Polizei in Ruhe gelassen, selbst wenn sie vermummt Passanten attackierten. Sie sind durchgekommen und sie kommen nächstes Jahr wieder, bei diesen einladenden Bedingungen bringen sie wohl auch noch alle ihre Freunde mit.

Vielleicht sehe ich das aus der Entfernung – nach vier Jahren vor Ort dieses Jahr nicht dort gewesen – zu düster, aber ist das ganz schön danebengegangen am Wochenende? Habe ich richtig verstanden, daß wieder mehr als 6000 Nazis trotz zahlenmäßig deutlich stärkerer Antifa diesmal praktisch unbehindert laufen konnten, daß also 4000 Antifas nicht schafften, was weniger als die Hälfte in den letzten Jahren wenigstens zum Teil hinbekommen haben? Ist das auf ortsunkundige oder unerfahrene Antifas zurückzuführen oder wirklich nur, wie nachträglich erklärt, auf die besonders brutalen Polizeieinheiten?

Und die Bürgers hauen sich wie immer ordentlich auf die Brust, letztes Jahr für ihre Aktion “Die andere Brücke blockieren“, dieses Jahr für “An Nazis vorbeilaufen”? Wieder gab es das unsägliche Heidefriedhof-Gedenken zusammen mit den Nazis (immerhin ohne die Linkspartei…) Fürs ganze Wochenende wird sich eine Art Abstimmung mit den Füßen für die “Demokratie” und gegen die “Nazis” herbeigerechnet.

Nächstes Jahr ist der 13. Februar ein Samstag, das heißt, es wird sehr wahrscheinlich nur einen Naziaufmarsch geben. Und dazu wiederhole ich mich einfach mal:

Was immer an diesem reibungslosen Ablauf gestört, behindert oder gar gestoppt werden kann, würde richtig helfen. Nicht beim Beseitigen der Schandflecke der tollen Stadt, nicht beim Verhindern der Besudelung der schönen historischen Kulisse, nicht beim Retten irgendwelcher Demokratieideale oder eigener revolutionsromantischer Selbstbilder – was nebenbei sicherlich auch alles eine Rolle spielen wird -, sondern vor allem original beim Konfrontieren von Tausenden nationalsozialistischen Schlägern, denen sonst gerade nicht viel im Weg steht.

31 Responses to “Nach Dresden: Sie sind durchgekommen”

  1. Wendy Says:

    Der größte Naziaufmarsch seit dem Zweiten Weltkrieg (gibt’s da eigentlich ein Ranking?) wurde wiederholt weder verboten, noch verlegt, noch aufgehalten, diesmal nichtmals ernsthaft behindert.“.

    Und das stört dich? Sich an 6.500 Nazis abarbeiten, die wenige Stunden lang durch Dresden schlurfen aufzuhängen, ist ja schon eine kreuzaffirmativ, aber sich zu ärgern, dass der Staat nicht endlich mal tätig wird, gegen “die braune Brut” ist natürlich noch ‘ne andere Stufe der Affirmation…

    Und diese Verurteilung von Angriffen auf Journalisten, als wäre das ein Argument gegen Nazis. Das ist doch lächerlichste auf der Welt: Das geschieht am 1. Mai in Berlin immer mal wieder so (würde darüber derart berichtet wie bei den Nazis, ließe sich das wunderbar aufplustern), beim G8 in Rostock kam es auch desöfteren vor. Da habe ich niemanden davon schwätzen hören, dass das schlimm sei. Ähnliches wurde zumindest von dir nicht als Kritik an Linksautonomen vorgebracht.
    Noch absurder wird es, wenn man sich anguckt, was für Journalisten da das meiste abkriegen: Das sind Antifa-Aktivisten (wie zum Beispiel der tschechische Journalist, der auch in Dresden vor einigen Monaten schwer verprügelt wurde oder der Hamburger Reporter, dessen Unglück sogar auf YouTube gelandet ist). also der beiderseitig erklärte Feind, der seine Fotos später auf einschlägig bekannten Websites postet oder national-antifaschistische Angehörige der Medien, die auch einseitig schlecht über die Nazis berichten, halt weil sie nichts von denen halten.
    Mir kommt das gerade so absurd vor, wie wenn in den 20er Jahren in der Roten Fahne “Angehörige des RFB von SA brutal angegriffen!” gestanden hätte… Natürlich, weder Antifa-Fotografen noch Spiegel-Journaille gehören zu bewaffneten Verbänden, aber sie sind auch nach Selbstbild erklärte Feinder der Neonazis. Nur aus einem Blickwinkel, der – zumindest der Gegenseite – auferlegen will, sie solle sich schön an die Regeln der demokratischen Meinungsbildung halten – also, demonstrieren ja, friedlich ja, diskutieren ja, militant nein, Gegner schädigen nein (das darf nur der Rechtsstaat!) – lässt sich eine solche Pseudo-Empörung rechtfertigen.

