Entschwöring Elsässer

January 22nd, 2007

>>Fakt ist: Heuschrecken kommen in der Propaganda von Hitler, Goebbels und Co. nicht vor.<<

Das ist Jürgen Elsässers Auskunft zur Nazikompatibilität seiner aktuellen Leitmetapher, die sein Buch “Angriff der Heuschrecken” im Titel führt. Recht hat er, auf Anhieb fällt mir nur der unbedeutende Film “Jud Süß” ein, den gerade mal 22 Millionen Kinobesucher sahen und in dem eine Deutsche sich wegen der “Rassenschande” mit einem Juden das Leben nimmt, dieser wiederum nach der An­klage “Wie die Heuschrecken kommen sie über unser Land!” hingerichtet wird.

Diese vermeintlich tabubrechende Zurechtbiegung der Faktenlage weist auf Elsässers immer konspirationistischeres Denken hin, das sich eben vor allem durch Ausblendung kennzeichnet. Was die “Heuschrecken”-Vorstellung in Elsässers Auffassung vom Kapitalismus angerichtet hat, wurde in derselben Jungle World-Ausgabe sehr schön von Bernhard Schmid herausgestrichen:

>>Akteure sind dabei »die multinationalen Finanzmärkte und die globalen Finanzmärkte« oder auch »die Heuschrecken«, wie Elsässer sie gerne nennt. Sie entzögen dem »ordinären« Kapital, das bis dahin im Ausbeutungsprozess zumindest die Grundlagen der Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft gewahrt habe – was freilich auch damals nur in den Metropolen und nur sehr bedingt in der Dritten Welt zutraf –, zunehmend die materiellen Grundlagen.

Elsässer entmaterialisiert dabei die Kapitalismuskritik, er löst den Gegenstand seiner Kritik aus jedem gesellschaftlichen Kontext heraus. Der Angriff der »Aliens« erscheint als das Vordringen einer von außen kommenden zerstörerischen Kraft in ein bis dahin funktionierendes System. Eine solche Kapitalismuskritik ohne Bezüge zum konkreten gesellschaftlichen Kräfteverhältnis wäre Marx, auf den Elsässer sich beruft, sicherlich sehr fremd gewesen.<<

Im Sinne meiner Konspirationismus-Analyse läßt sich das Eigene, das wenigstens in der Vorstellung gerettet werden soll, als die sozialdemokratische Illusion ausmachen, der Elsässer letztlich immer nachgehangen zu haben scheint. Die essentialisierte Form dieser Illusion, dieses zu verteidigenden Eigenen repräsentiert der von Elsässer zum Antideutschen geadelte Oskar Lafontaine, der einen menschlichen Kapitalismus vertritt, von dem Elsässer eigentlich wissen müßte, daß er mit Emanzipation nicht viel zu tun hat.

Die vom Bedeutungsverlust bedrohte bzw. schon längst betroffene gesellschaftliche Gruppe, deren Anliegen Elsässer zu dem der gesamten Gesellschaft machen will, ist die organisierte Linke, die beim Marsch durch die Institutionen zu kurz gekommen ist oder schon wieder aus den Institutionen verdrängt wurde; es ist eben die Linke, die nach 9/11 in Scharen ins Lager der Konspirationisten übergelaufen ist, da deren Erzählung der banalen Zeitgeschichte eine genehme Dramaturgie und einen welthistorischen Sinn ("Reichtagsbrand") zu verleihen schien.

Entsprechend sind auch die wichtigsten "Travestie"-Formen anzutreffen: Politik, die auf einen Hoffnungsträger fokussiert wird; Geschichte, die zu einem üblen, gegen die "eigenen Leute" wirkenden Plot gerinnt.

Wenn mir Elsässers Werdegang mittlerweile auch Angst einjagt, so stellt er andererseits ein unvergleichliches Studienobjekt für die Entstehung und Verfestigung eines konspirationistischen Weltbildes dar.

2 Responses to “Entschwöring Elsässer”

  1. nichtidentisches Says:

    Guter Artikel! Besonders der Drang im banalen Immergleichen etwas wirklich Neues finden zu wollen, was eben nur durch das Aufwärmen der immergleichen banalen Verschwörungstheorien geht wird mal erwähnt

  2. hurra hurra der jürgen der ist da | spange Says:

    [...] jürgen elsäszer wird nürnberg mit seiner, anwesenheit beehren. über die letzten wandlungen hat lizas welt gut und treffend, berichtet. leo übrigens auch an dieser stelle. [nachtrag: claszlesz jetzt auch nochmal.] [...]

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