Breakcore ist das aufgelöste Rätsel der Musikgeschichte

February 5th, 2006

Niemals nie mehr in die Maria am Ostbahnhof zu gehen und sich inmitten von transmedialen Herumstehenden den Inhalt teurer, kleiner Fläschchen einzuverleiben, ist das eine – der [SCIAK! AAAARGH!]-Floor, auf dem hauptsächlich japanische und US-Acts zeigten, was mit Musik alles angestellt werden kann, ist etwas ganz anderes.

Daß das alles unter ‘Breakcore’ firmiert, ist schon das erste Anzeichen von Hilflosigkeit des Begriffsapparats gegenüber der Verselbständigung des überflutenden Bastelfiebers, das im Umfeld dieser musikalischen Sparte ausgebrochen ist. Tatsächlich bilden die schneller gedrehten Breakbeats nur noch einen Baustein unter immer zahreicheren anderen.

Bei den als erste spielenden (endlich wird dieses Verb auch wieder mit Bedeutung gefüllt) Extreme Animals waren es etwa die psychedelischen Giftschränke der späten Sechziger, die in ihre billigen Keyboards ausgekippt wurden.

Schon der zweite Act des Abends zeigte allerdings die zwei, drei Drehungen an, die das unter ‘Breakcore’ Laufende dem voraus ist, was landläufig (zum Beispiel von Andreas Hartmann) unter ‘Breakcore’ verstanden wird. Die Japanerin Doddodo schrie, kicherte, grunzte, brüllte auf dem Techniktisch stehend und hockte sich zwischendurch hin, um ein paar Knöpfe zu drücken, die Welten kollidieren ließen. Das ist eben nicht nur Hardcore, der harte Kern, denn es spaltet diesen noch.

Sie spielte mit der Musik, warf das Publikum buchstäblich mit dem kleinen Finger vom Pogo in die Ratlosigkeit und zurück. Den Eklektizismus-Award, der letztes Jahr ohne Zweifel an die Society Suckers gehen mußte, verleihe ich dieses Jahr schon jetzt an sie.

Einen ähnlichen Effekt, mit dem Dargebotenen nicht zuletzt dem Publikum vorzuführen, was es selbst zu Hause mit seiner Technik aus Musik basteln könnte, hatte die aus dem Doddodo-Gig herauswachsende Human-Beatbox-Performance von Gulpepsh, der mit seinem Human Breakcore das Selbermachen zurück auf die Stimmbänder bezog – er sang und rappte und sprach verzerrte Samples ein, während er gebrochene und brachiale Beats ausspuckte. Als er zwischendurch seinen Paß für 500 $ verloste, fragte man sich schon, ob er das nicht wert wäre.

Zu Ove Naxx muß ich nichts mehr schreiben, außer, daß er nach wie vor von seiner Wirkung überrascht zu sein scheint. Es folgte mit Otto von Schirach die einzige aber gleich riesige Enttäuschung: Was für ein kleines, mieses sexistisches Stück Pups! Von seinen von der Konserve bekannten Breakcore-Künsten war kaum etwas zu hören, stattdessen gab es Brüllmacker-Elektro mit einem Stakkato von Ansagen wie “I’ll fuck everything that moves!” Wenn er wieder irgendwo auftritt, würde ich doch gern vorher einer aktionistischeren Frauengruppe bescheid geben.

Das letzte vom Line-Up, das ich noch schaffte (es ging danach noch mindestens ein oder zwei Stunden weiter), war Drumcorps. Schon in den frühen Neunzigern schrieb die legendäre NM!Messitsch in der Rezension einer Deathmetal-Platte, daß sich der Drumcomputer eine neue Band suchen sollte. In gewisser Weise ist das jetzt passiert. Es handelt sich um einen besseren Rechner und er hat jemanden gefunden, der ihn bedienen kann, den sympathischen Dread-Nerd Aaron Spectre, der endlich die richtigen Gitarrenriffs mit richtigen Breakbeats zusammenbaut und einem die ernstgemeinten Böser-Mann-Posen aus Hardcore und Metal erspart.