    Ach Mensch, lange Rede, kurzer Sinn: Ich verstehe nicht, warum Menschen, die sonst keine Kritik an “Angriffen auf Journalisten” haben, – einem “BILD”-Reporter würden ein paar auf die Nase bestimmt schon mal gut tun – plötzlich bei Nazis ihre Kritik an solchen “brutalen Gewaltakten” entdecken… Hoffe, das ist verständlich geworden… ;)

  2. schildkröte Says:

    anstrengend wars, und vergeblich. dafür hab ich mir ne erkältung geholt.
    danke für die grüße, die haben mich noch erreicht :D

  3. Daniel Weigelt Says:

    Für einen Außenstehenden ist es immer leicht zu sagen, dass die Antifa die Nazis doch hätte blockieren sollen. Für jemanden, der vor Ort dabei war, stellt sich die Situation aber ganz anders da.

    Nehmen wir mal das Beispiel Pirnaischer Platz. Die Nazis waren nur wenige hundert Meter entfernt. Hätten also tausende Antifas einen Durchbruch beginnen sollen? Gegen unzählige schwer bewaffnete, gepanzerte und äußerst gewaltbereite Polizisten, drei Wasserwerfer, 2 Räumpanzer, unzählige Polizeiwannen, die Stoßstange an Stoßstange in Zweierreihen die Straße abriegelten?

    So sah es da aus, da sind die unzählige Polizisten noch gar nicht auf dem Bild drauf, denn die bildeten einen Wanderkessel: http://www.woschod.de/Pirna.jpg

    Will jemand die Opfer nach dem Massaker verantworten, dass dann gefolgt wäre?

    PS: Ohne eine Verlinkung im Artikel schalte ich Trackbacks nicht frei.

  4. lara Says:

    das problem war die zentralisierung. die bullen haben einfach die “no passaran” demo komplett abgeriegelt und am ende noch ein bisschen aufgemischt und schon hatte sie nirgendwo in der stadt großartig probleme. das ganze hat dann solange gedauert wie der nazi aufmarsch ging und danach war alles vorbei…

  5. nada Says:

    ich sehe den fehler eindeutig in der demo von no pasaran. die il bzw. alb hat an dem tag nicht bloß theoretisch probiert sich die gegenproteste anzueignen, sondern auch ganz praktisch mit ihrer demonstration leute gebunden und in einem wanderkessel laufen lassen die an anderer stelle einiges hätten erreichen können. ganz so als hätte es so etwas wie dezentrale aktionsformen nie gegeben hat man das potentzial, dass ganz klar vorhanden war, so einfach verheizt. dass das – also eine “fette demo” – eigentlich das hauptziel der no pasaran volksfront (die einzig versagte weil es ihr schließlich von der polizei verwährt wurde sich dem “geh denken” anzuschließen) war ist noch mal eine ganz andere geschichte.

  6. jüntes Says:

    “Ist das auf ortsunkundige oder unerfahrene Antifas zurückzuführen oder wirklich nur, wie nachträglich erklärt, auf die besonders brutalen Polizeieinheiten?”
    Zweiteres. Waren – so war jedenfalls mein Eindruck – viele motivierte und konsequente Leute vor Ort.
    Das Ding: wenn über 4000 Polizisten mit Räumpanzern und WaWe eine Sperrlinie quer durch die Altstadt ziehen, ist es ohne Panzer quasi unmöglich durchzukommen.

    Nächstes Jahr kann man nur auf günstigere Routen hoffen. Und ein dezentrales Konzept wäre vielleicht angebrachter als eine große Antifademo.

  7. Mörsergranate Says:

    @ Kulla
    Schade, dass du nicht da warst, ich fand deine Berichte die letzten Jahre immer sehr gut!

    @ Wendy
    “erklärte Feinder der Neonazis”
    Dann sind se natürlich selber schuld, klar. Wie bistn du drauf?

