Friedrichshain im linksfaschistischen Bürgerkrieg?

December 13th, 2009

Der Stadtbezirk wirkt wie immer: daß ständig Polizeiwannen herumfahren, kenne ich nicht anders, und daß meist ein Hubschrauber in der Luft ist, scheint auch schon seit Monaten so zu sein. Nach wie vor sind rund um die Uhr Läden und Kneipen geöffnet und überwiegend junge Leute ziehen zahlreich herum. Nichts Neues sind die Demos und die Heerscharen von polizeilicher “Demonstrationsbegleitung”.

Friedrichshain ist auch seit Jahren ganz vorn in den Statistiken zu Nazigewalt. Kaum je hat es einer derjenigen, die von den Nazis zusammengeschlagen wurden, damit auf irgendeine Titelseite geschafft.

Jetzt brennen Autos, berlinweit ungefähr jede Nacht eins, viele davon in Friedrichshain. Es gibt viele Gründe dafür – etwas zu tun, was die Polizei nicht unter Kontrolle bekommt, dürfte einer der häufigen sein; aber auch schlichte Privatfehden und Versicherungsgeschichten spielen wie in den vergangenen Jahren wohl eine große Rolle.

Diese Art Freiräume

Der einzige, der bisher fürs Autoabfackeln belangt wurde, war explizit unpolitisch. Dennoch wird auf der Suche nach Schuldigen in der Öffentlichkeit ein Bild erzeugt, in dem die anderen Tatmotive kaum noch auftauchen und in dem die Autonomen, insbesondere die Bewohner bestimmter Hausprojekte (besetzte Häuser gibt’s in Berlin glaube ich seit 2005 nicht mehr) den Stadtbezirk und womöglich bald die ganze Stadt ins brennende Chaos stürzen.

Keine Frage, daß das manche auch wollen; keine Frage, daß wiederum bei manchen die Selbstgerechtigkeit eventuelle konkrete Bedenken übertönt, etwa bezüglich der Frage, wessen Autos es so trifft; keine Frage, daß sich alle denkbaren Ressentiments gegen Schwaben, Wessis, Luxus und Vermittlung artikulieren und oft nicht sehr weit gedacht wird: “Nicht Mieten generell werden thematisiert, sondern steigende Mieten; nicht der Staat ist das Problem, sondern Polizeigewalt; nicht Verteilung ist das Problem, sondern Verteilungsungerechtigkeit.” (Ist eigentlich auch der alte Baden-Schwaben-Konflikt auf die Art jetzt nach Berlin eingewandert?)

Keine Frage aber auch, daß die allermeisten selbst der verbal laut und radikal Auftretenden über das Druckmittel “entschlossene” Demos, die sich nach ein bißchen Geschubse auch wieder auflösen, nicht hinausgehen. (Nach dem Auftreten der Polizei in den letzten Wochen bin ich über die vergleichsweise friedlichen Demos zuletzt eher verwundert.)

Letzte Eskalationen: ein Schuß eines Zivilpolizisten auf junge Männer, die ihn angegriffen haben sollen; ein Fernsehmoderator, der daraufhin beschließt, “aus Friedrichshain” wegzuziehen (bzw. aus einem “Townhouse” am ehemaligen Schlachthofgelände in Prenzlauer Berg, das zwischen Friedrichshains Altbauten und Lichtenbergs Platte liegt); der Innensenator, der von linksfaschistischem Terror spricht.

Die im staatstragenden Betroffenheitssprech über “Rechtsradikale” genannte Nazis erprobten Floskeln werden nun ohne Sinn und Verstand auf die “Linksextremen” ausgeweitet, die mit den Mollywürfen aufs BKA und zeitgleichen Farbattacken eine “neue Qualität” der Gewalt erreicht haben sollen und als Vorboten einer neuen RAF gelten.

Jetzt wird in den Zeitungen einfach durcheinandergeworfen, wenn Menschen “nach ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Funktion” beurteilt werden. Das nächtliche Angreifen eines offiziellen Gebäudes der deutschen Staatsgewalt wird mit Brandanschlägen auf bewohnte Asylbewerberheime auf eine Stufe gestellt.

Noch ein Freiraum

Und das Absurde ist: während höhere Kfz-Versicherungsprämien kalkuliert werden scheinen, sorgt die Hysterie dafür, daß die am stärksten betroffenen bzw. am häufigsten erwähnten Viertel tatsächlich als Wohngegend für Wohlhabendere unattraktiver werden; daß Figuren wie SAT1-Moderator Hahn wegziehen, der es „unfaßbar” findet, “daß sich so etwas in einem bürgerlichen Umfeld abspielt“, daß der Jungprolet sich also ausgerechnet vor Hahns Tür ins Bein schießen lassen mußte.

Medienkampagne und die vielbeachteten Polizei-Heerschauen schaffen also, was ein paar mehr Autoanzünder als sonst allein kaum hibekommen hätten: sie scheinen den Anstieg von Miet- und Preisniveau in einem Berliner Innenstadtbezirk zu bremsen, vielleicht sogar stärker, als der Zuzug von 24-Stunden-Konsumenten (wie wohl selbst mir vergleichsweise armem Würstchen) ihn beschleunigen, wer weiß.

Ich warte auf die Schlagzeile: “Linke selektieren Menschen nach ihrem Einkommen!” Alternativ hätte ich noch im Angebot: “Haßbrennerei – die Vertreibung von unten!” Ist es nicht auch ein bißchen Gentrifizierung, wenn die Wohlhabenderen sich – wie die BZ Hahn menscheln läßt – “nach einer neuen Bleibe umsehen” müssen?

