Erst die Hausordnung

May 24th, 2011

>>Wir haben Fehler gemacht, wir legen ein volles Geständnis ab …Wir sind sachlich gewesen, wir sind gehorsam gewesen, wir sind wirklich unerträglich gewesen… Wir haben uns den Immatrikulationsbestimmungen unterworfen. Wir haben Formulare ausgefüllt, die auszufüllen eine Zumutung war…. Wir haben uns durch schlechte Noten kleinkriegen lassen, wir haben uns durch gute Noten wieder aufmöbeln lassen, wir haben es mit uns machen lassen…. Wir haben in aller Sachlichkeit über den Krieg in Vietnam informiert, obwohl wir erlebt haben, daß wir die unvorstellbarsten Einzelheiten über die amerikanische Politik in Vietnam zitieren können, ohne daß die Phantasie unserer Nachbarn in Gang gekommen wäre, aber daß wir nur einen Rasen betreten zu brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen… Da sind wir auf den Gedanken gekommen, daß wir erst den Rasen zerstören müssen, bevor wir die Lügen über Vietnam zerstören können, daß wir erst die Marschrichtung ändern müssen, bevor wir etwas an den Notstandsgesetzen ändern können, daß wir erst die Hausordnung brechen müssen, bevor wir die Universitätsordnung brechen können. Da haben wir den Einfall gehabt, daß das Betretungsverbot des Rasens, das Änderungsverbot der Marschrichtung, das Veranstaltungsverbot der Baupolizei genau die Verbote sind, mit denen die Herrschenden dafür sorgen, daß die Empörung über die Verbrechen in Vietnam, über die Notstandspsychose, über die vergreiste Universitätsverfassung schön ruhig und wirkungslos bleibt.<<

(Peter Schneider am 5. Mai 1967 vor der Vollversammlung aller Fakultäten der Freien Universität Berlin, via)

4 Responses to “Erst die Hausordnung”

  1. derivat Says:

    auch in besetzten häusern: zuerst die “hausordnung brechen”? oder besonders dort? oder regiert da auch der “sachzwang” aka hausordnung?

  2. f Says:

    @ derivat
    tülülülülüüüü :)

  3. Wolfgang Says:

    @derivat:
    Auch in bestzten häusern folgen die menschen der logik des “Selbst”: PUSH OR PERIL.
    Da helfen weder kampfsporttraining noch workshop, inkl. “mucke” danach. Das absichtliche brechen dortiger hausordnungen ist auch eine neurotische reaktion des “Selbst”. Wo und wie auch immer sich mit dem “Selbst” v-erwachsene menschen organisieren, entstehen haus-ordnungen und hierarchien. Mit dem “Selbst”(Wert,Gefühl) wird dann auch Identität – auch mehrdeutige queere – wichtig.

    Un contrat social?:
    “Anarchie ist Identität, die bis auf den Grund abgebaut wird, ohne im Anderen erneut zu entstehen.” (Emmanuel Levinas)

  4. Donauwelle Says:

    Den inhaltlichen Bogen den Wolf Wetzel in seinem Text von Peter Schneider zu Rio Reiser schlägt hat übrigens Khalid El-Masri genau so gelebt, als er nach der Entlassung aus Guantanamo wegen Unschuld weiterhin – einschließlich seines Anwalts – von der Geheimpolizei überwacht wurde. Notstandspychose kann auch heißen Mut zur Lücke im Konflikt mit einem irrsinnigen System.

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