    Ansonsten stimme ich nada & lara zu – Masse ist eben nicht gleich Klasse. Es gab jede Menge günstige Gelegenheiten für Ausbrüche, die Demo war aber zu unflexibel. Die sind nicht mal mitgekommen, wenn schon welche losgerannt sind.

    Wenn ich einen USKler sehe, dann denke ich auch, scheiße, ist der hart gepanzert, aber dann denke ich auch, ich werd wohl schneller laufen können ;-)

    Was ganz anderes: Ich finde es teilweise recht seltsam, wie manche von No Pasaran jetzt so tun, als wäre zum ersten Mal in Dresden was gegangen und das auf die angebliche Überwindung des Sektierertums zurückführen. Das ist gelinde gesagt eine Verhöhnung der Aktivisten der vergangenen Jahre, die – da hat Kulla einfach mal recht – wesentlich mehr gerissen haben als dieses Jahr. Ein bisschen komme ich mir gerade vor, als wäre jetzt die Partei gekommen und würde ab sofort jeden Erfolg für sich reklamieren, Misserfolge in Erfolge umdeuten und die Blockaden der letzten Jahre aus der Optik tilgen. So ham wer ni gewettet!

  8. classless Says:

    @ Mörsergranate

    Danke!

    @ Daniel Weigelt

    Ja, ich war nicht da, I know, reit noch drauf rum! (Trackback heißt u.a., dich in diese Diskussion hier zu locken, ohne dich zu verlinken.)

  9. unkraut Says:

    Die Idee, ganz ganz viele Menschen auf eine Demo zu bekommen und dann – zack! – irgendwas ganz großes zu reißen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. So standen dann an der Synagoge eben auch nur ca. 100-150 Antifas in der Hoffnung, außerhalb der Demo was machen zu können.. Wenn man mal in der Demo drin war, ging fast nichts mehr. Man schien eher besorgt, die eigene Demo nicht durchziehen zu können, anstatt die Nazi-Demo zu stören. Dass sich No Pasaran jetzt selbst als Mobilisierungschampions feiern, ist daher mehr als peinlich.
    Auf der Demo wurde übrigens gemeldet, die Route der Nazis sei “erheblich verkürzt worden” aufgrund “antifaschistischem Engagement”.. Die Gründe dafür oder eine Bestätigung hab ich nicht mitbekommen. Infos, anyone?
    Dass die Cops ziemlich brutal vorgegangen sind, ist natürlich auch Tatsache. Dass man die Nazis fast gar nicht begleitet hat, während man 4000 Antifas im Wanderkessel hatte, spricht ja auch schon Bände. Heftig war auch, wie alle Antifas nach der Demo von der Synagoge vertrieben wurden, um auf der anderen Seite der Brücke von Knüppeln empfangen zu werden.
    Insgesamt war es ein ziemlich erfolgloses Wochenende. Inhaltlich hat man sich um Jahre zurückentwickelt, die Nazis konnte man nicht behindern.. schade.

  10. visiting_dresden Says:

    Wir waren als kleine Gruppe in Dresden, gemischte Aktions- und Demoerfahrung, von “schon viel gemacht” bis “erst ein paar Demos”. Die Demo von No Pasaran haben wir uns nur “von außen” angeschaut und ansonsten versucht als kleine Gruppe an die Nazis ranzukommen. Das war auch ohne Probleme möglich, in zivil, einzeln aufgeteilt oder einfach über weitere Umwege, wir konnten so immer mal wieder nahe ran an die Nazidemo und zumindest für Irritationen sorgen. Stellenweise beängstigend war dabei aber u. a. die kaum existierende Polizeibegleitung (ja, ja, bla bla). Die wenigen Cops haben uns dann meist sehr rabiat von der Demo weggejagt und wir haben uns andere Stellen gesucht. Die Südseite der Demo war relativ gut zugänglich, leider haben wir da nur wenig andere Kleingruppen getroffen.

    Ich sehe es nach den Erlebnissen vom Wochenende ähnlich: Dezentral wäre einiges gegangen, die Massendemo der Antifa hat eher Kräfte gebunden als Nazis zu behindern.

  11. Arschkrebs (2.0/compatible) Says:

    Vielleicht mal die ideologischen Scheuklappen ablegen (ich hoffe jedenfalls, dass es daran liegt, zu solch verheerenden Fehleinschätzungen zu kommen).

