Machete – die Waffe in deiner Hand

December 1st, 2010

Robert Rodriguez ist Fachmann für blutige Vergeltung und (Alt-)Männerphantasien. Insofern ist “Machete” eine doppelte Überraschung.

Zum einen war eine solch mitreißende Revolutionspropaganda, die auch noch auf ein ganz konkretes, aktuelles politisches Szenario – den elenden und blutigen Irrsinn des “War on Drugs” und des Grenzregimes zwischen Mexico und den USA – abzielt, seit langem nicht mehr im Kino zu sehen. Zum andern verwendet Rodriguez seine überdrehten classless Action- und Macho-Bilder offenbar eher aus Versehen als Verpackung für eine von einer Frau organisierte revolutionäre proletarische Bewegung (“Network”), zu deren entscheidendem Schlag Jessica Alba in der Rolle der Bundesagentin Sartana Rivera vom Dach eines Autos aus die mexikanischen Gelegenheitsarbeiter aufwiegelt:

>>Listen to me! Yes, I am a woman of the law. And there are lots of laws. But if they don’t offer us justice then they aren’t laws. (…) We didn’t cross the border – the border crossed us!<<

Jessica Alba Sartana Rivera Machete Revolution fist

Rodriguez wird nämlich nicht müde zu erklären, daß er den politisch-revolutionären Film zur sich verschärfenden Lage der illegalen Einwanderer in den USA, als der “Machete” bei vielen angekommen zu sein scheint, niemals machen würde: “Not only would that be irresponsible, it’d be dull and un-entertaining.” (aintitcool) Jetzt können wir uns fragen, ob er nur so tut, wenn er sich auf “It’s a very satirical film” und “It’s just a damn fun movie” zurückzieht, oder ob ihm die Revolution, die er im Film prächtig ausbreitet, wirklich nur Staffage ist.

(Achtung: Dieses Posting enthält nicht eben wenige Spoiler!)

Für ihn geht es, so sagt er, vor allem um den mexikanischen Ex-Cop Machete Cortez – gespielt von Danny Trejo, in „From Dusk till Dawn“ hinterm Tresen des Titty Twister – der Rache an dem Drogenbaron Rogelio Torrez nimmt, welcher seine Frau und seine Tochter auf dem Gewissen hat. Und beim Kampf gegen Torrez geht eben das ganze Grenzregime mit hoch bzw. drauf. Machete ist zunächst der supergute Cop, der am Anfang gegen ausdrücklichen Befehl seines natürlich mit Torrez verbündeten Vorgesetzten eine – vermeintlich – gekidnappte Zeugin gegen Torrez zu retten versucht, obwohl sein Kollege ihm sagt, sie wären Cops und keine Märtyrer und die Befreiung wäre Selbstmord. Seine Antwort: “Wenn nicht wir, wer dann?”

Kämpfen und Sterben fürs Drogenverbot

Doch schon hier wird’s unübersichtlich. Denn die Federales (offiziell: PF und AFI), denen Machete angehört(e), befinden sich in der bescheuerten Realität zusammen mit der mexikanischen Armee in einem blutigen Drogenkrieg, nein, in einem Krieg-wegen-Drogenverboten. In der fetischisierten Form der Droge und der personalisierten Form des Drogenbarons nehmen gegenwärtig besonders die Bewohner des nördlichen Mexico wahr, was der globale Markt mit einem verbotenen Bedürfnis macht: er erzeugt eine mächtige und schwerbewaffnete illegale Industrie, die mit allen Mitteln gegen eine (Wieder-)Legalisierung arbeitet.

Seit 2006 wurden Ed Vulliamy, dem Autor von “Amexica: War Along the Borderline”, zufolge von den “Narcos” mehr als 24.000 Menschen “killed, many mutilated and exhibited to convey some message or threat”. Rory Carroll beschreibt die Lage: “The violence, including car bombs and beheadings, has turned parts of border states such as Tijuana and Chihuahua (which includes Juárez valley) into lawless killing zones. Cartels infiltrated poorly paid municipal and state police until entire forces were disbanded and reformed from scratch, only for corruption to re-emerge. The federal police, once considered relatively honest, have been tarred by complicity with drug lords.”

