Vergessen im Land der Erinnerungsweltmeister

July 17th, 2006

(http://myblog.de/classless/art/4009340)

In einem Saal in Leipzig-Connewitz fanden sich zum dritten Mal gut 70 Besucher ein, um die theoretischen Ausführungen der Gruppe in Gründung aus dem Umfeld des Kulturzentrums Conne Island zu verfolgen und zu diskutieren. War es an den vorangegangen Abenden um die Aktualität der Kritischen Theorie und den Islamismus gegangen, sollte nun, ausgehend von der Frage “Leben wir noch in einer bürgerlichen Gesellschaft?”, zur Begriffsbestimmung des Bürgerlichen oder Nachbürgerlichen sowie des Postnazismus beigetragen werden.

Roter Faden war eine Kritik der Position, die als “antideutsch” bezeichnet wurde, wobei sich der Referierende letztlich an relativ wenigen Bahamas-Autoren orientierte. So wurde gegen Clemens Nachtmanns Rede von der “Krisenbewältigung in Permanenz” als Kennzeichen des Postnazismus (die nicht nur die seine ist) die Immanenz der Krise und ihrer Erscheinungen auch vorm Nationalsozialismus durchbuchstabiert: der Staat sei nicht erst seit den Nazis notwendiger Garant der Verwertung, “reinen Liberalismus” gab es nie, Verwertung ist automatisch unmenschlich, Nichtteilnahme führt zu psychischer und physischer Not, Individuen werden von fetischisierten Repräsentationsformen gelebt. Allenfalls das Lumpenproletariat, heute die Hartz-IV-Empfänger, erscheine als nachbürgerliche Klasse, Arbeiter waren als Warenbesitzer immer verbürgerlicht.

Nach diesen zutreffenden Zurückführungen wurde es nun beim Sprung vom Bourgeois zum Citoyen, vom Bürgertum zum Staatsbürger, im Vortrag etwas schwammig und im weiteren Verlauf auch recht bedenklich. Die gerade so richtig als Ideologie dementierte Vorstellung von der liberalen Phase, als deren Inkarnation die USA erscheinen, und die mit dem Ersten Weltkrieg oder der Weltwirtschaftskrise zu Ende gegangen sein soll, wurde nun gegen die deutsche Gegenwart aufgebaut. Als hätten sich die USA nicht durch die Zufälligkeit der Akkumulationsgeschichte konstituiert, als hätte der entfesselte Markt die alte Ordnung nicht deshalb dermaßen überrumpeln können, da sie nur mäßig präsent war, und so eine unleugbar andere Gesellschaft erzeugt, wurde die Idee einer deutschen Zivilgesellschaft auch gegen Rahmenrealität behauptet. Denn dem Citoyen ist nur die Fähigkeit zur nicht-selbsterfüllenden Einbildung von individueller Macht und individuellem Einfluß, von Autonomie und von der Zivilgesellschaft eigen.

Den Antideutschen(TM) wurde nun vorgeworfen, sie behandelten die deutsche Volksgemeinschaft als Fatum und bestritten so die Möglichkeit der deutschen Zivilgesellschaft. Das wiederum würde dazu führen, daß man auf den Messias warten und gleichzeitig auf den autoritären Staat zur Niederhaltung der NS-Rückstände vertrauen müßte. Stattdessen sei Deutschland so zivilisiert wie nie und es drohe kein Griff nach der Weltmacht. Als Beispiel dafür mußte herhalten, daß die Presse beider letzten Wahl ihre kritische Funktion erfüllt habe und Schröders Wiederwahl verhindern konnte. Es wurde also Entwarnung auf der ideologischen Ebene gegeben, dort wo in aller Empirieferne das Selbstbild der arrivierten Intellektuellen sich spiegelt und das gesellschaftliche Fundament ausgeblendet werden kann, das nach wie vor von Phänomenen wie den Burschenschaften, der Indogermanistik, der Bundespolizei, der grüngelabelten Technikfeindschaft, dem Geschichtsrevisionismus und den mutuellen Feind- und Freundbildern geprägt ist. Erscheinen mit starrem Blick auf eine historisch präzise Wiederholung des Nationalsozialismus die subtilen Umgehungsstrategien als Grund, den Alarm abzustellen?