    Der einzige Fehler den No Pasaran gemacht hat, war auf die Berliner zu warten. Wäre man eher in der Stadt gewesen, hätte man noch die Chance gehabt vor den Nazis auf dem Postplatz zu sein, und dann wäre für die Nazis Feierabend gewesen. So musste die Polizei ein direktes Aufeinandertreffen verhindern.

    Sicher war es für Kleingruppen möglich an die Demonstration ranzukommen, und was war dann? Kann eine Kleingruppe irgendwie den Naziaufmarsch aufhalten oder überhaupt beeindrucken? Wenn es keine zentrale Aktion in der Innenstadt gegeben hätte, dann wären auch nicht mehr Antifas an die Nazis rangekommen. Auch in der Vergangenheit gingen erfolgreiche Aktionen immer von vorher stattgefundenen großen Aktionen aus. Man muss auch mal bedenken, dass es dieses Jahr eine ganz andere Routenverteilung gab. Die Nazis sind nicht mehr zentral vom Zwingerteich aus gestartet und dabei über Brücken marschiert, die man wie in den vergangen Jahren hätte versuchen können zu blockieren, sondern in einem Areal, dass für die Polizei leicht abzusichern war, gegen größere Gruppen von Antifas und sonstigen potentiellen Blockierern. Letztendlich bekommt man auch keine Leute von weiter weg in die Stadt, wenn man keine zentrale Aktion anbietet. Was ich mir noch vorstellen könnte, wäre, dass sich vorher mehr Leute koordinieren und es ausnutzen, dass die Polizei an die größere Demonstration gebunden ist, und versuchen vor den Nazis die Route zu blockieren. Da müssen aber auch mehrere Hundert Menschen zusammen kommen, damit das was wird. Und ich glaube, auch das wird die Polizei wahrscheinlich schnell unterbinden können.

    Hier gibts einen vernünftigen Überblick:
    http://de.indymedia.org/2009/02/242066.shtml

  12. Daniel Weigelt Says:

    Das es 2008 gelang, die Nazis nicht an die Synagoge zu lassen, ist IMO auch ein nicht unerheblicher Verdienst von GEH DENKEN, die eben über die Carolabrücke kommend an der Synagoge stehen blieben. Die Nazis konnten trotzdem latschen.

    Das es 2007 gelang, die Naziroute abzukürzen, ist vor allem ein Verdienst der Jugendlichen Antifas, die Stunden an der Straße an der Elbe saßen. Die Nazis konnten trotzdem latschen.

    Das es 2006 gelang, die Naziroute zu verlegen, ist vor allem ein Verdienst derer, die Stunden auf der Brücke zwischen Goldenen Reiter und Schloßplatz ausharrten, einschl. der Landtagsabgeordneten, an die sich die Bullen dann doch nicht mit den aufgefahrenen Wasserwerfern randrauten. Die Nazis konnten trotzdem latschen.

    Das es dieses Jahr gar nicht gelang, die Naziroute zu blockieren, lag vor allem daran, es wurde schon erwähnt, dass die beiden Demorouten völlig umgelegt wurden. Nazis an den Hbf, Linke an den Albertplatz. Was Kleingruppen bei einer fast unbewachten Nazidemo hätten ausrichten sollen, ist mir schleierhaft. Da sollten mal einige einen Realitätscheck durchführen.

    PS: @classless: Es ist Dir ja gelungen. ;)

  13. Sten Says:

    Da ja alle ihre persönlichen Erlebnisse auspacken: ja, dagewesen, locker und ohne Probleme an die Naziroute rangekommen. Da dann in Kleingruppe rumgestanden, die anderen drei Kleingruppen gezählt und sich gewundert, wo der Rest ist und nichtverwertete Gelegenheiten gezählt.

    Was No Pasaran/IL/ALB anstellt ist doch die alte Masche: taktisch total versagt und eine große Niederlage eingesteckt zu haben und diese jetzt zum Erfolg umlügen. Aufgrund des Ausmaßes der Niederlage, die ja nicht nur darin besteht, dass die Nazis marschieren konnten, sondern auch – und das wird gerne unerwähnt gelassen – darin, dass eine derartig umfassende und massive Mobilisierung gegen den aktuell größten regelmäßig stattfindenden Naziaufmarsch in Deutschland (angeblich ja auch in Europa) nur knappe 4000 Leute nach Dresden brachte, funktioniert das nur, indem alles, was in den Jahren vorher lief diffamiert wird und die Schlappe vom Wochenende als großer Schritt nach vorn dargestellt wird.