Allein in der letzten Oktoberwoche dieses Jahres wurden “fifteen people killed in a car wash, 14 massacred at a teenager’s birthday party, 13 shot dead at a drug rehabilitation centre, seven mowed down in the street, four factory workers killed on a bus and nine police officers killed in an ambush.” In der Grenzgemeinde Práxedis G. Guerrero hat währenddessen die 20jährige Marisol Valles Garcia die Leitung der Polizei übernommen, nachdem ihr Vorgänger zur Abschreckung von den “Narcos” geköpft worden war. Gerade erst ist ihre Kollegin Hermila García Baeza nach gerade einem Monat im Amt erschossen worden.

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Marisol Valles Garcia

(Wer des Spanischen mächtig ist, kann sich den Film “El Infierno” zum Thema anschauen (Trailer, Artikel) und sich z.B. bei Blog del Narco oder bei Twitter über all das aktuell informieren, was wegen der Drohungen der Drogenkartelle gegen die offiziellen Medien dort nicht mehr zu sehen und zu lesen ist.)

Aufstand der Einwanderer

Der Racheplot ist also auch gar nicht unpolitisch, Machete steckt einfach auf beiden Seiten der Grenze mitten in der Scheiße. Nachdem Torrez ihn über die Grenze gejagt hat, ist er einer der unzähligen Tagelöhner in Regisseur Rodriguez’ Heimat Texas, wo dieser in Austin erst im letzten Jahr seinen College-Abschluß machte, wo seine Soundtrack-Band Chingon probt und wo der offenbar inspirationsstiftende MACHETE’S CHOP SHOP, INC. ansässig ist. Und wo – in der bescheuerten Realität wie im Film – an der Grenze “Border Vigilantes” und Nazis Immigranten jagen und Politiker die Begleitmusik dazu machen.


Russell Pearce (Robert de Niro)

Der Wahlwerbespot von Senator John McLaughlin, gespielt von Robert de Niro und offenbar modelliert nach dem Chefhetzer von Arizona, Russell Pearce, christlicher Fundamentalist, Freund der Tea Party und des Nazis J.T. Ready – zeigt illegale Einwanderung als Würmer- und Kakerlakenbefall und fordert: “Keine Amnestie für Parasiten!” Motto: “Laß dich nicht auf der falschen Seite des Zauns erwischen!” Er nennt jede einzelne illegale Grenzübertretung einen “overt act of terrorism”, die Einwanderer – das Wort “alien” ist in etwa so neutral wie das Wort “Ausländer” – Aasgeier und Blutsauger und ruft die hard-working white americans auf, ihm das Mandat zu geben, das Ende von Freiheit und gerechtem Lohn zu verhindern.

Um McLaughlin entspinnt sich eine Wahlverschwörung wie bei “Bob Roberts”, nur ausschließlich mit wenigen abstoßenden älteren Herren und unter der gleichen Prämisse, daß der Kandidat ohne Verschwörung nicht gewählt werden würde. Tagelöhner Machete, jetzt “a man with no country”, wird stark übertariflich dazu angeheuert, als False Flag die Rolle des mexikanischen Attentäters zu spielen – Auftraggeber Booth erklärt sein Interesse an McLaughlins Ermordung mit der vorteilhaften wirtschaftlichen Wirkung von haufenweise billigen mexikanischen Arbeitskräften. Hier sieht es noch so aus, als wären die Mexikaner die Manövriermasse zwischen der zäunebauenden und protektionistischen Kapitalfraktion und der Billiglohn-Kapitalfraktion.

Machete jedoch gibt die ganzen 150.000 $ Lohn dem “Network”, das ihm selbst über die Grenze geholfen hat, und entkommt dem Setup. Die Arbeiterklasse vernimmt die Nachricht vom Attentat. Machete kommt – wie wir erfahren: anders als andere Illegale – in die normale Notaufnahme, wo er aber in den guten Händen des “Network” ist.

