Walpurgisnacht & 1. Mai: erst as usual, dann überraschend

May 2nd, 2012

Die meiste Zeit über war alles wie immer, nur noch langweiliger.

In der Walpurgisnacht latschten 3-4000 Leute unter dem Motto „Nimm was dir zusteht“ durch den Wedding, beschallt von einer hysterischen Moderation und garniert mit zwei Palästina- und drei SDAJ-Fahnen. Die Polizei betätigte sich wie zuletzt meistens erfolgreich als Anti-Spektakel-Einheit, die einfach alles mit sich vollmachte, aufkommende Dynamik gekonnt ausbremste und ohne viel Theater ein paar Leute festnahm. Hinterher wurde die Demo als großer Erfolg hingestellt und von manchen auch als Beispiel für „Bullenterror“:

>>…massives gewaltsames Eindringen der Polizei in die Demonstranten. Die Demo wurde gewaltsam zerstückelt.<<

Am 1. Mai war in Kreuzberg zunächst auch die übliche Mischung aus Blech, Uniformen und bierseligem Straßengrillfest zu besichtigen.

Dann sammelte ab kurz nach 17 Uhr eine mehr oder weniger spontane Demo schon mehrere Tausend Leute vom Aufstandsbekämpfungsfest ein, um sie zum Start punkt der „Revolutionären 1. Mai Demo“ zu führen. Die Cops, die sie dabei aufhalten sollten, versagten dabei an mindestens zwei Punkten und wurden einfach beiseitegeschoben.

Sponti läuft durch Polizeikette
Da ist die Sponti schon an ihnen vorbei

Erst am Kotti nahmen die Cops dann in einer Seitengasse Anlauf und hauten auch mal ein bißchen in die Menge, gingen auf Fotografen los, die ihrer Meinung nach nicht dokumentieren sollten, wie sie mit Festgenommenen umsprangen.

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Diese Cops hatten offenbar was gegen Fotografen

Die „Revolutionäre 1. Mai Demo“ selbst – das war die erste große Überraschung – war fast doppelt so groß wie im letzten Jahr (ich würde etwa 20000 Leute schätzen, ich sah sie am Startpunkt fast eine halbe Stunde vorüberlaufen) und war inhaltlich recht vollständig aufs autonom-kommunistische Kernprogramm beschränkt: Klassenkampf gegen das Kapital, Systemüberwindung.

Bis die Demo die Grenze Kreuzbergs erreichte, gingen ein paar Scheiben an einer Tankstelle zu Bruch, ansonsten schien es allgemein das Interesse zu geben, wirklich wie geplant nach Mitte zu laufen, weshalb wohl auch völlig unbewachte Gebäude am Rand nicht angegriffen wurden. Noch vorm Axel-Springer-Haus, das von einer Reihe Polizeiwannen blockiert war, bog die Demo einfach ab, aus dem Frontlauti wurde Ulrike Meinhofs „Vom Protest zum Widerstand“ verlesen. Bis auf eine Rauchbombe passierte auch hier nichts.

Unmittelbar danach – und das würde ich als eine Zäsur ansehen – griff die Polizei (laut taz-Ticker um 20:38 Uhr) die Demospitze an, als sie die Grenze zu Mitte erreichte:

>>Die Polizei stoppt den Zug, stellt sich mit einem massiven Aufgebot vor die Spitze und reißt das Fronttransparent herunter. Die Beamten sprühen Pfefferspray auf die Demonstranten. Blitzlichtgewitter der Fotografen. Ein Mädchen läuft blutend vorbei.<<


zwar nur wenige Ausschnitte, aber ab 1:47 ist zu sehen, wie der Angriff der Cops auf die Demospitze losgeht

Eine weitere Darstellung dazu:

>>Als die Demospitze von der Lindenstraße in die Markgrafenstraße einzieht, wird – die zu diesem Zeitpunkt komplett friedliche Demospitze – von der 23. Einsatzhundertschaft von drei Seiten mit einem massiven Knüppeleinsatz angegriffen und auseinandergesprengt. Die Polizeibeamt_innen reißen das Fronttransparent nieder und leeren ihre Pfefferspraydosen über dem vorderen Block. Viele Leute aus den ersten Reihen werden verhaftet oder verletzt. Die Demospitze wird von der Polizei auseinandergetrieben.<<

