Räumung, Rausch, Revolte

April 23rd, 2013

Gestern wurde das IvI geräumt, ein Ort, an dem vieles möglich war, das anderswo kaum oder nicht möglich ist – und ein Ort, an dem Rausch und Revolte immer wieder zusammengedacht und -gebracht wurden, wovon ich mich gerade vor etwas über einer Woche noch ein letztes Mal überzeugen konnte.

Heute druckt die taz einen Text über Rausch und Revolte:

«Was fehlt, sei der psychedelische Rausch, der in den sechziger Jahren ein “Brandbeschleuniger” der Massenbewegungen gewesen sei, der Schwarzen, Frauen und Studenten. Ebenso könnte er heute, da sich viele eine andere Welt nicht einmal mehr vorstellen können, wieder zur Initialzündung und Motor des kommenden Aufstands werden, meint Kulla und versucht sich an einer materialistischen Theorie des Rauschs, jenseits des mystischen LSD-Kitsches. (…)

Die Aufgabe des Rauschs im materialistischen Sinn sei, so Kulla, die der Ideologiekritik: erkennen, dass es keine religiösen Erfahrungen jenseits unseres Gehirns gibt, die Kluft zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit zu erkennen und Anstöße liefern, sie praktisch zu überbrücken. Das ist eine ganze Menge für eine bloße Dysfunktionalität im Gehirn. Das weiß auch Kulla und stellt ihm auf dem Weg zum Aufstand die Werke von Marx und Engels zur Seite.

Denn der Rausch kennt kein politisches Programm, er ist immer Kind seiner Zeit. Kullas Buch ist dort am besten, wo es zeigt, wie jener spielerische, lustvolle, psychedelische Rausch der sechziger Jahre mit dem “Krieg gegen die Drogen” nahezu erstickt wurde. Und wie er heute fast gänzlich dem Diktat der Alltags-Optimierung und der bloßen Betäubung weichen musste. So lässt sich an den gängigen Formen des Rauschs auch ablesen, woran es heute zu einem kritischen Bewusstsein am meisten fehlt: an erhöhter Sensibilität und Einfühlung. Es fehlen die Lockerungsübungen für das Ich.»

Das klingt mir zu nett. Was fehlt, sind die Orte und Situationen dafür – die Gelegenheiten, so angstfrei, konkurrenzlos und so wenig warenförmig wie möglich zu erkunden, was möglich wäre und wie dorthin gelangt werden könnte. Und diese Orte fehlen nicht einfach; sie werden immer wieder, kaum daß sie geschaffen wurden und sich etwas entfaltet haben, zerstört. Schon ganz bald blüht das auch dem hochgeschätzten AZ Köln.

Verdammt, es muß endlich mal wieder in die andere Richtung gehen! Es ist zu viel kaputtgegangen, geräumt, zerfallen; zu viele Verbündete sind verzweifelt, abgestürzt, tot. Die Kritik muß praktisch werden oder sie wird immer weiter verschwinden.

(Heute 18 Uhr: bundesweite Tag X+1-Demo)

8 Responses to “Räumung, Rausch, Revolte”

  1. Sebastian Dörfler Says:

    hallo daniel,
    klar hast du recht: der schluss sollte ja hier keine agenda formulieren – ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass die heute gängigen formen des rauschs nicht einmal mehr diese lockerungsübungen bereitstellen. und mehr als an dieser erhöhten sensibilität arbeiten, kann der rausch ja nicht tun. das heißt nicht, dass das reichen würde – im gegenteil.
    viele grüße
    sebastian

  2. classless Says:

    Okay – ich finde wiederum, daß nicht oft genug betont werden kann, wie die günstigen Situationen zustandekommen und wieder enden.

  3. Fidus Says:

    Bei den deutschen Medien ist offensichtlich mehr als nur eine Schraube locker. Was für eine richtige Bewußtseinserweiterung nötig ist, sind nicht massenmediale Verrenkungen, sondern dem Medienwahn unzugängliche Freiräume, um während sich das Bewußtsein erweitert die Nutzlasten des Ego sicher ablegen und nachher unberührt von jeder falschen Totalität wieder aufnehmen zu können. Deswegen richtet sich das Interesse am Rausch notwendig gegen jedes Gesellschaftssystem, welches nicht zulassen mag, dass dabei die Selbstbestimmung im Mittelpunkt steht.

    PS: Apropos Räumung – morgen wird die deutsche Botschaft in Korea wegen Eigenbedarf geräumt, die Räumlichkeiten werden als Atommülllager gebraucht. ;-)

  4. spiegelschrift Says:

    “Um nachhaltig gesellschaftlich Hierarchien zu zersetzen, bräuchte es einen anderen Rausch als den Suff – einen Lust- und Erkenntnisrausch. (…) Was fehlt, sei der psychedelische Rausch…” Ich weiß nicht ob ich da zu misstrauisch lese, aber mir scheint, der taz-Artikel verwirft (wie es leider häufig passiert) zu schnell die Möglichkeiten, die auch ein Rausch unter Alkoholeinfluss bietet. Vielleicht, weil es eine Mystifizierung der Illegalisierung gibt (und Alkohol als legal ja dementsprechend “nichts subversives taugen kann”). Das Buch zum Golem wäre ja vielleicht auch als Versuch lesbar, die Möglichkeit des Rausches (im emphatischen Sinne), die im Alkohol liegt, erst freizulegen, indem die ganze Probleme der vorherrschenden Verwendung von Alkohol thematisiert werden.

  5. classless Says:

    Diese Gegenüberstellung ist nicht meine. Mir geht es darum, von der Fokussierung auf die Rauschauslöser wegzukommen, und mehr über den Rausch selbst, die Erwartung, die Umgebung nachzudenken. Was mit Alkohol möglich ist, hängt wie bei allen anderen Auslösern eben zuallererst davon ab, wie und warum er zu sich genommen wird.

  6. spiegelschrift Says:

    Weiß ich ja, das es nicht deine ist ;) . Dacht nur da der Autor anscheinend hier mitliest schreib ichs hier, zumal ich ja zugestehen würde, dass unter den Bedingungen einer substanzfixierten Rauschbetrachtung Alkohol tatsächlich erstmal freigelegt werden muss unter den gängigen Kulturpraktiken und Mythen, während vllt. Halluzinogene schon narrativ/mythisiert mit Emanzipation (ob nun progressiv gedacht oder verschüttet in Esoterik) verknüpft sind. Also: Sie benötigen vermutlich verschiedene Freilegungsarbeiten.

  7. Sebastian Dörfler Says:

    hab’s mitbekommen ;) – und ohne da was gegeneinander ausspielen zu wollen, ist ja auch im Buch der psychedelische Rausch eigentlich der einzige, dessen emanzipatorische Rolle verhandelt wird.

  8. Fidus Says:

    Substitution ist immer Verschlechterung – und Alkohol womöglich Ersatz für Unzugängliches, etwa so wie wenn man meint “Taz” lesen zu müssen weil indymedia vom Spitzelstaat zugespamt wird. Zum Problem wird das Surrogat dann wenn es dazu dient das Original nicht mehr vermissen zu lassen.

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