Unterdessen wird klar, daß insbesondere das Drogenkartell am illegalen Status seiner Waren und der erpreßbaren Migranten interessiert ist und – bis zur Revolution – auch auf amerikanischer Seite den meisten Druck ausüben kann. Booth auf die Frage, ob er Mexikaner so sehr hassen würde: “No, I hate declining profits that much. An open border allows supply to flow in too easily, drives our prices down. Secure border limits supply, drives the prices up. Higher prices, higher profits.” Zweck der Verschwörung ist also, daß McLaughlin einen elektrischen Grenzzaun errichten läßt, den Torrez bauen und später kontrollieren kann.

Die Revolution gegen McLaughlin und die Border Vigilantes wird zwar von Machete angeführt, den aber die Organisatorin der Untergrund-Infrastruktur “Network” zuvor zum Anführer ausgerufen hat. Sie, die Erfinderin der mysteriösen Kultfigur “Shé”, wird von Michelle Rodriguez dargestellt, die die amerikanische Strafverfolgung aus nächster Nähe kennt und nur wegen der überfüllten kalifornischen Gefängnisse auf freiem Fuß zu sein scheint. Michelle Rodriguez war die anarchistische Black-Block-Aktivistin Lou in “Battle in Seattle” (“When I was an animal activist I used to think the strong prey on the weak, when I was an anarchist I thought we could all be equal, and now I just take a long look at the enemy.”) und spielt nun die Revolutionärin Luz. Die macht Tacos für die “workers of the world – it fills their bellies with something other than hate.” Und sie versteht was von Voodoo mit Eiern.

Über She sagt Luz: “She brings hope. She rights the wrongs.”

Und sie erklärt das “Network”, das zunächst an die reale Organisation MEChA angelehnt zu sein scheint, von deren Demonstrationen u.a. politische Catchphrases des Films stammen: “At first I just wanted to help people to get settled, give them food, find them work. Now there’s a war against us. Von and his border vigilantes huntin’ us down like dogs, and there’s noone there to stop ‘em.” Darauf sagt Machete etwas, das über die gewaltfreie Praxis von MEChA hinauszielt: “You can. You’re a fighter.”

Luz’ Jungs bieten Machete an, mit ihm in den Kampf zu ziehen, er lehnt aber ab. Die Antwort, die ihn doch überzeugt: “If not us, then who?” Dann erhält die Arbeiterklasse per SMS die Nachricht zum Aufstand: “It’s the network.” (Hier haben wir es endgültig nicht mehr mit MEChA zu tun, dessen Nationalismus sich auch mit der im Film gezeigten Verbrüderung mit Nicht-Chicanos kaum verträgt und das – bisher – von militanter Aktion Abstand nimmt.) Sie fahren mit gepimpten Lowrider-Karren los, und haben Granatwerfer und Maschinengewehre dabei. Sie greifen das Hauptquartier der Border Vigilantes an und Machete schlachtet sich durch die Nazis wie der Butcher bei “Gangs of New York”. Aber sie übernehmen nicht die Regierung, sie kämpfen nur gegen die Nazis. Als in der Schlußszene Machete auf seinem Motorrad über den Horizont gefahren kommt, folgt ihm eben keine revolutionäre Armee.

Sondern: Rivera, zu der ich gleich noch mal kommen werde, die hier noch die Bikerbraut geben muß, womit der eigentlich gute Schlußsatz nicht mehr so richtig funktioniert, weil ihm noch einer folgt.

Rivera: “Where will you go?”
Machete: “Everywhere.”
Rivera: “Then I’ll ride with you.”

Das ist ein äußerst unangenehmer Effekt der ganzen Trashfilm-Ausrichtung. Machete macht mit der Tochter des weißen Rassisten rum, während diese – Lindsay Lohan spielt fast sich selbst – mit ihrer Mutter dem Publikum ihrer Sexwebseite zeigt, was es sehen will: “…and they want me, all of me.” Rivera bedankt sich dafür, daß Machete sie nicht vergewaltigt hat, als sie betrunken war. Und in der Schlußszene setzt sie sich eben als Anhängsel verkehrtherum mit auf sein Motorrad. Solche Sachen.