Danach beginnen auf der Lindenstraße, wenige Meter entfernt, einige Autonome damit, Baustellenabsperrungen auf die Straße zu räumen und bewerfen das Polizeihäuschen vor dem Jüdischen Museum mit Steinen. Das Museum selbst wurde, anders als sogleich aus dem Springer-Hochhaus von B.Z. und Morgenpost verbreitet, nicht angegriffen. „Es gab keinerlei Schäden am Gebäude“, sagte eine Sprecherin des Museums, Katharina Schmidt-Narischkin der Jüdischen Allgemeinen:

>>Dass das Wachhaus der Polizei vor dem Museum beschädigt wurde, „lag wohl daran, dass an dem Häuschen Polizei stand“.<<

In der Viertelstunde danach stürmen immer wieder Festnahmeeinheiten der Polizei in die Demo, schlagen um sich, zerren Menschen hinter sich her. Ihre Angriffe werden mit Stein- und Flaschenwürfen beantwortet, die meisten Demonstrierenden gehen lange Zeit noch davon aus, die Demo fortsetzen zu können. Aus dem Frontlauti, in dem der Anmelder sitzt, wird mehrfach durchgesagt, daß die Versammlung nicht aufgelöst sei, sondern von der Polizei gewaltsam beendet werden würde. Die Darstellung der Veranstalter entspricht dem, was ich mitbekommen habe:

>>Die Demonstration, die mit einem offensiven antikapitalitischen Ausdruck und mit zahlreichen Fahnen und Transparenten zunächst durch den Kreuzberger Kiez zog, wurde dann auf dem Gang in die politische Mitte Berlins massiv von zahlreichen Polizeibeamten angegriffen und gestoppt. Die Polizei ging in Höhe Linden/Markgrafenstraße, unweit des Jüdischen Museums, mit unglaublicher Brutalität gegen die Spitze der Demonstration vor und löste den Aufzug mit massiver Härte mittels Schlagstockeinsatz und Tränengas schließlich auf.<<

Danach zerstreut sich die Demonstration bzw. versucht es, soweit die Polizeiabsperrungen, die sie von Mitte und vom Myfest fernhalten soll, es zulassen. Einen angezündeten Haufen aus Holzpalette, Plasteteilen und Pappkartons auf der Straße vorm Jüdischen Museum läßt die Polizei noch über eine halbe Stunde lang brennen, bis wirklich jede Kamera ein Bild davon hat.

Im Nachgang herrschen die Reflexe vor - die Meldung der Springer-Blätter, die Demo hätte das Jüdische Museum angegriffen und somit das Eingreifen der Polizei nötig gemacht, wird von erschreckend vielen Leuten einfach geglaubt, weil sie ihnen ins Bild paßt. Die Tendenzpresse selbst wiederum scheint das Ausbleiben der üblichen Randale geradezu zu bedauern, die B.Z. schreibt auf ihre erste Seite, daß sie gleich gar nichts über die "Chaoten" titeln will.

Die Frage, warum sich die Polizei dazu bewegt sah, ihre jahrelang gezüchtete Ausbremserei dermaßen abrupt über den Haufen zu werfen und eine Demo dieser Größe frontal anzugreifen, wird hingegen wenig diskutiert.

12 Responses to “Walpurgisnacht & 1. Mai: erst as usual, dann überraschend”

  1. TEKA Says:

    gute Einschätzung. Danke!

  2. Benni Says:

    Vielleicht weil es zum ersten mal wieder einen CDU-Innensenator gibt?

