Bad Kleinen, Todeskult, Pickel

January 20th, 2007

Zur Nachbereitung der Vortragstour sei auf zwei Bücher verwiesen, die jeweils die von mir verwendeten Beispielthemen illustrieren und die ich zur Auffrischung gerade auch noch einmal nach Jahren mit Gewinn gelesen habe.

Bezogen auf den Themenkomplex RAF, an dem ich die Aufwertung einer mit Bedeutungsverlust konfrontierten Gruppe (in meinem Beispiel: der weltanschaulich gläubige Teil der DDR-Bevölkerung) erläuterte, ist die wohl empfehlenswerteste Lektüre gar nicht das vielbesprochene “RAF-Phantom”, in dem die Verschwörungskonstruktionen deutlicher zutage tritt:

…er nahm seiner durchaus sinnvollen Verdächtigung der Institutionen des eigenen Landes den Stachel, indem er sie wiederum in den Kontext einer ame­rikanischen Interessenvertretung in Deutschland stellte, von Wisnewski etwa im Lob­by-Verein „Atlantik-Brücke“ verortet. Wenn also in Deutschland Anschläge bestellt wurden, dann zugunsten des Auslands, vornehmlich der USA. Deutsche-Bank-Chef Al­fred Herrhausen wie auch der erste Treuhand-Präsident Manfred Rohwedder mußten in Wisnewskis Darstellung für britische und amerikanische Investoren aus dem Weg geräumt werden, was er durch groteske Porträts der Anschlagsopfer zu konturieren versuchte.

Herrhausens Befürwortung eines Schuldenerlasses für die Dritte Welt, von dem die Deutsche Bank wirtschaftlich profitiert hätte, wurde zu einer unbequemen Haltung und gar einer deutschen, nicht-amerikanischen “Kreditphilosophie” hochstilisiert. Roh­wedder, dessen freundlichere Maßnahmen zur Abwicklung der DDR-Wirtschaft noch auf den frisierten Zahlen der dortigen Wirtschaftsplaner und nicht zuletzt der un­terschätzten Inkompatibilität auch der leistungsfähigeren DDR-Betriebe mit westlichen Standards beruhten, wurde nun zum mutigen Retter der ostdeutschen Arbeitsplätze.

(“Entschwörungstheorie”)

Der kleine Band derselben Autoren zum Geschehen in Bad Kleinen 1993 scheint mir viel spannender zu sein. “Operation RAF” ist nahezu frei von größeren Verschwörungskonstrukten und nimmt vielmehr akribisch die absurde offizielle Darstellung auseinander. Ironischerweise können Wisnewski und seine Mitautoren den regierungsamtlichen Verlautbarungen immer wieder eben den für konspirationistische Wissenschaftstravestie so typischen Jargon nachweisen, dessen sie sich selbst heute so intensiv bedienen, etwa in den Formulierungen, mit denen das angeschlagene Renommée des mit Nachuntersuchungen beauftragten Wissenschaftlichen Dienstes der Züricher Stadtpolizei wiederhergestellt werden sollte:

>>Die Frauen und Männer vom Wissenschaftlichen Dienst hätten unter Leitung des “anerkannten Chefkriminologen” Roman Pfister “schon seit Jahrzehnten einen ausgezeichneten Ruf”…<<

Zum zweiten Komplex um den Zweifel an der HIV-AIDS-Theorie möchte ich ebenfalls auf einen wenig beachteten Schauplatz aufmerksam machen, nämlich auf die Bücher des Schwulenaktivisten John Lauritsen, vor allem auf die von ihm mitherausgegebene Textsammlung “The AIDS Cult”, die sich neben den von mir kurz skizzierten wissenschaftskritischen Elementen und den ins Konspirationistische ragenden Beschuldigungen der Pharmaindustrie vorrangig der Massenpsychologie der Schwulenemanzipation der 70er und 80er widmet.

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In Rückgriff auf Texte und Interviews des verstorbenen Psychotherapeuten Casper Schmidt, besonders auf seinen Essay “The Group-Fantasy Origins of AIDS” von 1984, entwickelt der Band die These, daß die etwa 1974 mit den ersten massenhaften Coming-Outs einsetzende schwule Popkultur von Beginn an solchen Anfeindungen durch reaktionäre Moralisten ausgesetzt war, daß ihr ein selbstzerstörerischer Schuldkomplex eingeschrieben war.

Jerry Falwell Kriegserklärung

Schmidt und Lauritsen klagen die “Moral Majority” an, die eben sich befreienden Schwulen so beständig mit Todesdrohungen und Aufforderungen zum Selbstmord überzogen zu haben, daß sich all jene, denen schließlich mit der AIDS-Diagnose ein angebliches Todesurteil ausgesprochen wurde, dieses Urteil viel zu bereitwillig akzeptierten und sich schließlich gar auf hochgiftige Kuren wie das von den AIDS-Dissidenten abgelehnte AZT einließen.

Schmidt und Lauritsen weisen darauf hin, daß ohne die massenpsychologische Komponente eines kollektiven Opferrituals nach den “Sechzigern” überhaupt nicht verständlich wäre, warum bei AIDS anders als bei sämtlichen anderen Krankheiten davon ausgegangen wurde, daß die Diagnose gleichbedeutend mit dem sicheren Tod sei und somit jegliche Behandlung nur den Todeszeitpunkt hinauszuschieben vermöge. Zusammengefaßt beschreibt “The AIDS Cult” die Opferung Tausender Schwuler zur Wiederherstellung des moralischen Selbstbildes der US-Mehrheitsgesellschaft.

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Abschließend sei mehr zur Unterhaltung auf mein Frühwerk “Eine perfekte Welt mit Pickeln” von 1999 verwiesen (PDF), in dem es hauptsächlich um eine Art AIDS 2.0 geht, das man sich jedoch von frischem Essen holt und das von Bioterroristen verbreitet wird. Als Parodie auf die Hysterie um RAF und AIDS funktioniert das gute Stück wohl immer noch ganz gut, wenngleich mir mittlerweile auch manche Stellen beim Lesen ganz schön peinlich sind. Nun ja.

2 Responses to “Bad Kleinen, Todeskult, Pickel”

  1. bigmouth Says:

    Vielleicht nicht unwichtig:

    Casper G. Schmidt

    Casper G. Schmidt was a psychiatrist who published “The Group-Fantasy Origins of AIDS” in the Journal of Psychohistory in 1984. The article, which claimed that AIDS was not a real disease but a product of “epidemic hysteria,” is still regularly cited by AIDS denialists. Schmidt died from AIDS in 1994.

    http://www.aidstruth.org/denialism/dead_denialists

  2. Qaumaneq Says:

    Altes Thema – der Pharmaindustrie-Narrativ ist tatsächlich eine Falle, und kann es sein weil darin die wichtigste Eigenschaft des Erregers konsequent ausgespart wird: der gelungene Sprung über die Artenschranke. Das wichtigste strategische Gut jeder vernünftigen Prävention ist daher die kollektive Endogamie der Spezies, jegliche Einschränkung zwischenmenschlicher sexueller Freizügigkeit außerhalb der Blutsverwandtschaft somit kontraproduktiv da sie sehr viel gefährlicheres Verdrängungs- und Ersatzverhalten begünstigt.

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