Then again, die Krankenschwestern feuern automatisch, die Garagen-Girls schweißen und schießen und Luz langt ebenfalls ordentlich hin. Michelle Rodriguez sagte dem britischen Magazin “Total Film”, daß “ihre ganze Karriere auf diese Momente von kraftvollen bzw. starken Mädchen basieren würde. Zudem hätte sie … keinerlei Probleme damit, dass man sie stereotypisiert und ihr Image das eines bösen Mädchens wäre. Gerade weil sie die Alternativen zu diesem Stereotypen bzw. Image kennen würde…”

Es gibt also Fuckyeah! Violent Women-Material, aber es ist schwer zu übersehen, daß die Frauen vorwiegend ihres Aussehens wegen gecastet wurden und die Kerle so gut wie nicht.

Rodriguez: Geht wählen!

In den Verdacht geraten, die politische Stimmung zuzuspitzen, war Rodriguez im Frühjahr mit einem angeblichen Fake-Trailer zum Film. “Machete” ging ja aus einer zwanzig Jahre alten Idee und einem der Ambiente-Trailer aus “Planet Terror” bzw. “Grindhouse” hervor (deutsch/englisch).

Nun warf Rodriguez pünktlich zur von Protesten und Boykotten begleiteten Verabschiedung des schärfsten Einwanderungsgesetzes der USA, des The Support Our Law Enforcement and Safe Neighborhoods Act (kurz: Arizona SB 1070″), Machetes “special Cinco de Mayo message to Arizona” in die Runde:

Cinco de Mayo wird nicht zuletzt wegen der Kampagnen der Tequilaindustrie von mehr mexikanischstämmigen Amerikanern gefeiert als der mexikanische Unabhängigkeitstag, was insofern paßt, als die Mexikaner am 5. Mai 1862 mit ihrem Sieg über die haushoch überlegenen Franzosen den Sieg der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg erst möglich machten. Nachdem Fox und die New York Post den Trailer nachvollziehbarerweise als Kriegserklärung gegen Arizona aufgefaßt hatten und der Filmverleih sich vorsichtig distanzierte, erklärte Rodriguez das ganze zu einer typischen Cinco-de-Mayo-Schnapsidee.

Das nahmen ihm nicht alle ab. “Machete appears tailor-made for the current political climate”, hieß es , und über seine Strategie: “If you can’t beat them, make a buck off them.”

Ist “What can I say, it was Cinco de Mayo and I had too much tequila” einfach Rodriguez’ Version von “Ich habe nicht inhaliert”? Oder haben diejenigen Recht, die meinen, daß in diesem Film “nichts etwas bedeutet, außer, dass es eben lustig ist”?

Oder ist der Film erst mit der zufälligen Nähe zu Arizona SB 1070 zu einem richtigen Exploitationfilm geworden? So schreibt cineastentreff.de, „Machete“ sei “Robert Rodriguez’ erster politischer Film”, gleichzeitig aber “derart abgedreht, strotzt Minute für Minute vor originellen und absurden Ideen und spielt so ziemlich jedes jemals aufgestellte Trash-Klischee bis zum Exzess aus, ohne sich selber ernst zu nehmen – ausgenommen vielleicht die bitterbösen Szenen, in denen die Bösewichte zu erbärmlichen Witzfiguren degradiert werden.” Und genau umgedreht heißt es bei avarty, der Film sei “auf eine Art karikaturhaft, die keinerlei echte politische Botschaft durchsickern lässt. Aber es wird sich durchaus Zeit gelassen, das “Mexploitation”-Schema durchzuziehen.”