  3. u. Says:

    zitat “junge welt”: “Unterdessen mehren sich Hinweise, daß Gruppen von Zivilpolizisten gezielt Jagd auf ihnen bekannte Linke gemacht und diese grundlos geschlagen haben. In der jW-Redaktion ging am Mittwoch außerdem der Hinweis einer Person ein, die den Polizeifunk (BUS Kanal 436) mitgehört und dort aufgeschnappt habe, daß Zivilpolizisten sich an Straftaten beteiligt hätten. So sei über Funk die Durchsage »Steinewerfer vermutlich Aufklärer, nicht festnehmen« gemacht worden. ” ( hxxp://www.jungewelt.de/2012/05-03/042.php )

  4. MitteAlta Says:

    Kuriosum:

    Berliner Zivis gegen verpeilte Cops aus Hangover

    http://www.flickr.com/photos/mikaelzellmann/6989482562/in/set-72157629584311306/

  5. classless Says:

    @ MitteAlta

    Das war die Situation, in der mein 2. Foto entstanden ist – dort schienen die Berliner Zivicops die Niedersachsen darauf hinweisen zu wollen, daß sie sich keineswegs unbeobachtet in einer Seitengasse befanden, sondern von den Balkons aus überall fotografiert und gefilmt wurde…

  6. tärä Says:

    Das mit dem jüdischen Museum scheint ja zur neuen Deeskalationsstrategie zu gehören. Wie auch das vermehrte Einsetzen von Polizisten mit Migrationshintergrund.

  7. nogo Says:

    Ich halte es für gerechtfertigt, einen Angriff auf das Wachhäuschen auch als einen Angriff auf das Museum zu verstehen. Schließlich könnte das Museum – wie viele andere jüdische Einrichtungen in Deutschland – nicht bestehen, wenn es nicht dauerhaft von der Polizei bewacht werden würde. Es hat schon was realitätsvergessenes, wenn man auf eine Demo geht, bei der es traditionell auch um die Ausübung von symbolischen Gewaltakten geht, und dann den Symbolgehalt der dort ausgeübten Taten leugnet. Die Hobbystrategen können sich natürlich jetzt haarklein über die Abläufe, Ursachen und Wirkungen der Eskalation den Kopf zerbrechen sowie Verschwörungstheorien ausschmücken, aber hier von der Wohnzimmerperspektive aus lässt sich eigentlich nur feststellen: Well done police! Wenn man euch braucht, dann für so etwas.

  8. bettina Says:

    1. Mai, nachts, unter dem ersten Eindruck:

    Was die Menschen dort veranstalten, in Kreuzberg, ist unter aller Kritik und es entzieht sich einer unmittelbaren Beschreibung. Ein Versuch ist der Vergleich mit einem Kriegsschauplatz, wo allerdings Beschuss und Bombardement ersetzt sind durch das Flackern von Lichteffekten, dem Dröhnen von Bass und sonstigen hämmernden Instrumenten – die Straßen sind bedeckt von Tonnen von Abfall, zerbrochenen Flaschen, Essensresten und Fetzen von Papier, auf denen die Bekenntnisse derjenigen in den Dreck getreten werden, die diese lärmende Hölle produzieren, die sie als widerständige, gar revolutionäre Feier verkaufen. Im Rinnstein häufen sich Tausende von zersplitternden Plastikbechern an. Die Menschen wanken in den Rauchschwaden der vielen Grillfeuer umher, viele betrunken oder sonstwie enthemmt und betäubt, sie drängen sich aneinander vorbei, sie laufen stumpf oder tanzen fröhlich, vielen ist die völlige Überreizung im Gewühl anzusehen. Leute urinieren am Straßenrand, die ersten Betrunkenen liegen auf der Straße herum. Eine Seite der Oranienstrasse ist von Polizisten in Kampfmontur, behelmt und mit schlagbereiten Stöcken, vollständig abgeriegelt. Niemand darf durch, auch kein Anwohner, ohne Angabe von Gründen. Man muss Umwege laufen, das tun auch alle. Auf Anweisung der Polizei darf – wieder ohne weitere Erklärung – die U8 am Kottbusser Tor nicht halten, sondern erst an der nächsten Station. (…) Leute tragen [ins Möbel Olfe] ein eigenhändig beschriebenes Pappschild herein, wie selbstverständlich stellen sie es auf einem Tisch auf, woran sich niemand stört; auf dem Schild steht:
    “SPEED UP THE PROCESS”