In der Zwischenzeit denke ich mal drüber nach, ob Stuttgart wirklich als Babylon durchgeht.

9 Responses to “Friedrichshain im linksfaschistischen Bürgerkrieg?”

  1. lasterfahrerei Says:

    ich denke die dynamik die da in den stadtteilen vor sich geht ist nicht unbedingt eine die von “den linken” gelenkt wird, brennende autos sind vielleicht auch nicht unbedingt im zusammenhang mit gentrifizierung zu sehen. es ist jedoch zu bemerken das anscheind ein sündenbock oder schuldiger ausgemacht wird, wogegen das gesselschaftliche problem, das die dynamik ausgelösst hat, garnicht gesehen wird. ein externer, der gessellschaft nicht zugehöriger problemmacher wird herbeigeführt. das sind die vermeintlich “linken hassbrenner”.

  2. Aktionskletterer Says:

    Stuttgart ist Rüstungshauptstadt, Friedrichshain hingegen hat sogar mal einen Abrüstungsminister hervorgebracht. Der gegenwärtige Fraktionsvorsitzende der CDU allerdings ist der Wahlkreisabgeordnete von Heckler u. Koch, und in Friedrichshain wird jetzt sozusagen posthum die “chinesische Lösung” exekutiert. Dass der Kiez derart zum Truppenübungsplatz verkommt ist auch eine Überkompensation dafür dass er vor dem Hauptstadtumzug auch in einem politischen Sinn Freiraum war.

  3. schmuddel Says:

    das mit größte problem bei diesem ganzen hype um yuppies, brennende autos und kriegserklärungen “der linken” ist, dass völlig vergessen wird, dass fast ganz friedrichshain zugebombt wird mit hundekot in allen varianten. und das seit jahren!! das könnte doch auch gut als “linksextreme” verschwörung durchgehen. warum berichtet die morgenpost nicht mal darüber?

  4. jotjot Says:

    ich hasse blogs. aber den hier lese ich echt gerne. mehr davon.

  5. Tim Pareidolia Says:

    Ob Stuttgart wirklich als Babylon durchgeht, weiss ich nicht. Wohl aber, dass ich, als ich da noch gewohnt habe für meine damalige Punk/Metal/Jazz Band ein Banner gemacht hatte mit der Aufschrift “Benztown Babylon”.
    Schämen tue ich mich nicht dafür, stolz bin ich auch nicht, aber mal wieder recht zufrieden mit diesem Blog.

  6. classless Kulla » Blog Archive » Die kleinen Korrekturen Says:

    [...] Die kleinen Korrekturen January 25th, 2010 Der Spiegel Ausgabe 53/09 schilderte in einem Artikel Auseinandersetzungen um Gentrifizierung in Friedrichshain. Nun stellt der dort als Betroffener präsentierte Jörg Meyerhoff in einem Leserbrief [...]

  7. Burn Motherfucker Burn - HATE MAGAZIN Says:

    [...] oder sogar in anderen deutschen Städten im letzten Jahr immer wieder Autos gebrannt, trotzdem ist Friedrichshain der Stadtteil, der am ehesten mit in Flammen stehenden Fahrzeugen in Verbindung gebracht [...]

  8. Heimat Neckarstrand Says:

    Oh je, Angriff aus der Ostkurve, jetzt verkommt auch noch der Fußball…!

    Angesichts dieser Vorkommnisse und einer Reportage der Stuttgarter Zeitung zum Kapp-Putsch von vor 90 Jahren, der mit den Worten „Das Kabinett ist endlich zurückgekehrt; nicht gern. Es wäre lieber in dem schönen und ruhigen Stuttgart geblieben; der heiße Boden in Berlin lockte es nicht.“ endet, wollte ich mich jetzt doch mal nach den neuesten Erkenntnissen zum Vergleich mit Babylon erkundigen.

    Falls es keine Neuigkeiten aus der eigenen Denkfabrik geben sollte… an welche Quellen könnte ich mich bei Nachforschungen zu diesem Thema halten?? Mir würde gerade eher ein Vergleich mit Bochum einleuchten… so ein dickes Projekt ist Stuttgart 21 ja nun auch wieder nicht und nur die Rüstungsforschung vor Ort- meines Wissens. Und was würde Berlin als das neue „Jerusalem“ qualifizieren? An die Unteilbarkeit der Stadt, einschließlich des östlichen Teils, dürfte in Berlin ja keiner mehr glauben. Und zum Thema >GlaubenDie Biographie der “Hure Babylon“Unglauben< an die Zweigeschlechtlichkeit?

    Bezieht sich die letzte Aussage vor allem auf den hiesigen Anteil Deutscher „mit fremden Wurzeln“ und die Tatsache, dass die geborene (oder geistig entwachsene) „Stuttgarter Oberschicht“ mittlerweile nach Berlin emigriert ist?

    Grüße und meinen Dank für all Dein Bestreben, auch mich politisch (…) auf dem Laufenden zu halten.

  9. Heimat Neckarstrand Says:

    Bitte um Korrektur! Danke.

    Und Thema Glauben… wäre es hierzu auch einem Agnostiker zu empfehlen, Die Biographie der “Hure Babylon“ zu lesen, oder birgt diese nur weitere Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem Unglauben an die Zweigeschlechtlichkeit?

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