Und es ist genau dieses “Wir machen uns die Musik, wie sie uns gefällt”, diese Absage an formale und stilistische Zwangsläufigkeiten, die Funktion des auftretenden Künstlers als lediglich besonders originelles Beispiel und seiner Musik als lediglich besonders wirkungsvolle Inspiration für die Selbstaneignung der Musik, was mich zu euphorischen Aufhebungs-Gleichnissen wie im Titel dieses Blogeintrags veranlaßt. Ich höre mich Dinge sagen wie: “Breakcore ist der Vorschein der aufgehobenen Entfremdung, die in genau dieser Weise durch spielerische Aneignung im Zuge effektiverer Heimindustrie funktionieren könnte.”

Wie vollständig die sonst ebenso umfassend gültige Position der Kritischen Theorie zu kulturindustrieller Musik in diesem Szenario nicht galt, wie sehr etwa die folgenden Beweisführung Christoph Türckes aus der “Einführung in die Kritische Theorie” vom Geschehen widerlegt wurden:

“Bliebe es nur beim ‘Waren-Hören’, es wäre halb so schlimm. Aber diese Hörweise hat sich auch zum Maßstab dafür aufgespreizt, wie Musik gemacht wird. Das betrifft nicht nur die Interpretation klassischer Musik, bei der, um sich ins dekomponierte Ohr einzuschmeicheln und auf dem Markt durchzusetzen, satter Klang, schöne Stelle, schöne Stimme, teures Instrument sich zu Fetischen verselbständigen, in die die Musik sich tendenziell auflöst. Auch die meisten Potpourris und Arrangements dienen dem Zweck, die Musik leichter verdaulich zu machen: sie in Häppchen zerstückelt, von allen rhythmischen Widerhaken befreit und in die gleiche standardisierte Klangsauce getaucht darzubieten. Und nach dem Strickmuster der Arrangements werden wiederum zahllose neue Stücke komponiert. Würde die Musik damit wirklich ‘unterhaltender’, wie die Verfechter solcher Praktiken gern behaupten, dann hätte noch ihre Verstümmelung auch ihr Gutes. Jedoch: ‘Ein englischer Romancier hat in einem Essay die Frage aufgeworfen, wer in einem Amüsierlokal sich eigentlich noch amüsiere. Mit gleichem Recht ließe sich fragen, wen die Unterhaltungsmusik noch unterhalte. Viel eher scheint sie dem Verstummen der Menschen, dem Absterben der Sprache als Ausdruck, der Unfähigkeit, sich überhaupt noch mitzuteilen, komplementär…’ [Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik...]“

In schillernder Dialektik sind das Zerstückeln und die Austauschbarkeit in absichtsvolle, individuelle Auswahl umgeschlagen; die rhythmischen Widerhaken verdichten sich zu Clustern statt zu verschwinden; ohne Frage ist unter den Tanzenden viel weniger Gewohnheitsgewippe zu sehen als sonst, da die Musik dafür viel zu viel will.

Mal sehen, wie schnell mir meine Euphorie schal oder peinlich wird. Für den Augenblick könnt ihr mich mit weiteren Sätzen erfreuen, die im Original um das Wort ‘Kommunismus’ aufgebaut sind, und in denen jetzt ‘Breakcore’ vorkommt.

(http://myblog.de/classless/art/2835448)

4 Responses to “Breakcore ist das aufgelöste Rätsel der Musikgeschichte”

  1. classless Kulla » Blog Archive » Das war z.B. nicht der Kommunismus, äh, Breakcore Says:

    [...] Leider gibt es für die eklektizistische, psychokative, bunte und komische Version à la Society Suckers, Doddodo, Scotch Egg und Krautkillah Soundsystem keinen anderen Namen als eben auch Breakcore. Und das ist insofern wie mit dem Kommunismus. [...]

  2. scrupeda » Blog Archive » Mein Schwanz ist * als deiner Says:

    [...] könnte das immer wieder eine schöne Sache sein. Ist es zwar bisher nie so wirklichgewesen, und ich bin dieses Mal auch schon ohne diese Hoffnung hingegangen, ich hatte bloß nicht erwartet, [...]

  3. lala Says:

    breakcore ist nicht liebe, sondern der hammer, mit dem wir den klassenfeind erschlagen. –mao
    was den breakcore auszeichnet, ist nicht die abschaffung des eigentums überhaupt, sondern die abschaffung des bürgerlichen eigentums. –kommunistisches manifest

  4. classless Says:

    Das Mao-Teil ist sehr schön – dazu könnte ich mir ein Plakat vorstellen, auf dem jemand mit einem albernen Plastehammer abgebildet ist.

    (Schade, daß die übrigen Kommentare von Myblog gefressen wurden…)

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