    2. Mai: Nachbetrachtungen und Nachgedanken zum revolutionären 1. Mai in Kreuzberg

    Wie wir gestern Abend (mein Freund Kazem und ich) erlebt haben, kommen die hässlichsten Dinge dabei heraus, wenn es in erster Linie darum geht, um jeden Preis zu handeln, wo man in Wirklichkeit nicht das geringste tun kann.#
    Im Versuch, blind die eigene Ohnmacht mit Gewalt aufzuheben, gewinnt nichts anderes Gestalt als eben jene Gewalt, die man sich selbst, anderen Menschen und Dingen dabei antut, weil sich bei bewusstlosen Handlungen des Einzelnen unmittelbar immer nur das falsche Allgemeine verwirklicht. Deshalb ist keine Schönheit zu entdecken in den Ereignissen von gestern Abend (die sinnlichen Eindrücke, die ich in ganz wenigen Momenten am Tage noch zu genießen wusste – die Wärme, die Gerüche des Essens, des Rauches und der Geschmack meines Frozen Orange mit Gin -, bestehen darin nur als ganz unbeabsichtigte Abfallprodukte; und irgendwann ist man auch so erdrückt von allem anderen, dass man auch das nicht mehr zu genießen imstande ist, sondern sich nur noch danach sehnt, von diesem befremdlichen Treiben wegzukommen). Was einem Rest von Würde darin am nächsten kommt, ist allein, nicht daran teilzuhaben, sich zu weigern, mitzutun. Der allgemeine Drang, voran zu stürzen, ist auch in mir spürbar; aber ich bemühe mich, mir diesen Umstand bewusst zu machen, entgegen der immer wieder hinderlichen inneren Widerstände und der Angst vor dem schmerzhaften Gewahrwerden, das erlebt werden muss, um im Besonderen zu begreifen. Und erst, wenn neben dem allgemeinen Begriff sich der besondere herausgebildet hat, ist im entsprechenden Maße und objektiv begrenzt durch die Einbettung ins Allgemeine eine individuelle bewusste Gestaltung dieses Daseins möglich. Aus all den vorhandenen “Gestalten” erst ergibt sich das objektive Allgemeine und deshalb ist das Besondere auch immer als Grundlage von allem zu denken (auch hier taucht wieder der Gedanke auf an den Vorrang der Erfahrung vor dem Begriff) – entgegen den Behauptungen der so genannten Wissenschaftler, die sich und ihre Konsumenten über die totale ideologische Zurichtung des wissenschaftlichen Betriebs betrügen, indem sie ihre Beweisführung streng logisch und empirisch betreiben, da angeblich aller geschichtlichen Erkenntnisse und subjektiven Erfahrung zum Trotz allein damit Wirklichkeit zu erfassen und zu beschreiben sei. Und die eben indem sie das Besondere nicht unmittelbar als Ausdruck des Allgemeinen begreifen, diesen grauenhaften und unwürdigen Zustand zementieren (ja, auch hierin liegt ein Widerspruch zum vorangegangenen Satz; der logische Verstand verzweifelt daran).
    Es gilt, nach allen vorhandenen Möglichkeiten tatsächlich nicht mitzumachen und für sich selbst Mittel und Wege zu finden; das ist durchaus keine bequeme Haltung, mit der man sich den Anforderungen entzieht, sie ist geprägt von Zweifeln und Konflikten. Denn konsequente Verweigerung erfordert menschliche Anstrengung und Auseinandersetzung; auch um in ihr nicht zu erstarren und sie wiederum zum Prinzip gerinnen zu lassen – sondern fortschreitend begreifend zu lernen und lernend zu begreifen. Und in der Auseinandersetzung entsteht keine Synthese, sondern im Gegenteil treten die tatsächlich herrschenden Widersprüche offen zutage. Eine ernstgemeinte kritische Haltung ist das Gegenteil eines Sichergebens in die Ohnmacht, denn erst im kritischen Abstand und differentem Handeln, das durchaus gegebenenfalls im Nichthandeln liegen kann, befindet sich ein Moment, der die Möglichkeit nahe kommen lässt – greifbar werden lässt -, dass die Bedingungen nicht festgeschrieben sind, sondern von uns durchschaut und bewusst aufgehoben werden können – aber eben genau nicht in der rastlosen, bewusstlosen Zuspitzung und Eskalation der Verhältnisse, die immer nur darauf abzielen, mit der Transformation von abstrakter Verwertung in konkrete Vernichtung auch die letzte Hoffnung mit zu vernichten, dass es einmal anders sein könne und werde.
    Die Einsicht in die eigene Ohnmacht und die daraus folgenden praktischen Konsequenzen dürfen nicht zu einer Ausrede werden für bequeme Passivität oder ein Versinken in indifferente Lethargie. Im Grunde bedeutet letzteres wohl in Zügen das, was der amerikanische Theologe, Philosoph und Politikwissenschaftler Reinhold Niebuhr schrieb:
    “Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
    den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”