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Weiter wurde also das Subjekt beschworen, dessen Verschwinden lediglich eine Tendenz der kapitalistischen Gesellschaft sei, keineswegs jedoch sei die Diskurs- oder Debattenfähigkeit aus ökonomischer, politischer, familiärer Situation ableitbar. In einer Zwar-aber-Sequenz wurde erst von einer “Vergleichgültigung der Erziehung” gesprochen, die das früher im Ödipalen geschmiedete Selbstbewußtsein aufgelöst hätte, was erstaunlicherweise von einer “Zunahme der Amokläufe im letzten Jahrzehnt dokumentiert” werde; danach vom Arbeitsmarkt, der “keine Untertanen, sondern stets kritisch reflektierende, flexible Arbeitskräfte” verlangen und deshalb nur temporäre Bindungen erlauben würde, was mit unschön klingenden Formulierungen wie “Anpassung auf Zeit”, “Fehlen eines Über-Ichs”, “Unfähigkeit zu dauerhafter Bindung” illustriert wurde. Nun der Dreh: Das Individuum sei dadurch aber auf sich selbst verwiesen. Daß es nur wenige Kritiker der Gesellschaft gäbe, sei auch vor 150 Jahren so gewesen. Dafür gäbe es eine reflektiertere Erziehung, freier und rücksichtsvoller. (Die für so ziemlich jedes Übel von der Vergewaltigung bis zum Drogentod verantwortlich gemacht wird…) Ohne Beleg wurde die Frage verneint, ob die Kulturindustrie das kritische Subjekt paralysieren würde, eher galt nun ausgerechnet Pop seinerseits als Beleg gegen die verwaltete Welt, die Kulturindustrie hingegen gleich als “Ausdruck des bürgerlichen Subjekts”. Pop wurde wiederum erfahrungsfern an “Marken und Fernsehen” festgemacht.

Das auf, sagen wir mal, eigenwillige Weise ermittelte Integral lautete schließlich: pazifizierte Eliten seien fähig zum Appeasement mit dem Terror, nicht jedoch zum eliminatorischen Antisemitismus. Der Westen Deutschlands sei seit 60 Jahren im Normalzustand. 1968 hätte entgegen Nachtmanns Rede von der “Revolte gegen die Vermittlung” zur Zivilisierung der Gesellschaft beigetragen. Das klingt wie Feuilleton, beziehungsweise wie: dem Feuilleton geglaubt, denen, die sich ihre Legitimation herbeischreiben.

Viel spannender als der Vortrag war dann auch die Diskussion, und sollte es dieses Vortrags dafür bedurft haben, dann hat er darin seine Berechtigung. Gleich als erstes wurde natürlich eingewendet, daß Deutschland nicht zivilisiert wie nie sei, daß “Deutschland” als Bekenntnis gerade zur WM omnipräsent gewesen sei, daß außerdem die Erziehung in Zeiten von Hartz IV eher zur staatlichen Kandare tendieren würde, daß es schließlich weniger Kritiker denn je gäbe, da ja alle kapitalismusgläubig seien, und gar der ‘Spiegel’ hauptsächlich Biologismus propagiere.

Der Referent entgegnete, daß er daran festhalte, von “normalem Nationalismus” zu sprechen, da während der WM einem amerikanisierten Trainer und polnischstämmigen Spieler zugejubelt wurde. Er würde den verbreiteten Antisemitismus nicht leugnen, jedoch “alarmistischen Sprech” kritisieren wollen. “Normal” sei der neue deutsche Nationalismus in dem Sinne, daß er so sei wie der in anderen westlichen Staaten. Hartz IV wiederum würde versuchen, Leute aus Hartz IV rauszubekommen. Die Arbeiterbewegung, der kollektive Kritiker von vor 150 Jahren, “das waren keine ichstarken Individuen”. Hoppla.