Vielleicht ist Exploitation auch nur der Vorwand dafür, die Filme zu drehen, die man drehen will. Immerhin liefen viele Kunstfilme, die für reguläre Kinos zu kraß waren, mit den Exploitation zusammen im Grindhouse. Und so manches vom schnellen Trash wurde irgendwann zur Vorlage fürs große Kino. Und vielleicht ist Exploitation auch eine Möglichkeit für Rodriguez, etwas ähnlich Brutales und Irrsinniges zu zeigen wie die Welt, in oder zumindest neben der er lebt.

Einigermaßen gewiß ist, daß Rodriguez dem normalen politischen Betrieb verhaftet zu sein scheint, denn sein Statement zur revolutionären Wirkung von “Machete” lautet so:

>>I’m not that worried about it anymore, because it’s pretty clear that people won’t stand for it. I don’t really believe in protests, rallies or marches either. The real power is in voting. People have to register and vote because what we need is serious, comprehensive immigration reform. Our immigration system is so screwed up, I didn’t realize how much misinformation and misconceptions are out there until all this happened in Arizona and I started reading people’s thoughts about it. You can feel people’s frustration and yet it’s difficult for them to have a clear opinion on the matter because there’s such a mess of misinformation. This has to be figured out, the federal government has left it on the back burner for too long. Hopefully this will put pressure on them to do something about it. It won’t get solved before this mid-term election but they can at least start making progress.<<

Anleitung zum proletarischen Aufstand: Der Wisch-Mob

Wenn es aber wirklich gar nicht um die Revolution geht, was sagt uns das, daß Rodriguez unabsichtlich die wirkungsvollste Aufwiegelung seit langer Zeit gelungen ist? Vielleicht einfach, daß hier diesbezüglich viel zu lernen ist. Schauen wir uns das noch mal an:

Irgendwann im Laufe des Films wird Machete vom too-good-to-believe Cop, der nicht zu kaufen oder einzuschüchtern ist, zum ideellen, vaterlandslosen Gesamtproletariat, das nicht kaputtzukriegen ist, das einen Zweikampf gewinnt, ohne zu kämpfen und ohne mit dem Essen aufzuhören, und das bereits die Waffen trägt.

Die Machete ist für Booth “low-tech, completely unsuited to our purposes”, für Machete ist es sein “Backup”. Denn die Arbeiterklasse kämpft bis zum Aufstand fast ausschließlich mit Arbeitsgeräten, Werkzeugen und allem, was sonst zur Hand ist: Polizeiauto, Wischmop, Gürtel eines Krankenschwester-Kittels, Operationsbesteck, Krankenliege, Korkenzieher, Küchenthermometer, Küchenbeil, Spitzhacke, Heckentrimmer, Spaten, Bolzenschußgerät, Gartenhacke und immer wieder Macheten. Und das medizinische Fachwissen, daß menschliche Eingeweide lang genug sind, um sich daran aus dem Fenster ins nächsttiefere Stockwerk zu schwingen. Rivera rammt einem Killer den Absatz eines Stöckelschuhs ins Auge. Auch in der Aufstandsszene kommen neben schweren Waffen auch ein Scheibenputzgerät, Holzlatten, Malerrollen, Pfannen, Knüppel, Äxte und Vorschlaghämmer zum Einsatz. Arbeitsgeräte als Waffen einsetzen, ist Hacking nach Art des revolutionären Kampfes. (Der Gedanke ist etwa zur Hälfte von Philip.)

Es gibt glaube ich wenig direktere Möglichkeiten, Arbeitern propagandistisch Waffen in die Hand zu legen, als ihnen zu zeigen, daß sie sie schon die ganze Zeit in der Hand haben.

Die Sicherheitsleute von Booth bemerken sehr richtig (aber etwas spät): “You ever noticed how you let a Mexican in your home just because he’s got gardening tools? I mean, no question asked, you just let him right in. He could have a chainsaw or a machete.”

Später werden sie wankelmütig, einer sagt: “You know, I’ve been thinking. We let these people into our homes, watch our kids, park our cars. But we won’t let them into our country. Does that make any sense to you?” Auch hier entsteht der Eindruck, in ein politisches Bilderbuch zu schauen: “[Machete] wasn’t here for us, he was here for the boss. I’ve been watching the boss and this guy’s a real scumbag.”