    Dass er die Gelassenheit von einem Gott sich erhofft, sein Flehen sich damit nach außen und gewissermaßen “nach oben” richtet, sei hier nicht weiter thematisiert – die Aufforderung aber zur Differenzierung des Möglichen vom Unmöglichen und zur Veränderung des Möglichen birgt eine menschliche Utopie in sich, die bei denen, die sich als Avantgarde von Aufklärung, Emanzipation und Befreiung gerieren, paradoxerweise (- auf den ersten Blick paradox scheinend) radikal eliminiert wird:
    Am Mariannenplatz fanden gestern noch die widerwärtigsten antisemitischen Manifestationen und Publikationen Anklang und breiten Beifall (beispielsweise eine weithin sichtbare Solidaritätsbekundung für Günter Grass’ “Gedicht” nebst einem orthodox gekleideten Juden, der dazu passenderweise eine große palästinensische Flagge in die Luft hielt und häufig fotografiert wurde), während am israelsolidarischen Stand ständige Polizeipräsenz nötig war und antisemitisch gepöbelt wurde. Gerade die von der “bekennenden” antisemitischen Terrororganisation Hamas bzw. der etwas weniger terroristisch auftretenden Fatah angeführten Palästinenser als Vertreter des bei den Deutschen so beliebten Opfer- und Märtyrervolkes ohne Land und Staat, sowie ihre allseits beliebten Tücher waren zahlreich und sichtbar vertreten. Von israelischen Linken wurde bei einer “Diskussion” der jüdische Staat mit dem iranischen Mullah-Regime gleichgesetzt und auf Flugblättern wurde Israel als Kriegshetzer diffamiert. Von Antisemitismus, Vernichtungsdrohungen, Holocaustleugnung, Hinrichtungen, Folter und der Unterstützung und Verbreitung islamistischen Terrors durch das iranische Regime findet sich darauf kein Wort.- Die kulturellen Darbietungen am Nachmittag bestanden hauptsächlich aus folkloristischen Kreistänzen händchenhaltender Friedensanhänger und muslimischer Familienväter, deren unterwürfig verhüllte Frauen am Rande standen (- und ja, sicherlich, die Verschleierung als Zeichen der völligen Unterwerfung unter den Willen Allahs ist womöglich ganz ohne direkte äußerliche Gewalt freiwillig und selbstbestimmt geschehen; so sehr die Frauen jeweils erfüllt sind von einem Wollen in Freiheit und dem individuellen Bedürfnis nach selbstbestimmtem Handeln – wie heißt es bei Kafka: “Das Tier entwindet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst, um Herr zu werden”; und nein, ich bin keine Rassistin: zwischen Gegenstand der Kritik – dem Kopftuch, und seiner Trägerin weiß ich wohl zu unterscheiden).- Mitarbeiter der antizionistischen linken Zeitung junge welt agitierten lautstark gegen die “Ho-Ho-Hochfinanz”. Der Ausschluss der NPD aus diesem reaktionären Durcheinander dürfte einzig in der deutschen Vergangenheit begründet liegen: die Deutschen, zumal die linken, haben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelernt, ihren Antisemitismus und ihren Hass auf die Moderne so gut zu verstecken, dass sie ihn selbst nicht mehr erkennen, und wenn er ihnen aus ihren Bildern und ihrer Sprache noch so sehr entgegenspringt. Die meisten Linken sind geprägt von Begrifflosigkeit, mangelndem historischen Gedächtnis und unreflektiertem nationalen Gefühl, das zwischen deutsch sprechen und deutsch sein nicht unterscheiden kann und ihnen so normal und natürlich erscheint, dass sie es als selbstverständlichen Teil ihres Selbst begreifen, weswegen sie aus der Geschichte auch keine angemessene Lehre ziehen können. Die heutigen Nazis sind den übrigen Deutschen vor allem deswegen ein Greuel, weil die ersteren an der deutschen Vergangenheit in der nationalsozialistischen Form konsequent positiv festhalten, während die letzteren es verstanden – “gelernt” – haben, die deutsche Vergangenheit konsequent positiv in veränderter Form in sich zu integrieren, um sich zwar weiterhin mit Deutschland identifizieren, sich aber gleichzeitig vom Nationalsozialismus abgrenzen zu können. Von diesen unterschiedlichen Positionen aus können beide Parteien weiterhin den jüdischen Staat und die Juden hassen: die einen offen, die anderen chiffriert. Es ist gewissermaßen unter anderem eine Modernitätsfrage, ob man immer noch “das Weltjudentum” ausgelöscht sehen möchte oder “das zionistische Gebilde”.-
    Von der Entfremdung, die uns alle kennzeichnet, ganz zu schweigen, von der die Anhänger “direkter Aktionen” nicht mehr zur Erfahrung finden, eben weil sie keine Begriffe haben; sie drängen sich auch nicht danach, weder zur Erfahrung noch zum Begriff.