Ich selbst wies darauf hin, daß in England und Portugal die Wahrnehmung von Nichtjubelnden sehr viel entspannter war, daß andersrum die konservative britische Presse anmahnte, man möge sich doch im Umgang mit den Fahnen und in der Zurechtweisung der Nörgler ein Beispiel an Deutschland nehmen. Außerdem wollte ich nochmal erklärt bekommen, wie die deutschen Medien nun Schröders Wiederwahl verhindert hätten. Auf beide Einwände gab es ähnlich überzeugende Entgegnungen wie bei meinem Vorredner: es wäre auch von Ha’aretz anerkannt worden, daß “wir jetzt wieder Deutsche sein könnten” und nach wie vor hätte Deutschland die geringste Rate an Nationalstolz in den Umfragen; zur Wahl gab der Referent an, Deutschlandfunk gehört zu haben, wo ein Wahlkampfauftritt Schröders kritisiert wurde, und überhaupt habe Schröder ja verloren, oder? (War das so?)

Als nächstes gab jemand zu, daß die Pogromstimmung während der WM ausgeblieben sei, was aber sei mit der Kontinuität, soll man nun die Geschichte der letzten 15 Jahre umschreiben? Ohne ja zu sagen, sagte der Referent ja, denn seit 1990 habe es die Rede vom Griff nach der Weltmacht gegeben, dabei war nur “normale Interessenverfolgung” zu besichtigen.

Vom nächsten Diskutanten wurde die Schraube noch etwas weiter gedreht. Der völkische Nationalismus sei zu republikanischer Nationalismus geworden, der Hauptfeind sei nicht das eigene Land. Auch Horst Pankow hätte keine Unterschiede zwischen deutschem und englischem Verhältnis zum Islam zu benennen gewußt (nicht mal der… na dann… ) . Es würde sich also die Frage stellen, was das spezifisch Postnazistische in Deutschland sei. Den zugespielten Ball verwandelte der Referent mit dem Verweis darauf, daß Antizionismus weniger ein deutsches als ein europäisches Phänomen sei; es bleibe wichtig, “den Islam” zu bekämpfen.

Die Einwände waren bereits aufgeregter und gaben das Gefühl leichter Fassungslosigkeit wieder. Der nächste begann denn auch defensiv, selbstverständlich würde Deutschland nicht nach der Weltmacht greifen und kein neuer Nationalsozialismus bevorstehen, linksradikale Mythen seien anzugreifen, ABER daß “normaler Nationalismus” so leicht über die Lippen kommt, sei schon unglaublich: “…wegen Auschwitz kann es keinen normalen Nationalismus geben, denn auch normaler deutscher Nationalismus ist nicht normal.” (Die Deutschen üben performative Normalität? Zivilisationstravestie?) Die alarmisierende Sprache sei weiterhin angemessen, hieß es in alarmisierter Sprache.

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Aus der Veranstaltergruppe wurde nun präzisiert, daß Normalbetrieb heißen würde, es gibt keinen Ausnahmezustand. (Heißt das, daß es weder vor noch während oder nach dem Nationalsozialismus permanente Krisenbewältigung gegeben hat, die ja der permanente Ausnahmezustand ist?) Gerade wegen Auschwitz müsse also “normaler Nationalismus” gegen völkischen verteidigt werden. Sogar Juden seien mittlerweile eingemeindet, wie die öffentlichen Nachrufe auf Paul Spiegel als “deutschem Patrioten” gezeigt hätten. “Normalen Nationalismus” mit Nationalsozialismus zu analogisieren, würde Auschwitz verniedlichen.
Gleichzeitig wurde eingeräumt, daß Normalität aber auch Abschließen mit der Vergangenheit, also mit Auschwitz, bedeuten würde – das sei “der Pferdefuß”: “daß man sich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigt”. (Außer die beiläufigen, sporadischen Notizen zu Dresden, Vertreibung, Untergang und wie es der Ami getrieben hat…)

Der nächste aufgeregte Einwand sprach mir aus dem Herzen. Was denn mit Geschichtsrevisionismus und Erinnerungsdiskurs sei, ob es denn nicht den meisten sehr wichtig sei zu sagen, Opa war kein Nazi? Was denn die Basis dieses neuen Nationalismus sei?