    Zur Frage woran es lag: billig ist es, jetzt die Niederlage auf ortsunkundige oder schlecht vorbereitete Antifas, brutale Bullen, das Wetter, die schlechten Routen zurückzuführen. M.E. ist das taktische Versagen von No Pasaran nicht von der analytischen Regression zu trennen, es gibt da gewisse Kausalitäten.

    Punkt 1: “Parteipolitik”

    Dresden sollte für IL/ALB als “parteipolitischer” Erfolg herhalten. Zum einen sollte die Mobilisierungsfähigkeit der IL/ALB und der damit verbundenen Strömung demonstriert und sie als politischer Faktor gegenüber den potentiellen Bündnispartnern aus der Zivilgesellschaft etabliert werden. Außerdem sollte den “Antideutschen” das Spielfeld streitig gemacht werden, um sie in Dresden, das für praktizistische Antideutsche eine gewisse Bedeutung hat und wo sie Ausstrahlungswirkung entfalten, praktisch zu marginalisieren.

    Aus diesem Grund musste eine “machtvolle Demonstration” her, die à la “Heerschau des Proletariats” die Mobilisierungsfähigkeit unter Führung von IL/ALB zeigen und die Bilder von den antifaschistischen Protesten bestimmen sollte.

    Deshalb kam eine Kleingruppentaktik für No Pasaran nicht in Frage. Wenn die Losung gelautet hätte “Egal was angemeldet ist, egal was genehmigt ist: Samstag früh alle in die Altstadt auf die Naziroute und diese unpassierbar machen” (und um die Zeit kam man problemlos in die Altstadt und hätte sich dort festsetzen können) die Situation hätte ganz anders ausgesehen. Die Nazis wären wahrscheinlich marschiert, aber mit Verspätung auf einer verkürzten Route und Dresden hätte einen angemessenen Preis für die Appeasementpolitik gegenüber den Aufmärschen bezahlt. Aber stattdessen stritt man sich vor dem Verwaltungsgericht um Routen und versuchte die Vereinigung mit der Sozialdemokratie (aka Zivilgesellschaft), die man politisch längst vorgenommen hatte auch auf der Straße zu erzwingen.

    Punkt 2: die Einheimischen

    Die Dresdener haben in der Masse kein Problem mit dem Naziaufmarsch. Ein Teil von ihnen hat sich nach Jahren zu zivilgesellschaftlichem Eiapopeia dagegen bequemt und auch dies nur, weil die Naziaufmärsche den eigentlichen Gehalt des Dresdener Opferkultes offenlegten. Deshalb richtet sich der Protest von “GehDenken” ja auch nur gegen den “Missbrauch” des Gedenkens.

    Egal, was man von Ereignissen wie in Köln halten mag: wenn die “Normalbevölkerung” tatsächlich will, lässt sich eine Stadt effektiv verstopfen und dann geht gar nichts mehr. Wollten die Dresdner in der Masse aber nicht. Beeindruckend war zu erleben, wie das ganz normale Wochenend-Shopping in den Malls (die wir als Schleichpfad, Versorgungsstützpunkt und Aufwärmstelle schätzen lernten) weiterging, und die die Nazis durch Lücken in ihrer Demo die Leute zum Einkaufen oder nach Hause passieren ließen.

    Aus dem Negieren aller radikalen Kritik am Dresdener Opferkult und dem Versuch, sich der deutschdresdener Zivilgesllschaft anzuschmiegen und die Dresdener zu agitieren durch No Pasaran folgte, dass die reale Situation (Kräfteverhältnisse, Unterstützer, Umfeld etc.) auf der Straße nicht erkannt oder nicht ehrlich benannt wurde und demzufolge auch keine vernünftige Taktik, die den beschissenen Verhältnissen angemessen wäre entwickelt wurde.

    Dresden zeigt, dass inhaltliche Regression und praktischer Misserfolg Hand in Hand gehen und führt – wiedereinmal – den Glauben, durch Verzicht auf radikale Kritik und Anbiederung an´s deutsche Volk wenigstens taktische Erfolge erringen zu können, ad absurdum.

    Volksfront, das heisst immer Niederlage und Verrat!