Die eigentliche revolutionäre Lehrgeschichte ist aber die Entwicklung von Sartana Rivera (Jessica Alba), Agentin des I.C.E., “la Migra”, nach der Einrichtung von Homeland Security am 1. März 2003 aus bestehenden Zoll- und Einwanderungsbehörden gebildet und dem DHS unterstellt. Wikipedia: “Die ICE Special Agents (dt. „Spezialagenten“) und Federal Inspectors (dt. „Bundesinspektoren“) besitzen die weitreichendsten Ermittlungsbefugnisse aller US-Behörden im Inland.”

Sie sagt erst noch “catch you later” zur Revolutionsstifterin, auf deren Seite sie sich später schlagen wird. Am Anfang verteidigt sie gegenüber Machete (“we’re both cops”) ihre Position im Repressionsapparat:

Rivera: “Laws are enforced here and people control them, not druglords. The system works here.”
Machete: “Says you.”
Rivera: “I started working on the nightshift, taking out the trash. But I worked my way up as translator, assistant, now I’m special agent in charge of investigations.”
Machete: “So they still got you taking out the trash.”

Dann entdeckt sie Luz, als diese ihren Jungs das Waffenlager für “la revolución” zeigt und sie auf Machete als Anführer einschwört. Luz zeigt Rivera die Zentrale des “Network”.

Rivera: “How deep does your operation go?”
Luz: “Deep. All types, all races. Lawyers, priests, doctors, homeboys. (…) The system doesn’t work. It’s broken. So we created our own.”

Rivera beschließt zunächst, sie nicht zu verpfeifen. Als sie Machete fragt, wo er hingeht, antwortet er: “Take out the trash.” Kurz darauf sagt sie ihrem Vorgesetzten am Telefon: “There is the law. And there is what’s right. I’m gonna do what’s right.”

Dann folgt die eingangs erwähnte Ansprache an die Arbeiter und der Aufstand.

Machete revolution insurrection
Machete revolution insurrection

Und nun? Kommunismus (unwahrscheinlich) oder Bandenherrschaft (wahrscheinlich)

Die bescheuerte Realität ist leider eher dem gefolgt, was Rodriguez gesagt hat, als dem, was er so schön im Film zeigt. Statt des Aufstands gab es das Gesetz, Demonstrationen und nun den Exodus Zehntausender in andere Bundesstaaten oder zurück nach Mexico.

Und nicht nur die Lage der Immigranten hat sich verschärft, auch im Drogenverbotskrieg ist kein Ende abzusehen, er wird eher noch verwickelter.

Die mexikanische Regierung sprach sich deutlich gegen die Legalisierung von Cannabis aus, wie sie in Kalifornien gerade erst knapp gescheitert ist. Es sei Heuchelei, in Lateinamerika hartes Vorgehen gegen den Drogenhandel zu fordern und daheim den Konsum zu erleichtern. Andere, unter ihnen zwei ehemalige Präsidenten, sehen hingehen die Legalisierung als Möglichkeit, die Kartelle zu treffen und das Blutbad zu beenden.

In den USA wiederum sind Stimmen wie die von Louis E.V. Nevaer zu hören, die der mexikanische Regierung darin folgen, in der eskalierenden Gewalt ein Zeichen dafür zu sehen, daß die Drogenkartelle in Mexico am Ende seien. Das Paradox sei nun, wenn Präsident Calderon gewinnt, würden die “Narcos” in die USA ausweichen. They would bring the war home.

Insofern steht weder in Arizona oder Texas, noch in Mexico eine Revolution bevor, eher ist zu befürchten, daß Calderon sich verschätzt und die Lage so beschissen bleibt, wie sie ist. 500.000 Menschen arbeiten in Mexico im Drogenhandel, 45.000 Soldaten sind hinter ihnen her. Die UNO erklärt unterdessen Cannabis für so gefährlich wie Heroin und weist darauf hin, “that the estimated $352bn generated by drug lords in 2008-09 helped save the world banking system from collapse.”