    Seit heute Morgen – und der Anlass ist sicherlich das Beschriebene – kann ich langsam etwas persönlich fassen, was ich allgemein und theoretisch längst begriffen habe: dass es im Allgemeinen wie im Besonderen gilt, die eigene festgeschriebene Ohnmacht ertragen zu lernen und in Wirklichkeit einen Umgang zu finden, der der theoretischen Einsicht am nächsten kommt.

    - Und warum ist die Ohnmacht so schwer zu ertragen?- Weil wir ja so deutlich spüren und wissen, dass etwas herrscht, was durch und durch falsch und unmenschlich ist, was menschlich unfassbar ist und ganz und gar abgeschafft gehört. Und man möchte es den Leuten, die einfach drauflosschlagen wollen, ebenso einhämmern: Als blinder Prozess wird die Aufhebung des falschen Ganzen niemals und nicht geschehen.

    # (die Parolen verweisen deutlich auf den Zweck der Handlung als solche, des begrifflosen Tuns aus Prinzip; daran sei erinnert: “Yalla” (“Vorwärts”) war das eine Wort, das (auf arabisch) auf dem letztjährigen Plakat zu den 1.-Mai-Feiern/-Demonstrationen/-Krawallen zu lesen war; der reaktionäre Kern wird nicht nur nicht verschleiert, sondern ganz offen und gleichgültig ins Zentrum gestellt; dieses Jahr heißt es mit radikalem Schein umwoben:
    GEMEINSAM UND ENTSCHLOSSEN
    KAPITALISMUS ÜBERWINDEN
    - oder wie im Möbel Olfe unwidersprochen auf einem großen Schild präsentiert wurde: SPEED UP THE PROCESS. Was diese Forderung in Wirklichkeit bedeutet, das können sich die Menschen, die sie aufstellen, noch nicht wieder vorstellen (auch weil die heutige Vernichtung auf andere Weise sich durchsetzt und andere Gestalt annimmt), obwohl man sowohl die Tendenz zur Vernichtung im kapitalistischen Prozess als auch das Gewaltpotential gerade an der deutschen Vergangenheit aufs deutlichste erkennen kann. Aber kennzeichnend für diese Haltung ist ja gerade das völlige Ausblenden der vergangenen und der gegenwärtigen Schrecken und der eigenen Beteiligung daran.