  14. Mörsergranate Says:

    @ Arschkrebs

    “Der einzige Fehler den No Pasaran gemacht hat, war auf die Berliner zu warten.”

    Warum haben sie denn unbedingt auf die Berliner warten müssen? Um noch fetter zu werden?

    “Kann eine Kleingruppe irgendwie den Naziaufmarsch aufhalten oder überhaupt beeindrucken?”

    2006: die Augustusbrücke wird für Stunden blockiert, weil im richtigen Moment 30 oder 40 Antifas schneller als die Polizei liefen.

    2007: das Terrassenufer wird stundenlang blockiert, angefangen von zwei Gruppen von jeweils unter 50 Leuten.

  15. Arschkrebs (2.0/compatible) Says:

    @sten
    Mit vernagelten Verschwörungstheoretikern diskutiere ich nicht.

    @Mörsergranate
    Das ist ganz eindeutig Geschichtsverdrehung. Wo kamen denn die 30-40 Antifas 2006 gerade her? und wieso kamen da noch so viel Leute hinter ihnen um die Brücke dicht zu machen? Das gleiche gilt für 2007. Da war ich übrigens selbst in der vordersten Gruppe. Das ganze Viertel dort war voll mit Leuten, die durch die Demonstration in der Innenstadt waren.

    Wieso ging 2005 nichts, obwohl auch da zwischenzeitlich 30 Leute auf der Augustusbrücke waren? Auch 2004 waren Leute auf der Route, auch 2003 und 2002. Wieso hat das damals wohl immer nicht geklappt.

  16. k-gruppe Says:

    2007: das Terrassenufer wird stundenlang blockiert, angefangen von zwei Gruppen von jeweils unter 50 Leuten.

    da haben die kleingruppen hintendran aber auch noch ein bischen was gemacht
    (ich erinnere mich an zwei größere baustellen, die auf einmal mitten auf der naziroute standen etcpp)

  17. Arschkrebs (2.0/compatible) Says:

    Es war auch niemand gezwungen, zur großen Demo zu gehen. Wenn die “Antideutschen” es nicht auf die Reihe kriegen sich für dezentrale Aktionen zu koordinieren, kann ja wohl “No pasarán” nichts dafür. Wobei ich glaube, dass die AntiDs in Dresden, die schon länger dabei sind, eine ähnliche Meinung zu dezentralen Aktionen haben, wie ich.

  18. Mörsergranate Says:

    @ Arschkrebs

    “Das ist ganz eindeutig Geschichtsverdrehung. Wo kamen denn die 30-40 Antifas 2006 gerade her?”

    Also, ich hab jetzt noch mal nachgeschaut, damit ich mir nicht selbst bloß was einbilde. Das schreibt der Kulla zu 2006:

    “Als nach der Auflösung am Pressehaus der Versuch, an Ort und Stelle zur Nazi-Route durchzubrechen, gescheitert war, diffundierten die Antifas in kleinen Gruppen zurück in die Altstadt und warfen einen Blick auf die gerade startende Nazidemo vorm Landtag, bis die Augustusbrücke, auf der die Nazis auf ihrem Rückweg auf die Altstädter Seite laufen wollten, als Sammelpunkt ausgegeben wurde.

    Daß hier beim Wettlaufen mit der als Absperrkette vorgesehenen Polizeieinheit genug Antifas schneller auf der Brücke waren, dürfte für den Rest des Tages den Ausschlag gegeben haben.”

    So habe ich das auch in Erinnerung. Das heißt, ja, es gab ‘ne große Demo, aber die Aktion wurde von Kleingruppen gerissen. Was ist daran jetzt Geschichtsverdrehung?

  19. Arschkrebs (2.0/compatible) Says:

    Ich muss dafür nicht nachschauen, ich war da. Soweit ich weiß, war die Augustusbrücke von Anfang an Plan B der Demo gewesen. Die Dynamik ging immer von den großen Aktionen aus. Die ganzen Kleingruppen waren alle auf einem Haufen und konnten deswegen was reißen, weil sie durch die Demo in die Stadt gebracht wurden. Eure Ausführungen sind kein Argument gegen eine große Antifademo, im Gegenteil. Diesmal war die Antifademo einfach zu spät dran.

  20. Mörsergranate Says:

    “Ich muss dafür nicht nachschauen, ich war da.”

    Ja, Arschkrebs, du hast vermutlich die ganze Brücke mit deinen Territorialexkrementen markiert. Mann.