Wenn sich nichts ändert, steht Mexico die Ausweitung eines ganz anderen Aufstands bevor. John Ross über Mexico’s modern revolutionaries:

>>Today full-scale urban warfare rages on the streets of Juárez – over 1,800 citizens have been slain in the first eight months of the year in firefights between drug gangs and the Mexican military. Car bombs detonate on downtown streets and the mansions of the wealthy are looted and torched. Narco-commandos attack police stations and army barracks, carrying off artillery, and prisoners are broken out of jails much as they were by revolutionaries a century ago.

Monterrey, Mexico’s industrial powerhouse, is repeatedly shut down by the narco-insurgents, who block key thoroughfares with stolen trucks and construction equipment, reportedly so that their weapons will have free access to major transit routes. Top politicians like the frontrunner for governor of Tamaulipas state are assassinated. Others such as the presidential candidate Diego Fernández de Cevallos are kidnapped.

The Mexican military and the US North Command – for which Mexico is the southern security perimeter – have long expected the narco-gangs and leftist revolutionary bands to coalesce. But revolutionaries in their armchairs complain that revolutions must have ideologies and display class allegiances: this narco-insurrection seems to be all about barbaric killing and taking power, not the liberation of the working class.<<

Vielleicht ist das bei vielen wirklich noch nicht angekommen, die jedem Versuch der revolutionären Veränderung das Risiko des Abgleitens in Bandenherrschaft entgegenhalten und dagegen die Staatsgewalt in Stellung bringen: die Banden sind genau diesen Staaten entsprungen und stehen schon bereit, an ihre Stelle zu treten. Wenn es noch was werden soll mit dem Kommunismus, dann vermutlich eher vorher.

Und "Machete" zeigt zwar insgesamt eher eine Revolutions-Ersatzhandlung, aber auch höchst Inspirierendes über Organisation sowie den eigentlichen Moment der Bewaffnung und des Aufstands.

14 Responses to “Machete – die Waffe in deiner Hand”

  1. classless Says:

    Unausgereifte Bonus-Deutung des Films: Katholiken gegen Protestanten. Pfarrer: “God has mercy, I don’t.” Beichte trickst die Verschwörer aus. Doppelmoral. Priester schießt selbst. (Mutmaßlicher) Protestant Booth läßt Priester ans Kreuz nageln und trinkt den Meßwein: “Tastes like Merlot to me.” Booth expects everybody to go to hell. Lindsay Lohan erschießt zum Schluß als Nonne McLaughlin, in the name of her father. Und so.

  2. Classless Machete « medium – wenn schon n3rd, dann richtig! Says:

    [...] Irgendwann im Laufe des Films wird Machete vom too-good-to-believe Cop, der nicht zu kaufen oder ein… [...]

  3. Wolfgang Says:

    “The function of revolutions is to destroy the illusions that created them.” (Nicolas Gomez Davila)

  4. Chican@ Says:

    Nur eine kleine Anmerkung: Es heißt nicht “la mira”, sondern “la migra”, von inmigración. Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Migra

  5. classless Says:

    Danke, geändert!

  6. Tagesschau Says:

    Es wurden also ausschließlich die weiblichen Darstellerinnen wegen ihres Aussehens gecastet? Danny Trejo wurde also nicht wegen seines bad-boy Ledergesichts gecastet? auch Robert de Niro gibt mit Plauze und Alter den perfekten fiesen Politiker ab …

  7. classless Says:

    Ich suche nach dem passenden Adjektiv vor “Aussehen”…

  8. ... Says:

    ‘Es gibt also Fuckyeah! Violent Women-Material, aber es ist schwer zu übersehen, daß die Frauen vorwiegend ihres Aussehens wegen gecastet wurden und die Kerle so gut wie nicht.’