  9. b Says:

    “Die Frage, warum sich die Polizei dazu bewegt sah, ihre jahrelang gezüchtete Ausbremserei dermaßen abrupt über den Haufen zu werfen und eine Demo dieser Größe frontal anzugreifen, wird hingegen wenig diskutiert.”

    Eben, die Demo war ihnen zu groß, um sie in die Mitte vor zu lassen.

    Nur so, als naheliegende Erklärung.

    die junge Welt schreibt heute:
    “Unterdessen mehren sich Hinweise, daß Gruppen von Zivilpolizisten gezielt Jagd auf ihnen bekannte Linke gemacht und diese grundlos geschlagen haben. In der jW-Redaktion ging am Mittwoch außerdem der Hinweis einer Person ein, die den Polizeifunk (BUS Kanal 436) mitgehört und dort aufgeschnappt habe, daß Zivilpolizisten sich an Straftaten beteiligt hätten. So sei über Funk die Durchsage »Steinewerfer vermutlich Aufklärer, nicht festnehmen« gemacht worden”

  10. Qaumaneq Says:

    Deutsche Bullen nehmen ein Jüdisches Museum als kollektives menschliches Schutzschild um aus dem Hinterhalt eine regimekritische Demo anzugreifen, und die Israelis lassen sich das politisch gefallen, ohne jede Sorge um Nachfolgetäter? Gehören derartige diplomatische Demütigungen zum Preis für das Ubootgeschäft?

  11. rezessionsexemplar Says:

    Wie nicht anders zu erwarten formuliert Frau Röhl totalen Stuß, quasi eine Überdosis Ernst Jünger auf einem schlechten Trip mit der Angst vor (Selbst-)Enthemmung als Todesseufzer der pathischen Projektion. Die antiemanzipatorische These dass die (Selbst-)Beseitigung des alten Systems irgendwie zu schnell und nicht zu langsam vorangehe sowie die ästhetizistischen Phrasen bzw. auf deutsch gesagt das gelehrte Geschwafel lassen sogar den lieben Gott nicht aus in dem widersinnigen Versuch sich selbst von davon zu überzeugen nicht zu ändern was doch geändert werden muss. Der gewissenlose Zynismus mit dem hierin Bush- und Obamadoktrin geradezu unerbittlich hingebungsvoll verwechselt werden (der Unterschied ist dass keine Gefangen genommen werden) macht doch nur allzu deutlich dass hiermit der “Staat Israel” (die Gänsefüßchen stehen für die deutschen U-Boote) vom technischen Hilfskonstrukt einer von derselben deutschen Selbstentmenschlichung wie die Wandervogelbewegung während der Weimarer Republik gebrochenen Emanzipationsströmung zum autoritären Selbstzweck herabgestuft wird, obwohl es auch dort solche Kinderkrankheiten der Menschheit wie eliminatorischen Polizeistaat und (zum bekannten Austausch-Wechselkurs) Kollaboration mit den Selbstmordfaschisten vom “Bundesnachrichtendienst” gibt (wer sonst möchte die Ohnmacht nicht nur der Bürger verfassungsmässig festschreiben lassen). In solch konformistischer Belletristik bedingen sich Resignation und Entmenschlichung gegenseitig, und der Zirkelschluss belästigt Logik und Intuition mit dem ebenso elitären wie ignoranten Vorwurf eines minderen Vorstellungsvermögens (dabei ist der Kapitalismus des dummen Kerls keine Alternative, erst recht nicht wenn er kaiserlicher als der Kaiser daherkommt – ceterum censeo caesares esse caedendos). Zu allem was in diesem gerade mal als Teststück für elektronische Wörterbücher geeigneten Elaborat inhaltlich gestreift wurde liesse sich wahrlich Klügeres (und auch in Übersetzung sehr viel Klareres) formulieren, an die Verfasserin daher falls das ernstgemeint sein sollte die Empfehlung anstatt im Gewand der Emanzipation derlei grenzwertig-nekrophile Pietätlosigkeiten an Ariel Sharon in Umlauf zu bringen lieber mehr richtigen Sadomasochismus auszuleben.

  12. Hierarchieallergie Says:

    Stöckchen 3

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