Ein anderer aus der veranstaltenden Gruppe gab sich skeptisch. Egal ob es nur zwei Formen des Nationalismus oder auch Mischformen gäbe – alles schlimm: “Wie sieht’s denn am Stammtisch in der National Befreiten Zone aus?” Postnazismus tauge natürlich nicht als Welterklärung, aber in seiner Reflexion auf Auschwitz liege beständige Aktualität, Auschwitz sei immer noch für alle Politik zentral. Der Referent knüpfte mit der verblüffenden Feststellung daran an, daß Deutschland Israel wegen Auschwitz verteidigt. Der “normale Nationalismus” sei normal, weil er nicht eliminatorisch ist. (Er ist ja auch nur Feindmarkierung derer, die nicht mitmachen.)

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Form und Klang der Ausgrenzung der Nörgler sei nicht normal, wurde eingewendet. In den USA dürfe die Fahne verbrannt werden, hier hingegen wurden nicht Fahnenschwenkende aggressiv ausgeschlossen. Nationalismus sei immer Bekenntniszwang und Exklusion, hieß es darauf aus der Gruppe, wichtiger sei, was der Inhalt des Bekenntnisses wäre – Volk oder Verfassungsstaat: “Was ist das spezifisch Deutsche am Ausschluß?”

Die gleiche Diskussionsteilnehmerin, die auf die Erinnerungspolitik hingewiesen hatte, unterstrich noch mal, daß es in praktisch jeder WM-Diskussion um die Geschichte gegangen sei. Ein anderer meinte, okay, es sei nicht völkisch oder auf dem Weg nach Auschwitz, aber mit Geschichtsaufarbeitung hätte sich’s jetzt wohl. Aus der Gruppe wurde abermals programmatisch gesprochen: es handele sich um einen Nationalismus, der durch Geschichtsaufarbeitung durchgegangen ist. “Du bist Deutschland” sei doch ein antivölkisches elitäres Projekt, ein gescheiterter Zivilisierungsversuch gewesen. (Wurde dann nicht einfach versucht, den Makel anzunehmen? Wird nicht einfach etwas gespielt, von dem man annimmt, “das Ausland” würde es für normal halten, so wie hier Filme gedreht werden in der Hoffnung, jemand würde sie “international” finden?)

Das Schlußwort hatte nochmals die Frau mit der Erinnerungspolitik: Letztlich aus dem Zwang heraus, normal zu erscheinen, sehe sich Deutschland nun als “Erinnerungsweltmeister”.

Da ist es bemerkenswert, wie schnell die lieben Kritiker vergessen. Etwa, daß die Bundesrepublik eher in der Reaktion auf die 68er zivilisiert wurde, daß viele liberale oder wenigstens nicht so deutsche Elemente der gesellschaftlichen Realität sich immer noch den Begleiterscheinungen der Besatzungszeit verdanken, daß das Selbstbild der Deutschen zumeist zivilisiert war, daß sich die Mehrheit ihres Feindbildes weiterhin recht gewiß zeigt. Das linke Ressentimentgenerve über den “Bullenstaat” und das “Vierte Reich” hinter sich zu lassen und nicht in jedem Polizisten einen SA-Mann zu wähnen, finde ich vernünftig. Gleich am anderen Ende rauszukommen und die deutsche Zivilisationstravestie als überzeugend durchzuwinken, erscheint mir naiv und nur aus dem eigenen Befinden begreiflich. Wie sonst ist zu erklären, daß sich in einer kritisch-kommunistischen Veranstaltung selbst ein angeführtes “normal” in solcher Inflation findet?

Wenn Nationalismus ausgerechnet in dem Land wieder salonfähig ist, das damit die größten Verheerungen anrichtete, das mit seiner Ideologie immer noch als Maßstab und Vorbild für viel zu viele funktioniert, ist das allerdings nicht normal mit oder ohne Anführungszeichen, und ebensowenig ist es egal.

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