    Hm. Wie bereits erwaehnt wurden alle SchauspielerInnen sehr wohl ihres Aussehens wegen gecastet, da wuerde ich ebenfalls keinen Unterschied zwischen maennlich und weiblich anmutend machen. Eher sehe ich die Gemeinsamkeit, sowohl maennliche als auch weibliche DarstellerInnen wurden nach gaengigen (Rollen)Klischees und chauvenistischer Idealvorstellungen gecastet. Der Hauptdarsteller ist ein harter, wenn auch unattraktiver Mann, welcher durch Mut, Ehre und Staerke glaenzt, eben typische Machoscheiße, den ganzen Film ueber. Auch der boese Senator ist erfolgreich und gerissen, so wie es ‘sein soll’. Die Frauen erfuellen praktisch jede Maennerphantasie, die reiche, verwoehnte Tochter, welche keine Hemmungen hat und die schuechterne Mutter, die sich aber ebenfalls ueberreden laesst, hat ja nur der richtige Mann gefehlt, der ‘es ihr besorgen kann’. Auch ‘She’, wenn gleich stark dargestellt, ist auf Machete angewiesen und verfaellt ihm, die starke Frau, welche nur auf einen noch staerkeren Mann wartet.
    So sehen die Frauen dann entsprechend auch aus, hoechst sexualisiert.

  9. classless Says:

    @ …

    Well d’uh, yeah, obviously.

  10. Donauwelle Says:

    Hier geht es nicht nur um Prohibitionskrieg sondern auch um das texanische Nationaltrauma, deswegen auf der Seite zu stehen auf der man steht weil man sich bei der Entscheidung von den falschen Gründen hat leiten lassen. Bekanntlich hat sich Texas während der gescheiterten Revolution in Deutschland von Mexiko gelöst und den USA angeschlossen, um auf Seiten der Sklavenhaltergesellschaft zu stehen, Arizona und andere folgten kurz darauf. Das texanische Nationaltrauma sitzt so tief dass “geleakte” (wenngleich damals noch nicht an die Öffentlichkeit) geheimdiplomatische Dokumente des Kaiserregimes worin um eine Wiederanfachung dieses Konflikts spekuliert wurde ausschlaggebend für den Eintritt der USA in den (Ersten) Weltkrieg waren (sog. Zimmermann-Telegramm). Die unterbewußte Angst, der “Lone Star” könnte womöglich erneut die Seiten wechseln ist eine der Antriebskräfte der offiziellen Drogenparanoia, das lokale umgangssprachliche Synonym für Cannabis etwa wurde deswegen weltweit in die Polizeisprache übernommen, und auch eine solche kulturindustrielle Verarbeitung des Themas deutet darauf hin dass der Zentralregierung das Selbstvertrauen fehlt sich der Angelegenheit politisch zu stellen.

  11. ... Says:

    Dann konstruier keine unterschiedliche Vorgehensweise, wenn keine vorhanden ist.

  12. classless Says:

    Sorry, aber ich hab schon geschrieben, daß ich nach einem tauglichen Adjektiv suche, um den Unterschied zu bezeichnen, den es im Castting ja offensichtlich gibt und den du auch gar nicht bestreitest. Vorschlag?

  13. ... Says:

    Wollte darauf hinaus, dass Frauen/Maenner nach dem gleichen Schema, naemliche sexualisierte maennliche Idealvorstellungen, sowohl den Maennern (Trejo, DeNiro, Seagal; oder als Gegenbeispiel der Boothtyp, der als “Versager” herhalten muss, welcher seine Frau nicht befriedigen und seine Familie nicht unter Kontrolle hat) als auch bei Frauen. Da ist also kein wirklicher Unterschied. Innerhalb dieser Vorstellung muessen die Frauen natuerlich “von dem/der durchschnittlichen ZuschauerIn als begeherenswert empfunden werden”, glaub aber kaum, dass dies durch ein Adjektiv auszudruecken ist. Eventuell “dem gaengigen Schoenheitsideal entsprechend”, kommt meiner Meinung nach sehr nah ran, allerdings geht mir da, der sonst so schoen aufgezeigte, sexuelle/chauvenistische Hintergrund verloren.

  14. classless Says:

    Hm, knifflig.

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