    “Eure Ausführungen sind kein Argument gegen eine große Antifademo, im Gegenteil.”

    Also, meine Ausführungen sind auch nicht so gedacht. Meine Frage ist, wie wird die Demo groß und warum und auf Kosten wovon möglicherweise.

    Für jemanden, der andere ideologischer Scheuklappen bezichtigt, unterstellst du ganz schön wild um dich.

  21. cony Says:

    ihr habt den gestus von kleinen zänkenden generälen.

  22. sten Says:

    @arschkrampe

    dass du mit allen, die politische organisationen als solche ernst nehmen und ihr handeln analysieren nicht diskutierst, erklärt endlich den inhalt deiner beiträge

  23. Arschkrebs (2.0/compatible) Says:

    @sten
    Geh einfach zu den Infokriegern und bau da die Unterabteilung “Machenschaften von IL und Co” auf.

  24. Cannabis Kommando Says:

    Was mich mal interessieren würde von denen die da waren, am besten bei beidem, ist ein summarischer Vergleich Dresden – Köln.

    Beides ein Karneval der Opfer der Antifas aus dem ganzen Land mobilisiert, aber was genau sind die Unterschiede im politischen Umfeld die zu dem so unterschiedlichen Ausgang führen?

  25. Arschkrebs (2.0/compatible) Says:

    Grundlegend würde ich sagen, der politische Wille der Verantwortlichen. Die CDU in Sachsen ist einer der reaktionärsten Landesverbänder. Im Vergleich dazu ist die CDU in NRW regelrecht links. Außerdem gibts im Westen eine lang gewachsene Zivilgesellschaft, die nicht das erste mal auf der Straße war. Sowas gibts in Dresden nicht, bzw. muss sich erst entwickeln. SPD, Grüne, Linkspartei und DGB schaffen es nicht ihre Leute auf die Straße zu kriegen, und dann auch noch zu direkten Aktionen wie Blockaden zu animieren.

  26. Cannabis Kommando Says:

    Die CDU in Sachsen wurde nach der Wende von Politikerausschuß aus Nordrhein-Westfalen aufgebaut.

    Aber noch reaktionärer als die CDU in Hessen, in der seit Startbahn West das Abendland am Untergehen ist, oder die CDU in Baden-Württemberg, die sich panisch an die Filbingerlüge klammert, oder die CSU in Bayern, in der sich der Restadel zur Gegenverschwörung ermächtigt, wie geht das genau?

    Und was ist Zivilgesellschaft? Meinst Du damit dass in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern die Deutschen offensichtlich nicht am Aussterben sind, während sich dies in Sachsen und anderen “neuen Bundesländern” ebenso offensichtlich anders verhält?

  27. Arschkrebs (2.0/compatible) Says:

    Mit reaktionär meine ich, dass die Nationalkonservativen in der sächsischen CDU stark vertreten sind. Nitzsche ist kein Einzelfall. Ich kenne da persönlich Verbindungen und Überschneidungen, die von CDU-Statdrat über JF-Spektrum bis zur NPD reichen. Die zwei Stimmen im sächsischen Landtag für die NPD von denen immer angeblich niemand wusste, woher die kommen stammen mit Sicherheit aus der CDU. Das am Heidefriedhof war symptomatisch für die sächsiche CDU, nach außen sich über rechtsaußen echauffieren und hinten rum mit denen kungeln.

    Mit Zivilgesellschaft meine ich das Spektrum, dass in Köln wie selbstverständlich an den Blockaden teilgenommen hat. So ein offensives zivilgesellschaftliches Engagement gibts in Dresden kaum. Es gibt nur längere oppositionelle Erfahrungen in der kirchlichen DDR-Oppositionsbewegung. Die sind zwar nach wie vor sehr engagiert in Dresden (z.B. wird die jährliche Fahrradtour zu Stätten der Erinnerung an jüdisches Leben am 9.11. von ihnen organisiert) , aber kein Klientel, dass sich an solchen offensiven Aktionen wie Blockaden beteiligt. Die größten Straßenschlachten der Neuzeit gab es in Dresden kurz vor der Wende, als die Leute erzwingen wollten, dass die Züge mit DDR-Flüchtlingen in Dresden halten und sie mit einsteigen können. Auch nicht gerade zivilgesellschaftliches oder linkes Klientel, dass gegen Naziaufmärsche aktiv werden würde.

    Und nochmal zu dem angeblichen neuen IL-Konzept. In Köln hat sich auch die IL an den Protesten beteiligt. Die einzigen die da eine Latschdemo veranstaltet haben, war aber das Ums-Ganze-Bündnis am Vorabend. Das Konzept der großen Demo in Dresden ist auch keine Erfindung der IL, sondern war die logische Konsequenz aus der Wirkungslosigkeit der dezentralen Aktionen in Dresden die Jahre davor. Seit 2006 gab es dann immer große Antifademonstrationen in Dresden, und das ganz ohne IL.

    Meine persönliche Analyse von diesem Jahr als General Arschkrebs ist folgendermaßen: Die Polizei hätte der Demo möglicherweise die Chance gegeben auf die Route zu kommen. Wenn die Demo ne Stunde eher da gewesen wäre, hätte man vielleicht noch einige Lücken rund um und hinter dem Zwinger nutzen können. Wenn erstmal eine größere Blockade auf der Route gewesen wäre, hätte die Polizei das wahrscheinlich hingenommen und die Nazis umgeleitet. Quasi der übliche Elfmeter ohne Torwart. Dass die Polizei vor Ort auch tatsächlich ein Interesse daran hatte, dass die Antifademo pünktlich loskommt, kann man meines Erachtens daran sehen, dass die Ordnerliste von der Demonstration sofort und ohne Überprüfung akzeptiert wurde. Ein völliges Novum in Dresden. Normalerweise muss jeder Ordner immer seinen Perso abgeben und dann wird erstmal stundenlang überprüft und am Ende oft auch Ordner abgelehnt, weil sie in irgendwelchen Karteien drin stehen. Da die Demo aber erst so spät losging, und dann erst auf der Wilsdrufferstraße ankam, als die Nazis schon parallel auf dem Dr. Külzring waren, stand für die Polizei im Vordergrund um jeden Preis ein direktes Aufeinandertreffen zu verhindern. Deswegen haben die auch kurz überlegt die Nazidemo an der Stelle schon umzuleiten. Da aber die Route der Nazis frei war, und es deshalb zu wenig Gründe für direktes Umleiten gab, hat man eben die Nazis laufen lassen, und versucht die Antifas zu beschäftigen bzw. abzudrängen, was letztendlich auch funktioniert hat. Möglicherweise hätte man das auch dezentral erreichen können, da aber die Polizei ein direktes Aufeinandertreffen nach Möglichkeit vermeiden will, wird sie größere dezentrale Aktionen eher unterbinden. Da müssen sich schon sehr viele Menschen sich vorher koordinieren und sich zivil anziehen. (Alle anderen werden ab einer bestimmten Gruppen-Größe abgefangen.) Dann klappt das vielleicht. Angesichts des geringen Organisationsgrads und der Affinität eher irgendwas daher zu schwätzen als Situationen auch im Vorfeld zu analysieren und sich mit anderen dementsprechend auszutauschen und zu vernetzen, halte ich eine große Demonstration, die zumindest die Leute schon mal in die richtige Gegend in der Stadt bringt, nach wie vor für die bessere Lösung in Dresden.

  28. Blogsport-Contest 2009. « Reiten, lesen, Freund_innen treffen Says:

    [...] Nachtrag: Das hier ist auch gut; interessierter Vergleich to the max!: Grundlegend würde ich sagen, der politische Wille der Verantwortlichen. Die CDU in Sachsen ist einer der reaktionärsten Landesverbänder. Im Vergleich dazu ist die CDU in NRW regelrecht links. (”Arschkrebs (2.0/compatible)“) [...]

  29. Cannabis Kommando Says:

    Ach der Nitzsche, der kommt in meinem letzten Artikel als Bildmaterial vor.

  30. Cannabis Kommando Says:

    Da schau her, indymedia ist trotz linksunten-Ausgründung immer noch nicht tragfähig genug dafür, deswegen steht der Artikel jetzt hier.

  31. classless Kulla » Blog Archive » Dresden: Nazis immerhin raus aus der Altstadt Says:

    [...] alle fein gemacht! Nach Jahren von Nazi-Triumphzügen mit Rekordbeteiligung und Wunschkulisse (Vorgeschichte 2009 und davor) konnte der angemeldete “Trauermarsch” erstmalig nicht loslaufen und mußte [...]

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